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DIE 



BÖHMISCHEN BÄDER. 



Digitized by the Internet Archive 

in 2012 with funding from , 

Open Knowledge Commons and Yale University, Cushing/Whitney Medical Library 



http://www.archive.org/details/diebhmischenbderOOrierb 



Die 

böhmischen Bäder. 




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A. Ha Hieben* Yerla» 



DIE 



BÖHMISCHEN BÄDER 



GESCHILDERT 



IL, TT Gl .A. 3ST IKC IE IR, IB E !R, T. 



MIT 17 INITIALEN, 17 ABBILDUNGEN UND EINER KARTE. 




A iL 

WIEN. PEST. LEIPZIG. 

A. HARTLEBEN'S VERLAG. 

1878. 



ÜBERSETZUNGSRECHT VORBEHALTEN. 



HOLZSCHNITTE UND DRUCK VON R. ». WALDHEIM. 



Vorwort. 




f 



ffeross ist die Zahl der Mönogra- 
^ pliien, welche sich mit einzelneu 
Bädern Böhmens beschäftigen — 
| eine übersichtliche Schilderung 
aller Bäder und Luftcur orte Böhmens ist bisher 
jedoch noch nicht geliefert worden. Ich ver- 
suche eine solche in diesem Werke, dem Besultate 
langjähriger Beobachtungen. Seit 20 Jahren pflege 
ich die Sommermonate in den böhmischen Bädern 
zuzubringen, und wenn ich heute den Leser ein- 
lade, die Kundreise durch die 25 böhmischen 
Bäder unter meiner Führung zu unternehmen, 
so glaube ich ihm mit gutem Gewissen versprechen 
zu können, dass er Land und Leute in den von mir 
gestreiften Gegenden gründlich kennen lernen und 



VI 

ein getreues Bild des böhmischen Badelebens er- 
halten wird. Von der Hauptstadt ausgehend, deren 
Neugestaltimg und baulichen Aufschwung ich mit 
einigen Strichen zeichne, führe ich den Leser von 
Bad zu Bad, schildere die Eigenthümlichkeiten eines 
jeden und mache ihn unterwegs auf alle bedeutenderen 
Orte aufmerksam, so gleichsam eine Galerie deutsch- 
böhmischer Städtebilder vor ihm aufrollend. 

Bei Abfassung des Buches war ich darauf bedacht, 
mir verlässliche Mitarbeiter zu schaffen, und dank- 
bar muss ich der thatkräftigen Unterstützung gedenken, 
die mir allerorten entgegenkam, wo ich anklopfte, 
und welcher ich es einzig zuschreibe, dass sich mein 
Werk zu einem, das Thema möglichst erschöpfenden 
Ganzen abrundete. Die Herren Bürgermeister von 
Teplitz und Karlsbad leisteten mir kräftigen Vorschub, 
bezüglich Karlsbads ging mir der dortige vielbe- 
schäftigte Badearzt, Herr Dr. Gans jun., mit werth- 
volleni Material an die Hand; bezüglich Franzens- 
bads verdanke ich dem Herrn Stadtsecretär Korn 
interessante, bisher noch nirgends veröffentlichte 
Daten über die Vorgeschichte des Ortes. Beim Ab- 
schnitt Teplitz war mir der Kedacteur des Teplitz- 
Schönauer Anzeigers, Herr Bloch, behilflich und die 



VII 

Skizze über Johannisbad ist zum guten Theil aus 
der Feder des dortigen Badearztes und Gemeinde- 
rathes Dr. Pauer geflossen. Bezüglich Franzensbads 
habe ich auch die Werke der Bade-Aerzte Köstler, 
Boschan, Cartellieri, Buberl, Seernan, Hamburger und 
Habermann benützt, bezüglich Königswarts und Neu- 
dorfs die einschlägigen Monographien der Doctoren 
Kohn und Dlouhy zu Rathe gezogen. 

Prag, im Juli 1878. 

Lucian Herbert. 



YerzeicMss der im Werte eutlialteiieu Illnstratioueü. 



Seite 

1. Die Rossmarkt-Allee in Prag (Abschnitt I) • . 32 

2. Bad Houschka (Abschnitt II) 75 

3. Das Theater im Teplitzer Curgarten (Abschnitt IV) 108 

4. Bodenbach (Abschnitt V) 124 

5. Dr. Brecher's Kaltwasser-Heilanstalt in Eichwald (Abschnitt VI) 132 
ß. Das Curhaus in Bilin (Abschnitt VI) 135 

7. Geltschberg (Abschnitt VI) 139 

8. Die Mühlbrunn-Colonnade in Karlsbad (Abschnitt VIII) .... 163 

9. Giesshübel (Abschnitt IX) • . . 200 

10. Die Parkstrasse in Franzensbad (Abschnitt X) 212 

11. Marienbad (Abschnitt XI) 236 

12. Künigswart (Abschnitt XII) 251 

13. Bad Neudorf (Constantinsbad) (Abschnitt XIII) 271 

14. Bad Wartenberg (Abschnitt XV) • 312 

15. Bad Wurzelsdorf (Abschnitt XV) 318 

16. Bad Liebwerda (Abschnitt XV) 325 

17. Johannisbad (Abschnitt XVI) 337 



Verzeicnniss der Initialen. 



Vorwort : 


Hanns Heilingfelsen. 




Abschnitt I. 


Prager Nationaltheater. 




B 


II. 


Villa Fritsch in Sternberg. 






III. 


Sauerbrunn Bilin. 






IV. 


Seume's Grab. 






V. 


Dittersbach. 






VI. 


Der Borschen bei Bilin. 






VII. 


Das Curhaus in Franzensbad. 






VIII. 


Das Curhaus in Karlsbad. 






IX. 


Der Curplatz in Giesshübel. 






X. 


Miramonti in Franzensbad. 




n 


XI. 


Waldquelle in Marienbad. 






XII. 


Partie aus dem Thiergarteu von 


Künigswart 


n 


XIII. 


Sangerberg. 






XIV. 


Schloss Klenau. 




n 


XV. 


Schloss Gross-Skal. 




n 


XVI. 


Riesengrund bei Johannisbad. 





I. Prag. 




i. 



rag war noch gelegentlich der letzten 
Volkszählung eine Mittelstadt von 
167.000 Einwohnern. Seither ist es 
mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts 
gegangen und es muthet uns an, als hätten wir 
fünfzig Jahre verschlafen, wenn man uns plötzlich 
sagt, dass wir einer Grossstadt von 200.000 und 
mit Einrechnung der Vororte von über 250.000 Ein- 
wohnern angehören. Wir haben uns lange genug 
selbst erniedrigt oder doch zugegeben, dass uns 
Ändere erniedrigt und herabgesetzt haben, da ist's 
denn auch in der Ordnung, dass wir über Nacht 
erhöht werden. Die Bibel hat Eecht, in der ge- 
schrieben steht: Wer sich erniedrigt, der wird erhöht 
werden. Es lebt sich aber ganz anders in einer 
Stadt, in welcher man sich von zwei- bis dritthalb- 
hunderttausend Seelen umgeben weiss, als in einer 
solchen, in der man nur von 166.999 Seelen um- 
drängt wird. 

Nachdem Prag aber einen so immensen, un- 
geahnten Populations- Auf schwung genommen, hat, als 
ob einige Jahre hindurch nur Zwillinge und Drillinge 

l 



2 I. Prag. 

zur Welt gekommen wären, ist es ganz in der Ord- 
nung, dass jedes Haus zum Wirthshause wird, dass 
jedes Hausthor seinen mit zierlichen Messingpipen 
geschmückten Apparat erhalte, in welchen die 
Schläuche ausmünden, die das Bier aus der Tiefe 
des Kellers direct an die Erdoberfläche führen, auf 
welcher es durch allerlei kunstvolle Uebergiessungen 
zu Borden verarbeitet wird, an welchen der geübteste 
Posamentirer seine Freude haben müsste. Wenn so 
jedes Haus seinen Bierschlauchapparat bekommt, 
können es die Einwohner Prags eher ertragen, wenn 
ihnen der Stadtrath einen Röhrkasten nach dem 
anderen wegnimmt. Wenn in jedem Hause Bier 
fiiesst, lässt sich das Wasser leichter entbehren. 
Die Prager müssen aber immer etwas haben, gegen 
das sie wüthen können. Jahrzehnte lang wüthete man 
gegen alles Grün im Weichbilde der Stadt, führte 
einen unerbittlichen Krieg gegen Gärten, Alleen und 
Anlagen — jetzt, wo man sich der Bäume endlich 
wieder erbarmt hat, scheint man es darauf abge- 
sehen zu haben, die Böhrkästen mit Stumpf und 
Stiel auszurotten. Mit den wasserlosen hat man den 
Anfang gemacht, jetzt decimirt man die wasser- 
spendenden frisch darauf los. Dem marmornen, 
wasserlosen Böhrkästen auf dem Altstädter Ring 
liess man die wasserhaltigen auf dem mittleren Ross- 
markt, auf dem Pofic und in der Tuchmacher- 
gasse folgen. 

So lange Prag dünn bevölkert war, genügten 
jene schüchternen Anfänge von Adresstafeln, wie sie 
neben den Hausthüren mancher starkbevölkerten 
Häuser angebracht waren: bei der plötzlich zu Tag 
getretenen Dichtigkeit der Population aber ist es 
ganz in der Ordnung, dass jede Strassenecke ihre 



I. Prag. 3 

eigene Adresstafel erhalte, welche die Namen aller 
die betreffende Strasse bewohnenden Geschäftsleute 
ersichtlich macht. Ja, ich kann es sogar nur billigen, 
dass in der letzten Zeit ein Anlauf genommen wurde. 
auch die Gascandelaber in Adressbücher umzuformen, 
und sehe im Geiste schon die Zeit hereinbrechen, 
wo man sogar die neuen Trinkwasserbrunnen mit den 
Adressen der Dienstmädchen ausstaffiren wird, welche 
daselbst Wasser zu schöpfen pflegen. Die Lieb- 
haber der unterschiedlichen Mädchen werden jeden- 
falls für die Aufrichtung dieser Orientirungstafeln 
dankbar sein. Wer weiss, ob es nicht dazu kommt, 
dass man eigene Omnibusfahrten einrichten wird, 
um den wanderlustigen Dienstmädchen am 1. und 15. 
jeden Monates den Dienstwechsel zu erleichtern. Wie 
die Hotel-Omnibus die Gasthöfe befahren, so werden 
die Umzugs-Omnibus am 1. und 15. durch alle 
Strassen verkehren, um die zahllosen Dienst-Tou- 
ristinnen mit ihren diversen Koffern und Steifröcken 
aufzunehmen und an ihren neuen Bestimmungsort 
zu befördern. Wie der Kehricht wagen am Morgen 
von Haus zu Haus seine Glocke ertönen lässt, so 
wird am Abend eines jeden 1. und 15. der Dienst- 
boten-Omnibus vor jedem Hause sein Glocken- 
signal vernehmen lassen, und grosse Placate an den 
Strassenecken werden den modernen „Nachtrete- 
rinnen des ewigen Juden" — so kann man unsere, 
vom fanatischen Wandertriebe beseelten Dienstmäd- 
chen füglich nennen — die Vortheile auseinander- 
setzen, welche denen winken, die für ähnliche Omni- 
busfahrten gleich Abonnementskarten lösen. 

Bei der Metamorphose zur Weltstadt, die sich 
bezüglich Prags in dem Augenblicke vollzogen hat, 
wo uns die überraschende Kunde wurde, dass wir 



4 I. Prag. 

uns in der Einwohnerzahl den Dreirnalhunderttausend 
nähern, kann man sich schon manches Unangenehme 
bei den Spaziergängen durch die Stadt gefallen lassen, 
deren historische „hundert" Thürme von einer Epi- 
demie heimgesucht worden zu sein scheinen, da sich 
ein gutes Viertheil derselben in ärztlicher Behand- 
lung befindet, die kein Ende nehmen will. Die Leiden 
der Prager Thürme scheinen in chronische ausarten 
zu wollen, und immer neue Patienten drängen sich 
in der Ordinationsstunde. Noch ist der chirurgische 
Verband von dem Neustädter Eathhausthurme, von 
den Brückenthürmen und den Thürmen der Teinkirche 
nicht abgenommen — die Reparatur der letzteren 
insbesondere dauert schon so lange, dass die Gerüste 
gewechselt werden mussten, weil sie unter dem Ein- 
flüsse der Witterung vermorscht waren — und schon 
drängen sich Pulver- und Heinrichsthurm zur Thurm- 
klinik. Der Stadtrath spielt sich seit Jahren förm- 
lich auf einen Thurmdoctor hinaus, nur dass er von 
seinem Heilverfahren nicht sagen kann, was viele 
Aerzte von dem ihren in den Inseratenspalten der 
Zeitungen versichern : s c h n e 11 heilt u. s. w. Indessen 
gut Ding will Weile haben, und eine Stadt mit 
lauter einbandagirten Thürmen hat auch ihre ori- 
ginelle Seite. 

Den besten Ueberblick über die sprichwört- 
lichen hundert Thürme Prags hat man vom Belvedere. 
Von diesem wollen wir niedersteigen, um Prag ein 
wenig zu durchforschen. Die stattliche Häuserreihe, 
die sich von dem sonnigen Belvedere-Plateau etwas 
steil gegen Bubna hinabzieht und sich plötzlich in 
einem spitzen Winkel gegen die zur Brücke führende 
Strasse wendet, hat in den letzten Jahren eine feste 
Gliederung und manchen neuen Gebäudezuwachs er- 



I. Prag. 5 

halten, dessen Fundamente mühevoll sprödem Fels- 
gestein abgerungen werden mussten. Droben auf 
der Höhe ist ein Obelisk gesetzt worden, welcher 
die neue Benennung der Anlagen (Rudolfs-Anlagen) 
motivirt, und die Petroleumlampen sind durch Gas- 
candelaber ersetzt worden. 

Nach wie vor wird der militärische Tiro auf der 
weiten Belvedere - Ebene in die Geheimnisse echt 
soldatischer Haltung, weit ausgreifender Marsch- 
tempos und sicherer Behandlung des Gewehres ein- 
geweiht. Nach wie vor sieht man tagaus tagein 
Gruppen von Civilisten mit ungeschwächter Neu- 
gierde diesen Exercitien stundenlang zusehen. Nach 
wie vor begegnet man in den Anlagen zur selben 
Stunde immer denselben Gestalten. Gemessenen 
Schrittes und in der Begel gruppenweise geht schon 
am Vormittag der tactische Aufmarsch Derer vor 
sich, die so glücklich waren, nach vierzigjähriger 
Dienstleistung in den Besitz des blauen Bogens zu 
gelangen. Sie sind Herren ihrer Zeit und können 
sich im milden, die alten Knochen durchwärmenden 
Mittags-Sonnenscheine mit dem Oriente beschäftigen, 
während die jüngere Generation noch da unten in 
der dunsterfüllten, rauchumsponnenen Stadt hastet, 
arbeitet, erwirbt, tagsatzt, schreibt, plaidirt, ordinirt, 
contumacirt und krakehlirt. Der Schwärm dieser 
Arbeitsbienen ergiesst sich erst in den Nachmittags- 
stunden über das Belvedere. Dann kommen auch 
die Frauen, die am Vormittage materielle Fragen 
am häuslichen Herde festhielten, die Bonnen mit 
den Kindern, die alten Ehepaare, deren Kinder längst 
flügge geworden, und die wieder nur auf sich an- 
gewiesen sind, die Institute endlich, die mitunter 
Varianten zu E^mont bilden, der seinem Klärchen 



6 I. Prag. 

spanisch kam, während sie französisch und englisch 
kommen. Seit die Basteien gefallen sind, stellt auch 
Cispragien sein Contingent zum Belvedere-Publikum, 
und man findet unter diesem weitgereiste Leute, 
deren Heimat viele Strassen weit jenseits des Wassers 
liegt. Und unter diesen Fanatikern der Bewegung, 
deren Special - Patron Gallilei mit Kücksicht auf 
sein Motto: „Und sie bewegt sich doch!" ist, giebt 
es Manche, denen das Belvedere noch lange nicht 
genügt, und die mit Titus den Tag als einen ver- 
lorenen betrachten würden, an welchem sie den 
Baumgarten nicht nach allen Richtungen durchpürscht 
hätten. 

Mancher Prager würde staunen, wenn er den 
neuen Tanzsaal des Bubnaer Brauhauses sehen 
würde. In Bubna sind wir auch dem Tingl-Tangl 
nahe, denn drüben auf der Hetzinsel winkt das neue 
sommerliche Averino-Theater. Wenn es in diesem 
Theater eine „Hetze" geben sollte, wird es wenig- 
stens seinem Namen und Standorte, der Hetzinsel, 
Ehre machen. 

Wenn man über die Franz Josefs-Brücke der 
Elisabethstrasse zuschreitet, gewahrt man zur Linken 
auf der Neustädter Uferseite einen Neubau, ein simples, 
aus massivem Quadern-Fundament emporsteigendes 
Viereck. Das ist das neue Wasserleitungs-Gebäude, 
von welchem aus unter Anderem die Speisung des 
Stadtparkes mit Wasser vor sich gehen soll. Als dies 
Haus im Bau begriffen war und der Aufschwemm- 
platz rechts von der Brücke einer Steinmetzwerk- 
stätte glich, glaubten Viele, die hier massenhaft 
umherliegenden Werkstücke seien dazu bestimmt, 
sich zu einer Quaimauer zusammenzufügen. Die 
Gemeinde hatte damals eben den ehemals Fürsten- 



I. Praar. 



berg'schen, nunmehr Brabetz'schen Holzgarten gekauft, 
und die Annahme lag nahe, dass der Bau des Alt- 
städter Quai's, der auf der anderen Seite in der 
Nähe des Lanna'schen Besitzes seinen provisorischen 
Abschluss gefunden hatte, nunmehr von dieser Seite 
in Angriff genommen werden solle. Bald aber zeigte 
es sich leider, dass sich das Publikum in dieser 
sanguinischen Annahme getäuscht hatte. Die Werk- 
stücke verschwanden und der Platz ist wieder, wie 
alljährlich zur Zeit der Eisgewinnung, der Schauplatz 
peinlicher Thierquälerei, da namentlich bei Glatteis 
die Pferde nur mit äusserster Kraftanstrengung die 
schwerbeladenen Wagen die steile Höhe emporzu- 
bringen vermögen. 

Die Elisabethstrasse hat in den letzten drei 
Jahren ausserordentlich gewonnen. Neue stattliche 
Häuser, wie das sehr geschmackvoll gebaute, palast- 
artige Haus Eiedl, haben sich in die Lücken ein- 
gefügt, welche die Baulinie hier noch offen gelassen 
hatte. Die Elisabethstrasse macht namentlich in 
ihrem dem Josefsplatze zugekehrten Theile einen 
eigenartigen Eindruck, Himmelanragende , massiv 
gebaute Paläste, bei deren Anlage auch in einer in 
Prag sonst nicht gerade auf der Tagesordnung stehen- 
den Weise der Steinmetz ein Wort mitgesprochen, 
haben da lange einstöckige Häuser von mitunter sehr 
primitiver Bauart zum Nachbar oder zum Gegenüber. 

Indem wir die Tuchmachergasse passiren, stehen 
wir plötzlich vor einer Gruppe von Thürmen, die 
ausnahmsweise ziemlich schnell reparirt worden sind 
und in ihrer „Yerneuerung" sich auch recht hübsch 
präsentiren, was man nicht von allen restaurirten 
Thürmen sagen kann. Insbesondere gefällt es mir, 
dass man bei der Renovation der Thürme der 



q I. Prag. 

Peterskirche von der ebenso befremdlichen als un- 
schönen Methode abgegangen ist, die Thürme mit 
goldenen Kronenreifen zu umgeben. Nachdem die 
Peterskirche ein sehr zierliches Glockenthürmchen 
bekommen hat, wird man wohl bald an die Abtra- 
gung des freistehenden Thurmes gehen, der so vor- 
sündfluthlich aussieht. Hat man diesen Thurm hinter 
sich, so kommt man zu Gässchen, welche den meisten 
Pragern selbst dem Namen nach unbekannt sind. 
Kaum der Hundertste in Prag weiss, wo das Todten- 
gässchen, wo das Putagässchen liegt, was nicht 
hindert, dass das ersterwähnte Gässchen von einem 
palastartigen Gebäude eingeleitet wird, das einer 
Kingstrasse zur Ehre gereichen würde. 

Und nun stehen wir vor der ärmlichen Umfas- 
sungsmauer, welche den glänzendsten, leider aber 
auch einsamsten Bahnhof Prags einschliesst. Und 
auch auf das Haus, welches eine Fortsetzung dieser 
Mauer bildet, die man längst durch ein Eisengitter 
hätte ersetzen können, lässt sich kein epitheton 
ornans anwenden. Das Beste an ihm ist noch, dass 
im Parterreraume die Suppenanstalt sich befindet, 
worauf eine Eeihe monströser, scharlachrother Tassen 
hindeutet. Eine Beihe kräftiger Balken stützt das 
Bückgrat des Hauses und hält es mühsam im Gleich- 
gewicht. Und hinter dieser Buine, die man in keinem 
Dorfe jahrelang dulden würde, erhebt sich — eine 
lebendige Illustration des Sprichwortes von den 
Extremen, die sich berühren — der im Verhältnis s zu 
der alljährlich in Anspruch genommenen Staatssub- 
vention ungebührlich luxuriös ausgeführte Bahnhofs- 
bau mit seiner königlichen Halle, seinen breiten 
Corridoren und Vorhallen, seinen comfortablen Warte- 
und Bestaurations-Sälen. 



I. Prag. g 

Ist die Umgebung der Hauptfront des Nord- 
westbahnhofes eine des monumentalen Baues un- 
würdige, so macht die Karolinenthal zugewandte 
Seite auch keinen sonderlich erfreulichen Eindruck. 
Der Graben, der an die primitive Einplankung stösst 
und die unschöne Linie des eben nur zur Noth ein- 
gedeckten Canals dem Blicke darlegt, bildet einen 
so schroffen Gegensatz zu dem wohlgepflegten Ter- 
rain des gerade gegenüber liegenden Miniatur- Stadt- 
parkes, dass man nur mit Verdruss die Verwahr- 
losung betrachten kann, welcher diese Gegend seit 
Jahren anheimgefallen ist. Man kommt erst wieder 
zu besserer Laune, wenn man, in den kleinen Stadt- 
garten eingetreten, sich Eechenschaft ablegt von der 
klugen Ausnützung des winzigen Baumes durch die 
Intelligenz des Gärtners. Nach dieser Probe lässt 
sich dem eigentlichen in der Schöpfung begriffenen 
Stadtpark ein günstiges Prognostikon stellen, und 
bleibt nur zu wünschen, dass in letzterem dem eigent- 
lichen, schattenspendenden Baume Verhältnis smässig 
ein eben so weiter Spielraum gegeben werde, wie 
auf der beschränkten Spanne Baum, die hier zur 
Verfügung stand. Denn, wenn man etwas an den 
städtischen Gartenanlagen, so weit sie unter augen- 
scheinlich geschickter Leitung in den letzten Jahren 
zur Bealisirung gelangten, auszusetzen hatte, so war 
es das zu prononcirte Zurücktreten des Baumes gegen- 
über dem Blumenflor und dem Basen. Auf dem 
Viehmarkte tritt dies besonders greifbar zu Tage, 
obwohl gerade ihm viele der stattlichen Bäume, 
welche die Bastei geziert hatten, zugute kamen und 
das ursprüngliche Baumdeficit theilweise ausglichen. 
Schade, dass man dem kleinen Park beim weiland 
Poricer Thor durch den überflüssigen Bau eines 



10 i. Prag- 

abenteuerlich genug aussehenden Kestaurationsge- 
bäudes ein gutes Stück Gartengrundes entzogen 
hat, das sich besser hätte ausnützen lassen. Wirths- 
und Kaffeehäuser haben wir in Prag genug. Und 
konnte man schon nicht dem Drange widerstehen, 
die enorme Zahl derselben noch durch ein unter 
der Patronanz der Gemeinde stehendes zu ver- 
mehren, so hätte der Bau nicht so massiv aus- 
fallen müssen. Ein zierliches Häuschen von leichter 
Bauart, etwa im Genre der neuen Verzehrungssteuer- 
häuser, wäre hier vielleicht besser am Platze gewesen 
als dies prätentiöse Gebäude mit dem sarkophag- 
artigen Exterieur und der umgestürzten Wanne als 
Krönung. 

Wir haben nun die Vorstadt Karolinenthal er- 
reicht, in deren Hauptstrasse sich einige stattliche 
Häuser eingefügt haben — zunächst in der unmittel- 
baren Nähe des niedergelegten Thores, und dann 
beim Viaduct, der leider die ganze Vorstadt in zwei 
ungleiche Theile zerschneidet. Noch stattlicher hat 
sich die Kreuzherrenstrasse entwickelt, welche, vom 
Viaduct angefangen, eine festgegliederte Häuserzeile 
aufweist. Und zwar sind manche der in den letzten 
Jahren erbauten Häuser von imposanter, „platteis- 
artiger" Ausdehnung. Ich weise in dieser Beziehung 
nur auf das kolossale Haus an der Ecke der Jakobs- 
gasse hin. Die Kreuzherrenstrasse macht einen un- 
gleich sympathischeren Eindruck als die Hauptlinie, 
welche noch manche Hauslücke, manchen gar zu 
unansehnlichen Bau aufweist und der auch die Gas- 
anstalt nicht zur Zierde gereicht. Freilich durch- 
fluthet sie zu jeder Tagesstunde ein lärmendes Ge- 
schäftsleben, aus welchem man sich gern in die 
Jungmanns-Anlagen und im Sommer auch in Wohl- 



I. Prag. 1 1 

rath's neuen Biergarten flüchtet, der seit zwei Jahren 
im Prager Leben eine ähnliche Rolle spielt wie 
weiland „Rauchfangkehrer 1 ' einst am Smichow. Die 
Tramway bringt manchen stillen Zecher aus Prag zum 
Wohlrath hinaus. Dem gelehrten Lexikographen haben 
aber die Karolinenthaler in den nach ihm benannten 
Anlagen ein Denkmal gesetzt, welches seinem ein- 
fachen, schlichten und anspruchslosen Wesen sicher- 
lich mehr entspricht als das Monument von Stein 
und Erz, das ihm die Prager gesetzt haben. 

Während die der Stadt zugewandte, diesseits 
des Viaductes liegende Fortsetzung der Kreuzherren- 
gasse, so unfertig sie sich noch präsentiren mag, 
doch schon elegante Häuser aufweist, macht die von 
der Kaserne gegen Zizkow führende Linie einen 
recht armseligen Eindruck. Da giebt es noch Reste 
von Gemüsegärten, wie sie sich im Weichbilde der 
Stadt nur noch in den entlegensten Regionen der obe- 
ren Neustadt, hinter der Walstatt, vorfinden. Dann 
kommt ein unsymmetrisches Durcheinander von Ba- 
racken jener Art, wie sie vor Jahrzehnten in zerstreuter 
Gefechtsordnung die sogenannte Wiener Strasse ein- 
zurahmen pflegten, von angefangenen und unvollen- 
deten Häusern, bis man, immer steigend, zu jener 
planlos entstandenen Stadt gelangt, in welcher jedes 
zweite Haus ein Wirthshaus, jeder zweite Laden 
ein Fleischerladen zu sein scheint. Fragt man, wem 
dieses oder jenes stattliche Haus gehört, so bekommt 
man zur Antwort: der Hohenelber Sparcassa. Genau 
gezählt, gehören dieser Sparcassa neun Häuser in 
2izkow. Sie hatte auf ihnen Geld anliegen und 
musste sie, um das Capital nicht zu verlieren, über- 
nehmen. Diese innigen Wechselbeziehungen zwischen 
der deutschen Riesengebirgsstadt und dem urcechi- 



12 I# Pra s- 

sehen Vororte Prags, welcher den Eindruck macht, 
als wäre in demselben jedes deutsche Wort verpönt, 
sind gewiss eine interessante Erscheinung. Ich weiss 
nicht, ob die Hohenelber sehr erbaut sind von dem 
Realbesitz, dessen sie sich im Prager Polizeirayon 
erfreuen. Auch in Pankraz sind sie nämlich auf ähn- 
liche Weise in den Besitz einiger neuen Häuser 
gekommen. Das Verdienst aber, welches sich Hohen- 
elbe um die Vergrößerung und Verschönerung Prags 
erwarb, indem es mit seinen Capitalien Zizkow zu 
Hilfe kam, möchten wir sehr gering anschlagen. Es 
wäre besser, üppige Kornfelder breiteten sich heute 
noch wie vor dreissig Jahren an der Stelle des un- 
gemüthlichen, unregelmässigen, allen städtischen 
Comforts entrathenden Ortes aus. Damals war die 
Fliedermühle ein idyllischer Ort, welchem die Städter 
auf Feldwegen zusteuerten, die durch wallende Saaten 
führten. Heute ist sie ein riesiges Wirthshaus wie 
ein anderes, welches am äussersten Ende des aus- 
gedehnten Vorortes ziemlich ungünstig liegt und 
leider eine unglückliche Speculation repräsentirt. 
Schade, dass der schöne Saal mit seinen geräumigen 
Xebenräumen und dem schattigen Garten nicht in 
einer angenehmen, zugänglichen Gegend liegt — er 
wäre dann sicher eine Goldgrube für den Erbauer 
geworden. 

Von der Fliedermühie hat man nur wenige 
Schritte nach der ungeheueren Stadt der Todten, 
die schon viel mehr Bewohner zählt als das Prag 
der Lebenden, mit welchem sie durch Strassen und 
Wege zusammenhängt, die so uncomfortabel und 
unpracticabel wie möglich sind. Keine zweite Stadt 
erschwert sich den Verkehr mit ihren lieben Heim- 
gegangenen so wie Prag. Man muss die Strasse, die 



I. Prag. X3 

an der Gasanstalt vorüber nach Wolschan führt, 
sehen, um zu begreifen, dass jeder Besuch, den 
man seinen lieben Todten abstattet, ein wahrer Opfer- 
gang ist. Unbegreiflich bleibt es, wie man sich in 
dieser unwirthlichsten und unzugänglichsten Gegend 
Landhäuser bauen kann. Die zwei hübschen Villen, 
die man passirt, kommen mir vor wie Prediger in 
der Wüste. 

An der Schwelle des Kirchhofes steht wohl 
geschrieben, dass daselbst das Betteln verboten sei. 
Als ob Gesetze und Verordnungen nur darum er- 
lassen würden, damit sie nicht gehalten werden, 
so wird man beim Betreten des Friedhofes sofort 
von Bettlerschaaren in die Mitte genommen. Man 
Hesse sich dies Angewins eltwerden noch gern ge- 
fallen, wenn die Bettler wenigstens eine Art Kirch- 
hof-Polizei bilden würden, die den Dieben auf die 
Pinger sähe, welche ihre Bazzien in mitunter un- 
verschämter Weise ausführen. 

Wenn man von Wolschan bergab steigt, be- 
grüsst man den Paradiesgarten wie eine Oase. Dieser 
ausgedehnte Garten, der mit seinen Birkengehölzen 
an den Franzensbader Park erinnert, in welchem 
die melancholische Birke auch eine hervorragende 
Bolle spielt, ist für diese Gegend eine Art Ersatz 
für die weiland Kren' sehen Anlagen, welche etwas 
tiefer lagen und vor einem Menschenalter eine viel- 
besuchte Promenade bildeten, wie es denn überhaupt 
damals auf dem Terrain, welches jetzt die Bahn- 
höfe und der Stadtpark einnehmen, ungleich geräusch- 
voller und lebhafter zuging als heute. Auf der einen 
Seite bildete, selbst als die Kren'schen Anlagen 
schon auf den Aussterbe-Etat gesetzt waren. Hraba's 
Garten einen von der besseren Gesellschaft stark 



14 L Pra s- 

besuchten Yergnügungsort, während auf der ent- 
gegengesetzten Seite „Sakrabonien" die urwüchsige 
Welt anzog. Da konnten sich die Babies auf dem 
Käsen nach Herzenslust ausschreien, während sich 
ihre Hüterinnen von stämmigen Grenadieren den Hof 
machen Hessen. Da rollten die Kugeln und kreischten 
die Drehorgeln, während sich auf dem Dache der 
Eingelspiele der Bärentreiber rastlos um seine 
eigene Achse bewegte. Und droben auf der Bastei 
wurde die türkische Trommel gerührt, und auf der 
kurzen Strecke vom Cafe Weiss bis zum Cafe Vic- 
toria drängte sich an schönen Nachmittagen die 
Menge, bald hier, bald dort Posto fassend, je nach- 
dem die Militär- Cap eile in der Nähe des Boss- 
tkores oder jene beim Bahnhofe ihre verlockenden 
Weisen erklingen Hess. Gab es doch grosse Musik- 
Concurrenztage, wo beide Bastei- Cafes ein Concert 
angesagt hatten. Und während die eleganten Frauen 
droben ihre Schleppen im Sande einherschleiften. 
dass zuletzt eine Staubwolke die ganze Bastei ein- 
hüllte, sassen die einfacheren Hausfrauen, die es ver- 
schmähten, droben glänzende Toiletten in's Gefecht 
zu führen, unter der Bastei als Hüterinnen der 
Wäsche, die hier zum Bleichen exponirt zu werden 
pflegte, tummelte sich in den Schanzgräben die 
Jugend umher, je nach der Jahreszeit den Drachen 
steigen lassend oder dem edlen Spacekspiele hul- 
digend. 

Diese ganze Welt, wie ich sie eben zu schil- 
dern versuchte, ist versunken und verschollen. Rauch- 
speiende Bahnhöfe, die Luft mit Miasmen anfüllende 
Gasanstalten sind an ihre Stelle getreten, und lang- 
sam entringt sich der Zukunfts-Stadtpark dem chao- 
tischen Embryonen-Zustande. Grün präsentirt sich 



I. Prag. 15 

vor der Hand, wie gesagt, nur der Paradiesgarten, 
der sich halb auf die Sofieninsel hinausspielt, da 
der Pächter desselben den Besuchern einen kleinen 
Eintritts-Obolus abnimmt. Nur einen Kreuzer — 
bescheidener kann man nicht sein. Mancher würde 
gern mehr geben, wenn er die Gerüche, welche die 
Gasanstalt ausströmt, nicht mit in den Kauf nehmen 
müsste. Dass doch gerade jene Gegenden in und 
um Prag , welche die prunkhaftesten Etiquetten 
führen, ihren Aushängeschildern so wenig Ehre ma- 
chen! Man denke zum Beispiel an das Kosenthai 
vor dem weiland Poricer Thor, an welchem auch 
nichts Wohlriechendes ist als der Name. 

Auf dem, dem Staatsbahnhofe gegenüber lie- 
genden Platze, der sich an die verlängerte Hyber- 
nergasse anlehnt, haben die Beiterbuden, Affen- und 
mechanischen Theater, die Hippodrome und Mena- 
gerien, nachdem sie aus der eigentlichen Stadt aus- 
wandern mussten, ein provisorisches Asyl gefunden. 
Interessant ist es, die Etappen zu beobachten, welche 
diese mobilen Institute auf ihrem Bundgange durch 
die Stadt im Verlaufe der letzten Jahrzehnte durch- 
machten, ehe sie hier anlangten, um hoffentlich 
auch hier bald dem civilisirenden Umformungs-Pro- 
cesse, der selbst entlegene Stadttheile beleckt, zu 
weichen. Vor vierzig Jahren durften Tourniaire, de 
Bach und Guerra ihre leichtgezimmerten Kunst- 
tempel noch auf dem Tummelplatze und auf dem 
Josefsplatze aufschlagen. Dann kamen die Tage 
des Circus Golubowitsch auf dem Viehmarkte, zu- 
letzt kam, nachdem man es noch einmal mit dem 
Tummelplätze versucht hatte, der Heuwagsplatz an 
die Beihe. Jetzt aber hat man die fahrende Kunst 
schon bis an das ultima Thule der Stadt hinaus- 



16 *■ Pr«r- 

geschoben. Sobald der tiefe Graben, der in dieser 
Gegend schon unverantwortlich lang genug sein 
einer Grossstadt unwürdiges Dasein hinschleppt, mit 
den Grundmauern der Häuser eines Zukunfts-Stadt- 
theiles ausgefüllt sein wird, werden die Vagabunden 
der Kunst ihre Zelte noch weiter hinaus verlegen 
müssen. Zwei gleich schöne, gleich monumentale 
Kunststätten winken ihnen dann, wenn bis dahin 
beide nicht ein Sturm weggeweht hat: der alters- 
graue Rundbau des Xeustädter Theaters und der 
Triumph moderner Baukunst, das scheuneartige 
Teatro Averino. 

Von den alten Linien, welche zur Stadt hinaus- 
führten, hat jene in der Richtung des gefallenen 
Neuthores am meisten an Lebhaftigkeit verloren. 
Sie hat zwei Drittel ihres ehemaligen Verkehres an 
die neugeschaffenen Linien abtreten müssen, und der 
Heuwagsplatz ist, trotzdem er ein Marktfragment 
wegbekommen hat, ein recht stiller Platz geworden. 
Ebenso verödet ist jetzt jener Theil der sogenannten 
Ringstrasse, der vom Franz Josefs-Bahnhof gegen 
die verlängerte Hybernerstrasse zuführt, weil der 
Verkehr zwischen dem erwähnten Bahnhofe und der 
Stadt nun zumeist durch die verlängerte Bredauer- 
gasse vor sich geht. 

Einen komischen Eindruck macht die Doppel- 
beleuchtung der Ringstrasse durch Gas und Petro- 
leum. Die Gascandelaber stehen der ganzen Strasse 
entlang den Petroleum-Laternen regelrecht gegen- 
über, als ob beide mit einander Quadrille tanzen 
wollten. An dem Terrain um den Franz Josefs- 
Bahnhof herum hat man auch lange genug umher 
experimentirt, ehe es zu der gegenwärtigen defini- 
tiven Gestaltung desselben kam, von der wir uns 



I. Prag. tf 

keines besonders guten Einflusses auf den Stadt- 
park versehen. Die zwölf Klafter breite Chaussee 
dürfte im Hochsommer Staubmassen entwickeln, die 
den Besuchern des Parkes das Promeniren leicht 
verleiden können. Wenigstens würde es sich empfehlen, 
für diese Chaussee bei Zeiten einen Besprengungs- 
fond zu creiren, wie er der alten Strasse nach Baum- 
garten stiftungsmässig zugute kommt. Es hat sein 
unverkennbar Gutes, wenn die Bahnhöfe im Weich- 
bilde der Stadt oder dieser doch nahe liegen, aber 
die Sache hat auch ihre Schattenseiten. Als es sich 
um den ersten Bahnhof handelte, pries sich die 
ganze Stadt glücklich, als er ihr nach harten Kämpfen 
so nahe gerückt wurde — jetzt, wo nahezu jedes 
Lustrum einen neuen Bahnhof bringt, fühlt man sich 
schon versucht zu beten : Herr, halte ein mit deinem 
Segen. Vielleicht wird auch die Zeit kommen, wo 
Prag in angemessener Entfernung von dem Mittel- 
punkte der Stadt einen Central-Bahnhof erhalten wird, 
in welchem sich aller Locomotivrauch und alles 
Maschinengeräusch concentriren werden. Der Anfang 
in dieser Beziehung ist ja gewissermassen schon 
gemacht, indem sich die der Stadt naheliegenden 
Bahnhöfe dadurch zu entlasten suchen, dass sie weit 
draussen Kangir-Bahnhöfe , also Bahnhof-Filialen, 
etabliren. Möglich, dass eines Tages die Pferdebahn 
die Mission übernimmt, Passagiere und Waaren dem 
Bahnhofe zuzuführen und die riesigen Bäume und 
Gebäude, welche gegenwärtig im Süden, Osten und 
Westen der Stadt zersprengt, dem Menschen- und 
Waarenverkehr dienen, eine anderweitige Verwen- 
dung finden. Vorläufig sollte man denken, dass sich 
die Tramway dar breiten Bingstrasse bemäch- 
tigen und, vom Josefsplatz gegen die Hyberner- 

2 



18 I. P™g. 

gasse abzweigend, die Stadt im Halbbogen umkreisen 
würde, um auf diesem Wege Neuprag zu gewinnen; 
aber die Unternehmung scheint alle Lust verloren 
zu haben, ihr Verkehrsnetz zu erweitern. 

Durch den Bau der Häuser, welche sich vom 
ehemaligen Eossthor gegen den Heine-Garten auf 
der Bahnhofseite hinziehen und unter welchen na- 
mentlich das dem Stadtpark zugewandte, dem Bau- 
meister Swoboda gehörige Eckhaus sich durch solide 
Bauart und eine höchst comfortable, ja luxuriöse 
innere Einrichtung auszeichnet, ist auch eine histo- 
rische Individualität Prags, der Neustädter Theater- 
garten, buchstäblich in den Schatten gerückt worden. 
Die himmelanragenden Nachbarhäuser verdunkeln 
ihn. entziehen ihm neben dem Lichte auch Luft 
und Wärme, so dass er lange nicht mehr den an- 
genehmen Aufenthaltsort bildet, wie früher. So ist 
denn auch der dem schönen Geschlechte angehörige 
Verein, der in den Glanztagen des Theatergartens 
alltäglich seine Sitzungen im Schatten der Kasta- 
nien abzuhalten pflegte, längst zersprengt. Er be- 
stand aus bejahrten Frauen und wo möglich noch 
bejahrteren Jungfrauen, welche, während sie schein- 
bar harmlos die Stricknadeln bewegten und Maschen 
fallen Hessen, den Buf jüngerer Geschlechtsgenossinnen 
in der Luft zerrissen. 



2. 

Haben wir im vorigen Abschnitte, die Stadt 
umgehend, vom Nordwestbahnhofe die Bichtung gegen 
Neuprag eingeschlagen, so wollen wir uns jetzt 
von demselben Ausgangspunkte aus in die Stadt 
selbst vertiefen. Es ist die seit einem Menschenalter 



I. Prag. ±Q 

depossedirte Centrallinie des alten Prag, die wir 
beschreiten. Der Hauptverkehr im voreisenbahnlichen 
Prag bewegte sich vorn weiland Poricer Thor durch 
den Pulverthurni gegen die Steinbrücke. Am Poric 
haben sich auch die lebendigen Wahrzeichen dieses 
Verkehrs, die charakteristischen Einkehr wirthshäuser, 
am längsten erhalteD. Eines davon wendet uns gleich 
beim ehemaligen Thor seine grell angestrichene, 
papageigrüne Fronte zu. Andere, welche unterschied- 
liches G-ethier im Schilde führen, vom Raubvogel 
angefangen bis zu dem wohlschmeckenden, glänzend 
gefiederten Yogel herab, der die Zierde einer jeden 
Tafel und die Freude eines jeden G-ourmands bildet, 
schliessen sich in bunter Keine an das Wirthshaus 
an, das so schreiend gekennzeichnet ist. Einzelne 
dieser alten Wirthshäuser haben sich im Verlaufe der 
Jahre zu glänzenden Hotels umgestaltet und bei 
dieser Umformung auch ihren Namen verändert. So 
hat der patriarchalische Ochse, in welchem vor vier- 
zig Jahren die primitiven Stellwagen einzukehren 
pflegten, welche auf der Wiener Strasse verkehrten, 
mit seiner Häutung auch seine Namens -Metamor- 
phose vollzogen und ist heute eines der ersten Ho- 
tels der Stadt, wie sich denn überhaupt eine ganze 
Gruppe von Gasthöfen in dieser Gegend zusammen- 
drängt, während derartige Etablissements in der 
ganzen übrigen Stadt nur äusserst sporadisch vor- 
kommen. Insbesondere ist es eine eigenthümliche 
Erscheinung, dass der Westbahnhof noch kein Hotel 
grosszog, während in anderen Städten Bahnhöfe das 
Emporblühen von Gasthöfen in ihrer unmittelbaren 
Xähe zu begünstigen pflegen. Das mit ziemlichem 
Aufwände erbaute Hotel zu den Kaminfegern am 
Smichow hat ein klägliches Ende genommen. 



20 



I. Trag. 



Neben den Einkehrwirthshäusern baben sieb 
aueb die Volksbraubäuser in ibrer urwüchsigen Ori- 
ginalgestalt auf dem Poric erbalten. Noch immer 
sebnurrt beim Bucek und Rozvaril die Bassgeige, 
noeb immer erlustigt der Volkssänger in den weiten 
Sälen die dichtgedrängt sitzende Menge, während 
im Hofe die Kugel rollt, der Gottscbeer seinen Korb 
von Tisch zu Tisch trägt, der Bretzelmann, das 
Weib mit den Nüssen, der Bursche mit den Kasta- 
nien, das Rettigmädchen (mitunter ist's auch eine 
Kettiggreisin), der Würstelmann und der Hausirer 
sich mühsam die Tische entlang winden, auf welchen 
die Karten hin- und herfliegen. Aber schon macht 
auch in dieser Gegend das Gewächs der Neuzeit, 
das elegante Cafe, den Volksetablissements die früher 
hier geübte Alleinherrschaft streitig. Das Cafe Car- 
masini, dessen weite Halle, einen freien Ueberblick 
gestattend, lebhaft an die Wiener Eingstrassen-Cafes 
erinnert, hat an einem anderen Cafe ein Gegenüber 
erhalten, welches man eine Filiale des Cafe Fran- 
cais nennen kann. 

Zu einer Zeit, wo die Finanzzölle das Terrain 
beherrschen und den Blick in die Zukunft verdüstern, 
kann es übrigens nur vom Nutzen sein, wenn täg- 
lich neue Cafes entstehen. Die Concurrenz paraly- 
sirt die Gefahren, welche die Erhöbung des Kaffee- 
zolles für den auf die Kaffeehäuser angewiesenen 
Junggesellen im Gefolge haben müsste. Die Con- 
currenz wirkt oft Wunder — freilich nicht auf allen 
Gebieten. Drei Concurrenzbahnen führen nach Wien, 
aber wir reisen darum doch nicht billiger als früher. 
Aber gerade, wo es sich um's Trinken handelt, trägt 
die Concurrenz gute Früchte, ob es nun gilt, einen 
Trunk aus dem Bierglase oder aus der Kaffeeschale 



I. Prag. 21 

zu machen. Die Concurrenz war es, welche das neue 
Cafe d'Autriche bestimmte, das Glas Melange um 
12 kr. zu geben, während die übrigen grossen Cafes 
an dem Preise von 13 kr. festhalten, ja einzelne sogar, 
wie das Cafe Francais, 14 kr. für das Glas nehmen. Die 
Concurrenz war es, welche die Prager Versilberer des 
Pilsener Bieres nöthigte, mit dem Preise des Liters 
von 28 auf 24, ja selbst auf 22 kr. hinabzugehen, 
ohne dass zu befürchten stünde, dass selbst diese 
Preisreduction zur Verarmung der betreffenden Ge- 
schäftsleute führen werde. Höchstens, dass sie nicht 
im Geschwindschritt Haus nach Haus kaufen wer- 
den, wie sie dies bisher zu thun gewohnt waren. 

In dem Hotel, dessen ebenerdige Räumlichkeiten 
das Cafe d'Autriche einnimmt, befindet sich eine 
Art Hochschule für Damen, welche die bürgerliche 
Koehkunst aus dem Fundament erlernen wollen. 
Wer da weiss , wie lange oft junge Damen in Geduld 
warten müssen, bie sie in der Küche eines adeligen 
Hauses, bei deren Vorsteher sie für einen prak- 
tischen Cursus vorgemerkt sind, an die Eeihe 
kommen, in die Geheimnisse der höheren Kochkunst 
eingeweiht zu werden, der wird begreifen, dass das 
neubegründete Koch - Lyceuin einem tiefgefühlten 
Bedürfnisse abhilft. Es fehlt jetzt nur noch, dass 
ein Kochcursus für Vegetarianerinnen oder solche, 
die anstreben, Gattinnen von Vegetarianern zu werden, 
eingerichtet würde. 

Wenn wir von Poric an der Eeiterkaserne 
vorüber, die weder sterben noch leben kann, einen 
Abstecher gegen den Bahnhof zu machen, so erfüllt 
es uns zunächst mit Bedauern, dass das Cafe Bahn- 
hof, eines der glänzendsten Etablissements seines 
Genre's, zu existiren aufgehört hat. Der prächtige, 



22 I- P^g. 

säulengetragene Saal, der nicht seinesgleichen in 
Prag hatte und namentlich in den letzten Vierziger 
und ersten Fünfziger Jahren der Vereinigungspunkt 
einer sehr distinguirten Gesellschaft zu sein pflegte, 
wurde in Atome zerlegt, und das ehemalige Cafe ist 
heute ein Hotel garni. Es ist zu verwundern, dass 
das so praktische Institut der Hotels, die das oben- 
erwähnte Epitheton führen, in Prag nur in sehr ver- 
einzelten Exemplaren vorkommt. In anderen Städten 
ist es sehr entwickelt und der damit verbundenen 
Ungenirtheit wegen auch sehr beliebt. Als Mittel- 
ding zwischen dem eigentlichen Hotel und dem 
Familienhause hält es seine Räume Fremden und 
Einheimischen offen, vermiethet seine Zimmer auf 
Tage, Wochen oder Monate, und gewährt seinen Be- 
wohnern im Punkte der Verpflegung freieste Bewe- 
gung, durchaus nicht beanspruchend, dass der Miether 
sich auch mit seinem Magen ganz an das Haus an- 
lehne, wie er dies in eigentlichen Hotels, namentlich 
in Städten, in welchen der Table d'höte- Zwang 
herrscht, zu thun wohl genöihigt ist. Es gehört 
nicht zu den angenehmsten Dingen, beim vormit- 
tägigen Verlassen des Hotels vom Portier interpellirt 
zu werden, ob man an der Table d'höte theilnehmen 
wolle, zumal eine wiederholte Verneinung dieser 
Frage dem Fremden eine Art levis notae macula 
aufbürdet. Dazu gesellt sich dann noch der Früh- 
stückszwang. Für das Dreifache dessen, was man 
im Cafe für einen guten Kaffee zahlt, wird einem 
nicht selten im Hotel ein sehr mittelmässiges Ge- 
tränk oktroyirt. Vielleicht ist eben in dem Umstände, 
dass in Prag das Table d'höte-Wesen nicht so syste- 
matisch gezüchtet wird, wie im Reich draussen, und 
dass man sich auch der Frühstikkfreiheit in den 



I. Prag. 23 

Prager Hotels erfreut, die Ursache zu suchen, dass 
das Hotel garni in unserem Fremdenleben nicht jene 
Kolle spielt, wie im Auslande. 

Für den in Zimmer zerlegten Saal des Cafe 
Bahnhof haben die Prager übrigens einen Ersatz in 
dem grossartigen Eestaurations-Saal des wirklichen 
Bahnhofes erhalten, der einen so angenehmen Auf- 
enthaltsort bietet, dass er nicht blos der Tummel- 
platz von Fremden ist, sondern auch von Einheimi- 
schen stark besucht wird. Dieser glänzenden Halle 
gegenüber, der namentlich ihre Höhe zugute kommt, 
öffnet sich der Blick in eine Strasse, die man die 
Löblstrasse nennen könnte. Wenigstens gehört die, 
wenn man auf den Heuwagsplatz zugeht, linkssei- 
tige Strassenfronte ganz Herrn Löbl, dem Schwieger- 
vater des berühmten Tenoristen Nachbaur, der hier 
auf den Gründen, welche einst dem Kaufmanne 
Krug gehörten, nun schon drei palastartige Häuser 
aufgeführt hat. Eines macht Front gegen den Heu- 
wagsplatz, das zweite nimmt eine Centralstellung 
ein, das dritte kehrt seine Fenster der Hyberner- 
gasse zu. Diese ganze Gegend, welche noch vor 
wenigen Jahren recht verwahrlost aussah, hat einen 
wahrhaft grossstädtischen Aufschwung genommen. 
Lange Jahre hindurch stand das Lanna'sche Haus 
als Neubau ziemlich vereinzelt da. Eine Keine un- 
scheinbarer, zumeist einstöckiger Häuser breitete 
sich dem Bahnhofe gegenüber und die Pflastergasse 
entlang bis zum Heuwagsplatz hin, der ungepflastert 
war. Jetzt entfalten sich hier stattliche, fest geglie- 
derte Häuserzeileu, und selbst der Heuwagsplatz 
präsentirt sich in seinen Hauptbestandteilen ganz 
respectabel. Wer Studien über die heterogensten 
Baustyle machen will, der findet in den Häuser- 



24 r - Pra s- 

gruppen dieser Gegend interessante Anhaltspunkte. 
Die Neuthorkaserne mit ihren kleinen Fenstern 
repräsentirt den vorhundertj ährigen Militär-Baustyl. 
Die Slavia und Koseyk's imposantes Eckhaus, in 
welchem die Bankfiliale untergebracht ist, führen 
uns den modernen Zinshaus - Baustyl vor Augen. 
Daneben, auf den Terrain, auf dem sich ehedem 
Labutka's Brauhaus, zum Badisch genannt, aus- 
breitete, tritt uns auf massiger Unterlage eine ori- 
ginelle Kuppelkrönung entgegen, die an die Kuppeln 
russischer Kirchen erinnert. Und wenige Schritte 
davon muthet uns das Dotzauersche Familienhaus 
mit seinem sympathischen Erker ganz nürnbergisch an. 

Indem wir noch einen Blick nach der Gegend 
abschweifen lassen, in welcher die Prager Börse 
ihr stillbeschauliches Leben führt — man kann sie 
entsprechend dem Curse vieler Papiere, in denen 
auf ihr gehandelt wird, mehr eine nominelle Börse 
nennen, da die eigentliche Prager Börse in ihrer 
Blüthezeit eine ambulante, von Lötsch zu Spinka 
und dann wieder zum Cafe Francais wandernde 
Pflasterbörse war — nähern wir uns wieder der Haupt- 
linie, die wir verlassen haben, um einen Abstecher 
nach links zu machen. 

In früheren Jahren war der Josefsplatz ein 
wenig beachteter, vernachlässigter Platz, der den 
grössten Theil des Jahres hindurch leer stand und 
sich nur bei gewissen Gelegenheiten in eine Art 
Zeltstadt verwandelte. Die übrige Zeit hindurch hatte 
der Wind hier freien Spielraum und konnte die 
wenigen Leute, welche daselbst verkehrten, nach 
Herzenslust durchfegen und zerzausen. Mit einem 
Male aber änderte sich die Situation. Die grosse 
.Kaserne brachte zuerst Leben in den öden Stadt- 



I. Prag. 25 

theil, und fast gleichzeitig belebte sich der Verkehr 
in demselben auch in anderer Kichtung, als die 
Post von der Kleinseite in diesen Theil der Neustadt 
übersiedelte. Als dritter und bedeutendster Factor 
der Verkehr ssteigerung trat endlich der Bau der 
Franz Josefs-Brücke hinzu, der auch stimulirend 
auf die Baulust im Allgemeinen und verjüngend auf 
die bis dahin in melancholischer Vereinsamung hin- 
vegetir enden Seitenlinien wirkte. Mit einem Male 
wurde der Josefsplatz eine Art Durchhaus, das die 
Communication mit plötzlich neu erschlossenen Ge- 
genden vermittelte. Waren in früheren Zeiten die 
Lastwagen, welche die Waarencolli den Magazinen 
in der Langengasse und in der Tuchmachergasse 
zuführten, die einzigen Fuhrwerke, die daselbst ver- 
kehrten — höchstens, dass die Eisfuhren in den 
Wintermonaten einige Abwechslung in die Scenerie 
brachten — so hat dies eine radicale Aenderung er- 
fahren, seit die Franz Josefs-Brücke den Baum- 
garten, die Bubnaer Bahnhöfe und Industrie-Eta- 
blissements und das Belvedere dem Mittelpunkte 
der Stadt so nahe gerückt hat. Seither bewegt sich 
an schönen Sommertagen eine oft nach Tausenden 
zählende bunte Volksmenge über den Josefsplatz, 
und die Equipagen, Fiaker und Droschken haben 
Mühe, in dem Menschenschwalle vorwärts zu kommen, 
während die Kohlenwagen langsam einherknarren. 

Zur permanenten Belebung des Josefsplatzes 
trug auch nicht wenig bei, dass er in das Netz des 
Prager Marktlebens einbezogen wurde. Zuerst bekam 
er ein Stück Obstmarkt weg, und in der jüngsten 
Zeit hat er sich die Krautköpfe annectirt, die ehe- 
dem den Bossmarkt zierten. Wo in rascher Folge 
so viel für ihn geschehen ist, konnte er es leicht ver- 



26 *• Pra e- 

schmerzen, dass ihm die Post den Kücken kehrte. 
Der auch dem Josefsplatze seine Fensterflucht zu- 
kehrende prächtige Speisesaal des blauen Sterns ist 
dem grossen Publikum wieder zugänglich gemacht. 
Fünfzehn Jahre lang wurde dieser Saal in den Abend- 
stunden fast gar nicht benutzt. In der Regel war es 
ganz dunkel hinter den Vorhängen, dann und wann 
verzehrte ein halbes Dutzend Fremder in einsamer 
Verdrossenheit in dem weiten Räume das Abend- 
brot. Jetzt herrscht wieder Leben in der geräu- 
migen Halle , und nicht selten schallt fröhliche 
Musik aus derselben heraus und veranlasst den 
Vorübergehenden stehen zu bleiben. 

Wenn wir uns durch den nun auch schon mit 
Gerüsten umgebenen Pulverthurm dem Innern der 
Altstadt zuwenden, so fällt uns zur Rechten, knapp 
an der Garnisonskirche, das regelmässige Platz- 
viereck in die Augen, das bisher nur Fiakern und 
Dienstmännern zum Standorte diente. In nächster 
Zeit soll hier ein kleiner Stadtgarten entstehen, da 
die Stadtvertretung beabsichtigt, den Platz in das 
Netz jener reizenden Squares einzubeziehen, die sie 
in den letzten Jahren in den verschiedensten Theilen 
der Stadt geschaffen hat. Man kann ihr für diese 
grünen Oasen nicht dankbar genug sein. Einzelne 
von ihnen, wie die reizende Partie um die Hein- 
richskirche herum, haben einen fast parkartigen 
Anstrich, und wenn die Anlage am Eingange zur 
Zeltnergasse zu Stande kommt, wird auch sie einen 
wohlthuenden Ruhepunkt inmitten des städtischen 
Troubels, und zwar gerade an einer Stelle bilden, 
wo jetzt die geschäftige Menge am lebhaftesten und 
geräuschvollsten dahinhastet. Die Passage durch 
den Pulverthurm gehört mit zu den unangenehmsten 



I. Prag. 27 

und ist unter Umständen bei starkem Wagenver- 
kehre fast lebensgefährlich, so dass es eine wahre 
Wohlthat wäre, wenn man auch auf der anderen Seite 
des Thurmes einen Durchgang herstellen könnte, 
der den Thurm ungefähr in der Art umginge, wie 
dies in der Richtung gegen den Graben zu der Fall 
ist. Es wäre vielleicht nicht unmöglich, einen solchen 
Durchlas s für Fuss ganger auf der dem Josefs- 
platz zugewandten Seite zu schaffen, wobei freilich 
einige der auf den Josefsplatz hinausgehenden Läden 
über die Klinge springen müssten. Man spricht ge- 
rade jetzt wieder davon, dass die im Weichbilde 
der Stadt befindlichen Kasernen theilweise auf- 
gelassen, beziehungsweise unter gewissen Bedin- 
gungen der Stadt übergeben werden sollen. Würde 
es sich in dieser Richtung nicht als ein, jenes weit- 
ausgreifende Project durchaus nicht beeinträchtigen- 
der Schritt empfehlen, wenn Militär-Aerar und Ge- 
meinde vorläufig übereinkämen, längs der ganzen, 
dem Josefsplatze zugewandten Umfassungsmauer der 
Kasernenbauten eine kleine Kürzung des Kasernen- 
hofes behufs Errichtimg von Läden platzgreifen 
zu lassen? Eine solche zusammenhängende Reihe 
von Läden würde dem ganzen Platze mit einem 
Schlage ein anderes, freundliches, belebendes Ge- 
sicht geben, ihm zur Zierde gereichen und eine 
hübsche Summe einbringen. 

Dem Zukunfts-Square schräg gegenüber liegt in 
der Zeltnergasse das CJafe de l'Europe, welches wie- 
der ein Hotel zum Gegenüber hat, das im ersten 
Stock einen ebenso schönen Saal aufzuweisen hat wie 
der „blaue Stern" zu ebener Erde. So manches 
glänzende Hochzeitsmahl hat schon in diesem Saale 
stattgefunden, der eine gewisse historische Bedeu- 



28 *• Pra s- 

tung erlangt hat, seit ihn König Johann von Sachsen 
in den Sommertagen des Jahres 1866 bewohnte. Wie 
oft haV ich damals den greisen König mit seinem 
Minister Beust den „goldenen Engel" verlassen und 
eiligen Schrittes unter lebhaftem Meinungsaustausch 
dem Neuthor zuschreiten sehen ! In der Kegel gingen 
— liefen wäre eigentlich zutreffender — Beide bis 
in die Gegend der städtischen Gasanstalt und kehrten 
dann wieder in die Stadt zurück. 

Auch der „goldene Engel " ist dem Zuge der 
Zeit gefolgt und hat vor einigen Jahren einen Theil 
seiner im Parterre gelegenen Speisesäle in Läden 
umgewandelt. Andere Hotels, wie der „sächsische 
Hof-' haben es ebenso gemacht, immer aber noch 
einen guten Theil der betreffenden, auf die Strasse 
hinausgehenden Bäume ihrer ursprünglichen Be- 
stimmung erhalten, wohingegen das „schwarze Ross u 
seine Speiseräume zur Gänze in den Hof verlegt 
hat. Dass durch eine solche Rüekwärts-Concentri- 
rung dem im Hotel verkehrenden Publikum eine 
grosse Annehmlichkeit entzogen wird, ist natürlich. 
Aber die Zeit bringt das eben mit sich, hat sie 
doch auch bewirkt, dass viele Cavaliere in das Par- 
terre ihrer Paläste Läden brechen Hessen oder ihre 
Hausgärten an Restaurateure vermietheten. 

Fast gleichzeitig mit dem berühmten Cafe zur 
Traube verschwand ein anderes Kaffeehaus, das sich 
Jahrzehente hindurch grosser Popularität erfreut 
hat, aus dem Rahmen des Prager Volkslebens. Und 
eigenthümlicher Weise war der Process des Nieder- 
ganges des Tempel-Cafe's ein ähnlicher, wie wir 
ihn bei der Traube zu beobachten Gelegenheit hatten. 
Das reine Cafe verwandelte sich hier wie dort in 
ein Cafe Restaurant, und von da an war's um das- 



I. Prag. 29 

selbe geschehen. Es hat fast den Anschein, als ob 
Prag kein geeigneter Boden für solche Doppelnah- 
rnngen wäre. Man erinnere sich nur an das glän- 
zende Cafe Francais auf dem Graben, welches jene 
stattliche Zimmer-Enfilade im ersten Stock des Eck- 
hauses beim Pulverthurm innehatte, in der sich 
heute die Bureaux der Böhmischen Escomptebank 
befinden. Auch dieses mit allem grossstädtischen 
Comfort ausgestattete und trefflich geleitete Cafe 
Kestaurant vermochte sich nicht zu erhalten. Und 
selbst dem Cafe Bahnhof erging es von dem 
Augenblick, wo es ein Doppelgesicht angenommen, 
nicht besser. Anders und wohl um Vieles günstiger 
gestaltet sich die Sache bei solchen Doppelwirth- 
schaften, wenn sie sich im Sommer auf einen Garten 
stützen können, wie dies bei einigen eleganten Cafes 
auf dem Graben der Fall ist. 

Wenn wir das Tempelgässchen passiren, nä- 
hern wir uns wieder einem Etablissement, das seit 
vielen Jahren im Volksleben Prags eine Kolle spielt. 
Der Koppmann'sche Garten bildet einen im Sommer 
mit Vorliebe aufgesuchten Erholungsort. Ihm gegen- 
über befand sich vor Jahren in den zum Mozart- 
keller benannten Localitäten, die später der Fabrikant 
Janauschek als Schlosserwerkstätten benützte, Par- 
the's Weinstube. Der alte Parthe war eine Persön- 
lichkeit, die sich um die bauliche Entwickelung 
Prags zu einer Zeit, wo das Bauen noch eine ge- 
wagte Sache war, bedeutende Verdienste erworben 
hat. Er baute die neuen Häuser in der Gegend der 
evangelischen Kirche und eine Häusergruppe in der 
Xeuen Stefansgasse. Von seinen Söhnen leitet der 
ältere, nachdem er lange Gymnasial-Professor in 
Leitmeritz gewesen, heute ein Gymnasium in Mähren, 



30 



I. Prac 



während der jüngere, Ernst, ein Mann von seltener 
Liebenswürdigkeit, die journalistische Laufbahn ein- 
schlug und Redacteur der ersten illustrirten Zei- 
tung wurde, die Waldheim in Wien in den Sechziger 
Jahren herausgab. Er erlag, kaum dreissig Jahre alt, 
im Januar 1867 einem Lungenleiden. In den Tagen, 
in welchen der alte Parthe den Weinhandel betrieb, 
war die Weinstube im Prager Leben noch ein Factor 
von hervorragender Bedeutung. Seither sind die 
Delicatessenstuben in's Leben getreten, die zum 
Theil die eigentlichen Weinstuben beerbten, während 
anderentheils der Gambrinus-Cultus Dimensionen 
annahm, die vor vierzig Jahren Niemand geahnt 
hätte. Manche dieser Delicatessenstuben führen aller- 
dings nur das Dasein von Eintagsfliegen und ver- 
schwinden eben so schnell, wie sie gekommen sind. 
Aber so viel auch die Weinstuben im Allgemeinen 
von ihrem ursprünglichen Charakter eingebüsst 
haben, die originellen Weinwirthe sind darum doch 
noch nicht ausgestorben. Noch wirkt der Mann, der 
seine unverfälschten zwei Weinsorten — mehr führt 
er seit vierzig Jahren nicht — ohne Beihilfe eines 
Kellners servirt, noch ist auch jener thätig, der 
wohl eine Kellnerin hat, die aber grob wird, wenn 
man ihr ein Trinkgeld geben will, noch erfreut sich 
jener Wirth einer blühenden Gesundheit, der, wenn 
ein Gast die Bemerkung wagt, dass ihm der Wein 
heute nicht schmecke, lakonisch bemerkt: mir 
schmeckt er; noch bedient endlich auch jener Sarkast 
unermüdlich und immer mit gleicher Liebenswür- 
digkeit seine Gäste, der erst unlängst Jemandem, 
der sich erkundigte, ob noch der Adjunct X das 
Local zu besuchen pflege, die treffende Antwort — 
ein wahres sähe et acute dictum — gab: „0 nein, 



I. Prag. g^ 

Herr X kommt nicht mehr her — er ist Rath ge- 
worden. So lange die Herren Adjuncten sind, lassen 
sie sich's bei mir schmecken, sobald sie aber Käthe 
werden, gehen sie in die Delicatessenstube zu 
Schwertassek oder Meninger'. 

Ich kann das Capitel von den Prager Wein- 
stuben nicht schliessen, ohne ein originelles Local 
zu erwähnen, das in dieses Genre einschlägt. Ich 
meine den Bacchuskeller, der so originell ausstaffirt 
ist und mich mit seinen Trink Sprüchen an Neuners 
gemüthliche Weinstube in München erinnert . in 
welcher so herrlicher Deidesheimer um ein Spottgeld 
verzapft wird, dass Einem sofort ein Licht aufgeht 
über den tiefen Sinn, der dem prächtigen Bilde inne- 
wohnt, das auf der allgemeinen deutschen Bilder- 
ausstellung in München (1869) so sehr gefiel. Ein 
Mönch hält im Klosterkeller ein mit goldigem Xass 
gefülltes Glas gegen das Licht, und auf dem Fasse, 
aus dem er das flüssige Gold geschöpft, steht das 
Wort : Deidesheimer. Im Prager Bacchuskeller, dessen 
Wände mit Copien berühmter Bilder ausgestattet 
sind, verkehren mit Vorliebe Maler. Ich erinnere 
mich, Swerts, den Director unserer Malerakademie, 
dann den talentvollen Mukarowsky, dem der r Sve- 
tozor" so manches treffliche Bild verdankt, tief 
drunten im dunkelnden Keller gesehen zu haben. 

Zu den Strassen Prags, welche mit dem Ein- 
brüche der Xaeht zusehends gewinnen, gehört die 
beim Tempelgässchen beginnende Zeltnergasse. Die 
zahllosen Gasflänimchen der „Stadt Paris" verbreiten 
dann in dieser belebten Gasse weithin Tageshelle, 
so dass dieser Stadttheil zu den bestbeleuchteten 
von Prag gehört und einen glänzenden Gegensatz 
zu den um dieselbe Zeit in dichte Einsterniss ge- 



32 



I. Prag. 



hüllten Rossmarkt-Alleen bildet. Sogar das Belvedere 
erfreut sich schon der Gasbeleuchtung, nur die 
neueste der Prager Alleen muss sich noch im Punkte 
des Lichtes eine stiefmütterliche Behandlung ge- 
fallen lassen. Am unteren Eossmarkt, wo die Mittel- 
candelaber dichter gepflanzt sind und auch die Läden 
Licht ausstrahlen, hat dieser Mangel an Licht we- 




ROSSMARKT-ALLEE. 



niger zu bedeuten, von der Stefansgasse angefangen 
jedoch, wo die Zone der undurchdringlichen Finster- 
niss beginnt, hat dieses Lichtdeficit seine ungemüth- 
liche Seite. Ohnehin scheint uns bei der überhasteten 
Anlage der Rossmarkt-Allee ein Capitalfehler unter- 
laufen zu sein. Wäre es nicht zweckmässiger ge- 
wesen, die Alleen in der Mitte des Platzes nach 
Art der Berliner Linden zusammenzulegen? Dadun-li 



I. Prag- 33 

hätte man in der Mitte einen breiten grünen Streifen, 
einen wirklichen Garten gewonnen und zu beiden 
Seiten weite Strassenzüge erzielt, welche dem Wa- 
gen- und Geschäftsverkehre vollkommen genügt hätten, 
während jetzt jede der drei Strassenzeilen viel zu 
schmal ist, so dass jeden Augenblick Verkehrs- 
stockungen entstehen. Es würde sich überhaupt 
empfehlen, Berlin Doch manches Andere, was sich 
praktisch bewährt hat, abzugucken. Sollte zum Bei- 
spiel die Einbürgerung des Granitplatten-Pflasters 
in den Hauptstrassen der Stadt eine Unmöglichkeit 
sein? Wie geräuschlos entwickelt sich der Wagen- 
verkehr auf einer solchen granitenen Fahrbahn, wie 
werden Pferde und Wagen geschont und letzteren 
eine Linie vorgezeichnet, von der sie nicht abweichen 
dürfen, so dass auch die Sicherheit des Personenver- 
kehres dabei unendlich gewinnt. Granit-Fahrbahnen 
machen Pferdebahnen nahezu überflüssig, da auf 
solcher Unterlage der gewöhnliche Wagen so leicht 
und glatt dahingeleitet, als ob er auf Schienen ginge. 
Nun ist aber gerade Prag eine jener Städte, welche 
Pferdebahnen nur in sehr beschränktem Masse ver- 
tragen. Der beste Beweis dafür ist, dass eigentlich 
nur eine Linie florirt : die von der Kettenbrücke bis 
zum Nordwestbahnhofe. Und mit welchen Verkehrs- 
schwierigkeiten hat diese stellenweise zu kämpfen ! 
Man beobachte nur, wie gewöhnliche Lastwägen in 
der Obstgasse dem Trottoir zugedrängt werden, so- 
bald sich der Tramway wagen nähert, wie peinlich 
der Personenverkehr da oft minutenlang stockt und 
wie sich dasselbe ungemüthliche Schauspiel in der 
Gegend des Bergsteins wiederholt. Wohl wird es 
mit der Zeit möglich werden, die Pferdebahn über 
die steinerne Zukunftsbrücke dem Smichow zuzu- 



34 I Pra s 

führen — aber die conditio sine qua non wird da 
doch zuerst die Wegräumimg der Neustädter Fleisch- 
bänke sein, welche überhaupt, sobald die neue Brücke 
in Function tritt, nicht lange auf sich warten lassen 
kann. Um wieviel nothwendiger wäre diese Passagen- 
Erbreiterung und so manches Ändere gewesen, als 
die vorzeitige Anlage des Altstädter Quai's, der nun 
schon seit Jahr und Tag einen trostlosen Anblick 
gewährt und auf Jahre hinaus ein Torso bleiben 
dürfte ! Haben wir doch kürzlich das merkwürdige 
Schauspiel erlebt, dass auf den unwegsamen, hol- 
prigen Abhängen dieses Quai's Büffelochsen frei herum- 
spazierten, die man dort in Contumaz gethan hatte. 

3. 

Die neue Strasse von Smichow nach dem Stern- 
thiergarten wird die Entfernung zwischen der Neu- 
stadt und dem Stern in ähnlicher Weise auf ein 
Minimum reduciren, wie es die Franz Josefs-Brücke 
bezüglich des Baumgartens gethan hat. Es ist nur 
zu beklagen, dass man Strassenprojecten kein unbe- 
dingtes Vertrauen mehr entgegenbringen kann, seit 
der längst projectirte Bau der Prag-Podoler Strasse 
so verschleppt wird. Hoffentlich leuchtet dem neuen 
Projecte, das auf die Führung einer Strasse von der 
Franz Josefs-Brücke nach der Kleinseite unterhalb 
des Belvederes abzielt, ein günstigerer Stern, als 
jenem, das den Wyschehrad mit einer Strasse um- 
gürten wollte. 

Am frühesten wird wohl noch jenes Strassen- 
fragment fertig werden, welches dicht hinter dem 
Kossthore auf dem Platze ausgeführt werden wird, 
den der jetzt abgetragene Hügel einnahm, auf wel- 



I. Pra^ 



35 



chein einst das Pulvermagazin stand. Durch die 
Abtragung dieses Hügels ist übrigens der Gesammt- 
eindruck, den diese Gegend auf den Beschauer macht, 
kein freundlicherer geworden. Während man ehedem 
in massigem Aufstieg zu dem Hochplateau gelangte, 
auf welchem das Teatro italiano steht, ragt der Berg 
nun ziemlich unvermittelt in die Höhe, und es ist 
schwer abzusehen, wie in dieses Chaos von Berg 
und Thal mit seinen Einschnitten eine symmetrische 
Ordnung einziehen soll. Und doch muss auch diese 
Gegend endlich feste Conturen erhalten. Am besten 
sind hier noch jene Häuser daran, die auf der Höhe 
stehen. Die gegen Wrschowitz führende Linie hat 
den regsten Verkehr und wohl auch die verspre- 
chendste Zukunft. Die Häuserreihe ist hier fest ge- 
schlossen, die Strasse breit und bepflanzt, und es 
ist auch dafür gesorgt, dass sie dort, wo die Häuser 
vorläufig aufhören, in einer gangbaren Allee ihre 
Fortsetzung findet, Die stattlichsten Häuser, das 
Kathhaus und die Schule, kehren allerdings noch 
ihre Fronten der offenen Landschaft zu, aber in 
Kürze wird wohl die neue Stadt auch auf der an- 
deren Seite sich mächtig entwickeln. Man gebe ihr 
nur erst Licht, festen, gepflasterten Boden, Wasser 
und bequeme Zugänge und sie wird mit Sieben- 
meilenstiefeln vorwärts gehen. Die gegen Xusle 
führende Linie weist noch viele Lücken auf und steht 
auch in architektonischer Beziehung gegen die an- 
dere Häuserzeile zurück. Noch immer verpestet der 
mit grünlicher Jauche gefüllte Strassengraben hier 
die Luft. Die schüchternen Versuche, die man hier 
und da wahrnimmt, den Häusern Vorgärten zu geben, 
sind in der Kinderschuhen stecken geblieben. Auch 
der Garten, in welchem ein Speculant ausländische 



36 i r ™g. 

Vögel zu Handelszwecken nährte, ist seit Jahr und 
Tag wieder eingegangen. Dagegen werden in dieser 
Gegend Theater und Wirthshäuser förmlich künst- 
lich gezüchtet. Jedes Jahr sieht ein neues Theater, 
jeder Monat ein neues Gasthaus erstehen. Die Theater 
sind freilich moderne Pfahlbauten, mitunter recht 
trauriger Art, und in den Wirthshäusern kann man 
an sechs Tagen der Woche die Theorie vom leeren 
Baum gründlich studiren. Der Sonntag und im Som- 
mer der Garten müssen diese Etablissements her- 
ausreissen. 

Schon aus Sanitätsrücksichten wäre zu wün- 
schen, dass die Baustellen zwischen dem Blinden- 
und dem Kornthor rasch Käufer fänden. Wenn Mei- 
erst einmal die Bauthätigkeit beginnt, wird viel- 
leicht auch die riesige Pfütze aus dem Stadtgraben 
verschwinden, welche die Luft weithin mit Miasmen 
erfüllt. Von den Strassen, welche dem Viehmarkte 
zuführen, hat sich in den letzten Jahren die Gersten- 
gasse am meisten gehoben, wozu der Bau der böh- 
mischen Realschule viel beigetragen hat. Leider 
macht der Auf- und Abtrieb des Viehes an zwei 
Tagen der Woche die Passirung dieser regelmäs- 
sigen Strasse immer noch unangenehm. Es ist auch 
schon lange her, dass man die Abzweigung der für 
den Viehtrieb bestimmten Strasse längs des Bubnaer 
Ufers anzulegen begann — und seither sind das 
projectirte Schlachthaus in Bubna's Gefilden mit- 
sammt der dahin führenden Strasse in's Wasser 
gefallen und Rinder und Schafe werden nach wie 
vor heerdenweise durch die Stadt getrieben. 

Endlich wird es aber doch dahin kommen, dass 
der Viehmarkt ans Prag auswandert, um ausserhalb 
der Stadt zweckmässiger untergebracht zu werden. 



I. Prag. 37 

Dann wird der ehemals Kopetz'sche Garten frei 
werden — wäre das nicht ein Terrain, das zur An- 
lage eines kleinen zoologischen Gartens verwendet 
werden könnte? 

Während die auf der Grundfläche des weiland 
Salm'schen Gartens ausgeführten Bauten (das che- 
mische und das anatomische Institut) in Benützung 
treten, wird auf dem Platze, der sich rechts von 
der verlängerten Lindengasse, dem Irrenhausgarten 
gegenüber, ausbreitet, ein neues Gebäude aufgeführt, 
das wissenschaftlichen Zwecken dienen soll. Durch 
diese öffentlichen Bauten, welche in der Salmgasse 
durch manchen geschmackvollen Privatbau eine an- 
sprechende Ergänzung erhielten, hat diese Gegend 
eine ganz andere, sympathischere Physiognomie er- 
halten, und der veränderte Charakter derselben dürfte 
noch vortheilhafter hervortreten, wenn erst die neue 
Strasse zwischen dem anatomischen und dem che- 
mischen Institut dem Verkehre übergeben und der 
Puhony'sche Grund in der oberen Gerstengasse par- 
cellirt und von neuen Strassen durchzogen sein wird. 

Die Anlagen des Karlsplatzes haben in den 
letzten Jahren eine Vervollständigung erhalten, in- 
dem auch der dem Strafgerichtsgebäude zugewandte 
Theil des Platzes aus seiner Vernachlässigung her- 
ausgerissen und cultivirt wurde. Das eben erwähnte 
Gebäude wird wohl Niemand ansehen, ohne dass 
sich der Gedanke in ihm regte, dass es wohl an 
der Zeit wäre, dass Prag einen neuen Justizpalast 
erhielte. Ganz abgesehen von dem unzeitgernässen 
Eindrucke, den das Aeussere des Hauses macht, so 
leuchtet die Unzulänglichkeit der Räume, der Bu- 
reaus wie der Verhandlungssäle, dem Fachmanne 
ebenso wie dem Laien ein. Wer auch nur einmal 



38 i. Pra e- 

einer Verhandlung im Schwurgericktssaale beigewohnt 
hat, wird sicher die Ueberzeugimg gewonnen haben, 
dass die Situation der Geschworenen unter den ge- 
gebenen Umständen eine keineswegs beneidenswerthe 
ist. Die Geschworenenbank befindet sich zwischen 
zwei Thüren, die unausgesetzt auf- und zugemacht 
werden, und nebenbei lehnt sie sich an einen Ofen, 
der eine solche Hitze ausstrahlt, dass die Geschwo- 
renen eine Verhängnis s volle Aehnlichkeit mit den 
biblischen Jünglingen im feurigen Ofen haben. Wie so 
ganz anders comfortabel war Prags erster Schwurge- 
richtssaal im Wenzelsbad. Vielleicht könnte in dieser 
Beziehung mit der Zeit eine restitutio in integrum 
platzgreifen — wenn das chemische und physiolo- 
gische Institut, welche im Wenzelsbadhause unter- 
gebracht sind, in die neuerbauten Hallen in der 
Salmgasse übersiedelt sein werden: dann wäre 
möglicherweise der Zeitpunkt gekommen, wo der 
Wenzelsbadsaal seiner ursprünglichen Bestimmung 
wieder gegeben werden könnte. Seiner ursprünglichen 
Bestimmung? Mit diesen Worten sind wir wohl in 
der Zeit zu weit zurückgegangen, da die ursprüng- 
liche Bestimmung des Wenzelsbadsaales eigentlich 
die war, als Tanzsaal zu dienen. Sie haben über- 
haupt eigenthümliche Wandlungen erlebt, die Tanz- 
imd Vergnügungsstätten Prags, die den letzten vier- 
zig Jahren ihren Ursprung verdanken ! Im Apollo- 
saal wohnen Nonnen, aus dem Stöger'schen Theater 
hat sich ein Versatzamt entpuppt, und im AVenzels- 
bad spielen chemische Reagentien eine Bolle. Da- 
gegen hat der nächste Saalnachbar des Wenzelsbades, 
der Schaiysaal, in der jüngsten Zeit einen Anlauf 
genommen, sich in ein Theater umzuwandeln — 
freilich nur ein Tingltangl-Theater. 



I. Prag. 39 

Ein ganz anderes Gesicht würden die den Vieh- 
markt umgebenden Partien bekommen, wenn ein 
Project. das im Stadtrathe ventilirt wurde, reali- 
sinmgsfähig wäre. Wenn die Gemeinde im Verlaufe 
der Jahre mit dem Aerar zu einem Abkommen ge- 
langte, dessen Consequenz die Verlegung des Straf- 
hauses nach auswärts wäre, so würde durch diese 
Translocation, wie sie ja neuestens bei Strafhäusern 
in Mode kommen zu wollen scheint, eine ungeheure 
Area gewonnen, die sich ihrer begünstigten, stillen, 
staublosen Lage wegen ganz vorzüglich zur Anlage 
wissenschaftlicher Bauten, Museen u. s. w. eignen 
dürfte. 

Wenn man aus der oberen Neustadt thalwärts 
hinabschreitet, so fällt der Blick des Spaziergängers 
auf eine Uhr, deren überladenes Zifferblatt dem 
Wandler Käthsel aufzugeben scheint. Es bedarf erst 
eingehender Orientirungs Studien, ehe man beim An- 
blick der buntbemalten Stefansuhr dahinterkommt, 
wie viel es geschlagen hat. 

Die Stefansgasse selbst ist in ihrem unteren 
Theile in der jüngsten Zeit durch zwei einander 
nahezu gegenüber liegende Neubauten von gleich 
solider Construction bereichert worden, die diametral 
entgegengesetzten Zwecken dienen. Das Palais Aeh- 
renthal ist ein Luxusbau, das neue Wankahaus ein 
Nutzbau, der uns für einen solchen nur zu massiv 
ausgefallen zu sein scheint. Grosse Lagerkeller 
nehmen das Souterrain ein, während nahezu das 
ganze Parterre einen grossen, säulengetragenen Saal 
bildet, der sich den ansprechendsten Restaurations- 
Sälen Prags anreiht. 

Wir nähern uns nun dem Platze, der sich seit 
Jahresfrist unter allen Strassen Prags am gründ- 



40 l Pra - 

lichsten verändert hat. Der ganze Charakter des 
Rossmarktes ist durch die Anlage der Allee ein 
anderer geworden. Indem der grandiose Platz der 
Märkte entkleidet wurde, ist er aus den lärmenden 
Utilitätsgeleisen in Luxusbahnen geleitet worden 
und ein vornehmer Platz geworden. Statt ochsen- 
bespannten Wagen, streitenden Landleuten, discu- 
tirenden Zubringern, betrunkenen Vagabunden, die 
täglich peinliche Scenen vor den Branntwein-Bou- 
tiken provocirten, sieht man jetzt Schaaren fried- 
licher Spaziergänger die Alleen auf- und nieder- 
wandeln, und auch kein Pferdemarkt unterbricht 
mehr das behäbige Stillleben. Immer mehr kommen 
die Leute dahinter, dass es sieh auf dem glatten 
Boden der Allee angenehmer promenirt als auf dem 
unebenen Pflaster mancher anderen Strasse, die 
bisher in der Mode gewesen. Es wäre nur noch zu 
wünschen, dass die Stadtvertretung das Erforderliche 
einleiten würde, um das angefangene Werk zu ver- 
vollständigen. Die mittlere Fahrbahn müsste frei- 
gemacht, die Allee selbst ausgiebig beleuchtet, das 
Trottoir erhöht und das Pflaster gründlich recon- 
struirt werden. Dieses letztere hat. abgesehen von 
zahllosen Durchwühlungen zu TTasserleitungs- und 
Canalisationszwecken, insbesondere dadurch gelitten, 
dass das gesammte Erdreich, welches zuerst aus dem 
Tunnel der Franz Josefs-Bahn, dann von der Bastei- 
demolirung und zuletzt aus der Abtragung des 
Erdhügels vor dem Kossthore resultirte, in Hundert- 
tausenden von Fuhren den Rossmarkt hinab ver- 
frachtet wurde. Auch ein gefälliger provisorischer 
Abschluss in Form einer Anlage wäre dem Platze 
zu gönnen, denn der definitive monumentale Ab- 
schluss, den der projectirte Bau des Museums her- 



I. Prag. 



41 



beiführen würde, wird wohl noch eine geraume Zeit 
auf sich warten lassen. 

Auch in baulicher Beziehung hat der Eossniarkt 
in den letzten drei Jahren sehr gewonnen. An der 
Ecke der Smeeka- und Mariengasse sind imposante 
Eckhäuser entstanden, und der „Charaus" hat sich 
stattlich verjüngt. Zu bedauern bleibt, dass das Cafe, 
welches die ebenerdigen Räumlichkeiten des letzt- 
erwähnten Hauses einnahm, wieder verschwand. Auf 
dem alten Eossmarkte hatte es keine richtige Exi- 
stenzbasis; heute würde es sich wohl erhalten. Wie 
anderen Unternehmungen das „zu spät", so wurde 
ihm das „zu früh" verhängnissvoll. Es hätte gleich- 
zeitig mit der Allee seinen Einzug halten müssen. 

Durch den Umbau des ..Koschik" und des 
,. Charaus " ist die localhistorische Gruppe der Ein- 
kehrwirthshäuser auf dem Eossmarkte fast auf eine 
Einheit zusammengeschrumpft. Wenn man vom 
„Stocek" absieht, ist die „Gans" der letzte Mohi- 
kaner dieser Kategorie. Wenn man sie passirt. 
kommt man am schlagendsten zur Erkenntniss. dass 
es zweckmässiger gewesen wäre, die Alleen in der 
Mitte des Platzes zusammenzulegen und zu beiden 
Seiten derselben breite Verkehrslinien zu schaffen. 
Die drei Riesenomnibusse, die von der ..Gans" aus 
ihren Curs antreten, nehmen, gegenwärtig durch 
die Allee von ihrem früheren Aufstellungsorte ver- 
drängt, vor dem Hotel Aufstellung und verringern 
nicht nur die Passage für den übrigen Verkehr, 
sondern haben auch noch andere Unzukömmlichkeiten 
mitunter gefährlicher Art im Gefolge. Zur Zeit, wo 
ihnen die Pferde vorgespannt werden, führt man 
diese über das Trottoir bis zu dem oft 30, 40 Schritte 
entfernten Wagen. Und noch eine gute Eolge hätte 



42 i- Pra s 

die Zusammenlegung der Alleen gehabt ; die sich in 
denselben Ergehenden hätten im Sommer den Staub 
der Fahrbahn nur von den beiden Seiten zugeweht 
erhalten — jetzt wird der Wind den Staub in der 
Mitte und zu beiden Seiten aufwirbeln. Eine Calami- 
tät anderer Art, die zu vielen Klagen Veranlassung 
gab, dürfte der Bossmarkt in der nächsten Zeit 
glücklich los werden. Die den Platz flankirenden 
Brauereien wurden verpflichtet, Eauchverzehrer an- 
zubringen, und es lässt sich wohl erwarten, dass die 
Durchführung der betreffenden Anordnungen auch 
behördlich überwacht werden wird. 

Eine historisch-politische Individualität, die mit 
dem Rossmarkt verwachsen war, hat zu existiren 
aufgehört: die patriotisch-ökonomische Gesellschaft, 
welcher eines der stattlichsten Eossmarkthäuser 
gehörte, ist in den Landescultur-Rath aufgegangen. 
Das gegenwärtig dem Landescultur-Rathe gehörige 
Haus hat im Verlaufe der Jahre manchen inter- 
essanten Bewohner gehabt. In den Vierziger Jahren 
hatte der Erzherzog Karl Ferdinand den ersten Stock 
des Hauses inne, in den Sechsziger Jahren bewohnte 
es jene anmuthige Malerin, die ihr Atelier gegen- 
wärtig in München aufgeschlagen hat und von dort 
aus jährlich die Prager Kunstausstellung beschickt. 
Ueberhaupt hatte auf dem Rossmarkte mancher Maler 
sein Heim: der Fanny Assenbaum habe ich eben 
gedacht, ihr schräg gegenüber in dem einstöckigen 
Hause, welches Herr Waldeck modernisirt hat, stand 
die Wiege des Landschaftsmalers Haubtmann, der jetzt 
auch in Isar- Athen lebt, und wenn ich nicht irre, so 
war auch Frau Ehrler-Max ein Kind des Rossmarktes. 

Eine Reihe neuer stattlicher Häuser hat die 
Mariengasse aufzuweisen. Eines davon, welches durch 



I. Prag. 43 

den Durchbrach , der in der Richtung der verlän- 
gerten Bredauergasse erfolgt ist, namhaft gewonnen 
hat. wird den Charakter einer provisorischen Park- 
restauration haben. Ein leider nur etwas zu kleiner 
Garten wird von einer neuerbauten Sornnierhalle rlan- 
kirt, der ein geräumiges Winterlocal, das früher die 
Greger'sche Druckerei einnahm, zur Eeserve dient. 
Was den Stadtpark anbelangt, so wird er durch die 
Dernolirung der Zeier'schen Brettsäge an Terrain 
gewinnen, das freilich theuer erkauft ist. 150.000 Gul- 
den sind viel Geld — genau zehnmal so viel, als die 
gegenwärtigen Besitzer vor kaum dreissig Jahren 
für den betreffenden Grund gegeben haben. 

Indem wir durch die Palaststrasse — denn so 
kann man die Bredauergasse füglich nennen — der 
Heinrichsgasse zuschreiten, drängt sich uns der 
Wunsch auf, dass die Teiegraphenstangen, welche 
derselben keineswegs zur Zierde gereichen, endlich 
einmal unsichtbar werden möchten. Wir glauben uns 
zu erinnern, dass man uns vor Jahren, als man 
sie aufstellte, mit dem lediglich provisorischen Cha- 
rakter derselben tröstete und betonte, dass dem- 
nächst eine unterirdische Leitung an ihre Stelle 
treten würde. 

Die neue Post ist so recht das Bild der 
neuen Zeit. In den Bureaux tritt uns eine durch 
und durch moderne Idee verkörpert entgegen: die 
Idee der Heranziehung von Frauen zu Leistungen, 
auf welche der Mann ehedem ein ausschliessliches 
Anrecht zu haben glaubte. Und wie ganz anders 
präsentiren sich diese geräumigen, übersichtlichen, 
leicht auffindbaren Bureaux. wenn man sie den engen. 



ö 



luftlosen, uncomfortablen Localen vergleicht, mit 



welchen sich die Post ehedem begnügen rnusste ! 



44 L Pra & 

Die Heinrichsgasse ist in der jüngsten Zeit in 
die Fussstapfen der Wassergasse getreten und hat 
sich auch ein elegantes Cafe beigelegt. Dort gehört 
das Cafe National, welches der unternehmende Scheit- 
hauer begründete, der mehr Glück verdient hätte. 
hier das Cafe Fiedler zu den besuchtesten Etablisse- 
ments dieser Art. 

Dicht neben dem Broschehaus liegt das Haus, 
das durch den Stiegensturz zu so unheimlichem Ke- 
nommee gekommen ist. Vor Jahren bewohnte der 
General Graf Hartmann dieses Haus, und man wird 
sich in dieser Gegend sicher noch der Boccocofigur 
des alten Herrn erinnern, der an jedem Abend im 
Theater zu sehen war, aus welchem ihn eine alter- 
thümliche Equipage nach Hause brachte. Dem Still- 
leben, dessen Schauplatz Jahrzehnte hindurch das 
Haus war, machte die Aera Skrejschowsky ein Ende. 

Wenn sich in der Bredauergasse die modernen 
Paläste häufen, so befindet sich in der Herrengasse 
eine Ansammlung älterer Herrenhäuser. In früheren 
Jahren gehörte ein Laden in dieser ehedem so 
stillen und aristokratischen Gasse zu den Selten- 
heiten. Jetzt reiht sich auch hier Geschäft an 
Geschäft. 

Nun aber biegen wir auf den Graben ein. 
Langsam fluthet auf der Altstädter Seite - - die 
gegenüberliegende erfreut sich merkwürdiger Weise 
von jeher einer geringeren Berücksichtigung des 
flanirenden Publikums — die Menge dahin. Geputzte 
Frauen in weit hinab wallenden, seehundumsäumten 
Paletots werfen die Blitze ihrer Augen hin und her, 
langsam schlendert der ziellose Flaneur dahin, wäh- 
rend der hastende Geschäftsmann sich mühevoll 
Bahn bricht. Vor den Läden, in welchen im Winter 



I. Prag. 45 

Ballcostüine in „Lebensgrösse" zur Schau aufgestellt 
waren, während groteske Masken den A^orüb erwan- 
delnden angrinsten , staut sich im Frühling die 
Menge, um die verlockenden Sommer-Toiletten zu 
betrachten. An den Fenstern der Cafes sitzen im 
dolce far niente die Herren der Schöpfung und 
mustern die Frauen, die auf dem Trottoir dahin 
wandeln. Geräuschlos gleitet in der Mitte der Strasse 
der Tramwaywagen dahin, Fiaker und Equipagen 
überholen ihn, unwirsch knarren die Kader schwer- 
belasteter Wagen, die mitunter mit grossgehörntem 
Gethier bespannt sind und Getreide verführen — 
denn unser schöner Graben ist leider auch Lasten- 
strasse. 

Was uns beim Heraustreten aus der Herren- 
gasse zunächst in die Augen fällt, das ist wieder 
ein neues Cafe, das Cafe Central, welches sich im 
ersten Stock des rechtsseitigen Eckhauses in aus- 
gedehnten Eäumlichkeiten ausbreitet, die schon manche 
Verwendung gehabt haben. Bis zum Jahr 1864 waren 
sie der Sitz der kaufmännischen Kessource ; als diese 
in's Schlick'sche Palais übersiedelt«, etablirte Keg- 
nemer daselbst ein Cafe, dann zog eine Bank dort 
ein, und nun diese den Weg alles Fleisches ge- 
gangen, hat Anger das schöne Local an sich gebracht. 

Auch sonst weist der Graben manche Verände- 
rungen von augenfälliger Bedeutung auf. Das glän- 
zende Waarenhaus Haas war bahnbrechend für Eta- 
blissements ähnlicher Art in Prag, da bald Dittmar 
und Thonet in Haas'sche Fussstapfen traten und 
imposante Waarenhaus er erbauten, die sich von 
jenem der Firma Haas nur dadurch unterscheiden, 
dass sie zugleich Zinshäuser sind, während das 
Waarenhaus auf dem Graben ausschliesslich den 



46 L Pra s 

geschäftlichen Zielen des Erbauers dienstbar und 
insofern ein Unicum in Prag ist. Ein ganz anderen 
Zwecken dienender Bau. der sich aber weit nüch- 
terner präsentirt als das geschmackvolle "Waaren- 
haus, ist das grosse Gebäude, in welches jener lang- 
gestreckte Tract des Piaristenklosters, der nach 
rückwärts ans Schnlzimniern. gegen den Graben zu 
aber aus unproduktiven, breiten Corridoren bestand, 
umgewandelt worden ist. Es ist interessant, die 
luxuriöse Bauführimg. welche die Stadt bezüglich 
der unter ihrer Patronanz in's Leben tretenden Schul- 
paläste entwickelt, mit dem sparsamen, kahlen und 
nüchternen Aussehen zu vergleichen, das die staat- 
lichen Schulbauten zur Schau tragen. Ich will nicht 
von der böhmischen Töchterschule und der an die- 
selbe anstossenden Bürgerschule reden, aber man 
vergleiche den imposanten Schulpalast in der Xeu- 
hofergasse mit seiner in drei Absätzen schnurgerade 
aufsteigenden breiten Mitteltreppe mit dem Schul- 
hause auf dem Graben. 

Eines fällt mir bei den modernen Schulhäusern 
auf. was mir von sehr problematischem Werthe zu 
sein scheint: ihre in die Wolken ragende Höhe. 
Das Schulhaus auf dem Graben, die böhmische Real- 
schule in der Gerstengasse, das deutsche Yolks- 
und Bürgerschulhaus bei den Altstädter Fleisch- 
bänken — sie alle sind dreistöckig. Ich weiss nun 
nicht, ob sich auch in den dritten Stockwerken der 
betreifenden Häuser Schulzimmer befinden. Sollte 
dies der Fall sein, so wäre es wohl nicht zu 
billigen. 

Zu den Veränderungen, die sich in der letzten 
Zeit auf dem Graben vollzogen haben, gehört das 
Verschwinden des Cafe Lötsch. Doch hat der Kolo- 



I. Prag. 4.7 

wratgarten den Charakter eines Restauratiönsgar- 
tens behalten. 

Durch den Saalbau im deutschen Hause hat 
die geringe Zahl der Prager Säle einen dankens- 
werthen Zuwachs erhalten. Prag scheint auch in 
dieser Richtung einbringen zu Trollen, was es ver- 
säumt hat ; bald wird sich auch der Saal des Künst- 
lerhauses dem Contingent der disponiblen Säle an- 
reihen. 

Indem wir den neuen Bazar durchschreiten, in 
welchem die permanente Ausstellung alles erdenk- 
lichen Hausrathes und aller Gegenstände, deren eine 
wohl eingerichtete Wirthschaft benöthigt. jedes 
Frauenherz entzücken muss, nähern wir uns dem 
Obstmarkt, an welchem, wenn man von einigen radi- 
calen Reparaturen absieht, welche die Slonstre- 
schirme der Obstfrauen erfahren haben, die letzten 
Jahre spurlos vorübergegangen sind, und stehen nun 
wieder beim Tempel. 

Wenn man von Tempelgässchen her auf den 
Teynhof zuschreitet, kommt man in eine Gegend, 
die jeden Freund des Pilsener Bieres unwillkürlich 
schmunzeln machen muss. Xach welcher der vier 
Himmelsgegenden man auch den Blick wenden mag. 
überall gaukelt Einem der Liter vor den Augen. 
Hier Sochurek, drüben Pohl, einige Schritte weiter 
G-uba und an der Ecke Stupart: es ist, als ob man 
in das Hauptquartier des Königs Oambrinus gera- 
then wäre. Der Teynhof weckt in mir immer, so 
oft ich ihn betrete, wehmüthige Reminiscenzen aus 
der Kinderzeit. In den Tagen, wo in diesem weiten 
Hof noch kein Pilsener verzapft wurde, und zwar 
schon aus dem einfachen Grunde, weil es damals 
noch keines gab, befand sich daselbst das städtische 



48 L Praff - 

Steueramt. Es hatte die Legalitäten inne, welche 
heute das Kirchenamt benützt — gerade Sochurek 
gegenüber. Dort waltete der wackere Haklik, der 
später eine so populäre Persönlichkeit in Prag wurde, 
als Cassier. Wie viele Säcke voll Silberzwanziger 
habe ich vor ihm ausgeschüttet, wenn ich als Ga- 
lopin meines Vaters vierteljährlich die Hauszins- 
steuer und halbjährig die Erwerbsteuer in's Steuer- 
amt trug! Mein Vater nannte schon damals, zu 
Ende der Dreissiger und im Anfang der Vierziger 
Jahre, die Steuern unerschwinglich, und wie idyllisch 
war das Steuerwesen damals organisirt gegen heute! 
Keine Einkommensteuer, kein ausserordentlicher Zu- 
schlag, keine Schulsteuer, die Gemeinde-Umlagen 
kaum nennenswerth, kein Grundentlastimgszuschlag, 
kein Zinskreuzer, keine Hundesteuer. 0, es ist keine 
Fabel, die Sage von der guten, alten Zeit! Und wie 
das klang, wenn man das Geld auf das schwarze 
Zahlbrett hinwarf — wenn es keinen guten Ton 
gab, nahm Haklik einen Nagel, durchbohrte mit ihm 
den bleiernen Zwanziger, und dieser blieb nun zum 
ewigen Andenken als warnendes Beispiel auf dem 
Brette angespiesst. 

Nicht weit vom Teynhof liegt das anlässlich 
der Prager Schulfrage oft genannte Haus Nr. 1000, 
welches der Landesschulrath endlich ganz für die 
deutsche Schule erobert hat. Den Fleischmarkt tra- 
versirend, schreiten wir auf die Ziegengasse zu, am 
..Hecht" vorüber, der mit seinem Motto: „Dies Haus 
ist gelegen in Gottes Hand, beim Hechten ist es 
zubenannt", an die Aufschriften erinnert, wie solche 
die Häuser in kleinen deutschen Städten zu tragen 
pflegen. Erinnere ich mich doch, in einer schwä- 
bischen Stadt auf einem hochgegiebelten Hause ge- 



I. Prag. 



49 



lesen zu haben: „Da uns von Hubertsburg der Friede 
jetzt ward angesagt, hab' ich zu bauen angefangen 
dies Haus unverzagt". Jetzt wurde der Welt wieder 
ein Friede von San Stefano her angesagt, aber da 
man noch nicht weiss, ob und wann derselbe in ganz 
Europa bindende Bestätigung erhalten wird, so 
möchte ich nicht behaupten, dass sich auf die An- 
sage hin viele Capitalisten entschliessen werden, 
unverzagt Häuser zu bauen. Leider ist der Anblick, 
den beispielsweise die Langegasse, eine der besten 
Geschäftslagen Prags, darbietet, nicht darnach ange- 
than, zum Bauen zu animiren. Sieht man doch in 
dieser frequenten Gasse so manchen geschlossenen 
Laden, auf dessen Thür das verhängnissvolle Wort zu 
lesen ist: „Zu vermiethen!" Auch die „Stadt Teplitz", 
deren Pilsener einen so guten Buf hatte, ist gesperrt. 
Ein ungebührlich verwahrloster Stadttheil, für dessen 
Kegulirung endlich einmal etwas geschehen sollte, 
ist das zwischen der Elisabethstrasse, der Castulus- 
gasse und dem Ufer gelegene Sammelsurium winkli- 
ger, übel duftender Gässchen mit ihren grössten- 
teils alten, baufälligen, schindelgedeckten und nicht 
an übermässiger Beinlichkeit laborirenden Häusern. 
Vor Allem wäre eine directe Verbindung der Castulus- 
und Lichtgasse mit der Elisabethstrasse anzubahnen 
und der Castulusplatz und die Basteigasse durch 
Strassen von entsprechender Breite mit dem Zukunfts- 
quai zu verbinden, damit ein Strom frischer Luft 
in dieses starkbevölkerte Quartier geleitet würde. 
Dass es hohe Zeit wäre, das Schlachthaus zu besei- 
tigen, versteht sich von selbst. 

Auf dem Ziegenplatz macht das neue Haus der 
Genossenschaft der Steinmetzer und Maurer einen 
sehr sympathischen Eindruck. Seine Fronte ist mit 

4 



50 r p ™s 

Sgraffito-Malereien bedeckt und kleine, viereckige 
Felder zeigen die Namen bekannter Baumeister. 
Auch den Namen Kranner finden wir darunter. In 
Nischen stehen die Büsten der berühmten böhmischen 
Architekten Arier, Benesch von Laim und Keisek. 

Um vom Ziegenplatz auf den Ring zu gelangen, 
streifen wir den äuss-ersten Zipfel jener merkwür- 
digen Stadt, die mit dem ihr eigentümlichen Volks- 
leben schon so oft geschildert worden ist, dass 
Einem zu schildern fast nichts mehr übrig bleibt. 
Und doch fallen Einem, so oft man diese schmalen 
Gassen betritt, von welchen sich in buntem Zickzack 
nach rechts und links Sackgässchen abzweigen, in 
die sich nur selten ein menschlicher Fuss verirrt 
und die nur die Bestimmung zu haben scheinen, 
dass in den sie einrahmenden Magazinen Federn 
geschleisst, Rosshaar gezupft, Kuhhäute aufgestapelt, 
altes Eisen aufbewahrt wird, immer wieder neue 
Dinge in's Auge, die man bei einem früheren Spa- 
ziergange nicht wahrgenommen hat. Da ist gleich die 
Stockhausgasse der Schauplatz einer wohlthätigen 
Neuerung. Das gewagte Experiment einer Volks- 
küche gedeiht hier im Mittelpunkte der Stadt zu 
Nutz und Frommen der ärmeren Bevölkerung. In 
der Zigeunergasse fesselt eine originelle Inschrift 
unsere Aufmerksamkeit. Da, wo sich ein Haus gegen 
die Strasse vertieft, steht an einer Stelle, auf der man 
allenfalls die landesübliche Warnung: „Jede Ver- 
unreinigung dieses Ortes ist verboten"', zu lesen be- 
rechtigt wäre, mit Riesenlettern, wie solche in früheren 
Zeiten bei den Strassenaufschriften in Prag üblich 
waren, angeschrieben : „Nur für Hunde — jenpro psi u . 
Nicht weit davon offerirt Jemand seinen Schnaps 
sinnbildlich, indem er, die Lenden mit einem Fäss- 



I. Prag. 5j 

chendes empfohlenen Feuerwassers uingürtet, den Tod 
vor sich herjagt. Unter dem Bilde ist das berühmte 
Motto: „Nedejme se u zu lesen. Wieder einige Schritte 
weiter wählt ein Branntweinverkäufer ein anderes 
drastisches Mittel, für seine Waare Propaganda zu 
machen. Auf seinem Schilde ist ein Invalide abge- 
bildet, der sich, indem er von dem gebrannten 
Wasser trinkt, sichtlich verjüngt. Man erinnert sich 
angesichts dieses Invaliden unwillkürlich an das 
Schlagwort, mit welchem ein bekannter Prager Ge- 
schäftsmann jahrelang seine kosmetischen Mittel 
anpries. Auch dem Invaliden kehrt die Jugend 
wieder, wie sie jenem unfehlbar wiederkehrte, der 
vor Jahren das berühmte Cheswd icater an der Ecke 
der kleinen Jesuitengasse kaufte. 

Sobald wir uns durch ein Gewirr von Durchhäu- 
sern aus der Josefstadt herausgearbeitet haben, ste- 
hen wir wieder vor einer neuen Prager Errungenschaft, 
vor der russischen Kirche. Dicht neben ihr befindet 
sich die historische Stätte, in welcher der drama- 
tische Anfänger für seinen Zukunftsberuf gedrillt 
wird. Was einst das Blatt „Ost und West" auf 
literarischem Gebiete war, das ist das Mklas-Theater 
auf dramatischem Boden. Der Anfänger rechnet auf 
diesen weltbedeutenden Brettern en miniature mit 
dem Lampenfieber ab und wird bei seinen ersten 
Versuchen auf theatralischer Bahn durch eine er- 
probte Phalanx von freiwilligen Kunstjüngern unter- 
stützt, die aus Passion spielen. 

Wir betreten den King, und das erste, was uns 
in die Augen fällt, ist der ambulante Theewagen, 
also wieder ein Prager Novum. Ohne Zweifel wird 
man nun auch im Sommer zu Pferd Eis serviren, 
und ein Cultur-Historiker späterer Tage kann leicht 

4* 



52 * Prag 

in die Lage kommen, eine Abhandlung über den Ein- 
flnss des Thermometers auf das Prager Strassen- 
leben zu schreiben. Ohnehin wäre es schon heute 
eine dankbare Aufgabe für einen Cultur-Historiker, 
den Spuren der unterschiedlichen Kollen nachzu- 
gehen, die der Meter mit seinen Anhängseln im 
häuslichen Leben spielt. Seit das Shakespeare'sche 
„jeder Zoll ein König" einen überwundenen Stand- 
punkt repräsentirt und vom denkenden Schauspieler 
in ein zeitgemässes „jeder Centimeter ein König" 
(in Frankreich müsste es vollends statt König Prä- 
sident heissen) transponirt werden muss, sind zu 
den Barometern und Thermometern, welche ehedem 
die einzigen Meter waren, deren man sich zu be- 
dienen pflegte, zahllose andere Meter-Compositionen 
hinzugekommen. Fast jede Wohnung hat ihren Gaso- 
meter, jeder trägt seinen Chronometer in der Westen- 
tasche, wer das Unglück hat, eine feuchte Wohnung 
zu haben, thäte gut, sich einen Ombrometer beizu- 
legen, verständige Hausfrauen sollten sich beeilen, 
einen Galaktometer anzuschaffen, der Mann würde 
nicht fehlen, wenn er nur mit einem Cerevisometer 
ausgerüstet in's Wirthshaus ginge, der Bräutigam 
könnte wieder einen Saccharometer ganz gut brauchen, 
um dem Zuckergehalt in den süssen Worten der 
Geliebten auf den Grund zu kommen. 

Auf dem King fällt dem Beobachter ein Curio- 
sum in's Auge. Da ist gerade über Stransky's 
Bierstube eine Tafel angebracht, auf welcher zu 
lesen ist: Kindergarten. Da man gewohnt ist, die 
Tafeln über den betreffenden Geschäften angebracht 
zu sehen, so macht es einen possirlichen Eindruck, 
hinter den Fenstern des als „Kindergarten" be- 
zeichneten Locals Biergläser zu sehen. 



I. Prag. 53 

In der Eisengasse kommen wir an einem Ge- 
schäft vorüber, das sich als eine praktische Neuerung 
im Prager Verkehr sieben präsentirt. Man kann da 
auf alle Journale abonniren, ohne erst Bestellbriefe 
schreiben und mit ihnen auf die Post wandern zu 
müssen. Auch ein Einzelverkauf von Nummern aus- 
wärtiger Journale findet in demselben Local statt. 

Von der Eisengasse zweigt sich jenes schmale, 
sonnenlose, eigenthümlich gewundene Gas sehen ab, 
in welchem Meissners komischer Eoman „Lemberger 
und Sohn" spielt, dessen hasenherziger Held bekannt- 
lich ein Prager Antiquar war, der seit mehr als 
zehn Jahren nicht mehr in Prag lebt. Die in diesem 
Gas sehen gelegene Bierhalle war an den Vormittagen 
der Samstage der Schauplatz eines bunten Lebens 
von origineller Volksthümlichkeit. 

Am Carolin vorüber, in welchem einzelne eben- 
erdige Localitäten in der jüngsten Zeit von Geschäfts- 
leuten geräumt und ihrer wissenschaftlichen Bestim- 
mung zurückgegeben wurden, kommen wir zum 
Theater, welches bald in die Keine der Jubilare 
tritt, da es in Kürze hundert Jahre werden, dass 
dasselbe in Action trat. Gleich nach der Eröffnung 
desselben hielt man sich über die schlechte Akustik 
des Hauses auf. Seit 1781 ist es wohl nicht um 
Vieles akustischer, sicherlich aber durch die zahl- 
losen Aenderungen, die in seinem Innern vorge- 
nommen wurden, uncomfortabler geworden. 

So oft ich beim Theater vorüber gehe, tauchen 
sie alle vor mir auf, die Theaterfiguren der guten 
alten Zeit — die sogenannte Theateruhr, der Logen- 
und Sperrsitzschläfer, der Kränzewerfer und wie die 
Specialitäten alle heissen mochten. Die Theaterfiguren 
sterben nach und nach aus. Eine „stehende" Theater- 



54 l - Pia s 

figur ist aber trotz des Wechsels der Zeiten unwan- 
delbar auf ihrem Platze geblieben oder besser gesagt, 
sie hat sich immer wieder ergänzt und verjüngt; 
das ist der junge Mensch, der zwischen 6 und 7 
vor dem Theater Aufstellung nimmt und die Cigar- 
renstummel aufhebt, welche die in's Theater eintre- 
tenden Herren wegwerfen. Zwischen 6 und 7 pflegen 
auch jugendliche Bettler ihren taktischen Aufmarsch 
in der Bergmannsgasse zu bewerkstelligen, wie denn 
überhaupt diese Gasse, dann die Jesuiten- und Herren- 
gasse zu denjenigen gehören, in welcher die Bettler 
am liebsten Aufstellung nehmen. 

4. 

Noch vor einigen Jahren gab man sich in Prag 
vielfach der Hoffnung hin, dass die Häuserinsel, 
welche die Obstgasse vom Franziskanerplatze trennt, 
auf den Aussterbe-Etat gesetzt werden wird. Die 
Häuser waren zumeist bemoste Häupter und die 
Gemeiüde hätte sie leicht ohne allzu grosse Opfer 
im Verlaufe der Jahre nach und nach an sich bringen 
und eine radicale Regulirung dieser Hauptverkehrs- 
linie anbahnen können, für welche ihr wohl jeder 
Bewohner dankbar gewesen wäre. Mit einer halben 
Million hätte sich hier eine wahrhaft grossartige 
Verschönerung der Stadt, eine dankenswerthe Er- 
breiterung der jetzt geradezu lebensgefährlichen 
Passage in Scene setzen lassen, denn, wass der 
Ankauf der die betreffende Insel bildenden Häuser 
über die oben angedeutete Summe gekostet hätte, 
das würde man durch den Verkauf der Baustellen 
in der entsprechend erweiterten Obstgasse reichlich 
hereinbekommen haben. Wie sich die Sachen in 



I. Präs 



55 



dieser Gegend in neuester Zeit durch den Neubau 
der Häuser Dittmar und Thonet gestaltet haben, 
so könnte man füglich beim Eingange in die Obst- 
gasse eine ähnliche Tafel anbringen, wie solche 
Dante seiner Hölle oktroyirte. Die Prager müssen 
alle Hoffnung aufgeben, dass es hier je besser wird. 
So oft ich nun Suchy's beleuchtete Uhr ansehe, ist 
mir's immer zu Sinn, als sähe ich das Lasciate ogni 
speranza über den Zeigern schweben. 

Man liebt es jetzt, die Strassennamen häufig 
zu verändern und scheint sich bei dieser Wieder- 
taufe das Motto: die Extreme berühren sich, vor 
Augen zu halten, wie dies die Umwandlung der 
Dominikanergasse in eine Hussgasse am schlagend- 
sten beweist. Wenn die in dieser Beziehung mass- 
gebenden Herren einmal das Gelüste verspüren 
sollten, die Obstgasse zeitgemäss umzutaufen, so 
würde ich für sie die Bezeichnung Kaffeehausstrasse 
oder Passivitätsstrasse vorschlagen. Beide Benennun- 
gen wären weit berechtigter als der gegenwärtige 
substratlose Name. Die kaum 200 Schritt lange 
Gasse zählt nicht weniger als 3 Cafes, nachdem die 
nach den Städten Prag und Wien zubenannten Eta- 
blissements in jüngster Zeit am Cafe Skraup einen 
recht eleganten und comfortablen Collegen bekom- 
men haben. Das Haus , in welchem sich das neue 
Cafe befindet, spielt überhaupt im Prager Kaffee- 
hausleben eine hervorragende Bolle. Im Anfang der 
Fünfziger Jahre et abirrte Böhm im glänzend einge- 
richteten Parterre dieses Hauses sein Cafe, im An- 
fang der Sechziger Jahre gründete der cechische 
Journalist Schestak im ersten Stock ein Cafe und 
nun hat Skraup die dritte Auflage in diesem Genre 
ebenda an's Licht treten lassen. 



56 * Prag. 

Passivitätsstrasse könnte man aber die Obst- 
gasse nennen, weil im ersten Stock des Dittmar- 
hauses die Passivitäts-Politiker tagen. In diesen 
Hallen spielen sie sich auf ein Surrogat-Parlament, 
da sie sich nun einmal vorgenommen haben, justa- 
mentnöt in das eigentliche Parlament einzutreten. 
Hierlassen sie an jedem Sonntag die verhaltenen Reden 
vom Stapel laufen, welche dann ihr Moniteur wort- 
getreu zum Besten der kleinen immer mehr zusam- 
menschrumpfenden Gemeinde recapitulirt , welcher 
das leere Stroh, das da gedroschen wird, noch im- 
ponirt. 

Wenn man um die Ecke biegt, steht man auf 
dem Franziskanerplatze vor dem Erzbilde des böh- 
mischen Lexikographen Jungmann. 

Eine Abschweifung von der Hauptlinie der 
Ferdinandsgasse nach links und rechts ist nicht ohne 
Interesse. Wenn wir uns nach links wenden, so 
drängt sich uns eine charakteristische Erscheinung 
auf: das langsame aber stetige Zurücktreten der 
Hausgärten zu Gunsten von Neubauten. Am greif- 
barsten macht sich diese Fructificirung von Grund 
und Boden in der Schwarzengasse und deren Um- 
gegend bemerklich. Wohl giebt es gerade in diesem 
Viertel noch eine überraschende Menge von Gärten, 
von welchen einzelne, wie der sogenannte Prälaten- 
garten mit seinem prächtigen Rosenflor, der Restau- 
rationsgarten bei den Pfingstrosen, eine bei städtischen 
Hausgärten ungewöhnliche Ausdehnung und wirk- 
liche Gartenpartion haben, während viele andoro 
Gärten, wie z. B. jener der ehemaligen Leitmeritzer 
Bierhalle, dann die Volksgärton beim Fleck, u Fäfu, 
u Bohnu u. s. w. mehr den Charakter bepflanzter 
HausMfe zur Schau tragen. 



I. Prag. 57 

Nach rechts hin haben die sich abzweigenden 
Linien so ziemlich ihren seitherigen Charakter be- 
wahrt. Man kann den Bergstein, die Hnssgasse, den 
Betlehernsplatz entlang gehen, ohne eine sich dem 
Auge aufdrängende Veränderung wahrzunehmen. Von 
einem Umbau des Hauses zum Halanek, der zu 
gemeinnützigen Zwecken projectirt war und der 
Goldenen Gasse eine hochwillkommene Kegulirung 
hätte bringen sollen, ist noch nichts zu sehen. Erst 
in der Liliengasse stösst man auf einige Neubauten. 
Um eines dieser neuen Häuser freilich ist die Lilien- 
gasse nicht zu beneiden. Wenn solche Häuser in 
Gross städten schon eine sociale Notwendigkeit, ein 
sogenanntes notwendiges Uebel sein mögen: in so 
frequenten Strassen brauchte man sie nicht aufkom- 
men zu lassen. 

Eine in die Augen fallende Verschönerung hat 
die Postgasse durch einen imposanten und zugleich 
in sehr gefälliger Form sich präsentirenden Neubau 
erhalten, der sich gegenüber der Bodenbacher Bier- 
halle, die sich auch eines hübschen Gartens erfreut, 
an die Stelle unansehnlicher, einstöckiger Häuser 
getreten ist. 

Indem wir von dem Palais der Polizeidirection 
an dein prächtigen, nun wenigstens äusserlich fer- 
tigen Nationaltheater vorüber gegen die Ketten- 
brücke einlenken, fällt uns auf letzterer eine ange- 
nehme Neuerung in die Augen: das primitive Oel 
hat sich hier auf einem der letzten Posten, den 
es im Weichbilde der Stadt noch mit Zähigkeit 
festgehalten, nun auch endlich zu Gunsten des Gases 
zurückgezogen. Und fast gleichzeitig mit der aus- 
giebigeren Beleuchtung der Brücke hat sich auf dem 
transmoldauischen Ufer eine Veränderung vollzogen, 



58 l Prag 

die nicht radiealer gedacht werden kann. Da, wo 
sich noch vor drei Jahren im Stadtgraben Obst- 
pflanzungen ausdehnten, ist ein neuer Quai aus der 
Erde herausgewachsen, dem zur Fertigstellung nichts 
mehr fehlt als das Pflaster. Es ist, als ob sich die 
Erbauer dieses neuen Stadttheiles mit einem Zau- 
berer ä la Meilini associirt hätten, so schnell sind 
hier geschmackvoll gebaute Häuser in die Linie 
getreten, die nur noch wenige Lücken zeigt. Wir 
würden manchem anderen Quaigründer eine ähnliche 
„affenartige" Geschwindigkeit im Quaibau wünschen. 
Wir kennen in Prag einen Quai, der ziemlich un- 
überlegt und voreilig zu bauen angefangen wurde 
und wohl auf Jahrzehnte hinaus noch ein Quaitorso 
bleiben dürfte. 

Es steht zu hoffen, dass der Smichower Quai 
mit der Zeit seine Fortsetzung gegen die im Bau 
begriffene Brücke finden wird. Dann erst wird er 
sich als ein Segen für die ganze Gegend erproben. 
Villeicht wird sich bis dahin auch ein „Ausgleich" zu- 
wege bringen lassen, um die unschöne, hermetische 
Absperrung fallen zu machen, die sich dieser Quai 
vorläufig noch gegen die innere Stadt gefallen lassen 
muss. Vielleicht auch werden bis dahin die Stadt- 
gräben, über deren Verjauchung jetzt Klage geführt 
wird, eine Verwendung finden, die mit keinen sani- 
tären Gefahren für die Umgebung verknüpft sein wird. 

Auch auf der dem neuen Smichower Quai gegen- 
überliegenden Seite der Choteksgasse ist kürzlich ein 
neues Haus entstanden, das eine sehr freundliche Lage 
zwischen zwei Gärten hat, von welchen sich nament- 
lich der eine, dem Aujezder Thoro zugewandte, im 
Frühling eines Fliedern 1 ores erfreut, der innerhalb 
der Stadt nicht leicht seines Gleichen hat. 



I. Prag. 59 

Die Aujezder Kaserne ist neuestens einer Keno- 
virung unterzogen worden, die auch einer anderen, 
mehr im Herzen der Stadt gelegenen Kaserne zu 
gönnen wäre. Es ist geradezu unbegreiflich, wie man 
die Keiterkaserne nun schon jahrelang in ihrem gegen- 
wärtigen Zustande belassen kann, der jeder Beschrei- 
bung spottet. Das Gebäude macht den Eindruck einer 
Brandruine. Die Mauern haben namentlich auf der 
dem Bahnhofe zugekehrten Seite gar keinen Anwurf 
mehr, die Fenster sind herausgebrochen, das Dach- 
werk zeigt Lücken. Das Ganze predigt eine Verwahr- 
losung, die nicht mehr greller gedacht werden kann. 

Sobald man das Aujezder Thor hinter sich hat, 
fällt Einem sofort die stiefmütterliche Behandlung 
der linken Seite des Smichows gegenüber der rechten 
in's Auge. Während rechts die Modernisirung sehr 
grosse Fortschritte gemacht hat und zunächst in 
einer festgegliederten Keihe neuer, mitunter recht 
geschmackvoller Häuser ihren Ausdruck findet, macht 
die linke Seite an mehr als einer Stelle noch einen 
sehr primitiven Eindruck ; so gleich vor dem Thore, 
wo man sich zwischen dem Kanonenkreuz und dem 
kleinen vorspringenden Hause durchzwängen muss, 
während die wüste Fläche des Plateau's, das sich 
vor dem Eggenberghause sehr unwirthlich ausbreitet, 
auch nicht zur Verschönerung der Gegend beiträgt, 
so einige hundert Schritte weiter, wo das Kirchlein 
und der dasselbe umgebende Platz einen hyperländ- 
lichen Eindruck macht, der so gar nicht zu dem 
neuen Smichow passt, wie sich dieses namentlich in 
den eleganten , dem Kinsky - Garten zugekehrten 
Strassen präsentirt. Man muss sich erinnern, wie wüst 
es gerade hier noch vor zehn Jahren aussah, um zum 
Bewusstsein zu kommen, wie dieser Kayon mit Sieben- 



60 l v ™z 

mcilenstiefeln in civilisatorischer Richtung vorwärts 
geschritten ist. Wo früher ein holperiger, am Abend 
unbeleuchteter, von Gemüsegärten und niedrigen Ba- 
racken eingerahmter Weg war, da zieht sich heute 
eine gepflasterte Strasse mit breitem Doppeltrottoir 
hin. die durch Gas erleuchtet wird, die mit Bäumen 
bepflanzt und von mitunter palastartigen Häusern 
eingerahmt ist. 

Einen fast erbarmungswürdigen Anblick gewährt 
solchem Glänze gegenüber die Smichower Arena, in 
welcher eine schauerliche dramatische Literatur ge- 
pflegt wird. Ich habe da ein Stück gesehen: „Fran- 
cesconr', welches den Culminationspunkt des Cynis- 
mus darstellte. Nicht nur, dass der arme Briefträger 
coram -pulAko ermordet wird, so entwickelt sich auch 
auf offener Scene eine wahre Parodie einer Gerichts- 
verhandlung. Präsident und Staatsanwalt fungiren in 
Phantasie-Uniformen, vor den Geschworenen spielen 
sich komische Episoden ab, und zum Beschluss findet 
die Hinrichtung auf offener Scene statt, wobei zur 
Erhöhung des Effectes zwei Gensdarmen zu Pferde 
Assistenz leisten. Der Staatsanwalt übergiebt Frances- 
coni dem Scharfrichter, der dem Verurtheilten den 
Rock ausziehen hilft. Der Vorhang fällt, das Publi- 
kum applaudirt, und als der Bühnenraum noch ein- 
mal sichtbar wird, erblickt man Francesconi an den 
Galgen gelehnt. 

Solche schauerliche Herrlichkeiten kann man 
an langen Sommertagen gegenwärtig in Smichow 
sehen , in dessen Volksbiergärten es vor Jahren 
so gemüthlich zuzugehen pflegte. Seither hat sich 
das sehr verändert, Smichow ist nicht mehr das 
Bommerliche Mekka, nach welchem die zahlreichen 
Anbeter des Pilsener Nektars pilgern. Einzelne, einst 



I. Prag. g| 

vielbesuchte Locale, wie „die Kauchfangkehrer", 
„2elezny" existiren gar nicht mehr, in anderen, wie 
z. B. beim „Erzherzog Stefan", wohin die Prager 
im Sommer schaarenweise zu wandern pflegten, 
dominirt das einheimische Product. Einzelne Gärten 
haben sich dagegen wieder sehr zu ihrem Yortheile 
verändert. So ist der Garten der „Stadt Pilsen", welche 
lange Jahre hindurch das 'letzte Haus in Smichow re- 
präsentirte, aus der Verkommenheit, in der er lange 
hinvegetirte, herausgerissen und modernisirt worden, 
so dass er sich gegenwärtig sehr gefällig ausnimmt. 

In der Gegend der Ueberfuhrgasse, die heute 
noch Manches zu wünschen übrig las st, wird sich in 
den nächsten Jahren, ja man kann wohl sagen Mo- 
naten, eine gründliche Umgestaltung vollziehen. Diö 
Palackv-Strasse wird die zur Brücke führende Strasse 
sein, und die Anfänge derselben werden gegen die 
neue Brücke hin wohl bald eine Fortsetzung finden. 
Heute ist diese Linie, in welcher jüngst Aufschüt- 
tungen, Canal- und Mauerbauten erfolgt sind, von 
dem Punkte angefangen, wo die Häuserzeile schliesst, 
kaum gangbar. Aber auch die Ueberfuhrgasse ist zur 
Stunde keine angenehme Passage. An zerbröckelnden 
Mauern vorüber, in welche Bresche geschossen wor- 
den zu sein scheint, gelangt man bald an der Stelle, 
wo sich die Strasse plötzlich um einen guten Meter 
hebt, zu einem unergründlichen Kothmeer. Die an 
die Stelle des alten Hauses, Celna zubenannt (man 
sagte, es sei eines der ältesten Häuser Prags ge- 
wesen) , getretenen Neubauten liegen förmlich auf 
einer Anhöhe, von der es sehr abschüssig zu dem 
ursprünglichen Niveau der Strasse hinabgeht. 

BeimErscheinendesunsauberenUeberfuhrkahnes, 
dessen Boden ganz nass ist und für dessen Wasser- 



52 !• Prag- 

tümpel die Ueb erfuhr er, die sonst immer in der 
Stimmimg sind, die Hände nach Trinkgeldern aus- 
zustrecken, keine Augen haben, wird es Einem ganz 
wohlig zu Muthe, wenn man einen Blick auf die 
fertigen Bogen der Zukunftsbrücke wirft. Gott sei 
Dank, dass diese Ueberfuhrs-Misere mit ihrem durch 
das Warten bedingten Zeitverluste und sonstigen 
Calamitäten in einem halben Jahre ein Ende hat! 
Auf der Ueb erfuhrplätte kommt man in Situationen, 
die wenig Reizvolles darbieten, und denen man sich 
unmöglich entziehen kann. Wenn man zur Rechten 
einen Schornsteinfeger in voller Amtstracht , zur 
Linken einen Müller zum Nachbar hat, während vor 
uns ein übelduftender Schnapsbruder unsicher hin- 
und herschwankt und hinter uns ein Anstreicher, 
dessen Anzug ein grosser Farbenfleck ist, mit tanz- 
meisterartiger Agilität sich hin und her dreht, so 
fehlt dann nur noch, damit man des Lebens Un- 
verstand mit Wehmuth geniesse, dass ein mitfah- 
render Leierkastenmann, sobald der Nachen auf dem 
Wasser dahintanzt, auf seinem verstimmten Instru- 
mente das „In Beneschau, da ist der Himmel blau" 
erklingen lasse, und dass Einem der Fährmann mit 
der nassen Stange den neuen Cylinder streife und 
sich entschuldigend den Rauch seines entsetzlichen 
Knasters unter die Nase blase. 

Die Quaimauer ragt schon die ganze Linie ent- 
lang über die gegenwärtig ziemlich hohe Wasser- 
fläche hervor, und wie weit die Terrafirma gegen 
früher vorgeschoben ist, kann man daraus ersehen, 
dass man vom Landungsplatze reichlich fünfzig 
Schritte bis zu dem Häuschen zurückzulegen hat, wo 
Einem der Ueberfuhrskreuzer abgenommen wird, wäh- 
rend früher bis zu dieser Zahlungsstätte höchstens 



I. Prag. (33 

zehn Schritte zurückzulegen waren. Der Quai dürfte 
also eine Breite von 10 bis 12 Klaftern haben. 
Leider bricht er nach rechts plötzlich ab. Hätte 
man auf dieser Seite nicht für einen entsprechenden 
Kaum Sorge tragen sollen, auf welchem die Ver- 
zollung steuerbarer Frachten, abseits von dem grossen 
Verkehr, der sich nach links kehren wird, hätte vor 
sich gehen können? Auch sollte man denken, dass 
es hohe Zeit wäre, sich mit der Anlage einer Strasse 
zu beschäftigen, welche die neue Brücke mit der 
Bergstadt Wyschehrad und deren näheren und wei- 
teren Umgebungen in Verbindung bringen würde. 
Bleibt die Sache im statu quo, dann sind in dieser 
Sichtung Quai und Brücke ein ultima Thule. und 
namentlich der erstere eine Art Sackgasse. 

5. 

Nicht blos vor den ehemaligen Thoren ent- 
wickelt sich ein Zukunfts-Prag — auch mitten im 
Herzen der Stadt lassen sich kühne Anläufe zu einem 
Xeu-Prag wahrnehmen. Wenn man vom Ring durch 
eine der vernachlässigtesten Strassen Prags, durch die 
Karpfengasse, auf den Fluss zugeht, sieht man sich 
alsbald auf einem Terrain, welches in radicaler 
Umgestaltung begriffen ist. in welchem man aber 
bereits den Kern eines in der Bildung begriffenen 
Zukunftsquartiers von ganz neuartigem Gepräge wahr- 
nehmen kann. Was ist hier nicht Alles projectirt! 
Zunächst das bereits im Bau begriffene Künstlerhaus, 
welches, wenn es erst höher aus den Gründen heraus- 
gewachsen sein wird, die Prager urplötzlich zu über- 
raschen beabsichtigt. Denn bis jetzt ist es durch seine 
versteckte Lage den Blicken entzogen und nur Kun- 



(34 J 1>ra s- 

digeu auffindbar. Auch lässt, woher man auch kommen 
mag, ob vom King oder vom Clementinum, der Zu- 
gang hier wie dort viel zu wünschen übrig. Nähert 
man sich dem Künstlerhause vom Clementinum her, 
so kommt man an ruinösen Mauern, an Steinhaufen, 
an Fischerhütten vorüber, die keinen sonderlich gün- 
stigen architektonischen Eindruck machen und in 
ihrer Liliputanergestalt gar grotesk gegen den 
dunkeln, zeitgeschwärzten, massigen Bau des Clemen- 
tinums abstechen. Zuletzt vervollständigt noch eine 
höchst primitive Einplankung des Tummelplatzes 
das traurige Bild, welches dem sich von dieser Seite 
Nähernden entgegentritt — und was umschliesst 
diese Einfriedung nicht Alles! Da sieht man eine 
ganze Colonie von Holzhäusern mit wunderbar con- 
struirten Rauchabführungs- Apparaten von Blech, wie 
sie die Hinterwäldler nicht besser erdenken können ! 
Betritt man von der Karpfengasse her das Central- 
Terrain, so stösst man mit dem Kopfe an ein stei- 
nernes Monument, das mit beredter Zunge Zeugniss 
ablegt von dem Scharfblicke der Männer, welche 
sich unsere Stadtväter nennen. Vor drei Jahren hätte 
die Stadt das Eckhaus, welches die Restauration zum 
Rudolfmum birgt, um einen massigen Preis kaufen 
und durch theilweise Niederlegimg desselben einen 
breiten und bequemen Zugang zum Zukunfts-Quai 
schaffen können: statt diese absolut nothwendige 
Erweiterung der Passage durchzuführen, liessen es 
die massgebenden Persönlichkeiten zu, dass ein Um- 
bau dieses Eckhauses vorgenommen wurde, der so 
recht den Zugang zum Quai hemmt. Uebrigens ist 
es auch bezeichnend für Prager Verhältnisse, dass 
sich lange zuvor, ehe das Kudolfinum seine Hallen 
öffnet, schon ein nach demselben benanntes AYirth>- 



I. p 



65 



haus in dessen nächster Nähe etablirt. Es ist für 
Prag charakteristisch, dass öffentliche Gebäude nicht 
selten in ähnlicher Art von Wirthen sozusagen es- 
comptirt werden. So wird man sich erinnern, dass 
speculative Köpfe in der Gegend der Salrngasse Asyle 
für durstige Medieiner eröffneten, als man anfing, 
die Gründe zu den medicinischen Instituten auf der 
oberen Neustadt zu graben. In ähnlicher Weise wurde 
in der Gegend des Künstlerhauses, das eben erst 
langsam den Gründen entsteigt, schon jetzt A r on weit- 
blickenden Unternehmern vorgesorgt, dass die Zu- 
kunftskünstler nicht verdursten. Jedenfalls predigt 
das zum Eudolfinum zubenamsete Eckhaus recht 
eindringlich, sozusagen ad oculos, die Thatsache, dass 
die Bierwirthe in Prag weitsichtiger sind als die 
Stadtväter, welche über die Bedeutung dieses Strassen- 
Engpasses erst in's Klare kamen, als es zu spät war. 

Aber das Künstlerhaus ist nur ein Minimaltheil 
dessen, was in dieser Gegend projectirt ist. Da ist 
weiter der Quai, der vorläufig noch in den Kinder- 
schuhen steckt, ein Opfer des in Prag auf der Tages- 
ordnung stehenden Systems, hundert Sachen auf ein- 
mal anzufangen, um sie dann mitunter auf die lange 
Bank zu schieben. Wenn man sich dem Kettensteg 
nähert, gewährt dieser Quai-Embryo einen eigenthüm- 
lichen, keineswegs gefälligen Anblick. Es ist, als hätte 
man plötzlich zur Abwehr gegen einen mit Sieben- 
meilenstiefeln heranstürmenden Feind Erdvers chan- 
zungen aufgeworfen. 

Weiter sind hier Gartenanlagen projectirt, welche 
dem jetzt so verwahrlosten Tummelplatze ein neu- 
artiges Aussehen geben sollen. Es wurde auch der 
Gedanke angeregt, dass in diesen Anlagen ein Stand- 
bild Kaiser Ferdinand des Gütigen aufgerichtet werden 



66 I. Pra K . 

soll. Und da nun einmal in diesem Zukunfts-Rayon 
die Luft mit Projecten geschwängert ist, so kommt 
es auf eine massive Brücke nicht an, die ihre Bögen 
hier von einem Ufer zum anderen spannen soll. Na- 
türlich würde dann der Kettensteg, der schon durch 
den Quai eine Zustutzung erfahren wird, überflüssig 
werden und vom Schauplatze verschwinden. Und nun 
sehen wir uns das andere Ufer an, auf welches die 
Projecte auch ihre Schatten werfen. Welche verän- 
derte Physiognomie würde die jenseitige Uferpartie 
erhalten, wenn wirklich an die Stelle der Grasflächen 
und der ruinösen Gebäude des Jesuitengartens jene 
Neubauten treten würden, die der Landesausschuss 
nomine Landes-Exercitienanstalten auf diesem weiten 
Terrain auszuführen beabsichtigt, auf welchem sich 
schon in vorkrachlicher Zeit ein neuer Stadttheil 
hätte erheben sollen. Gut, dass dies nicht geschehen 
ist, dass nicht auch hier am Fusse des Belvedere 
himmelanragende Zinskasernen entstanden sind. Aber 
noch sind wir mit den Projecten, die sich auf diesen 
Rayon beziehen, nicht am Rande, da noch eines auf 
unsere Beachtung Anspruch macht. Man poussirt seit 
einiger Zeit die Idee, unterhalb der Belvedere-Lehne 
eine Fahrstrasse von der Franz Josef-Brücke bis zum 
Jesuitengarten zu führen. Wie es scheint, denkt man 
daran, sie in der Nähe des Backhauses in die Klein- 
seite einmünden zu lassen. Die Idee ist eine sehr 
glückliche und die projectirte Zukunftsstrasse würde 
von grosser Bedeutung für den Prager Verkehr 
werden, wenn einmal wirklich einerseits eine Fahr- 
brücke an die Stelle des Kettensteges treten und 
andererseits der von der Vororte-Baubank mit bewun- 
derungs- und nachahmungswürdiger Schnelligkeit in's 
Leben gerufene Quai seine Fortsetzung gegen die 



I Prag. (J7 

steinerne Brücke und über diese hinaus gegen den 
Jesuitengarten finden würde. 

Heute hat der Jesuitengarten noch sein altes, 
primitives Aussehen. Auf dem Restauration»- Ge- 
bäude sieht man noch die Abzeichen des Jesuiten- 
ordens, ein Gegenstück zu den Freimaurerabzeichen, 
die dem Spaziergänger an einigen Stellen des 
Canal'schen Gartens entgegentreten. Neben diesen 
Abzeichen kann man noch halbverwischt den Namen 
des Prager Kiselak Dewald lesen, der hier in den 
Sechziger Jahren sein Hauptquartier hatte. Auf dem 
Genussplatze fallen die Kegel, charmiren galante 
Krieger mit liebebedürftigen Köchinnen, während 
droben auf der Estrade die türkische Trommel ge- 
rührt wird und drinnen die Paare sich drehen. 
Noch bleichen vorsorgliche Hausfrauen ihre Wäsche 
auf den Grasplätzen, noch fertigt der Seiler sein 
festes Gewebe rückwärts gehend daselbst mit alter 
Unverdrossenheit. 

Wenn man vom Jesuitengarten aus dem Bel- 
vedere zuschreitet, kommt man an zwei Objecten 
vorüber, die ihre Entstehung den letzten zwei Jahren 
verdanken. Links das Physiokrateum , rechts der 
Neubau der Civil- S chwimm s chule : beide Objecte 
sind dankenswerthe Verschönerungen dieser Gegend. 
Früher gab es zur Linken einen einfachen Obstgarten 
und die Urpfahlbauten der Schwimmschule gewährten 
eben keinen sonderlich gefälligen Anblick. Schlägt 
man vom Jesuitengarten aus die Richtung gegen 
die Kleinseite ein, so gelangt man bald zur alten 
Schlossstiege, die sich noch immer zur Freude der 
Hühneraugen-Operateure des alten entsetzlichen Pfla- 
sters erfreut. Man muss diese Stiege mit ihren tausend 
Stacheln herabgehen, um sie in allen Schrecknissen, 

5* 



58 L 1>ra e 

die sie heimlich birgt, kennen zu lernen. Sollte es 
nicht möglich sein, hier wenigstens in der Breite 
eines Meters bequeme Stufen anzulegen, wie man 
dies in letzter Zeit auf dem sich von der Sporner- 
gasse abzweigenden Johannisbergi gethan hat? 

Wer die alte Schlossstiege je erklommen hat, 
der wird sich auch erinnern, dass der Schlussstein 
derselben einen prächtigen Aussichtspunkt bildet. 
Von dem abgerundeten Plateau, in welchem im 
Juni 1848 Windischgrätz' und im Mai 1849 Kheven- 
hüller's Bombenkessel, die Stadt bedräuend, standen, 
überblickt man die letztere in ihrer ganzen Aus- 
dehnung mitsammt den sie einrahmenden Höhen- 
zügen von Neu-Prag, überblickt man das obere 
Moldauthal , hat zugleich die grüne Wand des 
Laurentiusberges vor sich und kann, wie von keinem 
zweiten Punkte, den Blick von einer der sieben 
Brücken Prags zur anderen schweifen lassen. Leider 
ist die Umfassungsmauer dieses Plateau's ziemlich 
verfallen. Andere Städte würden ein solches Bijou 
eines Aussichtspunktes gewiss besser zu schätzen 
und, dem Kleinod entsprechend, geschmackvoller zu 
fassen wissen. 

Dem Thurme der Georgskirche würde es nicht 
schaden, wenn er, wie manche seiner Prager Thurm- 
collegen, auf die städtische Thurmklinik geschickt 
würde. Er sieht auch etwas verband- und verputz- 
bedürftig aus. 

Um den Dom herum herrscht reges Leben. 
Poetisch schlank ranken sich die Pfeiler des Neu- 
baues in die Höhe, zu Wölbungen sich abrundend. 
Für neue Pfeiler werden Gründe gegraben. Sonst 
aber ist es in der Burg still wie gewöhnlich — 
nichts deutet noch darauf .hin, dass Oesterreichs 



I. Trag ßg 

zukünftiger Kaiser daselbst einen längeren Aufent- 
halt nehmen wird. Intra et extra muros die alte 
feierliche Stille. Kaum dass sie von Zeit zu Zeit 
der Schritt eines Sacristans unterbricht , der nach 
Fremden auslugt, oder dass ein Durstiger der Wirths- 
stube zuhuscht, in welcher dicht am Dom gutes 
Pilsener aus dem Passe rinnt. Yerlässt man den 
äusseren Burghof, so hat man sofort wieder ein 
anderes glänzendes Bild vor sich. Hat man von dem 
früher geschilderten Aussichtspunkte oberhalb der 
alten Schlossstiege einen entzückenden Blick auf die 
Fürstenberg- und Waldsteingärten , so haftet hier 
das Auge mit Wohlgefallen auf einer Gruppe terassen- 
artig abgedachter Hausgärten und erfasst dann 
jenseits des Häusercomplexes jene sonnigen Höhen, 
die, langsam aufsteigend, mit dem ausgedehnten 
Garten des Prämonstratenserstiftes ihren Anfang 
nehmen und im parkartigen Lobkowitzgarten und in 
dem baumreichen Anlagen des Laurentiusberges ihre 
malerische Fortsetzung finden. An dieser bevorzugten 
Stelle wird man inne, wie schön Prag eigentlich ist, und 
wie beispielsweise die vielgerühmte Lage Dresdens 
mit jener der Moldaustadt keinen Vergleich aushält. 
Die an die Stelle der ehemaligen Gimpelallee 
getretene Anlage macht einen sehr gefälligen Ein- 
druck. Da man, sie durchwandelnd, keiner Störung 
ausgesetzt ist, kann man den Eindruck, den der 
Platz mit seinen theilweise alterthümlichen Palast- 
bauten auf den Beschauer macht, ruhig auf sich 
einwirken lassen. Hier das castellartige Palais 
Schwarzenberg, dort das dem japanesischen Palais 
in Dresden ähnelnde Toscanahaus, drüben endlich 
der erzbischöfliche Palast: das giebt ein Ensemble 
ganz eigener Art. 



7o *■ Prag - 

Immer wenn ich die Spornergasse hinabklettere, 
kommt mir mein seliger College Herlosssohn in den 
Sinn. Nicht nur, dass sein Vater, der bürgerliche 
„Taillör", in der Spornergasse seinen Laden hatte, so 
spielt auch so manche seiner Komanscenen in dieser 
engen, steilen Strasse. Ich sehe dann immer die Gestalt 
des letzten Taboriten, wie er fluchend (er flucht drei 
Seiten lang!) den Hohlweg und die Spornergasse 
hinabgeht, nachdem er droben auf dem Strahow die 
Entdeckung gemacht hat, dass Georg von Podiebrad 
durch eine Hostie vergiftet werden soll. 

Auf den Höhen wie in den Niederungen der 
Kleinseite hat sich wenig verändert. Nur das Senf- 
tenbergpalais hat eine andere Physiognomie erhalten 
und in der Neuhofgasse hat unsere städtische Vor- 
sehung, nicht anders , als ob Prag im Milliarden- 
reiche läge, ein neues glänzendes Schulhaus erbaut. 
Wenn nur die Herren, die so viel für ihre Schulen 
thun, auch darauf sehen wollten, dass die Aufschriften 
und Warnungen an den Strassenecken correct seien, 
dass man nicht in fetten Lettern beim Kleinseitner 
Schlachthause lesen müsste: „Hier ist das Schwemmen 
der Pferde strenk verboten !" 




II. Die Bäder und Luftcurorte um 
Prag. 

(Sternberg, Houschka, Kuchelbad, Lana, Pürglitz, Karlstein.) 



'nter den Bädern, welche man von Prag 
r aus, sozusagen, mit den Händen greifen 
kann, nimmt das vor 40 Jahren von 
einem Consortium Prager Aerzte, unter 
welchem sich auch der damals in Prag 
als Professor lebende Oppolzer befand, gegründete 
Stern b er g den ersten Eang ein. Es liegt in einem 
langgestreckten zu einem Park umgewandelten Thale, 
in dem Waldbäume mit Obst- und Laubbäumen ab- 
wechseln. Die nahe Fasanerie und der ebenfalls 
nicht sehr entfernte Thier garten bieten abwechs- 
lungsvolle und wohlgepflegte Spaziergänge. Auch 
der Schloss garten ist den Gästen zugänglich. 
Von der Station Mrakau der Buschtiehrader 
Bahn, die man von Prag aus mit dem Courierzuge 
in einer Stunde erreicht, gelangt man zuerst durch 
einen prächtigen Wald, in welcher die poetische 
Lärche die Dominante spielt, dann durch reiche Obst- 
alleen und mächtige Lindenreihen in das Bad, dessen 
Quellen wiederholt durch Prof. Keuss, Dr. Duras, 



i7o II. Dio Bäder und Luftkurorte um Prag. 

Prof. Pleischl, Dr. Quadrat und zuletzt im Jahre 1875 
durch Prof. Jirusch untersucht wurden. Diese Unter- 
suchungen ergaben, dass die Quellen in die Classe 
der erdig-salinischen Stahlwässer gehören. Ihnen am 
nächsten steht von den bekannten Quellen die Pyr- 
monter Helenenquelle, von der sie sich aber durch 
geringeren Gehalt von Alkalien und Erden bei etwas 
grösserem Eisengehalt vortheilhaft unterscheiden. Von 
den Franzensbader Wässern unterscheiden sie sich 
durch den Mangel an Kohlensäure bei grösserem 
Eisengehalte. Man kann Sternberger Bäder gebrau- 
chen und das Wasser trinken ohne jede Gefässauf- 
regung, und selbst Brustkranke mit geheilter Tuber- 
culose dürfen das Wasser gebrauchen, ohne dass 
Bluthusten zu besorgen wäre. Brustkranke finden 
überdies in der guten Molke, die man aus der in 
der herrschaftlichen Meierei stets von denselben 
Kühen gewonnenen Milch bereitet, ein vorzügliches 
Kemedium. — Die Luft von Sternberg ist mild und 
rein. Den Curgästcn stehen ein Piano und eine Kegel- 
bahn zur Verfügung, sie können Kahnfahrten unter- 
nehmen, am Donnerstag und Sonntag finden Con- 
certe statt, auch Theatervorstellungen werden mit- 
unter arrangirt. Durch den Bau einer neuen, statt- 
lichen, mit der grössten Eleganz ausgestatteten Villa 
ist der Wohnungsnoth, die sich in manchem Jahre 
unangenehm geltend machte, auf lange hinaus die 
Spitze abgebrochen worden. Ausser dieser Villa ge- 
währen noch sieben andere Häuser dem Kurgaste 
gute Unterkunft (Schlösse!, Villa Labutka, Jirusch 
u. s. w.) Die vom Grafen Reichenbach luxuriös er- 
baute Villa Hauschild giebt keine Zimmer an Cur- 
gäste ab, dagegen vermiethen die sogenannten „Schwe- 
stern ( ' in ihrem Landhause Zimmer und verkösti^vn 



II. Dio Riidov und Luftcurovte um Prag . >7Q 

zugleich die bei ihnen Logirenden. Schweren Kranken 
ist der Aufenthalt in dieser Yilla besonders zu 
empfehlen. Auch in der Yilla Labutka kann man 
sich verköstigen. Ein möblirtes Zimmer kostet per 
Woche 4 bis 8 Gulden. — Den Verkehr zwischen 
der Bahnstation Mrakau und Sternberg vermittelt in 
Anlehnung an die Eilzüge der Omnibus und zahlt 
man 80 Kreuzer per Person ; Privatwägen, die jedoch 
bestellt werden müssen, kosten 3 Gulden. 

Die Bäder haben grosse, geräumige Porcellan- 
wannen und kosten 35 — 40 Kreuzer. Die Küche ist 
eine gute und wird von einem routinirten Traiteur 
(Fritsch) besorgt. Als Badearzt fungirt der herr- 
schaftliche Arzt Dr. König. 

Uebrigens kann man nach Sternberg auch mit 
der Prag-Duxer Bahn gelangen, die gleich hinter 
Prag einen Ritt in s romantische Land macht, da sie 
in kühnen Windungen dem Prokopthale zustrebt, 
welches neben der sogenannten Scharka die Berg- 
romantik um Prag repräsentirt. Im Sommer pilgern 
die Prager schaarenweise nach der villenbesäten 
Scharka. Das Scharkathal hängt durch die söge- 
nannte wilde Scharka, deren Glanzpunkt die Teufels- 
mühle bildet, mit dem waldigen Sternthiergarten 
zusammen, der wieder ein integrirender Bestandtheil 
des historischen Weissen Berges ist, welcher der 
Schauplatz der für Böhmens Geschicke so bedeutungs- 
vollen Schlacht war, die den Xamen der Schlacht 
am Weissen Berge führt. Auch während der letzten, 
über sechs Wochen dauernden Belagerung Prags durch 
die Preussen (vom 6. Mai bis zum 21. Juni 1756) 
spielte der Sternthiergarten eine Pvolle. Am 
20. Juni 1756 lief in Prag die Xachricht ein, dass 
Marschall Daum am 18. bei Kolin die preussische 



•7A II. Die Bäder und Luftcurorte um Prag. 

Armee geschlagen habe. Noch an demselben Tage 
retirirten die Preussen gegen den Weissen Berg, und 
das im Prager Stadtarchiv verwahrte Belagerungs- 
Diarium erzählt über den Verlauf dieses denk- 
würdigen Tages Folgendes : Nachmittags um zwei 
Uhr rückten 20.000 Mann Infanterie mit 8000 Pferden 
aus der Stadt, fielen die Arrieregarde des Feindes 
auf dem Weissen Berge unfern des Klosters St. Mar- 
gareth an, verjagten dieselbe aus ihren Verschanzungen 
und repoussirten den Feind bis in den Stern, allwo 
sich derselbe gesetzt hatte, eroberten auch 9 Kanonen 
und säbelten Alles nieder, so nicht durch die Flucht 
entkommen konnte, Man verfolgte die Preussen noch 
weiter über den Weissen Berg und bis Hostowitz, 
allwo die einbrechende Nacht dieser Action ein Ende 
machte. 

Am Sternthiergarten vorüber vollführte auch 
der französische Marschall Belleisle seinen denkwür- 
digen Rückzug aus Prag in der Nacht vom 16. zum 
17. December 1742, den er durch Mitnahme von 
40 Geiseln deckte. Mit Lebensmitteln auf zwölf Tage 
versehen, zog Belleisle in der frostigen December- 
nacht zum Reichsthore hinaus und am Stern vor- 
über, mit seinen 12.000 Mann Fussvolk, 8000 Reitern, 
30 Kanonen und 5000 Packpferden über schnee- 
bedeckte Felder und durch Wälder seinen Weg auf 
Rakonitz, Luditz, Petschau und Königs wart nehmend, 
da die Hauptstrasse von österreichischen Soldaten 
besetzt und alle Brücken abgetragen waren. Nach 
zehn Tagen eines äusserst beschwerlichen Flucht- 
marsches, auf dem er 1200 Mann theils in Schar- 
mützeln, theils durch Kälte und Erschöpfung verlor, 
erreichte er Eger, wo noch Hunderte, deren Glieder 
erfroren waren, im Spital starben. 



II. Die Bäder und Luftcurorte um Prag. 



75 



Wenn man die Prag-Duxer Bahn zur Fahrt nach 
Sternberg benützt, steigt man in Schlan aus, von wo 
man in einer Stunde per Achse in's Bad gelangt. 

In einer ganz anderen Eichtung liegt das eben- 
falls in zwei bis dritthalb Stunden von Prag aus zu 
erreichende Eisenbad Houschka, eine Schöpfung 
des Grossherzogs von Toscana, dem die Herrschaft 
Brandeis gehört, die mit dem berühmten Wallfahrts- 
orte Ältbunzlau, dem böhmischen Mariazeil, fast zu 
einem Ganzen zusammengewachsen ist. Houschka ist 





BAD HOUSCHKA. 



von Brandeis wie von Ältbunzlau in einer Viertel- 
stunde zu erreichen und besteht aus drei Häusern, 
einem grossartigen, wohleingerichteten Curhause, 
einem Badehause, welches zugleich Eestaurations- 
Gebäude ist, und einer Waldvilla. Die Bäder sind 
sehr comfortabel eingerichtet und bieten auch dem 
verwöhntesten Curgaste alle Bequemlichkeit. Die 
Kestauration pflegt in guten Händen zu sein, die 
Preise der Wohnungen, Bäder und Speisen sind sehr 
massig. Ein separates Dampf- und Douchebad kostet 



ija II. Dio Bäder und Luftcurorto um Prag. 

1 fl., ein gemeinschaftliches 60 kr., ein Kiefernadel- 
Wannenbad 80 und 60 kr., ein Salzwannenbad eben- 
so viel, ein Eisenwannenbad 50 und 30 kr. Die Zimmer 
variiren zwischen 7 fl. 80 kr. und 5 fl. 60 kr. per 
Woche (26 und 16 fl. per Monat und 1 fl. 50 kr. 
und 1 fl. 20 kr. per Tag). Das Badehaus hängt durch 
reizende Gartenanlagen mit dem Curhause zusammen. 

An Sonntagen geht es im Bade Houschka sehr 
lebhaft zu. Die Nordwestbahn bringt Vergnügungs- 
züge, die Prager kommen in Equipagen und Fiakern, 
die schönere Hälfte der Bewohnerschaft der ver- 
einigten Städte Brancleis-Ältbunzlau rückt in Pa- 
rade aus, die schmucken Keiter, die in Brandeis 
bequartirt sind, stellen ihr Contingent, und während 
die feinere Welt im Cursalon walzt und polkt, tanzen 
die Landleute und Soldaten mit ihren Mädchen im 
Freien auf tennenartig glattgestampftem, mit einem 
Holzdache überwölbten Boden, nach dem Tact einer 
ohrenzerreissenden Musik. Wenn der Grossherzog 
in Brandeis weilt, nimmt er nicht selten an dem 
Volksvergnügen Theil. Wer an diesen Volksbelusti- 
gungen kein Gefallen findet, der kann stundenweit 
im grünen Wald spazieren gehen, der sich, hinter 
dem Curhause beginnend, hier gegen Benatek, dort 
nach dem weltvergessenen, mitten in seinem Schosse 
ruhenden Forsthause Grünbauden hinzieht. 

Das kleinste der böhmischen Bäder, Kuchel- 
b a d, liegt dicht vor den Thoren Prags und ist mit 
der Bahn und dem Dampfschiffe in einer Viertel-, 
beziehungsweise halben Stunde erreichbar. Familien, 
die in steter Verbindung mit Prag bleiben wollen, 
benutzen es als Sommer- Villegiatur, und es ist von 
Mitte Juni bis Ende August in der Eeo-el eben so 
überfüllt wie Sternberg. 



II. Die Bäder und Luftcurorte um Prag. *7*7 

Zu den Luftcurorte n in der Nähe Prags kann 
man auch noch Lana und Pürglitz rechnen. 

Pürglitz ist jetzt auch mit der Bahn erreichbar. 
Man ist da so recht mitten im dunkeln Waldes- 
revier. Stundenweit kann man fahren, ohne aus dem 
prächtigsten Walde herauszukommen. Stämmige 
Eichen, knorrige Buchen wechseln mit Pichten und 
Tannen , und dazwischen spannt die Lärche ihre 
zarten Guirlanden. Zahme Hirsche traversiren arglos 
über die Pahrwege, Eichhörnchen huschen von Baum 
zu Baum, zwischen den frischgrünen Aesten lassen 
die Yögel ihr „sit, sit" und „kiwit, kiwit" ertönen. 
Und historisch sind sie auch, diese riesigen Wald- 
bestände. Lange zuvor, ehe Benesch von Laun die 
berühmte Pürglitzer Burg zu bauen begann (1495), 
spielten sich in den Pürglitzer Wäldern interessante 
Scenen ab. In diesen Wäldern jagte an einem De- 
cembertage des Jahres 1100 der Böhmenherzog 
Bfetislaw IL, als ihm der von den Werschowezen 
angestiftete Borek den Jagdspiess aus dem Hinter- 
halt in den Leib stiess, dass der Aermste an Ort 
und Stelle verblutete. Nach der alten Burg Pür- 
glitz, die wohl an derselben Stelle stand wie die, 
welche später der Launer Architekt mit dem präch- 
tigen Saale schmückte, der heute den Verfall pre- 
digt, brachte König Johann von Luxemburg im No- 
vember 1322 den in der Mühldorf er Schlacht ge- 
fangenen Herzog Heinrich von Oesterreich. In den 
Pürglitzer Wäldern haranguirte im Herbst 1413 der 
aus Prag verbannte Magister Huss das Landvolk. 
Und 150 Jahre später wurde ein anderer kirchlicher 
Agitator, der Bischof Augusta, in das Pürglitzer 
Gefängniss gebracht, während seine Anhänger, die 
böhmischen Brüder, nach Polen und Preussen aus- 



»TQ II. Die Bäder und Lufteurorte um Prag. 

wanderten. Sechzehn Jahre wurde Augusta in Pür- 
glitz festgehalten, wo sich bekanntlich auch die 
schöne Augsburger Patricierstochter Philippine Welser 
jahrelang insgeheim aufhielt. 

Heute ist das Pürglitzer Schloss nur hoch theil- 
weise zugänglich. Partien sind bereits so verfallen, 
dass man sie nicht mehr zu betreten wagt. Wenn 
man die Wälle betritt, so hat man die Tunnele, 
welche die neue Zeit in die Waldberge gebohrt hat, 
gerade gegenüber. Ein Wirthshaus, welches gar 
keinen Comfort bietet, verleidet Einem den Aufent- 
halt in der landschaftlich und historisch so anzie- 
henden Gegend, und begiebt man sich zwei Stunden 
nord- und waldwärts durch den Thiergarten nach 
L a n a, so kommt man, was Unterkunft und Verpfle- 
gung anbelangt, aus dem Kegen in die Traufe. Im 
fürstlichen Gasthause, welches ein winziges Fremden- 
zimmer besitzt, wird in der Gaststube auf einem 
riesigen Sparherde gekocht, und das fliegenreiche 
Extrazimmer occupiren die fürstlichen Leibjäger 
und Büchsenspanner. Der Hotelier ist zugleich Fleisch- 
hauer, und wer das Gastzimmer betreten will, muss 
an den blutigen Kälberleichen vorbei. Diesem ultra- 
primitiven Gasthofe gegenüber liegt der Privatpark 
des Herrschaftsbesitzers mit dem langgestreckten, 
architektonisch, aber ganz unbedeutenden Schlosse. 
Der Park war früher dem Publikum geöffnet, seit 
sich jedoch Sommergäste rücksichtslos auf den Lieb- 
lingsplätzen der Fürstin breitmachten und daselbst 
sogar in wunderbarer Ungenirtheit kalte Küche ent- 
wickelten, so dass die Fürstin, wenn sie mit ihrer 
Gesellschaft daherkam, die Ruheplätze entweder 
besetzt oder mit Ueberresten von Schinken und fett- 
triefenden Zeitungsblättern garnirt fand, wurde eine 



II. Die Bäder und Luftcurorte um Prag:. •7Q 

etwas rigorosere Besuchs-Controle eingeführt. Die 
ausgedehnte Fideicommiss -Herrschaft Pürglitz ge- 
hört den Fürstenberg. Die ihrer Schönheit wegen 
berühmte Fürstin Melanie hat als jugendliche Witwe 
wieder einen Fürstenberg geheiratet. 

Vor Pürglitz geht es über Gitterbrücken neuester 
Construction auf steil ansteigender Strasse an den 
Fürstenberg'schen Eisenwerken vorüber gegen Beraun. 
Die neue Bahn geht immer parallel mit der Chaussee, 
die bei Nischburg eben so steil wieder abfällt, als 
sie früher gestiegen ist. In Beraun, wo auf je zehn 
Einwohner ein Wirthshaus zu kommen scheint, ist 
nichtsdestoweniger der Unglückliche zu bedauern, der 
verurtheilt ist, daselbst eine Nacht zuzubringen. Vor 
dem Krach, dessen erstes Opfer die Zuckerfabrik war, 
ging es in Beraun gar hoch her. Die hundert Wirths- 
häuser waren eben so gefüllt, als sie jetzt leer und 
verlassen sind. Schaarenweise pilgerten die Prager 
an Sonntagen in die vier Meilen entfernte Stadt, um 
sich an der Table d'höte gütlich zu thun, die ein 
unternehmender Wirth daselbst zum Besten aller 
Gourmands zu arrangiren pflegte. In der Geschichte 
spielte Beraun zu drei verschiedenen Malen eine 
Bolle. Am 22. September 1253 starb König 
Wenzel L, der Freund und Gönner der Deutschen 
in Böhmen (der Einäugige genannt, weil er sich 
eines Tages auf der Jagd, der er mit Vorliebe 
zu huldigen pflegte, ein Auge an einem spitzi- 
gen Ast ausgeschlagen hatte), in der Nähe von 
Beraun, als er in den angrenzenden Wäldern jagte, 
und 140 Jahre später (am 8. Mai 1394) wurde ein 
anderer Wenzel — Karl des Vierten Sohn — in 
Beraun von den Herrenbündlern gefangen genommen. 
Beraun's schlimmster Tag war aber unstreitig der 



gii II Die Bädor und Luftcuvorte um Trag. 

1. April 1421, an welchem Tage Ziska die Stadt 
unter grossem Blutvergiessen einnahm. 

Das unweit von Beraun gelegene Karl stein, 
auch eine Sommer-Villegiatur der Prager, weckt heute 
bei dem Besucher nur wehmüthiges Erinnern. Wenn 
er die steilen Treppen emporgeklettert ist, sieht er 
kahle Mauern, leere Truhen, die früher die Keichs- 
kleinodien bargen. Wo sind die vergoldeten, mit böh- 
mischen Edelsteinen ausgelegten Wände , wo die 
Schilder von gediegenem G-olde, welche die Aussen- 
wände schmückten? Die von Mathias von Arras er- 
baute Burg, die, als Karl IV. sie bewohnte, mit 
1300 Kerzen erhellt zu werden pflegte, sieht heute 
recht düster und unwirthlich aus. 




IIL Von Prag nach Teplitz. 

(Rostock, Weltrus, Melnik, Eaudnitz, Leitmeritz-Lobositz, 
Aussig, Laun, Saaz, Brüx, Dux.j 



eit fünf Jahren stehen Demjenigen, 
der von Prag nach Teplitz reisen 
will, zwei Wege offen : er kann den 
altgewohnten Pfad wandeln und in 
Cispraga die Staatsbahn besteigen, 
die ihn über Aussig nach Teplitz bringt, 
oder er kann drüben jenseits der Moldau 
in Transpragien der Prag-Duxer Bahn sich bedienen. 
Wenn man Prag mit der Staatsbahn verlässt, 
fallen Einem nicht weit hinter Ko stock, einer bei 
den Pragern sehr beliebten Sommerfrische, einige 
blanke, schiefergedeckte Häuser in's Auge, die in 
eine einsame, von jedem Verkehr eingeschlossene 
Schlucht hineingezwängt sind : das ist die unheimliche 
Dynamit-Colonie, die von Zeit zu Zeit durch Explo- 
sionen von sich reden macht. An Kralup vorüber, 
das vor zwanzig Jahren noch ein unscheinbares Dörf- 
chen war und heute ein bedeutender Industrieort ist, 
gelangt man in kurzer Zeit nach Weltrus, dessen 
schattiger Thiergarten aus der Ferne so einladend 

6 



g2 IIT Von Pra S nach Teplite. 

winkt. Die Herrschaft Weltrus gehört dem Grafen 
Chotek. Ein Chotek war in den Dreissiger und ersten 
Vierziger Jahren Oberstburggraf von Böhmen und hat 
sich um das Strassenwesen und die Obstcultur in Böh- 
men grosse Verdienste erworben. Ihm war es zu danken. 
dass sich der Obstbaum als Staffage jeglicher Chaussee, 
ja jeglichen Landweges in Böhmen einbürgerte. 

Nicht ganz zwei Meilen stromab liegt M e 1 n i k 
auf steiler Höhe, bekannt durch den trefflichen nach 
dem Städtchen benannten Wein, den Kaiser Karl IV. 
vor fünfhundert Jahren aus Burgund nach Böhmen 
verpflanzt hat. 

Als die Dampfschiffahrt auf der böhmischen 
Elbe vor ungefähr einem Menschenalter eingeführt 
wurde, verkehrten die Dampfer jahrelang von Melnik 
ab, wo sich die Moldau in die Elbe ergiesst und die 
beiden Wasser, un vermischt und leicht zu unterschei- 
den, eine Strecke parallel neben einander hinziehen. 
Später wurde der Fluss auf dieser Strecke so seicht, 
dass die Dampfer schon seit Jahren nur noch von 
Leitmeritz ab gegen Dresden, und nur ganz ausnahms- 
weise von Kaudnitz ab verkehren, welche Stadt 
etwa drei Meilen thalwärts von Melnik liegt und 
den Mittelpunkt einer grossen Herrschaft bildet, nach 
welcher sich der Fürst Lobkowitz Herzog von Kaud- 
nitz nennt. Er hat nur noch einen herzoglichen Col- 
legen in Böhmen, den Fürsten Schwarzenberg, der 
sich Herzog von Krumau schreibt. Aber eine Leib- 
wache mit Kanonen, wie sie der Herzog von Krumau 
unterhält, steht dem Kaudnitzer Herzog nicht zu 
Gebote. Doch lebt derselbe trotzdem sehr angenehm 
in seinem stattlichen Schlosse, das weithin die Ge- 
gend beherrscht und eine interessante Porträtsamm- 
lung und eine der besten Privatbibliotheken Böhmens 



ITT. Von Pra? nach Teplitz. g3 

beherbergt. In der Bildergalerie befindet sich ein 
Original-Porträt des Don Carlos. 

Ein Raudnitzer Kind hat in den letzten Jahren 
viel von sich reden gemacht durch das unverhoffte 
Glück, das es machte. Ein Mädchen, welches bei dem 
Raudnitzer Bürgermeister Zink, sozusagen, das 
Gnadenbrot ass, die Tochter eines Kirchendieners, 
wurde Fürstin Thurn und Taxis. Ihr Gemal, der 
jüngere Bruder des Majoratsherrn Fürsten Hugo Taxis, 
war ein begabter, aber etwas exaltirter junger Mann, 
der an der Prager Carolo Ferdmandea den juridischen 
Doctorhut erworben hatte. 

Ungleich lebhafter als Pvaudnitz ist die zwei Meilen 
weiter stromabwärts gelegene Stadt Leitmeritz. 
welcher jetzt schon drei Verkehrslinien dienstbar sind: 
die Staatsbahn, die Elbethal-Bahn und der Fluss. 

Leider sind beide Bahnhöfe ziemlich weit von 
der Stadt entfernt, und an Markttagen würde ich 
auch Niemandem rathen, das Dampfschiff zu benutzen, 
da an diesen Tagen die Fieranten das ganze Fahr- 
zeug mit Beschlag belegen und selbst das Verdeck 
des ersten Platzes einen Tummelplatz für Spanferkel 
und Hühner bildet. 

Leitmeritz, dem in den letzten Jahren das be- 
nachbarte Lobositz in gewisser Beziehung Con- 
currenz zu machen beginnt (es ist der Mittelpunkt 
des nordböhmischen Obsthandels geworden und wird 
mit seinen Märkten Leitmeritz gefährlich;, gehört zu 
den stattlichsten Städten Deutschböhmens. Jede dieser 
deutschböhmischen Städte hat etwas Eigentümliches, 
etwas Charakteristisches; jede hat eine ausgeprägte 
Individualität, die nichts mit der Schablone zu thun 
hat. Man braucht beispielsweise nur die Städte in's 
Auge zu fassen, welche von den Wellen der Elbe 



o_i III. Von Prag nach Teplitz. 

bespült werden, um dies auf den ersten Blick inne 
zu werden. Wie so gründlich anders giebt sich Leit- 
meritz als das kaum drei Meilen davon entfernte 
Aussig, und wie verschieden ist dieses wieder von dem 
nur zwei Meilen weiter thalwärts gelegenen Tetschen. 
Leitmeritz hat noch ganz den Charakter einer 
ruhigen, vornehmen Binnenstadt, während in Aussig 
bereits alles Leben aus den unschönen, verrauchten 
und übelriechenden Strassen heraus dem Flusse zu- 
hastet. Der stattliche Marktplatz von Leitmeritz ist 
ein Bild der Sauberkeit und doch ist er selbst dann 
belebt, wenn das eigentliche Geschäftsleben ruht. 
Und zwar ist es die Jugend, die ihm ein lebendiges, 
fröhliches Colorit verleiht. Die Jugend giebt über- 
haupt den Ton an in Leitmeritz, welches in seinen 
Mauern so viele Schüler birgt, wie sonst nur drei, 
vier Städte ähnlichen Umfanges zusammengenommen. 
Man könnte aus den Lehrern allein, welche Leit- 
meritz beherbergt, eine kleine Cohorte zusammen- 
stellen, in welcher wohlgenährte Theologen neben 
etwas magereren Lehrerbildnern, Gymnasial - Pro- 
fessoren neben Eealiendocenten in Keih' und Glied 
stehen würden. Es giebt auch w r enige Städte in Böh- 
men, deren Physiognomie sich so gründlich verän- 
dert, sobald die Schulferien in's Land kommen. Mit 
einem Male bekommt die ganze Gegend, Stadt und 
Land, Strasse und Haus ein so schläfriges, gelang- 
weiltes und langweilendes Aussehen, dass Einem 
schier das Gähnen darüber ankommt. Die hübschen 
Mädchen, welche wahrend der stadtüblichen Pro- 
menadestunden die Schützeninsel bevölkern, blicken 
so träumerisch vor sich hin, als ob sie an die jungen 
Musensöhne dächten, welche in alle Welt geflogen 
sind; in dem Cafe, das sich in dem Hause befindet, 



III. Von Prag nach Teplitz. g£ 

dessen Flur merkwürdige Inschriften zieren (cogita 
aetermtatem und vivas ut post vivas). bilden einige 
leselustige Bürger und einige Officiere, die von There- 
sienstadt herübergekommen sind, das ganze Publikum ; 
selbst im Speisesaal des „Krebsen" fehlt manches 
bemooste Lehrerhaupt, und auch da draussen in den 
reizenden Anlagen des Brauhauses, in welchen der 
Pavillon aufgestellt ist, der auf der Wiener Welt- 
ausstellung figurirt hat, sieht man an schönen Som- 
merabenden so Manchen, der nicht da ist, und in 
der Zeit vom 15. Juli bis zum 15. September wird 
mancher Hectoliter Bier weniger consumirt als in 
den Schulmonaten. Auch der Wirth in der Studenten- 
kneipe beim Kozanda merkt den Ausfall und wird 
verdriesslich. Xichts bleibt sozusagen in Leitmeritz 
während der Ferien im» alten Geleise als die beiden 
concurrirenden Wochenblätter, von welchen das eine 
auch im Verlage eines gewesenen Schulmannes par 
exceUence erscheint. Hat sich doch Pickert, der 
Exdeputirte und Exlehrer, als Buchhändler in der 
Schulstadt *ar ? f?£o'x*}v niedergelassen, deren Geist- 
lichkeit sogar den Ruf einer gewissen Freisinnigkeit 
geniesst. Der durch seine freisinnigen Schriften auch 
in weiteren Kreisen bekannt gewordene Domherr Ginzel 
war bis zu seinem erst kürzlich erfolgten Tode eine 
Zierde der wohlhabenden und freundlichen Elbestadt, 
die auch schon manchen verdienten Schulmann in die 
Fremde exportirt hat. So ist der Director der Leit- 
meritzer Communal-Kealschule, Schlesinger, der sich 
durch die im Auftrage des Prager deutsch-histo- 
rischen Vereines verfasste Geschichte Böhmens einen 
Xamen gemacht hat, zur Leitung der von den Deut- 
schen in Prag neubegründeten höheren Töchterschule 
berufen worden. Der Referent über das böhmische 



gß III. Vou Prag nach Teplitz. 

Schulwesen, Statthaltereirath Grohmann, der in seinen 
jüngeren Jahren ein Trauerspiel und einige Bände 
böhmischer Sagen verbrochen hat, war noch vor zehn 
Jahren Director der Leitmeritzer Realschule, und der 
Leitmeritzer Kreishauptmann Grüner kam kürzlich 
als Vicestatthalter nach Prag. 

Die Gegend um Leitmeritz ist ein wahrer Garten, 
der nur leider im Kriegsjahre 1866 manchen Baum 
verloren hat. Ihre gesundheitlichen Vorzüge hat schon 
Humboldt gewürdigt, und man kann sie füglich das 
böhmische Paradies nennen. Man mag über Plosch- 
kowitz, welches Jahrzehnte hindurch die Sommer- 
Residenz Kaiser Ferdinand's gewesen, nach dem hoch- 
gelegenen Städtchen Lewin wandern, in dessen Nähe 
sich die reizend an den Wald gelehnte Kaltwasser- 
Heilanstalt Geltschberg befindet, oder in das male- 
rische Auschathai hinabsteigen, in welchem der be- 
rühmte Auschaer Hopfen gedeiht, der gleich nach 
dem Saazer rangirt : immer bewegt man sich inmitten 
lieblichen und fruchtbaren Geländes, das sich eines 
milden Klimas erfreut. Mancher stattliche Herrensitz 
ziert die wohlgepflegte Gegend. Der bedeutendste 
und äusserlich imponirendste ist wohl das kaiserliche 
Lustschloss, aber auch Schloss Triebsch ist nicht übel 
und Schloss Doxan vollends historisch interessant, 
da es bis in die Tage Kaiser Josefs eines jener 
merkwürdigen Doppelklöster war, welche Männer 
und Frauen beherbergten. Ein Flügel des Doxaner 
Stiftes gehörte den Mönchen, ein anderer den Nonnen. 

Ein ganz anderes Städte-Genre als Leitmeritz 
repräsentirt Aussig. Das ist die unermüdliche, die 
rastlos hastende Geschäftsstadt, die ganz in Kohle, 
in Chemikalien und in Schiffe aufgeht. Aus diesen 
drei Elementen, innig gesellt, baut sich das Aussiger 



III. Von Prag nach Teplitz. Q*7 

Leben auf. Der Matrose, der Kohlenwerker, der 
Fabriksarbeiter bilden den Grundstamni der Bevöl- 
kerung einer Stadt, über welche die colossalen che- 
mischen Fabriken der nächsten Nachbarschaft ewig 
ihre ungemüthlichen, übelduftenden Dünste ergiessen. 
Man kann getrost behaupten, dass nur Der in Aussig 
lebt, der eben dort leben muss. Zu seinem Vergnügen 
kommt kein Mensch nach Aussig, lebt kein Mensch 
in Aussig. Der reine G-eschäfts-Charakter der Stadt 
prägt sich schon in ihrem Exterieur aus. Während 
Leitmeritz, das sich schon Mancher als Buen Betiro 
für seine alten Tage ausgewählt hat, in vornehmer 
Abgeschiedenheit vom grossen Verkehre daliegt, 
rollen in Aussig die Locomotiven mit ihren Men- 
schen- und Waarenlasten mitten in die Stadt hinein, 
die leider tiefer liegt als das Bahn-Mveau, so dass man 
treppabsteigend aus dem Bahnhofe in die Stadt ge- 
langt. Wohl liegt am jenseitigen Ufer auch ein Bahn- 
hof, aber einer von jenem Genre, in welchem man 
noch ein contemplatives Leben führen kann. Denn 
die neue Elbe-Uferbahn, welche von Tetschen nach 
Leitmeritz und von da weiter über Melnik gegen 
Prag führt, hat noch keinen bedeutenden Verkehr. 
Dagegen gewährt dieser stille Bahnhof einen hüb- 
schen Blick auf die gerade gegenüberliegende Stadt, 
mit welcher er durch eine massive Gitterbrücke ver- 
bunden ist, die mit der Cölner Eisenbahnbrücke wie 
in der Construction, so auch in der praktischen Ein- 
richtung, dass sie Bahnzügen, gewöhnlichem Fuhr- 
werk und Fussgängern den Uebertritt von einem 
Ufer zum anderen gestattet, eine gewisse Aehnlich- 
keit hat. Ueberhaupt glaubt man sich auf der Ober- 
elbe, namentlich auf der so abwechselungsvollen 
Strecke zwischen Aussig und Tetschen vielfach an 



gg III Von Prag uach Teplitz. 

den Rhein versetzt. Die Höhenzüge sind hier wie 
dort mit Wein bepflanzt, malerisch wölben sich die 
massig hohen Berge, von manchen grüssen Kirchen 
und Burgen den Wanderer, gemüthliche Gasthäuser 
laden an den Ufern zum Ausruhen ein, auf dem 
Strome ziehen Dampfer dahin, Schlepper, die an 
Ketten liegen, ziehen schwere, auf zehn bis zwölf 
grosse Schiffe vertheilte Frachten den Fluss nieder- 
wärts, und so weit erstreckt sich die Aehnlichkeit 
zwischen Rhein und Elbe, dass hier wie dort an 
beiden Ufern Bahngeleise liegen. 

In Aussig fängt das brückengesegnete Terrain 
an, das in Tetschen seinen Culminationspunkt er- 
reicht. Hier kann man drei massive Brücken: eine 
reine Kettenbrücke, eine steinerne Bogenbrücke und 
eine lose auf schiefen Steinpfeilern ruhende Gitter- 
brücke mit einem einzigen Blicke erfassen. Keine 
der drei Brücken ist von der anderen über zwei- 
tausend Schritte entfernt. 

In Aussig beginnt die Kettenschiffahrt, die 
Eisenbahn zu Wasser, wie man sie nennen könnte. 
Eine einzige Kette zieht sich von Aussig bis Ham- 
burg und zwanzig Schleppdampfer verkehren sections- 
weise auf dieser langen Strecke. Der erste hat die 
Linie Aussig-Tetschen zu versorgen. Jetzt wird auch 
zwischen Aussig und Melnik die Kette gelegt. 

Nachdem wir so die eine, und zwar die leb- 
hafter frequontirte der beiden Routen, die von Prag 
nach Teplitz führen, in's Auge gefasst haben, wollen 
wir nun auch die andere flüchtig besehen. Sie bietet 
eigentlich nicht viel Interessantes, wenn man von 
der kühnen Führung der Bahn in der unmittelbaren 
Nähe Prags absieht, wo sich das frappante Schau- 
spiel wiederholt, das die Reichenberg-Pardubitzer 



tll. Von Prag nach Teplitz. gC) 

Bahn in der Gegend von Liebenau dem Blicke dar- 
bietet. Hier wie dort kehrt die Bahn in höherer 
Lage, gleichsam terassenförmig, zu demselben 
Punkte zurück, den sie schon einmal geatreift. Weiter 
berührt die Bahn, sich durch reizloses Flachland 
schlängelnd, nur urcechische Orte, wie z. B. 
Schlau, Laue, welches Städtchen im zweiten Jahr- 
zehnt unseres Jahrhunderts dadurch zu flüchtiger 
Berühmtheit gelangte, dass der bei Dresden tödtlich 
verwundete Moreau am 2. September 1813 in Laun 
starb. Laun hatte übrigens schon im Anfange des 
14. Jahrhunderts vorübergehend eine Kolle in den 
Welthändeln gespielt. Als im Jahre 1306 Herzog- 
Heinrich von Kärnten, welchen der böhmische 
König Wenzel III. vor seinem Zuge nach Polen 
zum Landesverweser in Böhmen eingesetzt hatte, 
nach Wenzel's Ermordung Miene machte, sich zum 
König von Böhmen wählen zu lassen, erklärte der 
deutsche König Albrecht I. Böhmen als erledigtes 
Keichslehen und rückte, in der ausgesprochenen Ab- 
sicht, seinen Sohn Kudolf mit Böhmen zu belehnen, 
in das Land ein und schlug sein Lager vor Laun 
auf. Gleichzeitig näherte sich Kudolf von anderer 
Seite Prag und die eingeschüchterten Stände wählten 
wirklich Kudolf, nachdem Heinrich von Kärnten 
das Feld geräumt hatte und mit seiner Frau heim- 
lich nach Tirol abgereist war. 

In der vor eisenbahnlichen Zeit war Laun ein 
wichtiger Strassenknotenpunkt, da sich hier die von 
Prag kommende Strasse einerseits gegen Teplitz, 
andererseits gegen Komotau abzweigte. Jetzt bildet 
das anderthalb Meilen nördlich von Laun gelegene 
Oberniz einen Bahnknotenpunkt, da bei diesem 
unansehnlichen Orte die Bahn nach drei Richtungen 



OQ III. Von Trag nach Tcplitz. 

auseinandergeht — nach Saaz, Brüx und Bilin. 
Zwischen Laun und dem davon eine Meile entfern- 
ten Postelberg berühren sich Deutsch und Böh- 
misch. Doch hausen auch auf deutschem Boden 
feudal und national gesinnte Cavaliere und noch 
dazu prononcirt clericalen Gepräges. Von Postel- 
berg gilt dies wohl nur insofern, als der künftige 
Majoratsherr ein Nationaler ist, während sein Vater, 
der regierende Fürst Schwarzenberg, eine objec- 
tive, unbefangene Haltung einnimmt. Dagegen sind 
die Grafen Friedrich Thun und Georg Bouquoi, welche 
in diesen deutschen Grenzgegenden ausgedehnte Be- 
sitzungen haben, prononcirte Parteigänger des Feuda- 
lismus und Clericalismus und stehen so auf gleicher 
Linie mit dem Grafen Clam-Martinitz auf Smetschna, 
dessen Vorfahr Jaroslaw Borschito von Martinitz in 
seinem Eifer für den Katholicismus um das Jahr 1590 
so weit ging, dass er seine Bauern auf der Herr- 
schaft Smetschna mit Hunden in die Predigten der 
Jesuiten hetzte und den Befehl gab, den Widerspänsti- 
gen die Hostie mit Gewalt in den Mund zu stopfen. 

Laun hatte vor Jahrhunderten Weinbau wie 
Melnik und Aussig und setzte grosse Strafen auf 
Weinfrevel. Wer einen Schädiger der Weingärten 
auf frischer That tödtete, blieb straffrei; wer einen 
Weinbergfrevel bei Tag beging, büsste es mit der 
rechten Hand ; wer sich einen solchen bei Nacht zu 
Schulden kommen liess, mit dem Leben. 

Kaum eine Meile von Laun entfernt, liegt die 
bereits deutsche Stadt Postelberg, der Mittel- 
punkt der gleichnamigen, dem Fürsten Schwarzen- 
berg gehörigen Herrschaft. 

Von Postelberg gelangt man in kurzer Zeit 
links nach Saaz, rechts nach Brüx. Saaz spielt 



III. Von Prag nach Teplitz. gj 

bezüglich des Hopfens eine ähnliche Kolle wie Pilsen 
bezüglich des fertigen Hopfen-Decoctes, des Bieres. 
Sein Hopfen ist weltberühmt und eine gesuchte 
Specialität auf dem europäischen Hopfenmarkte. 
Dem Saazer Hopfen zunächst kommt in Böhmen jener 
von Auscha, das zwei Meilen östlich von Leit- 
meritz in paradiesisch- schöner Gegend liegt. Wenn 
man von Leitmeritz nach dem Bade Geltschberg 
fährt, liegt das liebliche Thal von Auscha malerisch 
vor Einem. 

Vom Bahnhofe aus gelangt man auf einer steil 
aufsteigenden Strasse an unschönen alten Gebäuden 
vorüber durch eine Art Burgthor in die Stadt Saaz, 
die einen ziemlich regelmässigen King und auf dem- 
selben ein Hotel (Hanslik) hat, das zu den besten 
in Böhmen zählt. Die Stadt ist nicht besonders leb- 
haft, ab und zu fährt ein mit Hopfenballen oder 
Gurken beladener Lastwagen langsam über den Eing, 
der sich nur zu den Stunden zu bevölkern pflegt, 
wo die schöne Welt von Saaz promeniren geht 
oder die junge Welt den Schulgebäuden entflieht. 
Neben dem Hopfen sind die Gurken ein Haupt- 
produkt der Gegend. So wohlfeil freilich wie vor 
dreissig Jahren sind dieselben auch hier nicht mehr. 
Damals kostete ein Schock Gurken zwei Silber- 
groschen, und schon damals fuhren zur Zeit der Ein- 
heimsung täglich fünfzig Fuhren mit Gurken nach 
Sachsen. Damals auch brachte jede Gurken-Saison 
einen Gurkenball, auf welchem jener Gurkenbauer, 
der die grösste Gurke gezogen hatte, zum Gurken- 
könig ernannt wurde. Dieser Gurkenball war ein 
Pendant zu dem Hopfenkranz. Wenn nämlich in den 
letzten Augusttagen das Hopfenpflücken beendet 
war, pflegte der Hopfengartenbesitzer seinen Arbeitern 



ÜO HJ- V° n Prag nach Teplitz. 

den sogenannten Hopfenkranz zu geben, der dann 
unter Musik und Maskenbegleitung umhergetragen 
und vor dem Hause des Spenders zwischen Fahnen 
aufgepflanzt wurde, worauf sich ein improvisirter 
Ball um ihn herum entwickelte. Im Jahre 1840 
wurden um Saaz herum schon jährlich 80.000 Strich 
Hopfen erzeugt, heute ist die Quantität natürlich 
noch grösser. 

Bedeutender als Saaz ist Brüx, eine der reichsten 
Städte in Böhmen, deren Bürger noch heute keine 
Gemeindesteuer zahlen. Bis zum Jahre 1848 wurden 
alle Steuern aus dem Gemeindesäckel bestritten. 
Brüx macht im Vergleiche mit anderen Städten 
dieses Rayons einen fast grossstädtischen Eindruck, 
der allerdings dadurch ein wenig beeinträchtigt wird, 
dass das Rathhaus eine den schönen Platz, auf wel- 
chem es steht, ungebührend verunzierende Ruine ist. 
Brüx scheint eine vorzugsweise würstel essende Stadt 
zu sein ; als vor sechs Jahren daselbst ein Gauturnfest 
abgehalten wurde, consumirte man bei dieser Ge- 
legenheit nicht weniger als fünfthalbtausend Paar 
Würstel. Auch als handeltreibender Ort spielt Brüx 
eine so grosse Rolle, dass sogar die Kapuziner, die 
gegen das Ende der Stadt hin, nicht weit von 
dem inmitten sehr primitiver Anlagen stehenden 
Schützenhause , in einem winzigen Kloster hausen, 
zu den handeltreibenden Corporationen gehören. Sie 
lassen sich die Gänse schmecken und verkaufen deren 
Federn en gros. Dann betreiben sie auch den Lein- 
wandhandel mit grösserem Nutzen, als mit welchem 
die Nonnen in der Oberleutens dorfer Fabrik die Er- 
zeugung des Tuches betrieben haben. Endlich ver- 
kaufen sie auch Wein und an Sonntagen herrscht 
während der Vormittagsstunden in ihrem Refec- 



III. Von Trag nach Teplitz. C)^ 

torium ein Leben, das mit dem im Wiener Eszter- 
hazykeller sich entwickelnden bunten Treiben ganz 
gut den Vergleich auszuhalten im Stande wäre. 

Brüx, wo gegenwärtig die Partei Derer, welche 
an dem alten Privilegium der Steuerfreiheit fest- 
halten, mit der Fortschrittspartei um die Herrschaft 
ringt, hatte einst ein so grosses Vermögen, dass es 
die Commune leicht auf sich nehmen konnte, aus 
ihrem Säckel sämmtliche Steuern der Bürger zu 
bezahlen. Heute hat die Stadt noch immer einen 
Bealbesitz von ungefähr zwei Millionen, wenngleich 
sie finanziell nicht mehr so florirt wie zu der Zeit, 
wo der Bürgermeister Kutschera, der jetzt als pen- 
sionirter Kreisgerichts -Präsident in Budweis das 
otium cum dignitate geniesst, die Finanzen der auf- 
strebenden Stadt so stramm zusammenhielt, dass 
Jahre dazu gehörten, sein Werk wenigstens theil- 
weise zu vernichten. Um das von Kutschera ange- 
sammelte baare Geld kam die Stadt durch den 
unklug begonnenen und unklug geführten Bau einer 
Wasserleitung, die 200.000 Gulden verschlang. Zuerst 
leitete die Commune die Bohren über den Besitz 
des Fürsten von Lobkowitz, ohne diesen zu fragen, 
und als der Fürst sich entschieden seiner Haut wehrte 
und die Commune sich zu einer anderen Linie ent- 
schliessen musste, gab man dem Wasser (die Ge- 
meinde processirte lange mit dem betreffenden In- 
genieur puncto 37.000 Gulden) einen so jähen Fall, 
dass es die Bohren sprengte. 

Brüx hat wohl auch sein eigenes Wasser, die 
Biela, welches jedoch nur dazu gut ist, um dem 
„Boten von der Biela" den Namen zu geben. Ein- 
mal vor Jahren, als der selige Pokorny, ein Humo- 
rist par cxcdlmcc, dessen gesammelte Schriften kurz 



C)Ä III Von Prag nach Toplitz 

nach seinem Tode unter dem Titel: „Bücher für 
Herz und Scherz" bei Haase in fünf Bänden er- 
schienen sind, ohne leider Verdientermassen recht 
durchzugreifen, Hauptmitarbeiter des „Boten von 
der Biela" war, wurde das Blatt selbst in Prag 
viel gelesen. 

Aus Brüx und Ooncurrenz sind in der letzten 
Zeit mehrere hervorragende Sänger hervorgegangen. 
Der Tenor der Wiener Hofoper, Walter, ist ein 
Biliner Kind, und Woworsky, der Berliner Tenor, 
ist ein Brüxer. Er hatte sich als Gymnasiast eines 
Tages beikommen lassen, seinen Professor, den Pia- 
risten - Pater Hyacinth, in Gang und Geberde 
nachzuahmen, und erhielt dafür das Consilium ab- 
euncli. Pater Hyacinth gab ihm den guten Kath mit 
auf den Weg, er möge Schauspieler werden, da er 
so grosses Imitations-Talent habe. Woworsky führte 
sich den guten Kath zu Gemüthe und lebt heute 
wohl besser, als wenn er die Beamten-Carriere er- 
griffen hätte, die mitunter ihre Jünger so kümmer- 
lich nährt. Zu Laube, dem bekannten Nordpolfahrer 
und dermaligen Professor an der deutschen Poly- 
technik, sagte derselbe Pater Hyacinth, als ihm der 
Schüler einmal Gelegenheit zur Unzufriedenheit gab: 
„Sie werden entweder ein grosser Taugenichts wer- 
den, oder ein grosses Genie!" 

Brüx zeichnet sich auch dadurch vor anderen 
böhmischen Städten aus, dass es hübsche, aus- 
gedehnte, die ganze Stadt umspannende Anlagen 
besitzt, die denen von Pilsen, das dreimal so viel 
Einwohner wie Brüx zählt, in nichts nachstehen. 
Auch Dienstmänner hat Brüx, und es ist auch schon 
von der Wohnungsnoth , dieser modernen Städte- 
calamität, die chronisch zu werden droht und epi- 



III. Von Prag nach Toplitz. Q£ 

deniisch auftritt, angekränkelt. Ein Zimmer mit Küche 
kostet schon in Brüx ungefähr dasselbe, was es in 
Prag und den besseren Wiener Vorstädten kostet: 
150 Gulden. 

Eigenthümlich ist der Dialect, den man in der 
Gegend von Brüx, Komotau und Kaaden spricht. 
Das echte Brüxer Kind sagt z. B.: „Ich will in 
einen kselchten Loten hineinheiroten", wenn es an- 
deuten will, dass es sich seine Existenz durch die 
Anheiratung einer Selcherstochter verbessern wolle. 
Eine Kaadener Hausfrau (sprich Koten statt Kaaden), 
welche ihr Dienstmädchen belehrte, dass sie nicht 
„sogen", sondern „sagen" sagen müsse, drückte sich, 
alsbald selbst in den gewöhnlichen Heimatsdialect 
zurückfallend, folgendermassen aus: „Mein liebes 
Kind, Du darfst nicht „sogen" sagen, Du musst 
„sagen" sogen". Bei Brüx fängt auch der „Nabel" 
an — das heisst, die Leute sprechen nicht mehr 
Nebel, sondern Nabel. 

Der Einsturz eines Kohlenschachtes in der 
unmittelbaren Nähe von Brüx hat vor einigen Jahren 
viel von sich reden gemacht, und es hiess anfäng- 
lich, dass ein guter Theil der Stadt gefährdet sei. 
Dies hat sich mm wohl als ein Märchen erwiesen, 
aber wie unterminirt und zerklüftet die ganze Gegend 
ist, das wird man besonders um Dux herum inne, 
welche Stadt als Mittelpunkt des Braunkohlen-Keviers 
seit einigen Jahren eine bedeutende Kolle spielt. 

Yor anderthalb Jahren ist der sogenannte Sprudel 
in Brüx an den Tag getreten, dessen Wasser den 
Emser Wassern ähnlich sein soll. Brüx strebt nun- 
mehr an, ein Curort zu werden. 

In Brüx lebt die Witwe des Dichters Hansgirg, 
der im Januar 1877 im besten Mannesalter in Joa- 



QQ III. Von Trag nach Teplitz 

chimsthal, wo er als Bezirkshauptmann fungirte, 
starb. Frau Hansgirg hat als Theodor Beinwald 
mehrere Bände Novellen veröffentlicht. 

In Dux brachte der berühmte Abenteurer 
Casanova als gräflich Waldstein'scher Bibliothekar 
seine letzten Lebensjahre zu. Den grössten Weltmann 
neuerer Zeiten, eine Mischung von Don Juan und 
Faust, nennt ihn Theodor Mundt, und Barthold hat 
in seinem 1845 erschienenen Buche : „Die geschicht- 
lichen Figuren Casanova's" nachgewiesen, dass Casa- 
nova in seinen Memoiren sich bezüglich des histo- 
rischen Materials, und alles dessen, was seinen Ver- 
kehr mit geschichtlichen Persönlichkeiten betrifft, der 
grössten Gewissenhaftigkeit beflissen habe. 

Im Duxer Archiv befindet sich der handschrift- 
liche Nachlass Casanova's. Er enthält zunächst Tau- 
sende von Briefen, die aus allen Städten der Welt 
datirt sind, denn überall hatte Casanova seine Corre- 
spondenten. Er erhielt Briefe aus Madrid, Mailand, 
Eom, Neapel und Florenz, wie aus kleineren Städten 
vom Caliber Landshuts, Augsburgs, Kegensburgs und 
Bayreuths. Kaunitz, Kobenzl, Zinzendorf correspon- 
dirten mit ihm, Elise von der Kecke schrieb ihm oft 
aus Teplitz, Lubomiersky aus Warschau, Graf Brühl 
aus Dresden. Seine Freunde berichteten ihm Alles 
wichtige — ein Augenzeuge schildert ihm die Hin- 
richtung des sechszehnten Ludwig, ein anderer die 
Besitzergreifung Venedigs durch den österreichischen 
Grafen Wallis. Zu letzterem Briefe macht Casanova 
die Glosso: „Dio Dorias und Fiescos wären wohl 
auch lieber Unterthanon Oesterreichs geworden als 
die einer meuchelmörderischen Canaille, die sie nur 
boraubon will". Unter der meuchelmörclerisehcn 
Canaille versteht er die Republikaner Frankreichs, 



III. Von Trag nach Teplitz. q»t 

die er hasst. Freilich hasst er eben so intensiv den 
Kaiser Josef, am schlechtesten ist er aber auf die 
Trias Voltaire, Mirabeau und Eobespierre zu sprechen. 
Von Letzterem sagt er wörtlich : dass er das franzö- 
sische Volk, welches ohnehin das unwissendste, fri- 
volste und grausamste aller Völker sei, vollends be- 
rauscht habe. In einer eigenen Abhandlung polemisirt 
er gegen Voltaire's Behauptung: dass man eine 
Sklavenseele haben müsse, wenn man das monarchi- 
sche Gouvernement dem demokratischen vorzöge. In 
einem Briefe an die Fürstin Clary bedauert er die 
Kurzsichtigkeit aller Jener, welche sagen, dass die 
Kevolution, die ganz Europa auf den Kopf stellen 
wird, wie sie in Frankreich das Unterste zum 
Obersten gekehrt habe, nothwendig gewesen sei. 

Neben der Correspondenz giebt es da Manuscript- 
massen, die alle erdenklichen Themata behandeln. 
Anlässlich der Theilung Polens schreibt er eine Ab- 
handlung, welche in den Worten gipfelt : Die Theilung 
Polens bedroht Dänemark, Schweden, Deutschland, 
Holland, die Schweiz, die italienischen Provinzen, ja 
ganz Europa. Die Sache Polens ist die aller Nationen, 
und ganz speciell die der Mächte zweiten Banges; 
diese müssen fühlen, dass, wenn sie sich nicht recht- 
zeitig conföderiren, um die Phalanx der Höfe von 
Wien, St. Petersburg und Berlin zu durchbrechen — 
„elles tomberent les unes apres les autres sous lejoug 
de ces trois puissances u . Neben der Geschichte inter- 
essirt er sich zumeist für Philosophie und Theologie 
und ein dickes Manuscript enthält zwölf Dialoge 
zwischen einem Philosophen und einem Theologen, 
in welchem sich (Dialog 9) folgende charakteristische 
Stelle vorfindet. Auf die Bemerkung des Theologen: 
dass, wenn die Christen nicht Wunder gewirkt hätten, 



QO III. Von Prag nach Teplitz. 

sie nie zu Grösse und Bedeutung gekommen wären, 
erwidert der Philosoph: „Wenn Sie doch wüssten, 
wie leicht es schlauen Leuten wird, Wunder zu 
verrichten!" 

In einem anderen Manuscript, das, statt in Ca- 
pitel, in Minuten eingetheilt ist, unterhält sich Ca- 
sanova mit Gott. Es ist „Der Traum" betitelt. Während 
diese Arbeiten in französischer Sprache geschrieben 
sind, sind andere, wie z. B. eine Abhandlung über 
den Schlaf und die Träume, in lateinischer Sprache 
abgefasst. Sechs Gesänge der Iliade sind in eben so 
vielen an Correcturen reichen Heften in's Italienische 
übertragen und mit einem Widmungsgedicht, das 
die Ueb er schrift trägt: „poeta se Cacsari commendat" 
versehen. Daneben finden sich Briefe über Grammatik, 
Sonetten an den Prinzen Anton von Sachsen, Geburts- 
tagsgedichte an Waldstein, Huldigungsgedichte an 
die Gräfin Clam-Gallas, die, wie das folgende, gar 
nicht übel sind.: 

„Dux, clans ton parc un temple solitaire 
Me montre un Dieu, qui defend le fracas. 
Je vois Ilarpocratc severe 
Qui de son doigt m'ordonne de me taire. 
II faut hrüler pour eile et soupirer las." 

Parallel mit diesen poetischen Schäckereien laufen 
Projecte für eine bei Warschau zu errichtende Seiden- 
fabrik, Abhandlungen über die Maulbeerzucht-Frage, 
Polemiken mit Buchhändlern, Behörden, Klöstern 
und Privatpersonen. Der Berliner Buchhändler Hirschl 
hat von Casanova's in der Prager Normal-Schulbuch- 
druckerei gedrucktem Roman: „Isoeameron" nicht 
viele Exemplare abgesetzt, weil ein Jenenser Recen- 
sent die etwas früher erschienene deutsche Ueber- 
setzung der ursprünglich in Prag in französischer 



III. Von Prag nach Teplitz. Qq 

Sprache ausgegebenen Beschreibung der Flucht aus 
den Bleikammern Venedigs heruntergemacht hatte. 
Der pikirte Autor setzt sich nun hin und überschüttet 
Buchhändler und Kritiker in zahllosen für den Druck 
bestimmten Abhandlungen mit einer Fülle von In- 
vectiven. Der Waldstein'sche Bediente Viderol hängt 
Casanova's Porträt an einen unsagbaren Ort. Casanova 
verfasst drei umfangreiche Klageschriften, die er bei 
dem zuständigen Gericht in Oberleutensdorf einreicht, 
und in welchen er zu folgender Schlussbitte gelangt : 
„Omnes famuli testantur, se vidisse effigiem meam 
super parietem internam latrinae affixam. Ut infamia 
non sit equivoca, Carolas Viderol, famulus comitis 
Waldstein, subscripsit nomen meum et eonfessus est, 
se illam exposuisse et hoc fecisse ad meae personae 
ludibrium. Hoc est diffamatio primi gradus. Peto a 
justitia ammadverswnem criminis a lege statutam u . 
Auch mit dem Waldstein'schen Arzte, O'Beilly, 
einem Irländer, biss er sich herum. Es existiren Hefte, 
welche alle von Casanova eigenhändig in seiner ge- 
wohnten Manier, in Folio, sehr compress, sehr deut- 
lich, ohne eingeschlagenen Band, geschrieben sind 
und humoristische Zwiegespräche mit O'Beilly nach 
dem Muster des folgenden enthalten: 

Casanova: Welchen Wein pflegen Sie zutrinken? 
O'Beilly : esterreicher. 

Casanova: Der Oesterreicher ist gerade gut, da- 
mit sich die Lombarden, Toscaner und Neapolitaner 
die Füsse mit ihm waschen. Ich halte es mit dem 
Bheinwein, der kostet freilich einen Gulden — Sie 
ziehen den Oesterreicher vor, weil er sieben Kraizar 
kostet ! 

O'Beilly : Glauben Sie, dass der Bheinwein, weil 
er theurer ist, auch besser sein muss? 



]QQ III. Von Prag nach Tenlitz. 

Casanova: Gewiss glaube ich das! Alles was 
gut ist, ist theuer, mein lieber Herr Doctor — bis 
auf die Frauen, bis auf die Köche, bis auf die Aerzte 
herab ! Sie aber sind ein Geizhals, der Niemandem 
einen „Kraizar" giebt. Ich aber gebe jedem Jungen, 
der mich lachend um einen „Kraizar" anspricht, deren 
zwei, denn ich liebe die Fröhlichkeit! 

Zuletzt krakehlte er auch noch mit den Geistlichen 
von Osseg, ja sogar mit den Bauern, die er Jakobiner 
nannte. Immer erbitterter wurde er, an Allem nahm 
er Anstoss, obwohl er sehr gut gehalten wurde, 
Diener, Wagen, Pferde und einen Koch zur Verfü- 
gung hatte. Aber wenn dieser die Polenta verdarb, 
wenn er an der gräflichen Tafel keine Erdbeeren 
bekam, weil die Vormänner zu rücksichtslos zuge- 
griffen hatten, wenn man ihm zur Fahrt nach Teplitz 
einen anderen Kutscher gab als den, an welchen er 
gewöhnt war, wenn in der Nacht die Hunde zu sehr 
bellten, wenn ihm der Graf nicht gleich Fremde vor- 
stellte, oder selbst wenn diese sein gebrochenes Deutsch 
nicht verstanden, dann konnte er wild werden wie 
ein Indianer, und lachte man über seinen Wuthaus- 
bruch, so war er mit dem Duell gleich bei der Hand. 
Dabei sah er in seinem seidenen, goldverbrämten, 
altfränkischen Kock, in seinen mit auffallenden 
Strumpfbändern gezierten Seidenstrümpfen und in 
seinem federgeschmückten Dreimaster spassig genug 
aus. So oft er sich mit dem Grafen überwarf, ver- 
liess er Dux bei Nacht und Nebel, kam jedoch 
bald zurück, da er überall trübe Erfahrungen 
machte. Man liess den komischen Alten allerorten 
antichambriren, und ward er irgendwo freundlich 
aufgenommen, wie in Weimar, so war er wieder 
auf Goethe und Wieland eifersüchtig. In Berlin 



III. Von Prag nach Teplitz. \01 

ärgerte er sich über die Juden, an welche ihn der 
Prinz de Ligne empfohlen hatte, und zog doch bei 
ihnen Wechsel auf den Grafen Waldstein, die dieser 
auch honorirte ; in Wien, wo er in einem langen engen 
Pelz auftauchte, den unteren Theil des Gesichtes mit 
einem rothen wollenen Tuch verbunden, das Haupt mit 
einer Pelzmütze bedeckt, den Orden vom goldenen 
Sporn, den ihm der Papst verliehen, auf der Brust, 
hausirte er mit Manuscripten und schimpfte so lange 
auf den Grafen Waldstein, bis ihm eines Tages der 
Buchhändler Degen sagte: der Graf sei in Wien und 
suche ihn. Waldstein bezahlte seine Schulden und 
nahm ihn wieder nach Dux mit. Dort starb er — wann, 
weiss Niemand genau, wie es scheint im Jahre 1798. 
In Dux lassen sie ihn erst 1811 gestorben sein. 
Das ist geradezu lächerlich. Niemand auch weiss, 
wo er begraben wurde. Sein Porträt hängt im Duxer 
Museum. Es ist in Prag bei Berka gestochen und 
trägt die Unterschrift: „Jacobus Hieronymus Chassa- 
neus, Venetus, anno aetatis suae 63. u Da Casanova 1725 
geboren wurde, so rührt es aus dem Jahre 1788. 
Das Motto, welches den Kopf des Mannes umgiebt, 
von welchem Fürst Ligne sagt: „er wäre schön, 
wenn er nicht unschön wäre, er ist gross gewachsen 
wie Hercules, sein Teint ist africanisch, seine Augen 
sprühen Geist, aber auch Erregtheit, Unruhe und 
Unwillen", lautet: 

„Altera nunc verum facies, me quaero, nee adsum: 
Non sum, qui fueram, non putor esse, fui. 

Wie es der Genussmensch Casanova in dieser 
kleinen Stadt ausgehalten hat, die noch heute we- 
nig Annehmlichkeiten bietet, ist mir ein Käthsel. 
Und heute ist Dux eine Grossstadt gegen 80, 



IQ 9 m. Vou Prag nach Teplitz. 

90 Jahre zurück ; denn es ist in den letzten 15 Jahren 
der Mittelpunkt einer grossartig betriebenen Kohlen- 
industrie geworden und beherbergt eine Menge 
Fabrikanten, Ingenieure und Techniker in seinen 
Mauern. Zu Casanova's Zeiten musste dort ein geradezu 
ertödtendes Stillleben geherrscht haben. In diesem 
sich wohlig und heimisch zu fühlen, musste einem 
Weltmanne von Casanova's Schlage ungemein schwer 
werden. Der Mann, der sich 40 Jahre hindurch an 
allen Höfen Europa's umhergetrieben, mit Fürsten, 
Staatsmännern, Sängerinnen und Tänzerinnen unun- 
terbrochen verkehrt, oft selbst in das politische Leben 
eingegriffen und zahllose Leute der verschiedensten 
Lebensstellungen wie Marionetten gelenkt hatte, 
sollte sich mit einem Male als Bibliothekar und 
Archivar in einem einsamen, von allem Weltverkehre 
abgewandten Schlosse zurechtfinden! Der Ahasver 
des Genusses , der die ganze Welt durchwandert 
hatte, sah sich plötzlich auf seine alten Tage an 
die Scholle gebunden — der fanatische Verehrer 
der Abwechslung, der an jedem Hofe, in jeder 
grösseren Stadt eine Geliebte gehabt, war darauf 
angewiesen, sich zwischen Oberleutensdorf, welche 
Herrschaft gleichfalls dem Grafen Waldstein ge- 
hörte, und Teplitz zu bewegen. 1200 Gulden Jahres- 
gehalt mussten dem Manne genügen, der mit Gold- 
machern in Verkehr gestanden und in seinem viel- 
bewegten Leben Hunderttausende vergeudet hatte. 
Wohl hatte der cidevant Lebemann sich schon lange 
nach einem Pensionswinkel gesehnt, aber dass ihn 
das Schicksal, nachdem es ihm so wohl gewollt, zum 
Schlüsse in die langweilige böhmische Kleinstadi 
verschlagen musste, das war doch zu grausam. Da 
hätte er doch als Professor an der Potsdamer Militär- 



III. Von Prag nach Teplitz. ] Qß 

akademie ein angenehmeres Leben geführt, und er 
mag es in Dux oft bedauert haben, dass er die ihm 
von Friedrich dem Grossen persönlich angebotene 
Stellung nicht angenommen habe. Ein Gutes freilich 
hatte der Aufenthalt in der monotonen Miniatur- 
stadt: Casanova hatte Zeit, seine Memoiren zu 
schreiben, die später so berühmt geworden sind. 

Die gräfliche Besitzerin von Dux ist ihres Ad- 
ministrationstalentes wegen berühmt. Durch glücklich 
inscenirte Verkäufe von Kohlenwerken hat sie Eiesen- 
summen — weit über eine Million — in die Cassen 
der Herrschaft gebracht. Dabei hat sie ein eigenes 
Talent, sich mit tüchtigen wirthschaftlichen Capaci- 
täten zu umgeben. Der kürzlich im besten Mannes- 
alter verstorbene Director Teuber war ein ausge- 
zeichneter Wirthschafter, und jetzt hat die Gräfin 
wieder eine gute Wahl getroffen, indem sie den 
Verwalter der bischöflich Leitmeritzer Güter zur 
Leitung des ausgedehnten Besitzstandes berufen hat. 
Die Wiege der Gräfin stand in einem Forsthause. 
In diesem lernte der Besitzer von Dux das schöne 
Mädchen kennen und machte es zu seiner Gemalin. 
Bald Witwe geworden, vermalte sich die Gräfin vor 
einigen Jahren zum zweiten Male, und zwar wieder 
mit einem Grafen Waldstein. 

Dux giebt auch ein eigenes charakteristisches 
Städtebild. Durch eine dorfartige Einleitung gelangt 
man auf einen grossen, regelmässigen Marktplatz, 
dessen Hauptfront die Kirche und das gräflich Wald- 
stein'sche Schloss bilden, an welches sich ein aus- 
gedehnter Park lehnt. 



IV. Teplitz-Schönau. 



^ 2g f. 




eplitz zeigt dem Besucher ein 
Doppelgesicht, denn es ist Bacle- 
und Industriestadt zugleich. Und 
daneben ist's auch eine Art böh- 
] misches Pensionopolis. Seine gün- 
\K I stige Centrallage zwischen zwei so grossen 
i Städten wie Prag und Dresden, seine rei- 
zende Umgebung, seine, trotz der die Stadt im 
Kreise umlagernden Industrie-Unternehmungen ge- 
sunde Luft, seine Sauberkeit und relative Billigkeit 
üben ihre Anziehungskraft auf Manchen aus, dem es 
um eine ruhige Niederlassung zu thun ist. Dazu 
kommt noch im Sommer das viele Grün, das sich 
tief in die Stadt hineinzieht und ihr ein so freund- 
liches Aussehen verleiht, dazu kommt im Winter 
die Annehmlichkeit, die ein grossstädtisch angeleg- 
tes neues Theater bietet. Keine zweite Stadt Böh- 
mens hat im letzten Decennium so viel für ihre 
Verschönerung gethan wie Teplitz, unter welchem 
Collectivnamen wir die Schwesterstädte Teplitz und 
Schema« verstehen, welche ja nur ein Bach trennt. 



IV. Teplitz-Schönau. |Q5 

Prächtige Badehäuser und Kurgärten sind so zu 
sagen aus dem Erdboden gestampft worden. Dabei 
hat die Stadt, welche heute schon mit landesfürst- 
lichen Steuern im Betrage von 150.000 Gulden be- 
lastet und genöthigt ist, einen fünfzigpercentigen 
Gemeindezuschlag einzuheben, auch das geistige 
Element nicht aus dem Auge gelassen und erst im 
Jahre 1876 ein Gymnasium begründet, das in einer 
comfortablen Villa oberhalb des S e um e- Parkes 
untergebracht ist. 

Wem es um ein gemüthliches Stillleben zu thun 
ist, dem winken Gärten, in welchen der Gambrinus- 
Cultus im Grossen betrieben wird (Leitmeritzer 
Bierhalle), dämmrige Weinstuben, in welchen man 
sich der stillen Beschaulichkeit hingeben kann, 
Stammkneipen, in welchen wohlthuende Geselligkeit 
herrscht. So lebt sich's selbst im Winter recht an- 
genehm in der dann still gewordenen Stadt, die 
auch insofern ihrer zwiespältigen Physiognomie treu 
bleibt, als sie auf der einen Seite eine compacte 
Häusermasse bildet, während sie sich auf der an- 
deren Seite in eine Yillenstadt auflöst. Der Bahn- 
hof der Aussig -Teplitzer Bahn liegt in der Mitte 
dieser beiden Bausysteme, rechts von ihm, wenn man 
der Stadt zugeht, drängt sich das alte Häuser-Chaos 
gruppirt sich Alt-Teplitz, links entwickelt sich die 
reizende neue Stadt mit ihren glänzenden Anlagen, den 
Gärten von Schönau, dem Curgarten, den Payer- 
Anlagen, dem Kaiserpark, dem Seume-Park, der an 
die Stelle des Kirchhofes getreten ist. 

Teplitz ist 221 Meter über dem Meere gelegen 
und hat eine gegen Norden geschützte Lage. Es 
besitzt zehn Thermen, von denen die Hälfte in der 
Stadt, die Hälfte in Schönau entspringen. Die 



]nß IV. Teplitz-Schönau. 

Wärme variirt von 21 bis 40y 2 ° R. Es sind sali- 
nisch- alkalische Quellen und in artkritischen Local- 
leiden, chronischen Rheumatismen, rheumatischer 
und anderer Neuralgie , bei Gicht , Lähmungen, 
scrophulosen Anschwellungen und Geschwüren, be- 
ginnenden Rückenmarksleiden, Folgeübeln von Ver- 
wundungen (Nachkrankheiten aus Schuss- und Hieb- 
wunden, Knochenbrüchen, Gelenkssteifigkeiten und 
Verkrümmungen) von bewährter Wirkung. 

Die alkalischen Quellen werden bekanntlich ein- 
geteilt in erdig-, salinisch- und muriatisch-alka- 
lische. Die Wirkung derselben erstreckt sich vor- 
züglich auf alle Schleimhäute, auf das Drüsen- und 
L} T mphsystem, auf die Nieren und äussere Haut. Sie 
führen die krankhaften Schleimabsonderungen auf 
das richtige Mass zurück, bringen Drüsengeschwülste 
zur Auflösung, verflüssigen das Blut, neutralisiren 
die Magensäure, wirken der sauren Steinbildung und 
dergleichen gichtischen Dyskrasie entgegen, regeln 
die Ausscheidungen der Haut und beruhigen das 
Nervensystem. Die erdig-alkalischen Quellen sind 
die mildesten, die salinisch-alkalischen (besonders 
Thermen) wirken weit mehr einschneidend, regen alle 
Functionen des Körpers beiweitem mehr an und 
sind namentlich sehr auflösend. 

Seit einigen Jahren wird das Teplitzer Wasser 
auch getrunken und kommt bei den Bädern auch 
die Anwendung des Mineralmoors zur Geltung. 

Dem in Teplitz ankommenden Curgaste giebt 
der Magistrat selbst folgende beherzigenswerthen Rath- 
schläge: Wenn der Hausarzt nicht bereits genaue 
Weisungen gegeben hat, in welchem Badehause der 
Patient die Bäder nehmen und wo er wohnen soll, 
so ist es angezeigt, bei der Ankunft auf einen Tag 



IV. Teplitz-Scbönau. |Q^ 

ein Hotel aufzusuchen, dann einen Badearzt zu con- 
sultiren und nach dessen Eathe eine entsprechende 
Wohnung im Badehause selbst oder in dessen Nähe 
in einem Privathause zu wählen. Die Curgäste werden 
vor den zudringlichen Anerbietungen unberufener 
Individuen und vor den eigennützigen Wohnungs- 
anträgen der Droschkenkutscher gewarnt, weil derart 
empfohlene und aufs Gerathewohl bezogene Logis 
nachträglich als unpassend wieder verlassen werden 
müssen, wodurch dem Curgäste unnöthige Kosten 
und Unannehmlichkeiten erwachsen. Die städtische 
Bade-Inspection in Teplitz ertheilt jede Auskunft in 
deutscher, englischer, französischer und polnischer 
Sprache. 

Die Sommer-Saison beginnt in Teplitz am 1. Mai 
und dauert bis Ende September, die Badeanstalten 
sind jedoch das ganze Jahr für Curgäste geöffnet 
und haben in der Winter- Saison ermässigte Preise. 
In Teplitz sind das Stadt-, Kaiser-, Stein- und 
Stefansbad, das Herrenhaus, das Fürsten- und Sofien- 
bad, in Schönau das Neu- und Schlangenbad situirt. 

Alle Badecabinete sind mit dem grösstenComfort 
eingerichtet und mit Badebecken in Marmor und 
Porzellan ausgestattet. In den Bade- Anstalten zu 
Teplitz, mit Ausnahme des Stein- und Stefansbades, 
werden auch den ganzen Winter hindurch geheizte 
Badecabinete und Wohnungen für Curgäste bereit 
gehalten. Das Stadtbad, Kaiserbad, Stein- und 
Stefansbad gehören der Gemeinde Teplitz, das Fürsten- 
bad, Herrenhaus und Neubad dem Fürsten Clary, 
das Schlangenbad der Gemeinde Schönau und das 
Sofienbad der israelitischen Cultusgemeinde. 

In der unter sanitätsbehördlicher Controle ste- 
henden städtischen Mineralwässer-Niederlage (Bade- 



108 



IV. Teplitz-Schönau. 



platz) und in den städtischen Trinkhallen im Cur- 
garten werden alle in- und ausländischen Mineral- 
wässer und Quellenproducte, sowie auch Milch und 
Molke verabreicht. Brunnenschriften und Quellen- 
Analysen werden unentgeltlich ausgegeben. Das 
Wasser der Urquelle, innerlich mit dem besten Er- 
folge angewendet bei chronischen Katarrhen der 
Luftwege und der Harnorgane, bei Neigung zur 




DAS THEATER IM CURGARTEN (TEPLITZ). 



Griesbildung und ganz besonders bei der Gicht, ist 
im Curgarten und im Stadtbade zum Trinken Jeder- 
mann unentgeltlich zugänglich. Die Versendung nach 
allen Orten geschieht durch die städtische Bäder- 
Inspection in Teplitz. 

Der Teplitzer Cursalon befindet sich am Cur- 
garten, anstossend an das überaus glänzende Kaiser- 
bad. Curgästo haben freien Eintritt in die vollständig 



IV. Teplitz-Schünau. J^t) 

renovirten zwei geräumigen Lesesalons, in welchen 
in- und ausländische Tagesblätter und andere Zeit- 
schriften in deutscher , englischer , französischer, 
polnischer, russischer, moldauischer und cechischer 
Sprache aufliegen. Auch ein Wünsche- und Be- 
schwerde-Buch findet man daselbst. Im Damen- 
salon steht ein Ciavier zur freien Benützung, im 
grossen Saale eine Anzähl Billards. 

Der Bädertarif ist folgender: d) ein Mineral- 
Wannenbad in den Vormittagsstunden bis 1 Uhr 
sammt Service 1 fl. , von 2 Uhr Nachmittags an 
sammt Service 50 kr.; — b) ein Mineral -Douche- 
bad in den Vormittagsstunden bis 1 Uhr Mittags 
1 fl. 30 kr., von 2 Uhr Nachmittags an sammt 
Service 90 kr.; — c) ein Moorbad in den Vor- 
mittagsstunden bis 1 Uhr, einschliesslich des Keini- 
gungsbades und Service 2 fl. 50 kr., von 2 Uhr 
Nachmittags an, einschliesslich des Keinigungsbades 
und Service 1 fl. 60 kr.; — d) eine örtliche An- 
wendung des Mineralmoores (Fussbad, Handbad, 
Umschlag) einschliesslich Abwaschung und Service 
80 kr. Wird nach örtlicher Moor - Anwendung ein 
Mineral- Wannenbad genommen, so wird dasselbe 
tarifmässig berechnet. Die Benützung eines Bade- 
mantels kostet 15 kr., eines Leintuches 10 kr., eines 
Handtuches 5 kr., die Beheizung der Badeloge 10 kr., 
das Wärmen der Badewäsche 10 kr. Den Bade- 
bediensteten ist die Inanspruchnahme eines Trink- 
geldes bei sofortiger Entlassung verboten. Im Winter 
kostet ein Mineral- Wannenbad des Morgens 50 kr., 
Nachmittags 25 kr. 

Die Cur- und Musik-Taxe beziffert sich in der 
I. Classe für 1 Person mit 9 fl., für 2 Personen mit 15 fl., 
für 3 Personen mit 21 fl., für 4 Personen mit 27 fl. 



|| Q IV. Tcplitz-Schönau. 

— In der IL Classe für i Person mit 6 fl., für 

2 Personen mit 10 fl., für 3 Personen mit 14 fl., 
für 4 Personen mit 18 fl. — In der III. Classe für 
1 Person 4 fl., für 2 Personen mit 5 fl. 50 kr., für 

3 Personen mit 7 fl., für 4 Personen mit 8 fl. 50 kr. 

— Tn der IV. Classe für 1 Person mit 1 fl. 50 kr., 
für 2 Personen mit 3 fl. , für 3 Personen mit 

4 fl. 50 kr., für 4 Personen mit 6 fl. 

Teplitz hat folgende Badeärzte : Kichter, Höriug, 
Willigk, Seiche, Eberle, Ficker, Kraus, Hirsch, 
Delhaes, Heller, Eichler, Lustig, Musil, Baumeister 
(Stadtphysikus) , Müller, Treutier, Karmin, Kezek, 
Radnik, Löwy, v. Krajewski, Mikoläs, v. Rutkowski, 
Langstein, Samuel j\ 

Dann fun<nren ebenda folgende Wundärzte: 
Gersuny, Knaur (Stadtwimdarzt), Walther, Stein. 

Ueber Teplitz - Schönau existirt nachstehende 
Literatur: Dr. Richter: The thermal Springs of T. 

— Dr. Eberle: Die Thermen von T. S. und die 
gleichzeitige Anwendung der Elektricität in den 
exsudativen Krankheitsformen. — Dr. Seiche: Beob- 
achtungen über die Heilwirkungen der Quellen und 
Moorbäder zu T. S. — Dr. Delhaes: Die Thermen 
und Moorbäder von T. S. — Dr. Dnehaes : Die Wirkungen 
der Thermalquellen und Moorbäder zu T. S. — 
Dr. Kraus: Die Thermen von T. S. in ihrem Ver- 
halten zu mehreren Krankheiten des Urogenital- 
Systems. — Dr. Eberle: Kritische Bemerkungen 
über den Gebrauch der Bäder zu T. S. — Dr. Hirsch : 
T. S. Sein Einfluss bei Hautkrankheiten und den 
späteren Formen der Syphilis. — Dr. Seiche: Der 
innere Gebrauch der Urquelle. — Dr. Rezek: Balneo- 
logische Beobachtungen über luetische Krankheiten. 

— Dr. Lustig : Die Heilkraft der indifferenten Thor- 



IV. Teplitz-Schönan. 



111 



men von T. S. — Dr. Friedenthal: Der Curort 
T. S. in Böhmen, topographisch und medicinisch 
dargestellt. 

In Teplitz giebt es folgende landesfürstliche 
Behörden: die k. k. Bezirkshanptrnannschaft, Markt- 
platz 26; das k. k. Postamt, Schlossplatz 2; das 
k. k. Telegrafenamt, Waisenhausgasse 4a; das 
k. k. Hauptzollamt, Schlossplatz 14. 

Die Communal-Behörde (der Magistrat, oder das 
Bürgermeisteramt) befindet sich Sparcassa-Gebäude, 
Marktplatz 1 ; das Bureau des städtischen Bäder- 
Inspectors N. Marischier, Central-Leitung für Kaiser- 
bad, Stadtbad, Stein- und Stefansbad, Cursalon, 
städtische Mineralwasser-Niederlage und Trinkhallen, 
Lindenstrasse „zum Telegrafen". 

Die Lohnwagen haben folgenden Tarif (incl. 
Trinkgeld) : 



A. Fahrten innerhalb Teplitz- 
Schönau: 

a) für eine Stunde 

b) für eine halbe Stunde 

c) zum oder vom Aussig-Teplitzer Bahnhof 
mit Handgepäck 

d) zum oder vom Aussig-Teplitzer Bahnhof 
mit Koffer und Handgepäck 

e) zum oder vom Dux-Bodenbacher Bahnhof 
mit oder ohne Gepäck 

f) auf den Friedhof und zurück 

g) auf die Königshöhe 

h) nach dem Turner Park 



Zwei- 
spänn. 



Ein- 
spann. 



fl. Ikr. 



fl. kr. 



112 



IV. Teplitz-Schimau. 



i) für jede andere Fahrt innerhalb Teplitz- 
Schünau 

ä:) bis zum Thore am Fusse des Schlossberges 

Anmerkung: zu c, il, c. In der Nacht, d. i. im 
Sommer von 10 Uhr Abends bis 5 Uhr Früh und 
im Winter von 8 Uhr Abends bis 7 Uhr Früh, ist 
die doppelte Taxe zu bezahlen ; zu g, h. Wenn die 
Gelegenheit dort wartet und sodann zur Rück- 
fahrt verwendet wird, so tritt die Entlohnung 
nach der Zeit (« und h) ein. 



B. Nac h der weiteren U m g e b u n g : 

a) nach der Bergschänke 

h) „ Probstau .- 

c) „ der Fasanerie 

d) „ dem Mückenberg 

e) „ Kostenblat 

f) „ Pilkau am Fusse des Mileschauer 

Berges 

9) » Dux 

h) „ Bilin zum Sauerbrunn 

; , Bilin und über Dux zurück 

i) „ Ossegg 

k) „ Klostergrab 

I) „ Mariaschein 

m) „ Graupen 

n) „ Graupen über Probstau zurück . . 

o) „ Eichwald und Doppelburg 

p) „ Eichwald und zum Schweissjäger 

q) „ Eichwald (leer zurück) 



Zwei- 
spänn. 



50 



50 



50 



50 



Fahrten über die gewöhnlichen Anhaltsplützo 
oder nach anderen hier nicht erwähnten Punkten sind 
dem freien Ueboreinkommen überlassen. Wird für 
eine der sub B angeführten Touren der Wagen 



IV. Teplitz-Sckönau. \\'S 

Vormittags benützt und findet die Rückfahrt nicht 
bis 1 Uhr statt, so ist eine weitere Aufzahlung 
nach der Zeit zu leisten. 

Kollwagenführer haben folgenden Tarif, doch 
muss der Kollwagen besonders gemiethet werden: 

a) eine Stunde . . . -30 kr. öt W. 

b) vom oder zum Aussig - Teplitzer 

Bahnhof 30 „ „ 

c) vom oder zum Dux- Bodenbacher 

Bahnhof 50 ,, „ 

Omnibusse verkehren von und zu den Bahnhöfen 
und nach Eichwald; zu den Bahnhöfen kostet die 
Fahrt pro Person 25, nach Eichwald 45 kr. 

Hotels ersten Kanges in Teplitz sind : Hotel Post, 
König vonPreussen. Stadt London. — Zweiten Ranges : 
Kronprinz Rudolf, schwarzes Ross, altes Rathhaus. 
blauer Stern, preussischer Hof; in Schönau: Hotel 
Neptun. Die Preise der Zimmer in den Hotels be- 
tragen zwischen 1 und 3 fl. per Tag. 



"a 



Von Restaurationen sind in Teplitz empfehlens- 
wert]! : AViegand's Pension und Hotel, Hotel Post, 
fürstlich Clary'scher Gartensalon, König von Preussen, 
Stadt London, Leitmeritzer Bierhalle (schönes Garten- 
local), vorzügliche kalte Küche, Kaffee, Thee, Choco- 
lade etc. im städtischen Cursalon (Pächter Conditor 
Kastner); ferner die Restaurationen: Drei Rosen am 
Stefansplatz, Fischer's Restaurant zur „Wailburg-, 
Czapek's „Germania", schwarzes Lamm. In Schönau 
vorzügliche Restaurationen im Hotel Neptun, Hotel 
Habsburg und Hermannsburg; auch im Schönauer 
Casino-Locale. 



l yr, IV. Teplitz-Schönau. 

Wein- und Frühstückstuben in Teplitz: Fleck 
(Lange Gasse), Fiala (Lindenstrasse), Schick (Bade- 
platz), Karl (Lindenstrasse), Hanel (Graupnergasse). 

Conditoreien : Kästner (Cursalon) , Zinia (Cur- 
garten), Müller (Schlossplatz) , Pokorny (Steinbad- 
gasse). 

Privatwohnungen bieten in erster Reihe die 
Badeanstalten (Kaiserbad, Stadtbad, Steinbad, Herren- 
haus, Neubad (Schönau), dann die elegante Villa 
Augusta (Eigenthum des Herrn Günner, ehemaligen 
Secretärs des Kaisers Max von Mexico) ; ferner findet 
man hübsche Privatwohnungen in den meisten 
Häusern der Lindenstrasse und Steinbadgasse, des 
Badeplatzes, der Schönauer Badegasse und in der 
Giselastrasse. Die Preise betragen zwischen 5 bis 
15 fl. pro Zimmer und per Woche; indessen giebt 
es auch hochfeine Zimmer (im Kaiserbad u. a. 0.), 
die mit 15 — 25 fl. vermiethet werden. Teplitz zählt 
im Ganzen 820, Schönau 210 Häuser. 

Der Preis des Kaffee's beträgt durchschnittlich 
20 kr. 

Das Teplitzer Bade-Orchester , in der Stärke 
von 36 Mann und unter der Leitung des Musikdirectors 
Peters (eines gebornen Pragers), concertirt täglich 
des Morgens von 7 — V 2 9 Uhr im Curparke, Mittags 
von 11 — 1 Uhr im Schlossparke und Montag und 
Freitag Nachmittags von 5 — 7 Uhr im Curgarten (bei 
ungünstigem Wetter im Cursalon). In Schönau con- 
certirt heuer die Musikcapelle des Regiments „ König 
von -Hannover" (im Vorjahre „Herzog von Württem- 
berg-') in einer Stärke von 40 Mann, und zwar 
Mittwoch und Samstag Nachmittags von 5 — 7 Uhr, 
Dienstag und Sonntag Früh von ! / t 9 — 10 Uhr. 
Gegen Entree concertirt die Militärcapelle noch 



IV. Teplitz-Schönau. 115 

ausserdem am Freitag Abend im Hotel Neptun, 
am Dienstag Nachmittags vor dem Clary'schen Garten- 
salon und zumeist an den Nachmittagen der Sonn- 
und Feiertage in der Restauration des Turner- 
Parkes. 

Das Stadttheater giebt täglich Vorstellungen, 
Oper, Schauspiel, Lustspiel. Sommer- Abonnements 
werden vom 1. Mai bis 31. August täglich für 
20 Vorstellungen ausgegeben. Hierfür werden 75°/ 
der kleinen Preise berechnet und ist der Betrag für 
20 Vorstellungen in vorhinein zu entrichten. Die 
Abonnementskarten haben bei aufgehobenem Abonne- 
ment keine Giftigkeit. 

Teplitz hat zwei wohleingerichtete Buchhand- 
lungen und zwei gut redigirte Journale : den Teplitz- 
Schönauer Anzeiger (Redacteur Bloch) und die 
Teplitzer Zeitung (Redacteur Schors). 

Die Zahl der Spaziergänge in und um Teplitz 
und der Ausflüge, die man von den Schwester- 
städten aus unternehmen kann, ist Legion. 

In Teplitz selbst promenirt sich's angenehm 
im C u r g a r t e n , wo man so recht im Mittelpunkte 
des Bades sich befindet und einen schönen Blick 
auf das Theater und das Kaiserbad hat. Das Monu- 
ment der Hygiäa ist zur Feier des elfhundertjährigen 
Jubiläums von Teplitz (1862) errichtet worden. 
Dann befindet sich daselbst eine meteorologische 
Säule, eine Colonnade und der Pavillon für die Ur- 
quelle des Stadtbades. Vom Curgarten gelangt man 
den Seume-Park entlang zu den am Fusse des 
Mont de Ligne gelegenen Payer -Anlagen, nach 
dem Nordpolfahrer Payer so genannt. Im Seume- 
Park, dem ehemaligen Kirchhofe, ist das Grab des 
berühmten Spaziergängers nach Syrakus unversehrt 



\\ß IV. Teplitz-Sehüuau. 

auf dem alten Platze geblieben. Seurne ruht unter 
einer Eiche, die Stadt will ihm ein glänzendes Denk- 
mal errichten und hat dieserhalb folgenden von 
literarischen Sommitäten unterzeichneten Aufruf er- 
lassen: 

Ein Denkmal für Seume! 

Im stillen Schatten einer knorrigen Eiche im 
Seume-Park zu Teplitz ruht das edle deutsche Herz 
unseres unvergesslichen Dichters Johann Gottfried 
Seume. 

Kaum wird er selbst je ein prächtigeres Grab- 
mal gewünscht haben; aber in unserer Zeit, in 
welcher Stein und Erz aller Orten sich vereinen, 
um Zeugniss abzulegen von dem Danke des deutschen 
Volkes für seine grossen Männer, darf auch das 
Gedächtniss an den „Spaziergänger nach Syrakus" 
nicht länger nur im leisen Plustern der Eichen- 
zweige leben. 

Wo Seume am 13. Juni 1810 zur Kühe ge- 
gangen nach langer beschwerlicher Pilgerfahrt, dort 
soll ein würdiges Denkmal seinen Namen späteren 
Geschlechtern überliefern, als ein Zeichen, dass das 
deutsche Volk auch diesen Vorkämpfer für Recht 
und Licht im treuen Gedächtniss behalten. 

Schon ist in Teplitz ein kleiner Fond von mehr 
denn 1000 Gulden für diesen Zweck gesammelt; 
möge nun das deutsche Volk, das zu jedem edlen 
Werke so gern bereit ist, das echt nationale Unter- 
nehmen durch fernere Beiträge fördern helfen. 

Sendungen nimmt im Namen der Unterzeich- 
neten entgegen der Magistrat der Badeanstalt 
Teplitz in Böhmen und wird seiner Zeit über diese 



IV. Teplitz-Schönau. j | ^ 

Spenden öffentlich quittirt und über deren Verwen- 
dung weiterer Bericht erstattet werden. 

Prof. Dr. L. C. Aegidi (Berlin) ; Hermann 
Allmers (Bechtenfleth bei Bremen) ; Prof. Heinrich 
Bank (Graz); A. E.Brachvogel (Berlin); Dr. Julius 
Eckardt (Hamburg) ; Julius Gundling [Lucian Her- 
bert] (Prag); Prof. Kobert Hamerling (Graz); 
Karl von Holtei (Breslau); Prof. Dr. Gus. K. Laube 
(Prag) ; Dr. Heinr. Laube (Wien) ; Dr. Alfred Meiss- 
ner (Bregenz) : Albertus von Ohlendorff (Hamburg) ; 
Dr. C. A. Preller (Hamburg) ; Prof. Dr. K. Th. Kich- 
ter (Prag) ; Dr. Jos. Yictor von Scheffel (Karlsruhe) ; 
Geheimer Hofrath Ludwig Schneider (Potsdam) ; Prof. 
Dr. Anton H. Springer (Leipzig) ; Prof. Fried. Theod. 
Yischer (Stuttgart). 

In Eolge dieses Aufrufes sind schon namhafte 
Summen eingegangen. Der deutsche Kaiser gab 200, 
ein Hamburger Kaufmann 100 Mark, die Schrift- 
stellerin Kosa Pontini (Constanze Monter) in Pran- 
zensbad 20 Mark. 

Yon den Payer-Anlagen aus kann man den Mont 
de Ligne besteigen, der eine schöne Aussicht bietet 
und eine gute Kestauration hat. Ihm zu Püssen 
dehnen sich zwischen Teplitz und Schönau längs 
der Steinbadgasse die Humboldts-Anlagen hin, 
die wieder den Kaiser park (die neuen Anlagen 
zwischen Teplitz und Schönau) zur reizenden Nach- 
barschaft haben. 

Einen herrlichen Spaziergang im Weichbilde 
der Stadt bildet der fürstlich Clary'sche Schloss- 
park mit seinen abwechslungsvollen Baumpartien, 
seinen schwane durchfurchten Weihern und seinem 
reizenden Blumenflor. Wer Einsamkeit liebt, kann 
sich hier auf wenig begangene Pfade zurückziehen, 



]10 IV. Teplitz-Scliünau 

während der Gesellige in den Hauptalleen immer 
viel Welt und zu den Stunden, wo die Capelle spielt, 
ein Gewoge geputzter Spaziergänger findet, durch 
welches man sich oft schwer hindurchzuwinden 
vermag. Vor dem Musik-Pavillon kann man Platz 
nehmen, kann Erfrischungen zu sich nehmen und 
im Garten-Salon um 1 Uhr Table d'höte speisen. 

AVer ein wenig steigen und dabei Teplitz aus 
der Vogelperspective sehen will, kann die Königs- 
höhe besteigen . wo die Eestauration Bellavista. 
dann die Belvedere-Kestauration zum Ausruhen ein- 
laden und in der abenteuerlich aussehenden Schlacken- 
burg eine Camera obscura winkt. 

Zu den Spaziergängen innerhalb des Stadt- 
rayons gehört auch der schattenreiche Turner- 
park mit einer namentlich an Sonntagen viel- 
besuchten Eestauration. In der Xähe desselben ist 
heuer eine Schwimmschule eröffnet worden und 
Teplitz hat jetzt auch, was ihm bisher fehlte, kalte 
Bäder. 

Nun wollen wir die Spaziergänge erwähnen, 
die eine Viertel- oder halbe Stunde von Teplitz 
entfernt sind. Da ist in erster Linie der Schloss- 
berg, den man in 20 Minuten erreicht und der 
prachtvolle Aussichtspunkte bietet. Droben sind 
Ruinen und Restauration. Xusspflanzungen ziehen 
sich längs den ihn umkreisenden Wegen hin. Ein 
reizender Bergspaziergang ist die Stefanshöhe 
hinter Schönau. Die eine halbe Stunde entfernte 
Fasanerie bietet gleichfalls eine schöne Aussicht 
und hat eine vielbesuchte Restauration, Vorzüge, 
die sie mit dem Bergschlösschen theilt , von 
welchem man Teplitz und das Erzgebirge zu über- 
blicken vermag. 



IV. Tcplitz-Schöiiau. \1$ 

Wir kommen nun zu den Ausflügen, die eine 
Stunde Weges, von Teplitz-Schönau ab gerechnet, 
in Anspruch nehmen. Da ist gleich hinter dem eben 
berührten Bergschlös sehen die Helms ruhe mit 
malerischer Aussicht, dann Dux, dessen wir im 
vorigen Abschnitte ausführlich gedacht haben, weiter 
Kremusch mit einem schönen Schlosse und einer 
brillanten Aussicht vom Lavafels Teufelsmauer, 
dann Maria schein, die Jesuiten-Niederlassung 
mit ihrer Wallfahrtskirche und ihrem Kreuzgange, 
endlich der herrliche Wildpark P r o b s t a u hinter 
Turn. 

Partien, die zu bewältigen man eine bis zwei 
Stunden benöthigt, sind folgende: Bilin, das wir 
in einem späteren Abschnitte genauer in's Auge 
fassen werden, Doppelburg mit einem abwechs- 
lungsvollen, echt poetischen Thiergarten, wo die 
Rehe bis dicht an die Kaffeetische herankommen, 
Eichwald, dessen gleichfalls in einem späteren 
Abschnitte eingehender Erwähnung gethan werden 
wird, mit dem Forsthause zum Schweissjäger, die 
Geiersburg (bei Mariaschein) mit ihren Euinen. 
die eine weite Fernsicht über Teplitz und das Thal 
bietet, weil sie höher liegt als der Schlossberg, 
endlich die alte Bergstadt Graupen, die aus einer 
einzigen steil aufsteigenden Strasse besteht, in deren 
Mitte eine berühmte Kirche sich befindet, auf deren 
Chor eine Gruppe von etwa 20 Figuren in Lebens- 
grösse und voll Lebenswahrheit sich entwickelt, 
Christus darstellend . wie er vor Pilatus steht , mit 
dem Anhange von Klägern, hohem Priester u. s. w. 
Dicht bei Graupen liegt reizend die Wilhelms- 
höhe und Rosenburg, letztere mit einer Ruine, 
beide mit Restauration und imposanten Fernsichten. 



] 9 IV. Teplitz-Schonau. 

Auch das am Fusse des Erzgebirges gelegene 
Klostergrab bietet von seiner Restauration eine 
Aussicht, die 60 Ortschaften umspannt. Kosten, 
welches eben so weit von Teplitz entfernt ist (andert- 
halb Stunden), hat ein Jagdschloss und einen Thier- 
garten. Auf das zwei Stunden entfernte Osse gg mit 
der nahen Euine Eiesenburg werden wir im zweitnäch- 
sten Abschnitte noch zu sprechen kommen. Schwaz 
hat einen schönen Schlosspark und den sogenannten 
Parapluieberg, das zwei Stunden von Teplitz ent- 
fernte Stadiz ein Premysliden-Denkmal und eine 
Försterei. 

Schliesslich sei auch noch jener Ausflüge Er- 
wähnung gethan, an die man mehr als 2 Stunden 
wenden muss, um den Zielpunkt zu erreichen. "Da 
ist zunächst das dritthalb Stunden von Teplitz ent- 
fernte Arbesan (Kulm) mit seinen an die August- 
tage 1813 mahnenden Schlachten-Denkmälern, dann 
das ebenso weit entfernte Kostenblatt mit seiner 
Bergruine, von der sich ein prächtiges Panorama 
über das Egerthal bis Kaaden hin entrollt. Drei 
Stunden von Teplitz entfernt ist das M ticke n- 
thürmchen, von dessen 805 m über dem Meeres- 
spiegel gelegenen Restauration (sehr gut) man eine 
grossartige, bis Dresden reichende Fernsicht hat. 
Man kann über Graupen, in dessen Nähe im Dorfe 
Weisskirchlitz der Pfarrer Hassak lebt, dessen archäo- 
logische Sammlungen einen Weltruf haben, bis zum 
Mückentliürmchen fahren und daselbst auch ebenso 
wie auf dem gleichfalls drei Stunden von Teplitz 
entfernten Mileschauer übernachten. Dieser ist nur 
ll m höher als das Mückentliürmchen, bietet aber 
eine noch grossartigere Fernsicht. 800 m hoch über 
dem Meere steht man übrigens auch, wenn man 



IV. Tcplitz-Schönau. 221 

am hohen S c h n e e b e r g , von welchem im nächsten 
Abschnitte noch die Rede sein wird, den Aussichts- 
turm besteigt. Nach dem Schneeberg hat man genau 
so weit (annähernd 5 Stunden) wie nach der bei 
Aussig gelegenen Ruine Schreckenstein, die 
eine schöne Fernsicht über die Elbe und das Elbe- 
thal bietet. Endlich sei noch der sogenannten 
Tissaer Wände, eines Felsenlabyrinthes , dessen 
Durchwanderung an Seite eines Führers sich wohl 
lohnt, gedacht. 



V. Bodenbach-Dittersbacli. 




m von Teplitz nach Bodenbach zu 
gelangen, hat man die Wahl zwi- 
schen zwei Wegen : der eine führt 
über Aussig, der andere geht längs 
des Gebirges über Eulau und 
Königswalde, und man hat es da 
mit einer Art Semmeringbahn zu thun. 
Leider ist der Bahnhof derselben von Tep- 
litz ziemlich entlegen und nur auf einer 
steil aufsteigenden staubigen Chaussee zu erreichen. 
Aber die herrliche Fahrt lohnt das kleine Opfer 
königlich. Freilich gehört auch die Fahrt von Aussig 
nach Tetschen zu den angenehmsten. Die Elbe-Ufer 
bieten auf dieser kaum drei Meilen langen Strecke 
dem Auge eine prachtvolle Scenerie dar, und die 
vielgerühmte Strecke Tetschen-Pirna hält mit der 
Ober-Elbe nicht den Vergleich aus. Die Ufergelände 
der sogenannten sächsischen Schweiz sind jetzt 
nichts als ungeheure Steinbrüche, und das vom Wald 
entblösste, nackte, blendend weisse Gestein bietet 
einen peinlichen Anblick dar. Von Aussig bis Tet- 
schen dagegen giebt es in ununterbrochener, reizen- 



V. Bodenbach-Dittersbach. 1*?3 

der, abwechslungsvoller Folge bewaldete Hügel und 
Berge, frischgrüne Matten, Obstanlagen, Weinberge, 
alte Schlösser und moderne Herrenhäuser. Diese 
Gegend erscheint noch viel zu wenig gewürdigt. 

Das Schloss Tetschen präsentirt sich auf steiler 
Höhe etwas klosterhaft. Es enthält eine werthvolle 
Bibliothek und ein nettes Theater, in welchem oft 
Wohlthätigkeits - Vorstellungen unter Mitwirkung 
guter und künstlerischer Kräfte aus Prag stattfinden. 

In den letzten Jahren pflegt sich die ehemalige 
Naive der Prager deutschen Bühne um diese Vor- 
stellungen verdient zu machen. Als Schauspielerin 
hiess sie Caroline Seitler, jetzt ist sie als Gattin 
des Hauptmanns Münzberg in Tetschen ansässig, 
und zieht in ihrem reizenden Garten Edelweiss, 
Alpenrosen und wirkliche Bösen, die nicht 'leicht an 
einem anderen Orte so massenhaft zu Hause sind 
wie in Tetschen, wo namentlich im Schlossgarten 
der Kunstgärtner Jost, der auf einer Jagd von einem 
Eisenbahnbeamten zufällig erschossen wurde, einen 
Bosenflor schuf, der weit und breit nicht seines 
Gleichen hat. 

Tetschen ist mit Bodenbach durch eine zier- 
liche Kettenbrücke verbunden, die vor 20 Jahren 
erbaut wurde. Seither sind in der Gegend noch zwei 
massive Eisenbahnbrücken entstanden, denn in Tetschen 
Bodenbach laufen nicht weniger als vier Bahnen 
zusammen: die Staatsbahn, die Dux- Bodenbacher, 
die Böhmische Nordbahn und die Oesterreichische 
Nordwestbahn. Die Bahnhöfe der beiden letzteren 
liegen in Tetschen und jener der Nordwestbahn ist 
mit einem grossen Luxus gebaut und in Dimensionen 
gehalten, die eine Zeit anticipiren, welche vielleicht 
in fünfzig Jahren kommen wird. 



124 



V. Bodenbacb-Dittersbach. 



Das Hauptquartier der Fremden in Bodenbacri 
ist das Badhötel, dessen stattliehe, dem Fluss zu- 
gewandte Front und rosenbesetzte Terasse wohl 
Jedem aufgefallen sein wird, der nur einmal, zu 
Schiff oder im Dampfwagen, Bodenbach passirte. 
Aus dem Badhotel hat man einen prächtigen Blick auf 




BODENBACH. 



die Elbe, auf die Stadt Tetschen, auf die Berge and 
die sie krönenden Wälder. Man ist daselbst auch 
vortrefflich aufgehoben, da die Kost nichts zu wün- 
schen übrig las st. 

Zw den Bequemlichkeiten, die der Aufenthalt im 
BadhOtel bietet, gehört auch, dass gewisse Züge sowohl 



V. Bodenbacli-Dittersbach. 



125 



in der Kichtung nach als von Dresden, unmittelbar 
yor dem Gasthofe halten. Darin zeigt sieh nun 
wieder das Entgegenkommen der sächsischen Bahn- 
verwaltung. Ungemein spassig macht es sich, dass 
die Fenster des Hotels im ersten Stock grüne, im 
zweiten blaue Bordeaux haben. Wenn an sonnigen 
Tagen diese zwanzig blauen und dito grünen Rouleaus 
herausgesteckt sind, gewährt das farbenbunte Ueber- 
einander einen seltsamen Anblick. Sonst verkehren 
die Fremden auch in Stark's Pension und in den 
zwanzig bis dreissig mitunter recht zierlichen Land- 
häusern, welche die beiden Stromufer garniren. Der 
Tourist hält sich an das grosse, dem Bahnhofe 
gegenüber gelegene Posthotel, dessen Küche ganz 
vorzüglich ist. Dies Hotel gewährte einst einen 
prächtigen Fernblick, den ein Bahndamm jetzt illu- 
sorisch gemacht hat. Ehe die Bahn da war und den 
Badeort Bodenbach zeugte, ging eine schöne Linden- 
allee von Kosawitz, dem Tetschner Hafen, bis zu der 
Stelle, wo heute das Badhotel steht. 

Tetschen hat in den letzten Jahren einen fast 
noch grossartigeren Aufschwung genommen als Boden- 
bach. Ton dem alten Stadtkern zieht sich eine ele- 
gante, breite, mit Bäumen bepflanzte Vülenstrasse 
bis zum Xordwestbahnhof. Der Fremde ist in Tetschen 
sehr gut aufgehoben und hat die Wahl zwischen 
fünf, sechs guten und billigen Gasthöfen. Ob er in 
Ulrichs neuem, glänzenden Hotel am Elbe-Ufer oder 
in dem eleganten gleichfalls am Flusse gelegenen 
Dampfschiffhutel Quartier nimmt, oder ob er in- 
mitten der Stadt beim Engel, beim Stern, in der 
Krone oder in der Stadt Prag logirt. er ist überall 
wohl untergebracht, wohnt und speist überall billig 
und gut. 



126 



V. Bodenbach-Dittcrdbach. 



Bodenbach-Tetschen hat herrliche Spaziergänge. 
In Tetschen kann man auf wohlgepflegten Wegen 
den bewaldeten Qnaderberg besteigen, nach der ro- 
mantischen Laube schlucht pilgern, in Bodenbach sind 
das Spitzhütel, die poetischen Weimuthskiefern, der 
einsame Baum, der Forellenteich beliebte nahe Aus- 
flugspunkte. Wer vor einer weiteren Tour nicht zu- 
rückschreckt, dem winkt der hohe Schneeberg, auf 
welchem sich eine gute Restauration und ein Aus- 
sichtsturm befindet. Die Restauration, in welcher 
man auch übernachten kann, ist eine Dependenz 
des Bodenbacher Posthötels und wird von dem Bruder 
des Wirthes im Posthotel bewirthschaftet. Wer zu 
bequem ist, den Aufstieg auf den Schneeberg, der 
durch den prächtigsten Wald führt, zu Fuss zu 
bewerkstelligen, kann in Bodenbach einen Wagen 
miethen (er wird allerdings für denselben zehn Gulden 
bezahlen müssen) und die Partie nach dem Schnee- 
berg mit einem Ausfluge in die Schweiz er mühle 
combiniren. In diesem Falle thut man gut, zuerst 
nach der bereits in Sachsen gelegenen Schweizer- 
mühle zu fahren, weil man daselbst an der Table 
d'hote für zwei Mark recht gut speist. Das in einer 
Art von Sandsteinfelsen eingerahmter Schlucht ro- 
mantisch gelegene Bad Schweizermühle hat glänzende, 
gartenumschlossene Landhäuser und anmuthige Spa- 
ziergänge, von denen wohl der reizendste derjenige 
ist, der sich am Waldessaum längs des murmelnden 
Baches hinzieht. Die Felsen nehmen stellenweise 
romantische Gestaltungen an, wenn diese auch nicht 
mit den abenteuerlichen Formationen, welche die 
Tissaer Wände darbieten, einen Vergleich auszuhalten 
vermögen. In den Tissaer Wänden, die vom Schnee- 
berg nur eine Stunde entfernt sind, hüte man sich, 



V. Bodenbacli-Dittersbach. 



127 



dem buckligen Führer durch Dick und Dünn zu 
folgen. Er liebt es, stärkere Leute durch enge Felsen- 
spalten zu führen, die er ganz gut unigehen könnte. 

Yon der Schweizermühle zurückfahrend, verlässt 
man, kaum dass man die böhmische Grenze wieder 
überschritten hat, bei einem primitiven Wirthshause, 
das etwas seitab von der Hauptstrasse liegt, den 
Wagen und beginnt den Aufstieg nach dem Schnee- 
berg, der von dieser Seite bequem zu besteigen ist. 
In vierzig Minuten hat man den höchsten Punkt 
erreicht, nachdem man den grössten Theil des guten 
Weges im Schatten des Waldes zurückgelegt hat. 

Bodenbach hat ein Eisenbad und als weitere 
Annehmlichkeit ein Flussbad mit einer Schwimm- 
schule, dicht neben dem neuen Hotel Ulrich. Man 
kann hier auf einer Fähre von einem Ufer zum 
anderen übersetzen. 

Im Sommer herrscht namentlich in Bodenbach 
ein sehr reges Leben. Die Villen und Hotels sind 
dicht besetzt und es ist eine distinguirte Gesellschaft, 
die sich da alljährlich zusammenfindet. Der Ex- 
Minister Hasner, der berühmte Kunsthistoriker 
Springer, die Professoren Waller, Maschka gehören 
zu den Stammgästen von Bodenbach, wo auch die 
Gräfinnen Waldstein den Sommer in ihrer schönen 
Villa zuzubringen pflegen. Der berühmte Frauenarzt 
Professor Breisky, ehemals in Bern, jetzt in Prag, hat 
sich auch eine Villa in Bodenbach erbaut. Die be- 
kanntesten Aerzte in Tetschen-Bodenbach sind der 
vielbeschäftigte Dr. Spielmann, der herrschaftliche 
Arzt Dr. Biedermann, Verfasser mehrerer philoso- 
phischer Werke, Dr. Steinhauser, Bürgermeister von 
Tetschen, und Dr. Guggenberg, welcher dem Ver- 
nehmen nach die Gründung einer Kaltwasser-Heil- 



128 



V. Bodenbach-Dittorsbach. 



austalt in Bodenback beabsichtigt, zu welcher das 
Wasser vorn Kehlborn zugeleitet werden dürfte. 

Eine ganz kleinstädtische Einrichtung ist die 
Marken-Controle, die auf der Kettenbrücke eingeführt 
ist, welche Bodenbach mit Tetschen verbindet. Da 
bekommt man eine scharfkantige, blecherne, schmutzige 
Marke in die Hand gedrückt und muss sie die Brücke 
hinübertragen und drüben abgeben. Ohne Marke 
kann man nicht passiren und es soll schon vorge- 
kommen sein, dass ein Unglücklicher, der seine 
Blechmarke verloren hatte, Tage lang verzweiflungs- 
voll auf der Brücke umherirrte — ein ewiger 
Brückenjude, der nicht zur Kühe kommen konnte, 
bis er seine Marke gefunden. 

In unmittelbarer Xähe von Tetschen erheben 
sich die Fabriksgebäude des Spinners Münzberg, 
und hinter dieser Fabrik liegt die höhere Ackerbau- 
schule von Liebwerd, die vom Lande subventionirt 
wird. 

In Tetschen befindet man sich an der Schwelle 
der böhmischen Schweiz, von welcher annähernd 
dasselbe gilt, was ich oben über die Stromstrecke 
Aussig-Tetschen sagte. Alles beläuft die sächsische 
Schweiz, und in der sogenannten böhmischen stösst 
man bei jedem Schritte auf Schönheiten, die denen 
der sächsischen Collegin nichts nachgeben. Wie reizend 
ist die Fahrt von Tetschen nach Dittersbach, wie 
idyllisch dieses letztere! Weltvergessen kann man 
es nennen — wer einige Tage in der stillsten Zu- 
rückgezogenheit und dabei von einer prächtigen 
Natur umgeben, verleben will, der gehe nach Ditters- 
bach, wo er in dem neuen Hotel (bis vor kurzem 
gehörte es einem Herrn Günther, der es jedoch 
verkaufte), von dem aus man einen schönen Blick 



V. Bodenbach-Dittersbach. 



129 



auf die Dittersbach im Halbbogen umgebenden 
Sandsteinfelsen hat, recht behaglich untergebracht 
sein wird. Auch in dem alten Gasthause ist es gut. 
Yon Dittersbach führt ein prächtiger Weg nach 
Herrenskretschen, wo wieder das romantische Ed- 
mundsthal lockt. Gott erhalte den Bächen, welche 
die lieblichen Thäler der böhmischen Schweiz durch- 
rauschen, noch lange ihre Forellen, und den Leuten, 
welche diese Thäler bewohnen, ihre Gemüthlichkeit. 
Von Herrenskretschen steigt man auf etwas 
steilem "Wege zum Prebischthor empor, auf dessen 
Höhe man sich im Herzen der sächsischen Schweiz 
befindet und einen unbegrenzten Blick auf roman- 
tisches Waldland hat. Von Herrenskretschen auch 
erreicht man zu Schiff in einer halben Stunde strom- 
aufwärts das noch im Böhmen gelegene Nieder- 
grund, wo man im Sommer in herrlicher Gegend 
eben so angenehm als wohlfeil leben kann, und 
stromabwärts in derselben Zeit das reizend an der 
Elbe gelegene sächsische Bad Seh and au, in dessen 
Ufergasthöfen (Forsthans, Deutsches Haus, Dampf- 
schiff-Hotel u. s. w.) man sehr gut aufgehoben ist. 
Von Schandau führt der Weg am Bache entlang 
durch liebliches Gelände dem Kuhstall zu. Eine 
prächtige Partie ist auch die nach der Bastei, die 
zu Wagen nur einen Nachmittag beansprucht. Man 
zahlt für einen bequemen Landauer 4 bis 5 Thaler. 



VI. Eichwald. Bilin. Ossegg. Geltscli- 
berg. Mscheno. 





B| rei Viertelstunden von Teplitz entfernt 
Jp^ liegt der Curort Eich wald, in einer 
, i§$W^ r f\ enggezogenen, gegen die höchste Höhe 
W i *' ' des Erzgebirgskammes anstrebenden 
f Thalschlucht, durch welche sich die Strasse 
zur Bergstadt Zinnwald in mannigfaltigen Windungen 
hinzieht. Die Thalschlucht ist gegen Süden voll- 
ständig, gegen Osten theilweise geöffnet und wird 
von einem starken Gebirgsbach durchflössen. 

Die östlichen Abhänge des Gebirges sind mit 
Laubholz, die nördlichen und westlichen mit Nadel- 
hölzern bestockt und mehrfach von üppigen Berg- 
wiesen unterbrochen. Die untere Thalschlucht, durch 
welche sich das Dorf Eich wald mit seinen netten 
Häusern aufwärts zieht, wird östlich begrenzt vom 
Mühlberg, westlich von dem gegen den Urgebirgs- 
stock sich bescheiden zurückziehenden Rehberg. 

Eichwald ist einer der anmuthigsten Aufent- 
haltsorte. 

Hat man schon am Eingange der Thalschlm-ht 
an einzelnen Höhepunkten eine überraschende Aus- 



VI. Eichwald. Bilin. Ossegg. Geltschberg. Msctteno. 131 

sieht auf das durch Bergkoppen und hügeliges Ge- 
lände ausgezeichnete Mittelgebirge, so gewinnt diese 
bei weiterem Fortschreiten noch an Schönheit durch 
den glücklichen Wechsel von bebauten Fluren, Seen 
und Wäldern, die in weiter Ausdehnung sich hinziehen. 
Den höchsten Reiz bieten jedoch die herrlichen 
Scenerien, von den verschiedenen Punkten der Vor- 
gebirge gesehen, und insbesondere vom Rande des 
Hochplateau's, wo überdies ein Fernblick nach Alten- 
berg (Sachsen), ja bis gegen Dresden hin sich er- 
öffnet. 

Als Begründer des Curortes Eichwald kann 
Hofrath Löschner betrachtet werden. Dieser fühlte 
sich in den Jahren, wo er der beschäftigteste Arzt 
Prags war, eines Tages durch Ueberanstrengung 
nervös so herabgestimmt, dass ihm nichts übrig 
blieb, als dem Troubel der Hauptstadt den Rücken 
zu kehren und für die über der Sorge für das 
physische Wohlergehen Anderer nur zu sehr ver- 
nachlässigte eigene Gesundheit etwas zu thun. Er 
floh in die böhmischen Wälder. Damals lockten sie 
noch so schön in der Nähe von Teplitz und der 
berühmte Arzt quartierte sich inmitten derselben in 
einem Forsthause ein, das ihm so geringen Comfort 
bot, dass er seine Matratze und seine Betten nach- 
kommen lassen musste. Aber trotz der Einsamkeit 
des gewählten Aufenthaltes und der Primitivität der 
Verpflegung fand Löschner in den herrlichen Wäldern 
von Eichwald, was er dort gesucht : Erholung und 
Auffrischung. Er wurde ein beredter Lobredner der 
Gegend und auf sein Wort hin siedelten sich Städter __ 
in Eichwald an, bauten daselbst Tillen, denen sich 
mit der Zeit, wie das nun so geht, Wirthshäuser 
zugesellten, und ehe zehn Jahre ms Land gingen, 

9* 



132 



VI. Eictiwald. Bilin. Ossegg. Geltscbberg. Mscheno. 



war Eichwald ein vielbesuchter Luftcurort geworden. 
Seinen Waldcharakter hat es noch in seinen höheren 
Regionen festgehalten, in Obereichwald lebt man 
noch immer sozusagen im Walde, während der 
untere, Teplitz zugewandte Theil leider schon im 
Banne der Industrie steht. Ts dunkel' s Syderolith- 
Fabrik speit hier ihren Bauch aus. 




KALTWASSER-HEILAHSTALT IN EICHWALD. 



Am nördlichen Ende des Ortes, hart am Walde, 
hat Dr. Brecher eine Kaltwasser -Heilanstalt an- 
gelegt, die sich eines guten Bufes und lebhaften 
Besuches erfreut. Die Anstalt liegt am Fusse eines 
in die Höhe steigenden bewaldeten Bergrückens, mit 
der Fronte nach Süden, nach welcher Seite auch der 
\\ '"bnzimmer und der Speisesaal gelegen sind, während 
die Badelocalitäten und die Einpackzimmer in der 



VI. Eichwald. Bilin. Ossegg. Geltschberg. Mscheno. 133 

hinteren, dem Walde zugekehrten Fronte sich be- 
finden. Es bestehen für Herren und Damen geson- 
derte Badelocale und Einpackzimmer. Die Anstalt 
ist derart situirt, dass die Curmachenden aus der 
Anstalt unmittelbar in den Wald gelangen und nach 
allen Kichtungen hin ihre Promenaden ausdehnen 
können. Jeder Baderaum enthält ein permanentes mit 
Cement ausgekleidetes Vollbad, eine Anzahl Halb- 
bad- und Sitzbadwannen und alle Arten temperir- 
barer Douchen. Für den Gebrauch aller von dem 
ordinirenden Arzte angeordneten Bäder, Einpackun- 
gen u. s. w., einschliesslich der Badebedienuug, ist 
ein Preis von 6 fl. wöchentlich festgesetzt. Das ärzt- 
liche Honorar ist hierin jedoch natürlich nicht mit- 
begriffen. Der Preis für ein einfaches Keinigungsbad 
beträgt 70 kr., ein Dutzend Bäder im Abonnement 
kosten 7 fl. 

In der Anstalt selbst befinden sich blos eine 
beschränkte Zahl comfortabel eingerichteter Zimmer. 
In der unmittelbaren Nähe jedoch giebt es eine ge- 
nügende Zahl von Wohnungen zu dem Preise von 
5 — 12 fl. per Woche. Der Preis für die vollständige 
Verpflegung beträgt wöchentlich für Erwachsene 
14 fl., mit Fleischspeise am Abend 15 fl., für Kinder 
von 6 — 12 Jahren 11 fl., für Kinder unter 6 Jahren 
9 fl. Bei ausschliesslicher Milch- oder vegetabilischer 
Diät, ebenso bei Entziehungscuren tritt eine ent- 
sprechende Preisermässigung ein. Besucher der Graste 
können an der gemeinschaftlichen Tafel theilnehmen 
und zahlen für ein Mittagmahl an der Table d'höte 
1 fl. 60 kr. 

Hotels giebt es in Eichwald zwei, und zwar: 
,,zur Dankbarkeit" und „zur Waldesruhe". Die 
Zimmerpreise variiren zwischen 5 und 10 fl. wöchent- 



1S4 ^ *' Aichwald. Bilin. Ossegg. Geltschberg. Mscheno. 

lieh; ausser diesen ist noch eine sehr besuchte 
Eestauration im „Waldschlösschen". 

Die Curtaxe beträgt 2 fl. für die ganze Zeit 
des Aufenthaltes. 

Die Verbindung mit Teplitz ist durch drei 
regelmässig verkehrende Omnibusse hergestellt. Der 
vom Hotel Waldesruhe abgehende verkehrt für die 
Eichwalder am zweckmässigsten und ermöglicht auch 
den Theaterbesuch in Teplitz, da er um 6 Uhr ab- 
geht und nach Theaterschluss die letzte Fahrt nach 
Eichwald macht. Ausserdem giebt es eine grössere 
Zahl ein- und zweispänniger Fuhrwerke. Auf den 
Bahnhöfen der Aussig-Teplitzer und Dux- Boden- 
bacher Bahn der Station Teplitz finden sich zur 
Beförderung der Gäste nach Eichwald sowohl Omni- 
busse als Einspänner in genügender Anzahl. 

Zu den Vorzügen Eichwalds gehören ausser 
dem nahen an Spaziergängen so reichen Walde ein 
ausgezeichnetes klares Gebirgswasser und eine ozon- 
reiche Luft. 

Ungefähr doppelt so weit wie Eichwald ist 
Bilin von Teplitz entfernt. Man erreicht es von 
Teplitz aus per Achse in zwei Stunden, mit der 
Bahn in nicht ganz einer Stunde. Das niedliche 
Städtchen leitet seinen Namen von den Bilinen, 
einem eechoslavischen Stamme her, der sich zu 
Ende des fünften Jahrhunderts hier an den Ge- 
staden der sanft dahingleitenden Biela ansiedelte. 
Fünfhundert Jahre nach dieser Einwanderimg der 
Slaven spielte der Biliner Zupan Prskosch eine zwei- 
deutige Rolle, indem er dem 1040 bis Brüx vor- 
gedrungenen deutschen Heere Vorschub leistete. Im 
Jahre 1248 schenkte der von den Klerikalen beein- 
flusste König Wenzel Bilin seinem Günstling Oger 



VI. Eichwald. Bilin. Ossegg. Geltschberg. Mscheno. 



135 



von Friedberg. Die Stadt Bilin wird von dem 
stattlichen Schlosse überragt, welches dem Fürsten 
Lobkowitz gehört und auch in ähnlichem Style 
sich präsentirt wie das Schloss der Lobkowitze in 
Kaudnitz. Dem Fürsten Lobkowitz gehört auch der 
Biliner Sauerbrunn, von welchem schon vor 30 Jahren 
200.000 Krüge jährlich versendet wurden. Heute 




US BILINER SAUERBRUNN 



geht wohl eine Million Grlasflaschen in die Welt. 
'Ein bequemer Fahrweg führt in zwanzig Minuten 
langsamen Gehens zu dem malerisch inmitten 
eines Haines gelegenen S a u e r b r u n n, der bis zum 
vorigen Jahre nur von unansehnlichen Gebäuden ein- 
gerahmt war. Xunmehr hat der Fürst mit einem Auf- 
wände von 150.000 Gulden ein grossartiges Cur haus 



] oa VI. Eichwald. Bilin. Ossegg. Geltschberg. Mscheno. 

erbaut, welches glänzend eingerichtet ist (in jedem 
Zimmer steht ein kostbarer Meissener Ofen) und sich 
einer herrlichen Lage erfreut. Man hat, wenn man aus 
den Fenstern des Curhauses hinaussieht, das eine grosse 
Terasse , im Souterrain Bäder und im Parterre einen 
geräumigen Lese- und Conversations-Saal besitzt, den 
wunderbar geformten Berg Borschen vor sich, dessen 
abenteuerliches Zickzack das Staunen des Beschauers 
erregt. Grossartig ausgeführte Anlagen umgeben das 
Cur-Palais, das ganz gut in Interlaken oder am Vier- 
waldstätter See stehen könnte, so imposant und com- 
fortabel tritt es Einem entgegen ■ — nur lebt man 
daselbst um die Hälfte wohlfeiler als im schweizerischen 
Hotel. Das schönste und bestgelegene Zimmer des 
Hauses kostet nur 1 2 Gulden, ein kleineres, eben so 
gut gelegenes 6 Gulden wöchentlich. Und eben so 
massig sind die Preise der Speisen. Das Beefsteak 
kostet beispielsweise 45 Kreuzer. Unter so günstigen 
Verhältnissen kann man dem jüngsten Curorte Böhmens 
bezüglich der Frequenz wohl ein gutes Prognostikon 
stellen. 

In weniger als zwei Stunden gelangt man von 
Bilin, welches von den Stationen zweier Bahnen um- 
geben ist (sogar eine dritte Station Sauerbrunn 
giebt es, dicht vor dem neuen Curhause), über Dux 
nach Ossegg, einem modernen Luftcurorte. Das 
Cistercienserstift Ossegg (1199 durch Slawko von 
Kiesenburg gestiftet, an welchen noch heute die 
romantisch auf bewaldetem Hügel gelegene Kuine 
Biesenburg erinnert) versah das Kommotauer Gym- 
nasium mit Professoren und der gegenwärtige Stifts- 
abt war selbst ehedem Lehrer in Kommotau. Das 
Stift hat grossartige Dimensionen und einen aus- 
gedehnten, abwechslungsvollen Park, der prächtige 



VI. Eichwald. Bilin. Ossegg. Geltschberg. Mscheno. ^37 

Fernsichten aufweist. Ich habe in diesem Parke kürz- 
lich eine rührende Scene erlebt. Auf einem Punkte, 
von welchem aus man eine grossartige Aussicht hat, 
unterhielt ich mich mit einem Cistercienser, der auch 
früher Gynmasial-Professor in Kommotau gewesen war. 
Auf derselben Bank, die wir einnahmen, sass ein 
alter Mann, der sich in's Gespräch mischte und über 
die reizvolle Gegend gründlich orientirt schien. Mit 
der Hand nach rechts und links ausfahrend, nannte 
er jeden Berg, jeden sichtbaren Ort, und erhob sich 
zuletzt, um noch anschaulicher die Gegend zu schildern. 
Da sah ich, dass er blind war. Seit einigen Jahren 
erblindet, war er ehemals Führer gewesen und hatte 
den Fremden tausend- und tausendmal die Schön- 
heiten der Gegend erklärt, die er nun immer noch 
mit geistigem Auge sah. Ossegg hat eine gute Bestau- 
ration und in den Villen (Yilla Bödl, Pillat, Schmieder 
u. s. w.) kann man bequem Unterkunft finden. 

Auf dem Kirchhof von Ossegg liegt der Prinz 
de Sachse begraben, der sich bei Ossegg mit dem 
Prinzen Louis Ferdinand von Preussen, mit dem er 
bei einem Balle im Teplitzer Cursaale einer Dame 
wegen einen Wortwechsel gehabt, schlug, und in 
dem Zweikampfe blieb (1811). Dicht bei Ossegg ist 
die berühmte elf hundertjährige Eiche, die schon die 
Heerzüge der Meissener sah. Leider fehlt ihr die 
Krone und ihr Biesenstamm ist ausgehöhlt. Kürzlich 
fiel ein Knabe in diesen hohlen Stamm und war 
nicht im Stande herauszukriechen. Ein Weib, das 
zufällig des Weges kam, hörte das Winseln des 
Knaben, bekreuzte sich und verbreitete in der 
Nachbarschaft die Kunde, dass in der Nähe der 
Eiche Gespenster umgingen. Ungläubige näherten 
sich der Eiche und hörten das Wimmern, das aus 



138 VI ' Eichvv ' ald ' Bilin. Ossegg. Geltschberg. Mscheno. 

dem Innern derselben herausdrang. Muthiger und 
vorurtheilsloser als das Weib, recognoscirten sie die 
Eiche und entdeckten im Innern derselben den 
Knaben, dem wunderbarerweise die Schlangen, welche 
in dem vom Blitzstrahle zerrissenen Stamme nisten, 
kein Leid angethan hatten. 

Im Rayon von Teplitz liegen noch zwei andere 
kleine Bäder, Geltschberg und Mscheno. Geltschberg 
kann man von Leitmeritz in dritthalb Stunden, von 
Aussig in anderthalb Stunden (eine Viertelstunde 
Bahnfahrt bis zur Station Nesterschitz, dann fünf 
Viertelstunden per Achse) erreichen. Von Prag aus 
lässt sich als die kürzeste Route die vom Franz 
Josef -Bahnhofe ausgehende und über Wsetat nach 
Polep führende bezeichnen. Polep ist eine Station 
der Oesterreichischen Nordwestbahn. Das Postamt 
Auscha stellt auf Tags vorher zu machende Bestel- 
lung Wagen zur Fahrt nach Geltschberg in die 
Station Polep, wo Wagen nicht stets zu erhalten 
sind. Uebrigens kann man auch von Prag aus, und 
zwar ebenfalls vom Franz Josef- Bahnhofe nach 
Leitmeritz fahren, wo stets Wagen im „Hotel Hirsch 1 ' 
und ,,Hötel Krebs" zu haben sind. Auch gehen 
täglich Gesellschaftswagen von Leitmeritz nach Auscha. 
Von Dresden fährt man mit der Staatsbahn nach 
Nesterschitz oder mit der Nordwestbahn nach Gross- 
Priesen, wohin man ebenfalls Wagen von Auscha 
bestellen kann. 

Das dem Curorte nächste Telegraphenamt ist 
in Auscha. Die Briefpost kommt täglich zweimal im 
Curorte an und geht zweimal täglich ab. 

Geltschberg selbst liegt am Waldsaume des 
südöstlichen Abhanges des 719 Meter hohen Geltsch, 
inmitten einer lieblich romantischen Thalbucht des 



Vf. Eichwald. Bilin. Ossegg. Geltschberg. Mscheno. 



139 



Mittelgebirges. Waldbedeckte Bergrücken umgeben 
es in einem Bogen von Südwest nach Nordost, so 
dass das Thal einem gegen Süden offenen Amphi- 
theater gleicht, dessen malerischen Hintergund die 
bergumrahmte Auschaer Kesselebene bildet und 
dessen Yentilirung vortheilhaft durch eine sanfte, 




GEL 



LaonDLnu. 



vom Gebirge in die Ebene niedersteigende Luft- 
strömung unablässig vor sich geht. Diese Strömung 
wirkt erfrischend, macht die grössten Sommerhitzen 
leicht erträglich und erhält das Thal nebelfrei und 
rein von Miasmen. Der Boden ist durchlässig 
und staubfrei; den Untergrund bildet Phonolith 
mit geringer Bedeckung von Quadersandstein; die 



1 jV f) VI. Eichwald. Bilin. Ossegg. Geltscliberg. Mscheno. 

Saisontemperatur beträgt im Durchschnitte 17° C. 
(13-6° K.), die Höhe über dem Meeresspiegel 396 Meter 
(257 Meter über den Bahnhof Leitmeritz); rechnet 
man zu dieser beträchtlichen Höhe die reine gewürz- 
hafte Waldluft der den Curort umgebenden, stunden- 
weit ausgedehnten Waldungen, den heiteren durch- 
sichtigen Himmel über der von der Fab riks -Industrie 
gänzlich verschonten Landschaft, mit ihren roman- 
tischen und idyllischen, leicht zugänglichen Partien, 
so ergeben sich die Vorzüge des Bades Geltscliberg 
von selbst. 

Die in der waldigen Umgebung dem Phonolith 
entspringenden krystallhellen Quellen haben wegen 
ihrer Reichhaltigkeit den Ruf Geltschbergs als 
Wasserheilanstalt seit Jahrzehnten begründet. 
Das Wasser hat im höchsten Sommer eine Tempe- 
ratur von -f- 7 bis 9° C. 

Eine salinische Eisenquelle — etwa 3 Centi- 
gramm Ferrocarbonat in 1000 Gramm Wasser — 
macht Geltscliberg auch zu Stahlbrunnen - Curen 
geeignet. 

Zur Vornahme elektrischer Curen besitzt 
die Anstalt Stöhrer's eine grosse transportable 
Plattenbatterie mit 30 Elementen und einen elek- 
trischen Inductions-Apparat. 

Die Anstalt besitzt zur Aufnahme der Gäste 
drei Curgebäude, welche in den Parkanlagen un- 
mittelbar am Walde liegen und an 50 sonnige 
Zimmer und einen grossen Cursaal enthalten. 

(Preise für eine Woche: Ein Zimmer, je nach 
Lage, Grösse und Einrichtung. 3 fl. bis 14 0. Jedes 
weitere Bett 2 fl. Zimmerbedienung bei Zimmern 
über 5 fl. — 70 kr. ; bei den übrigen 50 kr. ; Cur- 



VI". Eichwald. Bilin. Ossegg. Geltschberg. Mscheno. 141 

kost 13 fl., für Kinder unter 10 Jahren 8 fl. Die 
Kost besteht a) ans einem Frühstücke : frisch ge- 
molkene süsse Milch, saure Milch, Butter, Semmeln 
oder Schwarzbrot; b) Mittagessen: Suppe und drei Ge- 
richte, Sonntag vier Gerichte; c) Abendessen wie das 
Frühstück. Kaffee zum Frühstück und Fleischspeisen 
Abends werden gegen entsprechende Nachzahlung' 
verabreicht. Dienerschaft per Person 7 fl. 

Bädertaxe: Für den Gebrauch der Bäder und 
Douchen wöchentlich 3 fl. Für den Badediener direct 
1 fl. 50 kr. Jeder Curgast besitzt seine eigenen 
Baderequisiten, wer selbe nicht mitbringt, kann sie 
in der Anstalt: die Kotze mit 12 bis 16 fl., ein 
Leintuch von 3 bis 4 fl. ; Leibbinde mit 1 fl. 30 kr. 
beziehen. 

Zeitungsbeitrag 30 kr. Jeder Gast, welcher sich 
über 'eine Woche aufhält, zahlt einen Verschöne- 
rungsbeitrag von 3 fl., welcher bei Familien er- 
mässigt wird.) 

Ausflüge in die Umgebung : Nähere : Geltsch auf 
die Platte, 71 99 Meter hoch, mit herrlicher Bund- 
sicht bis auf den Weissen Berg bei Prag. Maistein 
und Kerbe am Geltschberge. Geltschhäuser westlich 
dieses Berges. Hutzke, Kalter Brunn, Buchenbrunn, 
Eingelbrunn mit erfrischenden Trinkquellen. Bichter- 
stein, Gretchensruhe, Dorf Gügel mit weiten Fern- 
sichten. Entferntere : Ploschkowitz, kaiserliches Lust- 
schloss mit Park. Liebeschitz, Schloss mit Park. 
Stadt Auscha. Klein-Priesen an der Elbe. Zinken- 
stein, mit unvergleichlich schöner Aussicht. Boden- 
bach. Tetschen. Konoged mit Schloss und schöner 
Kirche. Euine Ehon am Ehonberge. Prachtvolle 
Euine Hradek. Triebsch und Kelchberg. 



1 A9 VI. Eichwald. Bilin. Ossegg. Geltschberg. Mscheno. 

In der Stadt Levin, in deren Markung der 
Curort liegt, ist die katholische, in Haber, f / 2 Stunde 
weit, eine protestantische Kirche; in Auscha, eine 
Stunde weit, ein israelitischer Tempel. 

Die besten Tage sah Geltschberg in den Jahren, 
wo Meier dort das Scepter führte. Nach dessen 
Tode wechselten die Aerzte zu oft, als dass sich 
feste Zustände hätten begründen können. Eine Zeit- 
lang ordinirte dort sogar ein Doctor der Kechte 
aus Dresden. Die Unterhandlungen mit dem streb- 
samen und mit den Fortschritten der medicmischen 
Wissenschaft schritthaltenden Prager Arzte Emanuel 
Kapper, der Geltschberg pachten wollte, zerschlugen 
sich. Im Sommer 1877 war daselbst Dr. Medall, 
ein junger Arzt, der die Sache sehr ernst nahm 
und den Curort sichtlich zu heben bemüht war, 
ordinirender Arzt. Gegenwärtig fungirt daselbst 
Dr. Euda als Badearzt. Das Bad gehört dem Statt- 
haltereirath Ritter von Kromen, der daran stossende 
schöne Wald dem Herrschaftsbesitzer von Schroll. 

Das kleine Bad M s c h e n o ist von Leitmeritz 
fast eben so weit entfernt wie Geltschberg, nur muss 
man, um es zu erreichen, eine entgegengesetzte 
Eichtung (gegen Budin) einschlagen. 



VII. Von Teplitz bis Karlsbad und 
Franzensbad. 



fpon Teplitz gelangt man mit dem 
gewöhnlichen Zuge in fünfthalb, 
mit dem Courierzuge in drei 
Stunden nach Karlsbad und von 
da an in fünf Viertelstunden 
nach Franzensbad. Ehe wir uns 
mit diesen beiden einander so nahegelegenen 
Weltbädern befassen, wollen wir die Auf- 
merksamkeit des Lesers auf die interessanten 
Orte lenken, die man unterwegs streift. Mit Brüx 
haben wir uns bereits eingehender beschäftigt. Eine 
sehr rege deutsche Stadt ist Kommota u. 

Komniotau ist nur drei Meilen von Saaz ent- 
fernt, und auf halbem Wege zwischen beiden blü- 
henden Orten liegt jenes Priesen, von welchem die 
Priesen-Pilsener Bahn ihren Namen führt. In einer 
Länge von 110 Kilometern zieht sich diese Bahn 
in fast gerader Linie von Priesen gegen Pilsen, 
unterwegs Metternich's Herrschaft Plass streifend. 
und dann in einer gleichfalls nahezu geraden Linie 
gegen Eisenstein hin ihre Fortsetzung findend, welche 




1 hh VII. Von Teplitz bis Karlsbad und Franzensbad. 

auch 100 Kilometer lang sein mag und namhafte 
Orte, wie z. B. Klattau, berührt. Kommotau hat wie 
Saaz, von welcher Stadt schon in einem früheren 
Abschnitte die Rede war, eine reiche historische 
Vergangenheit hinter sich. Im Jahre 1421 sah Saaz 
das grosse Reichsheer vor seinen Mauern, welche 
demselben jedoch tapferen Widerstand leisteten, so 
dass es sich ganz zerstreute, als ihm König Sigmund 
nicht zu Hilfe kam, hingegen 2izka seinen Anmarsch 
bewerkstelligte. Vierhundert Jahre früher (1004) war 
Saaz, das damals eine polnische Besatzung hatte, 
vom deutschen König Heinrich IL belagert worden, 
doch öffneten damals die Einwohner Heinrich die 
Thore und metzelten Boleslaw Chrobri's Polen nieder. 
Als Ferdinand I. auf seinem Zuge gegen den Kur- 
fürsten von Sachsen vor Saaz erschien, wollte ihn 
dieses nur unter der Bedingung aufnehmen, dass er 
blos mit dreissig Reitern einzöge. Dies verzieh Fer- 
dinand der Stadt nicht und nahm ihr, nachdem er 
die Schlacht bei Mühlberg gewonnen hatte, 1547, 
alle Freiheiten, Waffen und Befestigungen. Achtzehn 
Jahre lang musste Saaz bei Tag und Nacht offen 
bleiben und erst Max gestattete der Bürgerschaft, 
1565, die Erbauung von Thoren. Während des 
dreissigjährigen Krieges wurde das von Sachsen be- 
setzte Saaz am letzten Faschingssonntag 1632 von 
den Kaiserlichen erstürmt, während sich die Sachsen 
amüsirten. Dem Blutbade, das der kaiserliche Feld- 
herr Cernin nach dieser Einnahme der Stadt an- 
richtete, folgte zwei Jahre später ein zweites, das 
Banner in Scene setzte, als er den Kaiserlichen die 
Stadt wieder abnahm. 

Der entsetzlichste Tag in der Geschichte Kom- 
motau's war aber der Palmsonntag des Jahres 1421, 



VII. Von Teplitz bis Karlsbad und Franzensbad. 145 

an welchem die Hussiten die deutsche Stadt er- 
stürmten und von den Bewohnern nur so viele am 
Leben Hessen, als nothwendig waren, die hinge- 
schlachteten Mitbürger zu beerdigen. Die Bürger 
Kommotau's erlagen am entsetzlichen 16. März 1421 
in einer allgemeinen Metzelei, die Frauen und Jung- 
frauen wurden von den Taboriten- Weibern vor die 
Stadt gelockt, daselbst entkleidet, beraubt, in eine 
Hütte gesperrt und verbrannt. Im Jahre 1547 lagerte 
sich König Ferdinand vor Kommotau und erliess 
von dieser Stadt aus einen Befehl an die böhmischen 
Stände, sich zum allgemeinen Aufgebote zu sammeln. 
Diese hatten jedoch mittlerweile von dem Siege 
Kunde erhalten, welchen der Kurfürst Johann Fried- 
rich über den kaiserlichen Feldhauptmann Albrecht 
Brandenburg-Kulmbach erfochten, und unternahmen 
enTzweideutiges Spiel, scheinbar für den König ein 
Heer rüstend, an die Spitze desselben aber Caspar 
Pflug von Babenstein stellend und ihn anweisend, nur 
dem ständischen Ausschusse zu gehorchen. Während 
nun Ferdinand von Kommotau gegen Eger mar- 
schirte, verlegte ihm Babenstein den Weg, wagte 
jedoch nicht gegen ihn loszuschlagen, ohne aus- 
drücklichen Befehl des ständischen Ausschusses, der 
wieder zauderte, diesen Befehl zu ertheilen. So "ge- 
langte Ferdinand bis Eger, wo ihn Kaiser Karl er- 
wartete, mit dem vereint er sich auf den Kurfürsten 
warf, um diesen bei Mühlberg zu zermalmen, worauf 
es mit der böhmischen Secession rasch bergab ging. 
Für Kommotau kamen schlimme Tage und 1590 
zwang Lobkowitz, der oberste Hofmeister des König- 
reichs , die Bewohner der Stadt, den katholischen 
Grottesdienst zu besuchen, und übergab die protestan- 
tische Pfarre den Jesuiten. Auch das eine Meile von 

10 



i r,fi VII. Von Teplitz bis Karlsbad und Franzensbad. 

Kommotau entfernte Kaaden spielte in der böhmi- 
schen Geschichte zu wiederholten Malen eine Kolle. 
Am 17. August 1297 kam es daselbst zwischen 
Albrecht I. von Oesterreich und dem Kurfürston zu 
wichtigen urkundlichen Abmachungen, die ein Jahr 
später in Wien in einer Fürstenversammlung förm- 
lich sanctionirt wurden. König Wenzel von Böhmen 
erhielt Eger und Meissen und die Beherrscher 
Deutschlands entsagten ihren lehnsherrlichen Rechten 
auf Böhmen. Im Jahre 1534 nöthigte im Frieden zu 
Kaaden der Landgraf von Hessen den König Fer- 
dinand zur Abtretung von Würtemberg als After- 
lehen an den vertriebenen Herzog Ulrich. 

In welchem Bufe die Städte Saaz, Laun, Leit- 
meritz im Mittelalter standen, geht aus einem Sprich- 
wort hervor, das Stransky in seiner „Bepublica bohe- 
mica" anführt, und das ungefähr lautet: „Wer aus 
Saaz kommt unverspottet, aus Laun ungeprügelt und 
aus Leitmeritz unbetrunken, der kann mit grossem 
Glücke prunken!" 

Nicht weit von Kommotau liegt das interessante 
Städtchen Klösterle. Es besitzt in der Mitte seines 
Marktplatzes einen originellen Brunnen, den die 
Statuen der Welttheile umgeben. Bei diesem Brunnen 
begab sich im September 1871 etwas Merkwürdiges, 
was man nicht alle Tage sehen kann. Der Kaiser 
von Brasilien, der mit dem Eilwagen von Karlsbad 
nach Prag fuhr, wusch sich hier am Morgen auf 
offenem Markte Gesicht und Hände. 

Die Fahrt auf der Buschtiehrader Bahn gehört 
zu den unerquicklichsten. Die Braunkohle, die bei 
den Locomotiven auf diesen Linien in Verwendung 
kommt, wirft einen Qualm aus, der die Reisenden 
oft in einer Weise belästigt, dass sie nicht athmen 



VII. Von Teplitz bis Karlsbad und Franzensbad. 14*7 

können. Man fühlt sich erleichtert, wenn man in 
Schlackenwerth aussteigen und zwei Stunden gegen 
Joachimsthal per Achse fahren kann. Das alte Berg- 
städtchen Joachimsthal ist vor einigen Jahren ganz 
niedergebrannt, doch wurde die interessante Biblio- 
thek gerettet. Joachimsthals Blüthezeit fällt in die 
erste Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, um welche 
Zeit der berühmte Mathesius, von welchem die Berg- 
postille und die Sarepta herrühren, daselbst eine 
Rolle spielte. Dass von Joachimsthal der Thaler 
seine Wanderung durch die Welt antrat, weiss jedes 
Kind. In den Tagen des Mathesius wurden die 
ersten Schlickthaler geprägt. 

Die bei dem Brande zu Grunde gegangene 
Kirche von Joachimsthal wurde unter Benützung 
des alten Mauerwerkes neu in die Höhe geführt. 
Dombaumeister Mocker in Prag leitete den Bau, der 
kürzlich vollendet wurde. Schade, dass Sparsamkeits- 
Rücksichten ihn um die Einheit des Styls brachten. 
Während in den höheren Theilen, im Seitendach 
und im Thurmbau, die neue Gothik zum Ausdruck 
kommt, hat man unten die runden, unschönen 
Wölbungen stehen gelassen. Mit 1500 Gulden hätte 
sich diese Zweitheilung beseitigen lassen. Freilich 
hat die Bürgerschaft nach dem Brande immense Opfer 
gebracht. Mit Hilfe der Staatssubvention hat sie in 
vier Monaten 300 neue Wohnhäuser aus der Erde 
gezaubert und gleichzeitig oberhalb der Kirche einen 
wahren Schulpalast hergestellt. Das Unglück wollte es. 
dass diese Bauten in eine Zeit fielen, wo das Tausend 
Ziegel 48 Gulden kostete und der Maurer drei, der 
Taglöhner zwei Gulden täglichen Arbeitslohn erhielten. 
Heute kostet das Tausend Backsteine 16 Gulden und 
der Maurer erhält kaum einen Gulden täglich. 

10* 



1 Aö VII. Von Teplitz bis Karlsbad und Franzensbad. 

Da, wo sich Joachimsthal gegen die Schlacken- 
werther Strasse herabsenkt, öffnet sich plötzlich rechts 
eine waldige Thalschlucht, die der nahezu 4000 Fuss 
hohe Sonnenwirbel abschliesst, über welchen die 
Kaiserstrasse von Gottesgab nach Kupferberg führt. 
Auf dem Schlackenwerther Gymnasium, welches je- 
doch nur vier Classen hatte, hat mancher tüchtige 
Mann den Grund zu seiner weiteren Ausbildung gelegt. 
Alfred Meissner, dessen Vater Badearzt in Karls- 
bad war, hat beispielsweise hier die Untergymnasial- 
Classen absolvirt. Schlackenwerth gehört dem Gross- 
herzog von Toscana und hat ein von einem Park 
umgebenes Schloss. 

An der „Fürstin des Streitheeres Hygiea's", wie 
Hufeland Karlsbad mit einer euphemistischen Um- 
schreibung bezeichnet, vorüber, dampfen wir nach 
E g e r. Diese stattliche Stadt hat sich in den letzten 
Jahren ähnlich wie Reichenberg entwickelt, d. h. 
in einer geraden, vom hochgelegenen Bahnhof gegen 
den alten Stadtkern abfallenden Linie. Neue Hotels 
(„Kaiser Wilhelm 4 ', „Kronprinz Rudolf-') sind in 
dieser neuen Strassenzeile entstanden und haben 
das Monopol der „Zwei Prinzen" gebrochen, mit 
denen früher noch höchstens die gleichfalls auf dem 
Ring gelegene „Sonne" rivalisirte, an der man kürz- 
lich zur Erinnerung an Goethe's Aufenthalt eine Ge- 
denktafel angebracht hat. Schräg gegenüber, neben 
dem Kreisgerichtsgebäude, ist das Schillerhaus, in 
welchem Schiller seinen Wallenstein-Studien oblag. 
Im „Kronprinz Rudolf" hat das Casino hübsche 
Localitäten inne. 

Eger ist der Bevölkerungsziffer nach die sechste 
Stadt in Böhmen. Prag, Pilsen, Reichenberg, Warns- 
dorf und Budweis gehen ihm in dieser Beziehung 



VII. Von Teplitz bis Karlsbad und Franzensbad. ] ^Q 

voran und man kann es nur als eine erfreuliche 
Thatsache bezeichnen, dass in vier der bevölkertsten 
Städte Böhmens die Deutschen dominiren. Beichen- 
berg, Warnsdorf und Eger gehören ihnen ausschliess- 
lich, in Budweis haben sie die Mehrheit, und nur in 
Prag und Pilsen sind sie in numerischer Minderheit, 
wenngleich sie auch auf dem Mischboden der beiden 
letzterwähnten Städte nach Intelligenz und Geschäft 
den Ton angeben. 

Eger war bis in die letzte Zeit eine recht stille 
und auch eine recht düstere Stadt. In den letzten 
zehn Jahren hat es sich aber sehr zu seinem Vor- 
theil verändert. Während die eigentliche Stadt ihren 
ernsten, strengen Charakter bewahrt hat. umgiebt den 
harten Kern jetzt ein Gürtel sympathischer Xeu- 
bauten, welcher dem Ganzen eine freundliche 
Physiognomie verleiht. Mcht nur, dass die alte Stadt 
in einer sich gegen den ziemlich erhöht liegenden 
Bahnhof in gerader Linie hinziehenden, mit geschmack- 
vollen Häusern garnirten Strasse eine moderne Er- 
gänzung gefunden hat, es hat sich auch das ehedem 
so kahle Terrain zur Rechten und Linken dieser 
neuen Bahnhofstrasse angenehm verändert. Wenn 
man dem Bahnhof zuschreitet, so hat man zur Linken 
den grossartigen Neubau des Schulhauses, die statt- 
liche Turnhalle und das Actien-Brauhaus, zur Eechten 
die neue Kirche und das an Stelle der ehemaligen 
Festungswerke entstandene Theater, das einen sehr 
guten Eindruck macht und den ansprechendsten 
Theaterbauten des Landes beigezählt werden kann. 
Minder gross und luxuriös angelegt als das Teplitzer 
Theater, ist es in seiner Art ein Musterbau, der, 
äusserlich gefällig, im Innern freundlich und zweck- 
entsprechend eingerichtet, nicht viel gekostet hat. 



1 50 VI1 ^~ on Te P litz bis Karlsbad und Franzensbad. 

Mittelstädte, die einen neuen Theaterbau im Schilde 
führen, sollten sich's nicht verdriessen lassen, in 
Eger Studien zu machen. Das Egerer Theater berührt 
doppelt angenehm, wenn man sich erinnert, dass noch 
vor drei Jahren in Eger in einem Festungsthor, das 
man zum Stadttheater adaptirt hatte, Komödie ge- 
spielt wurde. 

Eger hat einen stattlichen, von alterthümlichen 
Häusern eingerahmten Ringplatz, der ein längliches 
Viereck bildet und in einer schiefen Ebene gegen 
jenen etwas verwahrlost aussehenden Stadttheil ab- 
fällt, dessen Winkelgassen von den Ruinen des 
Schlosses und speciell von jenem Saaltorso über- 
ragt werden, welcher die Erinnerung an das berühmte 
Banket weckt, bei welchem sich die Generale Wallen- 
stein's diesem verschrieben. Man kann sich an dem 
in seiner ganzen Zierlichkeit wohlerhaltenen filigran- 
artigen Schnörkelwerke des historischen Gemäuers, 
an den Säulenstümpfen und dem massiv runden 
Eckthurm kaum satt sehen. Dann geht es durch 
einen hässlichen Thordurchlass an Kasernen vorüber, 
dem Flusse zu. Zwischen Gartenmauern windet man 
sich zur Schwimmschule hindurch und sieht sich 
plötzlich von lieblichem Gelände umfangen. Wald- 
wärts schreitend, kommt man, den Fluss rechts 
liegen lassend, zum sogenannten Siechenhaus, dem 
beliebten mitten im Walde gelegenen Zielpunkte 
sommerlicher Ausflüge von Eger und Franzensbad 
aus. Vom Siechenhaus hat man einen prächtigen 
Ausblick auf den Kammerbühl mit seinen ausge- 
brannten Feuerspeiern, auf Königswart und Maria- 
Kulm. 

In dieser Siechenhaus-Restauration bewirthete 
Goethe eines Tages die SäDgerin Henriette Sontag 



VII. Von Teplitz bis Karlsbad und Franzensbad. 151 

und den Custos des Königswarter Museums, den 
ehemaligen Egerer Scharfrichter Huss. Goethe wohnte 
damals in Franzensbad in dem Tracteurhause, wo 
jetzt auch eine an ihn mahnende Gedenktafel an- 
gebracht wird. Durch dieses Tracteurhaus findet vor- 
läufig noch ausschliesslich der Zutritt zu dem neu- 
erbauten prächtigen Cursalon von Franzensbad statt, 
da die Stadt Eger die Aufstellung der Freitreppe 
auf ihrem Grunde, dem Brunnenplatze, nicht gestattet. 

Auf halbem Wege zwischen Karlsbad und Eger 
liegt eine der interessantesten Städte Deutschböh- 
mens. Wenn man auf der von Karlsbad her steil 
abfallenden Chaussee den tiefsten Punkt erreicht 
hat und plötzlich Elbogen vor sich sieht, glaubt 
man zu träumen. Das ist die reine Eomantik, die 
Einem ganz unerwartet entgegentritt — das ist die 
Burg Pürgiitz, von einer wunderschön gelegenen 
Stadt umgeben. Ganz Böhmen hat kein schöneres 
Städtebild aufzuweisen. Der Fluss, die Kettenbrücke, 
die in fabelhafter Höhe über ihn gespannt ist, die 
alte, schwarze Burg dahinter, die Stadt in Gestalt 
eines regelrechten Halbbogens sich zu Füssen dieser 
Burg ausbreitend, mit ihren Gärten und Villen bis 
dicht an die das ganze Bild in Ellenbogenform um- 
spannende Eger vordringend und jenseits der die 
Stadt parallel mit dem Flusse einrahmenden Chaussee 
die waldbedeckten Berge: das giebt ein Ensemble, 
wie man es sich nicht schöner denken kann. 

Elbogen, welches einst den Schlick gehörte, 
hatte noch vor einem Menschenalter eine grössere 
Bedeutung und ein regeres Leben als heute, da es 
der Mittelpunkt eines der ehemaligen sechzehn 
Kreise Böhmens war. Heute ist die Stadt zu ziem- 
licher Unbedeutendheit herabgesunken und nur die 



J52 VI1 ^ on Te P litz bis Karlsbad und Franzensbad. 

Schule und die Porcellanfabrik verleihen ihr einiges 
Leben. Die letztere gehörte vor Jahren der Familie 
Haidinger, die man in ihren besten Tagen auf eine 
Million schätzte. Aus Haidinger's Händen ging die 
Fabrik in den Besitz einer Aktiengesellschaft über 
und gegenwärtig gehört sie der Firma Oppenheimer, 
welche sie eben wieder vergrössert und unter An- 
derem einen Ofen gebaut hat, welcher der grösste 
sein soll, dessen sich die Porcellan-Fabrikation 
in esterreich rühmen kann. Es ist interessant zu 
beobachten, wie einander die Porcellanfabriken in 
diesem Xordwestwinkel Böhmens förmlich auf die 
Hühneraugen treten, um einen landläufigen Ausdruck 
auf dies Thema anzuwenden. Pirkenhammer, Aich, 
Fischern, Dalwitz, Elbogen: eine Porcellanfabrik 
stösst nahezu an die andere. 

Aber Elbogen hat ausser dem grössten Ofen 
auf dem Gebiete der Porcellan-Industrie auch noch 
andere Specialitäten, die erwähnenswerth sind. Es 
nennt die Zweitälteste Kettenbrücke auf deutschem 
Boden (die älteste ist die zu Freiburg) und die 
älteste Kettenbrücke in Böhmen sein. Ferner be- 
sitzt es auf seinem Friedhof ein Denkmal, welches 
auf einem anderen Punkte steht, als auf dem, wo Der- 
jenige begraben ist, dem es gesetzt wurde. Das kam 
so. Der alte Elbogener Kirchhof ist sehr steil und 
hoch oben wurde der Advocat Legis-Glückselig be- 
graben. Als man nun dem auf steiler Höhe zur ewigen 
Kühe Gebetteten einen Denkstein aufrichten wollte, 
brachte man ihn nicht in die Höhe und stellte ihn 
unten vor der Kirche auf. Im Winter 1877 ereignete 
sich übrigens auf diesem, inmitten der Stadt ge- 
legenen Friedhofe etwas sehr Ungemüthliches. Die 
Umfassungsmauer stürzte gegen die Strasse zu ein, 



VII. Von Teplitz bis Karlsbad und Franzensbad. 153 

riss eine Masse Erdreich mit sich fort und zahl- 
lose Särge lagen mit ihrem unheimlichen Inhalte 
tagelang bloss. 

Und noch eine Specialität besitzt Elbogen. Es 
hat im October 1877 eine Localbahn erhalten, die 
erste in esterreich. Sie führt von Elbogen nach 
der Station Neusattel der Buschtiehrader Bahn, die 
von Elbogen etwa eine Stunde entfernt ist. Das 
Consortium, welches die Bozen-Meraner Bahn in 
Südtirol baute, führte diese Miniaturbahn, welche 
Elbogen dem grossen Weltverkehr wieder etwas näher 
bringen wird, auf seine Bechnung aus, und der 
Ingenieur, der den Bau leitete, führt einen berühmten 
Namen. Er heisst Schwind und ist der Sohn des 
berühmten Malers, dem die „Schöne Melusine" und 
die „sieben Kaben" ihren Ursprung verdanken. 
Schwind jun. hat sich in einer der Tillen am Fusse 
der Stadt und in der Nähe der Eger angesiedelt. 



VIII. Karlsbad. 




1. Vorbemerkungen. 



immehr wollen wir den grössten 

Curort Böhmens systematisch in's 

Auge fassen. 

Karlsbad hatte im Sommer 1877 

eine Frequenz von 20.000 Curgästen. 

Das ist eine enorme Ziffer, wenn 
man damit die Frequenz vor etwa 40 Jahren 
vergleicht. Im Jahre 1835 hat beispielsweise die 
Curliste am 15. Juli erst 3164 Namen ausgewiesen. 
Ich citire gerade dieses Jahr, weil in demselben so- 
zusagen der erste Grund zur Verschönerung Karls- 
bads gelegt wurde, an welcher gegenwärtig, nament- 
lich seit der energische Knoll Bürgermeister von 
Karlsbad ist, rüstig gearbeitet wird. Hat man schon 
früher mit einem Aufwände von 800.000 Gulden 
eine grossartige Colonnade erbaut, die dem Verkehr 
beim Mühlbrunnen zugute kommt, so soll im Herbst 
1878 auch der Sprudel eine neue Colonnade erhalten, 
die aus Eisen und Glas construirt werden wird. Im 
Herbst 1877 wurden auf der linken Seite der Sprudel- 
gasse drei Häuser von der Gemeinde erkauft, damit 



VIII. Karlsbad. ]55 

für die Erweiterimg der Sprudel- Colonnade Kaum 
gewonnen werde. Auch der Schlossbrunn dürfte bald 
mit einer neuen Colonnade umgeben werden. Auf 
dem Markt wurden im Winter 1877 auf 1878 die 
Boutiquen weggeschafft und das Haus zum „weissen 
Adler" niedergelegt. Der ehemals Winter'sche Garten 
wurde in einen Stadtpark umgewandelt und soll eine 
Restauration und einen Musikpavillon (mit der Fronte 
gegen die Egerstrasse) bekommen. Eine Aufschüttung 
gewährt ihm Schutz gegen den ihn umklammernden 
Fluss. 

Endlich beabsichtigt die Stadt den Bau eines 
selbständigen Moorbadehauses und schon ist das 
Haus „zum Neptun" (vis-ä-vis dem Militär-Badhause) 
zu diesem Zwecke augekauft worden. Der Bau eines 
Communal-Schlachthauses, der in Prag in so unver- 
antwortlicher Weise verschleppt wird, ist in Karls- 
bad bereits in Angriff genommen und die Errichtung 
einer Nutzwasserleitung so weit gefördert worden, 
dass demnächst über die Vorschläge der Frankfurter 
Wasserwerks- Gesellschaft entschieden werden wird. 

Im Jahre 1835 wurde, wie gesagt, mit der Ver- 
schönerung Karlsbads der Anfang gemacht und in 
dieses Jahr (September) fällt auch der Besuch des 
Kaisers Ferdinand, der kurz nach seiner Thronbe- 
steigung mit seiner Gemalin eine Kundreise durch 
die böhmischen Bäder unternahm. Das Sprudelsalz- 
Gebäude wurde 1835 überbaut, ein Kuhezimmer des 
Sprudelhauses in ein Douchebad verwandelt, der 
Markt mit Trottoirs belegt, die Pnaster-Kegulirung 
der Kreuzgasse in's Werk gesetzt, das Mineralwasser- 
bad am Sprudel, die Communications-Brücke beim 
sächsischen Saal und der Spital- und Sprudelsteg 
restaurirt. Auch eine ausgiebigere Strassenbeleuch- 



|56 VIIL Karlsbad. 

tung und die Entfernung der Fleischbänke aus der 
Mühlbrunngasse wurden damals angebahnt. 

Wenn noch vor 40 Jahren die Fleischhauer im 
Centrum Karlsbads ihr Hauptquartier hatten, wie 
mag die Stadt erst etwa zu der Zeit ausgesehen 
haben, wo die schöne Philippine Welser daselbst 
die Cur gebrauchte! Es existirt ein Diarium über 
ihren Aufenthalt, und Viele, die sich die Welser 
zart und ätherisch vorstellen, dürfte es interessiren 
zu hören, dass sie eine sehr corpulente Dame war. 

Im Jahre 1835, in welchem die drei alliirten 
Monarchen in Teplitz zusammenkamen, hielt sich 
der Grossfürst Michael in Karlsbad auf und fanden 
ihm, seiner Gemalin und seinen drei Töchtern zu 
Ehren grosse Feste statt. Es herrschte damals über- 
haupt ein grosser Kussencultus in Böhmen. Am 
7. Juli, dem Geburtstage des Kaisers Nikolaus, 
illuminirte Karlsbad. Selbst die Herzogin von Nassau, 
der Herzog von Coburg, die zur Cur in Karlsbad 
weilten, erleuchteten die Fenster ihrer Wohnungen 
Dass der russische Gesandte Tatitschef dasselbe that, 
versteht sich von selbst. Am 13. Juli, dem Geburts- 
tage der Kaiserin von Russland, wurde von Neuem 
beleuchtet und 400 Bergknappen aus den nahen 
Schächten kamen mit Lampions unter klingendem 
Spiele in die Stadt und Hessen vor Michaela Woh- 
nung den Czar und die Czarin hoch leben. 

Von Teplitz begaben sich der österreichische 
und der russische Kaiser mit ihren Gemalinnen 
in den ersten Octobertagen nach Prag, wo zu Ehren 
ihrer Anwesenheit am 6. October im landständischen 
Theater „Kobert der Teufel", welche Oper damals 
eben erst aufgetaucht war, aufgeführt wurde. Die 
unlängst verstorbene Lutzer sang die Isabella, die 



VIII. Karlsbad. 



157 



Podhorsky die Alice, der berühmte Pöck den Bertram, 
Deminer den Raimbaud. Bald darauf verliess Pöck 
schuldenhalber Prag insgeheim und die Lutz er (böh- 
mische Nachtigall genannt) ging nach Wien, und 
nur die Podhorsky blieb Prag treu, wo sie noch 
heute, eine Siebzigerin, lebt. 

Am 5. October 1835 fuhren die kaiserlichen 
Herrschaften, in zwölf sechsspännige Galawagen ver- 
theilt, durch das festlich erleuchtete Prag. Der 
Kaiser von Oesterreich und der Czar fuhren in 
einem Wagen, ebenso die Kaiserin Maria Anna Pia 
und die Czarin. Oesterreichische und russische hohe 
Militärs bildeten die Suite. Alles drängte sich in 
jenen Tagen an den russischen Kaiser heran. Der 
Teplitzer Badearzt Schmelkes überreichte ihm zwei 
Gedichte, welche folgende schwulstige Titel führten : 
„Die Adler und die Quellen im Bielathale" und 
„Die Stimme der Todten bei der Grundsteinlegung 
des Monumentes bei Priesen". Kaiser Nikolaus Hess 
dem Poeten einen Brillantring zukommen. Einen 
ähnlichen Piing mit 96 Brillanten und einem grossen 
Kubin erhielt der Wiener Buchhändler Dunder von 
Nikolaus für die Ueberreichung eines Prachtexem- 
plars (editio imperialis) der serbisch-dalmatinischen 
National-Heldengesänge. Einen dritten Brillantring 
erhielt der Prager Glashändler Wetzstein. Dieser 
hatte einen Pocal von Krystallglas anfertigen lassen, 
der grün überfangen, mit weiss eingeschliffenen 
Arabesken die russischen Nationalfarben und auch 
den russischen Adler darstellte. Ein grünes Medaillon 
in weiss verglaster Paste enthielt das Bild des 
Czaren, dem der Pocal präsentirt wurde. Sobald ihn 
dieser anfasste, ertönte durch einen im Fusse des 
Pocals angebrachten Mechanismus die russische 



158 



VIII. Karlsbad. 



Nationalhymne. Und noch ein vierter Brillantring 
fand seinen Nehmer an dem k. k. Grenadier- Ober- 
lientenant Uhlig, der dem Czaren ein Musikstück 
gewidmet hatte. Uhlig hatte eine ganze Sammlung 
russischer Brillantenringe, denn schon zwei Jahre 
früher hatte ihm der Czar einen solchen King ge- 
schenkt, als Uhlig im September 1833 die Militär- 
musik des Regimentes Palombini , die an das 
Münchengrätzer Hoflager commandirt war, befehligte. 
In der Nummer der preussischen Zeitung von 
Staats- und gelehrten Sachen vom 17. April 1835 
kann man folgende hochinteressante Reminiscenz 
lesen: Nach der Conferenz in Dresden im Jahre 1812. 
ging der Kaiser Franz nach Karlsbad, wohin ihm die 
Kaiserin Maria Louise folgte, die sich von da nach 
Mainz begab, wo der Sitz der Regierung während 
Napoleon' s Zug nach Russland eine Zeitlang hin ver- 
legt war. Um seiner Tochter ein ausgezeichnetes 
Fest zu geben, befahl der Kaiser, die nöthigen An- 
stalten zu treffen, um eine Befahrung der Grube von 
Schlaggenwald, als Excursion von Karlsbad aus, vor- 
zunehmen. Sie liegt in einem schönen Thale und der 
Eingang bis zum Schacht ist überaus bequem. Hier 
aber hört das Tageslicht auf zu scheinen und in allen 
Ecken des Schachtes angebrachte Wachslichter er- 
leuchteten die Fahrt, die für die Damen auf bequemen, 
am Göpel angebrachten Sesseln stattfand, während 
der Kaiser vorzog, mit seinen Cavalieren die ge- 
wöhnlichen Fahrten (Leitern) hinabzusteigen. Die 
nächste Strecke war wenig erleuchtet, so dass das 
Auge nur mühsam die Gegenstände unterscheiden 
konnte, sie führte aber zur bekannten grossen Weitung, 
die durchaus in Erz, meist Bleiglanz, ansteht und 
überall frisch angehauen war. Hier waren nun 



VIII. Karlsbad. 



159 



Tausende von Wachskerzen mit grosser Kunst an- 
gebracht und in allen Farben des Regenbogens 
strahlte ihr Glanz von den glatten Spiegeln der 
Erzstufen zurück. lieber grosse Tische hing schnee- 
weisses Linnen, bedeckt mit Silbergeschirr und kry- 
stallenen Schalen, die Speisen aller Art und auser- 
lesene Südfrüchte trugen. Kurz, Alles war aufge- 
boten, um im Schoosse der Erde einen wahren Feen- 
anblick überraschend dem Auge zu bieten. Wirklich 
war auch der Eindruck, als man aus der Strecke in 
dies Feuermeer eintrat, so ergreifend, dass die Kaiserin 
Marie Louise ihrem Vater in die Arme fiel und ihm, 
Thränen in den Augen, versicherte, sie habe viel Schönes 
über der Erde gesehen, doch nichts, was dem zu verglei- 
chen wäre, was sie jetzt unter der Erde erblicke. Während 
die Gesellschaft ziemlich laut wurde und den Speisen 
zusprach, ward des Kaisers Aufmerksamkeit durch 
ein Getöse gefesselt, das den Jubel seiner frohen 
Umgebung übertönte. Er fragte den Berghauptmann 
nach der Veranlassung und erhielt zur Antwort, dass es 
das Geräusch der die Grubenmassen hebenden Wasser- 
säulen-Maschine sei. damals der einzigen in Deutsch- 
land. Der Kaiser verlangte, zum Schrecken des Berg- 
hauptmanns, dahin geführt zu werden, denn an Alles 
hatte man gedacht, Alles war für seinen Besuch 
vorbereitet, nur nicht dieser unterste Theil der Grube, 
wohin man überhaupt, von dort aus. nur auf sehr 
beschwerlichen Fahrten gelangen konnte. Man stellte 
Sr. Majestät vor, dass der Weg eng und sehr un- 
angenehm sei, aber der Einwurf reizte ihn nur. Der 
Kaiser bestimmte, dass nur drei Personen ihm folgen 
sollten, und zwar der Berghauptmann, um den Weg 
zu zeigen, der Graf Wrbna und ein anwesender 
Fremder, dem. als Bergmann, diese Maschine 



160 



VIII. Karlsbad. 



interessant sein musste. Bald hatte man die strahlend 
erleuchteten Räume durchschritten, mit einsamen 
Grubenlichtern versehen, tauchte man tiefer in den 
Schooss der Erde hinein, immer feuchter wurden die 
Wände, immer lauter das heraufschallende Getöse. 
Jedes Gespräch hatte eingestellt werden müssen, 
denn mit donnerndem Geprassel wechselte das 
heftigste Kettengerassel ab und ganz deutlich konnte 
man bemerken, dass man dicht an der Quelle des 
Geräusches war, als zuletzt noch ein ganz schmaler 
Felsenspalt zu durchschreiten blieb. Durch die Um- 
stände veranlasst, ordnete sich der Zug hier wie 
folgt: voran schritt der Berghauptmann, dahinter 
Graf Wrbna mit einem Grubenlicht, dann der Kaiser 
ohne ein solches, zuletzt der Fremde wieder mit 
einem Licht. Als man nun in diesem furchtbaren 
Getöse bis an die engste Stelle des Ganges gekommen 
war, wo man sich förmlich durchdrängen musste, 
neigte sich der Kaiser lächelnd nach dem Fremden 
zurück und schrie ihm in's Ohr: „Man muss ein 
gutes Gewissen haben, um hier durchzugehen". Nach 
Besichtigung der an sich höchst interessanten 
Maschine, ging man auf demselben Wege zur Ge- 
sellschaft zurück, die den Kaiser vermisst hatte, 
ohne zu wissen, wohin er sich eigentlich verfügt 
habe. 

2. Topographie. 

Karlsbad, eine der heilkräftigsten Thermen der 
Erde, liegt zu beiden Seiten der Tepl, welch' letztere 
sich unterhalb der Stadt in die Eger ergiesst, in 
einem engen romantischen, von Tannen, Fichten, 
Buchen rings umkränzten Thale, 350 Meter über dem 
Meeresspiegel, und zählt circa 12.000 Einwohner in 



VIII. Karlsbad. 



161 



nahezu 900 Häusern. Das Klima Karlsbads ist das 
Norddeutschlands , die mittlere Temperatur 5° R., 
der mittlere Barometerstand 26". Die Luft ist gesund 
und rein, sauerstoffreich und gesättigt mit den balsa- 
mischen Düften der die Stadt umgebenden Wälder. 
Karlsbad war auch nie von Cholera-Epidemien heim- 
gesucht. Nord- und Nordwestwinde sind vorherr- 
schend. Witterung und Temperatur sind wie in allen 
Gebirgsgegenden bedeutenden Schwankungen und 
schroffen Uebergängen unterworfen. Die Morgen 
und die Abende sind selbst im Hochsommer kühl, 
oft kalt. 

Dreizehn Brücken, von denen sechs befahrbar 
sind, verbinden die beiden Ufer der Tepl. Am linken 
Tepl-Ufer bildet der Markt das Centrum der Stadt. 
Flussabwärts vom Markte gelangt man in die Mühl- 
badgasse, zum Quai, in die prachtvolle neue Park- 
strasse, in die Gartenzeile und Bahnhofstrasse ; fluss- 
aufwärts zur alten Wiese, die sich bis zum säch- 
sischen und böhmischen Saal erstreckt. Hinter der- 
selben liegt der Wiesenberg und die Hirschensprung- 
gasse. Yom Markt führt eine Granitstiege zum 
Schlossplatz (Schlossberg), vom Schlossberg links in 
die Hirschensprunggasse. Am rechten Tepl-Ufer liegt 
gegenüber dem Markte der Kirchenplatz. Flussab- 
wärts von ihm die Sprudel-, Andreas-, Kreuz-, 
Kirchen- und Egerstrasse, flussaufwärts die Kirchen- 
und die Geweihdiggasse, die neue Wiese, die Marien- 
baderstrasse, die Pragergasse mit den Seitengassen: 
Schulgasse, Petersberg, Sonnengasse und Panorama- 
strasse links, Helenengasse, Jakobsberg und Röhr- 
steig rechts. 

Auf dem Markte befindet sich das k. k. Post- 
und Telegraphengebäude , ein stattlicher Neubau. 

n 



162 



VIII. Karlsbad. 



Das alte Rathhaus, sowie das Haus „zum weissen 
Adler" liess, wie bereits erwähnt worden, die Stadt 
im Herbste 1877 niederreissen, und soll das künftige 
neue Stadthaus ebenda an die Stelle des demolirten 
Rathhauses treten. Doch ist in dieser Beziehung 
noch nichts Definitives beschlossen. Den Markt ziert 
auch eine Statue Kaiser KaiTs IV., des Gründers 
von Karlsbad. Die Kaiser Karls-Quelle, der Markt- 
brunn und die Dreifaltigkeitssäule (zur Erinnerung, 
dass Karlsbad von der 1716 in Böhmen wüthenden 
Pest verschont blieb) sind ebenfalls integrirende Be- 
standteile des Marktes. In dem Hause „zu den drei 
Mohren" wohnte 1795 Goethe, der später noch einige- 
mal in Karlsbad war. Im Hause zum „weissen Löwen" 
wurden die berüchtigten Karlsbader Beschlüsse ge- 
fasst. Auf dem Schlossplatze befindet sich der 
Schlossbrunn und die Quelle „zur russischen Krone". 
Der Schlossberg breitet sich nach rechts zu herr- 
lichen Parkanlagen (englischer Park) aus. Von da 
führen Fusswege hinab zum Theresienbrunnen, in 
die Mühlbrunn-Colonnade, zur Felsenquelle (Körner- 
Büste und Cambridge-Säule). In der Mühlbadgasse 
liegt das Mühl badhaus, vorläufig noch der Sitz der 
städtischen Bureaux und des Bürgermeisteramtes. 
Zu ebener Erde befinden sich die Sprudelbäder. 
Von da kommt man, gegen den Quai zu aus- 
schreitend, zum Mühlbrunnen mit seiner grandiosen 
Colonnade, einem monumentalen Prachtbau, der sein 
schützendes Dach über den Neubrunnen, den Bern- 
hardsbrunnen und die Elisabethquelle ausbreitet. 
Nächst der Colonnade sind die Felsen- und Cur- 
hausquelle situirt und erhebt sich ebenda das statt- 
liche Curhaus mit den Moor- und Sprudelbädern im 
Souterrain und im Parterre und seinen eleganten 



VIII. Karlsbad. 



163 



Speise-, Billard- und Lesesälen im ersten Stock. 
An dies Curhaus schliesst sich das Militär-Bade- 
haus an. 

Wenn wir vom Markt über einen Brückensteg 
hinwegschreiten, stehen wir festgebannt vor dem 
Jedermann so mächtig ergreifenden Wunder Karls - 




MÜHLBRUNH-COLONMDE. 



bads, vor den schäumenden und siedenden Wasser- 
garben des Sprudels. Der Sprudel wird von der 
Sprudel- Colonnade überdacht. Das Sprudelhaus enthält 
zu ebener Erde und im ersten Stock die Sprudel- 
bäder. Von der Sprudel-Colonnade erreicht man mit 
wenigen Schritten die neue Wiese, auf welcher sich 

11* 



164 



VIII. Karlsbad. 



das Stadttheater und die k. k. Bezirkshauptmann- 
schaft befinden. Die neue Wiese findet in der pitto- 
resken Marienbaders trasse ihre Fortsetzung. Elegante 
Häuser mit Vorgärten, die russische und protestan- 
tische Kirche befinden sich in dieser Linie. Nicht 
weniger als vier Brücken verbinden die neue Wiese 
mit der alten, welche das belebteste und eleganteste 
Quartier Karlsbads bildet. Stattliche Häuser, pracht- 
volle Läden mit verlockenden Auslagen, schattige 
Kastanienbäume verleihen ihr einen eigenen Zauber 
und machen dieselbe nicht nur zum Sammelplatz 
der „Gesellschaft", sondern überhaupt aller Fremden. 
Unter den Kastanienbäumen schlürft man hier seinen 
Thee oder Kaffee, liest sein Journal, flüstert und 
plaudert, erzählt dem Freunde oder der Freundin 
seine Herzensgeheimnisse, lässt sich und seine Toilette 
bewundern. Hier liegt das vielbesuchte Cafe Elefant, 
in welchem man in der hohen Saison in allen Sprachen 
der Welt conversiren hören kann. Im Hause „zum 
weissen Hahn" wohnte Peter der Grosse während 
seines Karlsbader Aufenthaltes. 

Indem wir die Spaziergänge in's Auge fassen, 
stossen wir zunächst auf die prächtige Linie: Post- 
hof, Freundschaftssaal, Kaiserpark, Hammer, welche 
einen der reizendsten und besuchtesten Spaziergänge 
bildet. Wenn man die „alte Wiese", Salle de saxe, 
das Pupp'sche Cafe und die Pupp'sche Allee hinter 
sich hat, kommt man zum Kiesweg, welcher der 
Tepl entlang bis zur Chaussee nach Hammer führt. 
Gegenüber der protestantischen Kirche passirt man 
den Rasumofsky- und Rohan-Sitz. Einige Schritte 
weiter liegt Sanssouci, ein elegantes Cafe Restaurant. 
Den ganzen Weg entlang kann man auf den Felsen 
die Lobhymnen auf Karlsbads Wasser in allen Sprachen 



VIII. Karlsbad. 165 

lesen. Hechts und links führen Alleen nach dem 
schön gelegenen Posthof, wo wöchentlich einigemal 
das Labitzky'sche Orchester spielt. Besonders die 
Concerte am Freitag bieten hohen Kunstgenuss. 
(Syrnphonie-Concerte — Einlass 40 Kreuzer.) Durch 
eine kleine Obstbaum-Allee gelangt man vom Posthof 
zur Schwarzenberg-Terasse und zum Vier-Uhr-Weg. 
Zehn Minuten vom Posthof entfernt liegt der Freund- 
schaftssaal, ebenso besucht, ebenso beliebt wie der 
Posthof, und nur einige hundert Schritte vom roman- 
tischen Kaiserpark entfernt, dessen bezaubernd schöne 
Lage Jedermann entzückt. In 25 Minuten erreicht 
man das Dorf Hammer oder Pirkenhammer mit der 
sehenswerthen Porcellanfabrik von Fischer und Mieg. 
In Hammer findet man immer ein gutes Mittagbrot. 
Zum Kückweg wähle man den Plobenweg, welcher 
am rechten Tepl-Ufer gegenüber dem Freundschafts- 
saal und Posthof nach dem Park Schönbrunn führt, 
von wo wieder eine Allee zur Dorotheen-Au und 
zum Sauerbrunn leitet. Scheut man das Bergsteigen 
nicht, so winkt Einem der Hirschensprung (Kestau- 
ration), 1521 Wiener Fuss über der Meeresfläche, 
397 Wiener Fuss über dem Sprudel gelegen, mit 
prachtvoller Aussicht in's Tepl- und Egerthal, sowie 
in's ferne Erzgebirge. Von der Felsenspitze, wo das 
Kreuz steht, geniesst man den herrlichen Anblick 
der in der Thalschlucht liegenden Stadt Karlsbad. 
Im Jahre 1712 soll Peter der Grosse auf einem 
imgesattelten Bauernpferde hierher geritten sein und 
in das damals dort befindliche Kreuz die Buchstaben 
M. S. P. I. eingeschnitten haben. Unterhalb des 
Kreuzes ist eine runde Terasse, dem G-rossherzog 
von Weimar gewidmet, noch etwas tiefer das Meyer- 
sche Gloriett und nicht weit von diesem Findlater's 



166 



VIII. Karlsbad. 



Tempel, 1804 dem Grafen Findlater errichtet zum 
Bank für seine Verdienste um die Verschönerung 
Karlsbads. Rechts von Findlater s Tempel führt ein 
Seitenweg zur Freundschaftshöhe. Geradeaus weiter 
gelangt man zu einem Wegweiser, an welchem sich 
zwei Wege kreuzen. Der Weg rechts führt zur 
Katharinenruh, zum Bild und auf den Aberg, einer 
der höchsten (1929 Wiener Fuss über dem Meeres- 
spiegel, 805 Wiener Fuss über dem Sprudelj und 
darum lohnendsten Bergpartien, der Weg links führt 
zum Friedrich Wilhelm-Platz, einem reizenden Aus- 
sichtspunkte. 

Links von der Erzherzog Karl-Brücke führt ein 
Weg zum Dorotheentempel, 1791 zu Ehren der 
Herzogin von Curland errichtet. Nicht weit davon 
ist der Sauerbrunn und das Gasbad. In anderer 
Richtung gelangt man gleichfalls immer steigend 
zum Panorama, zum Waldschloss, auf den Dreikreuz- 
berg (Camera obscura) und zu Otto's Höhe. Der 
Aufstieg beginnt hinter der katholischen Kirche 
durch die Schulgasse und man erreicht zunächst die 
Stefanspromenade. Ganz nahe ist die Villa Lützow 
mit sehr schönen Bronzestatuetten. Einige Schritte 
und man ist beim Panorama (Restauration), einem 
der schönsten Aussichtspunkte Karlsbads. Von der 
Pragerstrasse, von der ein Waldweg zum Wald- 
schloss führt, geht es zum Dreikreuzberg hinan. 
Der Weg führt durch den herrlichen Wald zunächst 
zum Cafe zu den drei Kreuzen und von da in fünf 
Minuten auf den Dreikreuzberg (1693 Wiener Fuss 
über der Meeresfläche, 669 Wiener Fuss über dem 
Sprudel) und zur König Otto's Höhe, zu Ehren des 
König Otto von Griechenland so genannt. Weitere 
Ausflüge kann man unternehmen nach Engelhaus 



VIII. Karlsbad. |g^ 

(eine Stunde von Karlsbad, an der Prager Chaussee, 
mit den Euinen eines alten Schlosses) , nach 
Schlackenwerth (Eisenbahn-Station), nach Aich und 
Hansheiling (2 Stunden, in Aich gute Eestauration 
mit Glasveranda, in Hansheiling berühmte Eelsen- 
gruppe), nach Joachimsthal, von dem, wie von 
Schlackenwerth, im vorigen Abschnitte ausführlicher 
die Rede war, nach Elbogen und Eger, welche beide 
hochinteressante Städte wir dem Leser gleichfalls 
bereits vorgeführt haben, endlich nach Giesshübel, 
von dem im nächsten Abschnitte die Eede sein wird. 
Ein angenehmer Ausflug ist der nach Dalwitz 
zu den Körner-Eichen. Dalwitz hat ein neues, präch- 
tiges Herrenhaus erhalten, welches das alte Schloss 
ganz in den Hintergrund treten lässt. Freilich hat 
dies alte Schloss sehr interessante Räumlichkeiten. 
Da ist z. B. ein Zimmer, welches zuerst Tilly, dann 
Piccolomini bewohnte. Die berühmte Eichengruppe. 
die nicht ihres Gleichen in Deutschland hat, steht 
dicht vor dem neuen Schlosse. Die von Körner be- 
sungene Monstre-Eiche können sieben erwachsene Per- 
sonen mit Mühe umspannen. Sie hat eine noch viel 
üppigere Yerästung und Belaubung, als die berühmte 
Eiche bei Ossegg, die elfhundert Jahre alt sein soll. 
Die Dalwitz er Eichen — eine davon ist leider im 
Winter 1877 durch Unachtsamkeit zu Grunde ge- 
gangen — standen schon im dreissigjährigen Kriege 
in solchem Ansehen, dass, als sich der Kriegslärm 
in diese Gegenden wälzte, ein kaiserlicher Befehl 
den Truppen die Schonung der prachtvollen Stämme 
an's Herz legte. Wenn man von der Eichengruppe 
einige Schritte in die Höhe steigt, kommt man zu 
einem Aussichtspunkte seltener Art. Man hat das 
bewaldete Egergelände mit der nach Giesshübel 



168 



VIII. Karlsbad. 



führenden Strasse vor sich und sieht über die Euine 
Engelhaiis hinüber die Duppauer Bergkoppe. Dieser 
Höhenrücken bildet auch eine interessante Grenz- 
scheide. Wie bei Königswart der zwischen dem 
Curhause und der Bahn gelegene Teich eine merk- 
würdige Wasserscheide bildet, indem die Hälfte 
seiner Gewässer in die Beraun, die andere in die 
Eger abfliesst (vor einigen Jahrzehnten dinirte eines 
Tages der Fürst Metternich mit dem Prinzen von 
Ligne in der Mitte dieses Teiches, der trocken 
gelegt worden war, gerade an der Stelle, welche 
diese merkwürdige Wassergrenze bildet), so trennt 
der kleine Höhenzug die Thonlager von den Por- 
cellanlagem. Dalwitz befindet sieh nämlich in der 
glücklichen Lage, dass es Alles besitzt, was zur Por- 
cellan-Erzeugung erforderlich ist, von der schönsten 
Porcellanerde bis zur Kohle. Die grosse Porcellan- 
fabrik von Hammer, neben der Elbogener die älteste 
der Gegend, befindet sich gerade in der entgegen- 
gesetzten Lage. Sie muss sich Porcellanerde und 
Kohle meilenweit zuführen lassen, was ihr eine 
jährliche Frachtenausgabe von 60.000 Gulden ver- 
ursacht. Dalwitz gehört der Familie Biedl. Ein Riedl 
hat die Tochter des Eigenthümers der ,. Deutschen 
New- Yorker Staatszeitung u Otten dorfer zur Frau. 
Ottendorfer ist Österreicher, flüchtete 1849 nach 
Amerika, gründete in New- York die Staatszeitung, die 
heute ihr eigenes Palais hat, kaufte sich am Hudson 
ein Gut um eine halbe Million Dollars und kam 1869 
mit seiner Tochter nach dem böhmischen Bade Warten- 
berg. Hier lernte die junge Dame den Mitbesitzer von 
Dalwitz, ihren gegenwärtigen Gatten, kennen. 

Am 16. September 1835 begab sich Kaiser 
Ferdinand mit seiner Gemalin zu Fuss von Karlsbad 



VIII. Karlsbad. |gg 

naehDalwitz. besichtigte die Körner-Eichen und kehrte 
wieder zu Fuss nach Karlsbad zurück, von wo aus 
er nach Elbogen fuhr, um den Schlussstein der 
dortigen Kettenbrücke einzusetzen. Ferdinand trank 
in Karlsbad vorn Sprudel, in dessen Nähe sich ein 
blumenverzierter Tisch befand, der ein rothsammtenes 
Kissen trug, auf welchem eine im Sprudel versteinerte 
Kaiserkrone mit folgender Inschrift lag: ,.Krone! 
der Vergänglichkeit glaubt die Quelle dich ent- 
wunden, du hast Unvergänglichkeit längst in Volkes 
Treu' gefunden!" Oberstburggraf Chotek überreichte 
dem Kaiser die Krone, welche ein ungarischer Cur- 
gast, Daniel von Szontagh, Vicefiscal aus dem 
Arvaer Comitat, selbst aus den prachtvollsten Blumen 
zusammengestellt hatte. Szontagh wohnte im ..Para- 
dies", welches er mit gleichfalls eigenhändig an- 
gefertigten Transparenten schmückte. Interessant 
ist, dass die Karlsbader Schützen am 16. Septem- 
ber 1835 in schwarzer Civilkleidung (nicht in Uni- 
form) vor der kaiserlichen Wohnung aufzogen und 
den Kaiser, der gleichfalls in Civil war, zum Hochamte 
begleiteten. 

Karlsbad hat folgende Hotels : Auf der neuen 
Wiese: Hotel zum goldenen Schild, sammt zwei 
Monarchen und Gartenhaus ; Hotel Anger ; öster- 
reichischer Hof. Auf dem Markt: Hotel Hannover; 
in der Kirchengasse : Hotel drei Fasanen und Hotel 
Klapka; in der Geweihdiggasse: Hotel Loib, Wagner, 
rheinischer Hof, Hopfenstock, Piömer: in der Kreuz- 
gasse: Stadt Athen, goldener Schwan; in der Kaiser- 
strasse: Hotel de Eussie, Paradies, Morgenstern; 
in der Egerstrasse: bayrischer Hof, goldenes Koss; 
in der Garteuzeile: Hotel National; in der Park- 
strasse: Hotel Donau: in der Bahnstrasse: Hotel 



170 VIIL Karlsbad. 

Schneeberg, Stadt Lyon. Man speist in allen diesen 
Hotels sehr gut. 

Salle de Saxe, Pupp's Restaurant, die Restau- 
ration im Curhaus sind Restaurants ersten Ranges. 
Blauer Stern in der Pragergasse, Stadt Leipzig in 
der Geweihdiggasse sind empfehlenswerthe Speise- 
häuser. Israelitische Speisehäuser: Glattauer im 
Hause zum Kronprinzen in der Sprudelgasse; Seligman 
im Hause „Fischotter-' in der Geweihdiggasse; 
Schwarzkopf zum „rothen Hirsch", Geweihdiggasse. 
— Die besuchtesten Cafesalons sind in der Stadt: 
Auf der alten Wiese: Cafe Elefant; in der Pupp'schen 
Allee: Pupp's Cafesalon; in der Kreuzgasse: Stadt 
Hamburg; in der Gartenzeile: Weilburg. — Ausser- 
halb der Stadt: Schönbrunn, Schweizerhof, Posthof, 
Freundschaftssaal , Kaiserpark, Panorama (Prager- 
strasse). 

Bäckerläden : Alte Wiese : Manul , Pittrof, 
Schöttner ; Kreuzgasse: Mader, Pollack; Markt: 
Glaser; Sprudelgasse: Schütz. 

Conditoreien giebt es in der Mühlbadgasse 
(König von Preussen) ; in der Kreuzgasse, in der 
Kaiserstrasse. 

Weinstuben: 1. Alexander Richter' s Nachfolger: 
Im Hause zur Stadt Strassburg hinter der katho- 
lischen Kirche (Filiale in der Kaiserstrasse) ; 2. Weiss- 
haupt und Kareis, auf der alten und neuen Wiese 
(König von Sachsen —*■ „schöne Königin"). 

Die Versendung der Karlsbader Wasser hat 
Löbl Schottländer gepachtet. Das Bureau befindet 
sich Egerstrasse Nr. 1 1 und am Markte bei den 
„drei Lerchen". Ausserdem hat Heinrich Mattoni auf 
dem Markte beim „Merkur" eine Mineralwasser- 



VIII. Karlsbad. |7J 

Trinkhalle, verbunden mit einer Niederlage aller 
möglichen Mineralwasser und Quellenpro ducte. 

An Spitälern giebt es : Das Fremden-Hospital 
für arme Curgäste, beim Bernhardsfelsen; das 
städtische allgemeine Krankenhaus auf der Fried- 
richshöhe; das Israeliten-Hospital in der Helenen- 
strasse; das Officiers-Badehaus, zur Aufnahme von 
8 Officieren im Jahre 1839 vom Erzbischof Ladislaus 
Pyrker gestiftet; das Militär-Badehaus mit einem 
Belegraum für 33 Officiere und 230 Mann; die 
Elisabethrosen 1867 gestiftet von Madame Arnemann 
zur Unterstützung armer Curgäste, die im Hospital 
keinen Platz finden. 

Apotheken: 1. Apotheke zur ..goldenen Krone" 
des Herrn Lippmann in der Mühlbadgasse ; 2. die 
Apotheke zum „weissen Adler" des Herrn Worlicek, 
am Markt zum „Pomeranzenbaum". 

Seelsorge: 1. Die katholische Kirche: Jeden 
Sonntag um 9 Uhr Hochamt, um 10 Uhr Predigt. 
2. Die protestantische Kirche : An Sonn- und Feier- 
tagen Messe um 1 1 Uhr. 3. Die neuerbaute angli- 
kanische Capelle am Schlossberg: Sonntag 11 Uhr 
Gottesdienst. 4. Die russische Capelle in der Marien- 
baderstrasse : Sonntags 11 Uhr Gottesdienst. 5. Der 
prachtvolle, neuerbaute israelitische Tempel in der 
Parkstrasse: Gottesdienst jeden Freitag Abends 
7 Uhr. Am Sabat und Festtagen Gottesdienst um 
10 Uhr; jede 14 Tage Predigt. 

Lesezimmer: Im Curhause: Grosse Auswahl 
aller bedeutenden europäischen Journale, mit Damen- 
salons und Eauchzimmer. 

Buch-, Kunst- und Musikalien-Handlungen be- 
stehen zwei: Hans Feller auf der alten Wiese zur 



172 



VIII. Karlsbad. 



..weissen Taube" und E. Pohlenz, Markt „weisser 
Löwe*'. In diesen Buchhandlungen kann man auch 
Zeitungen abonniren, einzelne Nummern kaufen; 
man findet daselbst die neuesten Erscheinungen 
auf dem Gebiete der Literatur, Musik, Reisehand- 
bücher etc. 

Leihbibliotheken giebt es ebenfalls zwei: Fra- 
niek & Comp. Markt „drei Lämmer" ; Hans Teller, 
alte Wiese. 

In Karlsbad erscheinen drei Journale: Der Karls- 
bader Anzeiger, das Karlsbader Wochenblatt und das 
Karlsbader Badeblatt (Tagblatt). 

Concerte : Das ausgezeichnete Cur - Orchester 
unter Labitzkv's Leitung spielt täglich von 6 bis 

8 Uhr Früh in der Sprudel- und Mühlbrunn-Colonnade, 
Sonntag, Dienstag und Donnerstag von 4 bis 6 Uhr 
bei Pupp, Montag und Freitag von 6 bis 7 Uhr im 
Posthof. (In den Freitags - Concerten ausgewählte 
classische Musik.) In den Monaten Juni, Juli, August 
finden Abend-Concerte der Cur-Capelle im Salle de 
Saxe und Sanssouci von halb 8 bis 9 Uhr, im Mai 
und September Abend-Concerte im Curhause, ausser- 
dem häufig Militär-Concerte im Freundschaftssaale 
statt. 

Das Stadttheater hat Director Bachmann ge- 
pachtet. Vorstellung täglich um halb 7 Uhr bis 

9 Uhr. Repertoire: Schauspiel, das feine Lust- 
spiel, Oper, Operette und Posse. Das Sommer- 
theater in Sanssouci giebt gleichfalls täglich Vor- 
stellungen um 4 Uhr Nachmittags. Die Statthalterei 
hat den Ankauf von vier an das gegenwärtige, 
Karlsbads ganz und gar unwürdige Theater, an- 
stossenden Häusern bewilligt. Doch steht leider 



VIII. Karlsbad. J^3 

nicht zu erwarten , dass schon demnächst zum 
Bau eines neuen, den Anforderungen der Jetztzeit 
entsprechenden, geräumigen Theaters geschritten 
werden würde. Der Bauplatz hat nämlich, soweit 
er sich aus dem jetzigen Theater und den vier an- 
zukaufenden Häusern formiren würde, eine unregel- 
mässige Form. Ein anderer gut situirter Bauplatz 
ist aber, selbst wenn man auf das Postulat, ein 
freistehendes Haus aufzuführen, verzichten wollte, 
schwer aufzutreiben. Wohl wird der Gedanke ven- 
tilirt, das Theater in den Stadtpark zu verlegen. 
Aber dadurch würde nicht nur eine Verschiebung des 
Theaters aus dem Mittelpunkte der Stadt heraus 
stattfinden, sondern auch eine solche Keducirung 
des Parkes selbst platzgreifen müssen, dass der- 
selbe kaum mehr auf den Namen eines Parkes An- 
spruch hätte. 

Tanz-Eeunionen finden vom 1. Juni an jeden 
Sonnabend im Curhause statt, beginnen um 9 Uhr, 
enden um 12 Uhr und leitet Labitzky das Or- 
chester. 

Bank- und Wechselgeschäfte : Gebrüder Benedikt ; 
Bankgeschäft und Wechselstube in den „zwei Störchen" 
auf der alten Wiese und im Mühlbadhaus. Gottlieb 
Lederer: Bank und Wechselstube in der Mühlbad- 
gasse zum „Kitter". Gustav Lederer: Bank und 
Wechselgeschäft, Markt „grüner Adler". Karl Herz: 
Bank und Wechselgeschäft, alte Wiese „Madrid" und 
Markt „Stadt Neapel". 

Post- und Telegraphen- Amt : auf dem Markt. 
Neues stattliches Gebäude. 

& k. Zollamt: Egerstrasse Nr. 576 und auf 
der Post. 



174 



VIII. Karlsbad. 



TARIF. 



Für Fahrten in gemietheten Wagen in Karlsbad und 
Umgebung in der Zeit vom 16. April bis zum 15. October 1878 : 

Ä) Innerhalb des Stadtrayons, welcher bis zur 

Egerbrücke, bis Drahowitz, bis zum Bergwirths- 

hause und bis zur Teplbrücke vor Pirkenhammer 

reicht. 

I. Von 6 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends: 

a) Mit einem zweispännigen Wagen für 

die erste halbe Stunde 1 fl. — kr. ö. W. 

für jede folgende halbe Stunde ... — fl. 50 kr. „ 

b) Mit einem einspännigen Wagen für die 

erste halbe Stunde — fl. 70 kr. „ 

für jede folgende halbe Stunde . . . — fl. 35 kr. „ 

II. Vor 6 Uhr Morgens und nach 9 Uhr Abends: 

a) Mit einem zweispännigen Wagen für 

die erste halbe Stunde 1 fl. 50 kr. „ 

für jede folgende halbe Stunde ... — fl. 75 kr. „ 

b) Mit einem einspännigen Wagen für die 

erste halbe Stunde 1 fl. — kr. „ 

für jede folgende halbe Stunde ... — fl. 50 kr. „ 

B) Vom und zum Bahnhofe mit Gepäck bis zum 
Gewichte von 100 Pfund. 

I. Von 6 Uhr Morgens bis 9 Uhr Abends: 

a) Mit einem zweispännigen Wagen mit 

Inbegriff der Mauthgebühr 2 fl. — kr. ö. W. 

b) Mit einem einspännigen Wagen mit In- 
begriff der Mauthgebühr 1 fl. 20 kr. „ 

II. Vor 6 Uhr Morgens und nach 9 Uhr Abends: 

o) Mit einem zweispännigen Wagen mit 

Inbegriff der Mauthgebühr 2 fl. 30 kr. „ 

b) Mit einem einspännigen Wagen mit In- 
begriff der Mauthgebühr 1 fl. 50 kr. _ 

Für Ueberge wicht sind von 50 zu 50 Pfund 30 kr. zu zahlen. 



VIII. Karlsbad. 



175 



C) Auf weitereDistanzenwährendderVor mit tags- 

stunden von 7 bis 12 Uhr. 

I. Bis in eine Entfernung von 1 Meile: 

a) Mit einem zweispännigen Wagen . . 5 fl. — kr. 5. W. 

b) Mit einem einspännigen Wagen ... 3 fl. — kr. „ 

II. Bis zur Fabrik in Aich, Altrohlau, Dalwitz, Fischern oder 
Pirkenhammer, sowie in nähere Orte ausserhalb des Stadt- 
rayons : 

1. Ohne Aufenthalt und ohne Kückfahrt: 
o.) Mit einem zweispännigen Wagen . . 3 fl. — kr. 5. W. 
I) Mit einem einspännigen Wagen ... 2 fl. — kr. ., 

•2. Mit einstündigem Aufenthalte und mit Eückfahrt: 

a) Mit einem zweispännigen Wagen. . . 4 fl. — kr. ö. W. 

b) Mit einem einspännigen Wagen ... 2 fl. 60 kr. „ 

D) Auf weitere Distanzen, während den Nach- 

mittagsstunden von 1 bis 9 Uhr, und zwar: 

I. Nach Schlackenwerth, Lichtenstadt, Merkelsgrün, Elbogen, 
Schönwehr, Engelhaus, Pirkenhammer, Aich oder Dalwitz, 

sowie in näher gelegene Orte : 

a) Mit einem zweispännigen Wagen . . 6 fl. — kr. ö. W. 

b) Mit einem einspännigen Wagen ... 4 fl. — kr. „ 

II. Nach Elbogen mit der Rückfahrt über Taschwitz-Aich, 
zur Ottoquelle, nach Tüppelsgrün oder nach Merkelsgrün mit 
der Rückfahrt nach Schlackenwerth, nach Schlaggenwald oder 

nach Petschau: 

a) Mit einem zweispännigen Wagen . . 8 fl. — kr. ö. W. 

b) Mit einem einspännigen Wagen ... 5 fl. — kr. „ 

III. Nach Neudek, Rodisfort, Welchau oder Elbogen mit der 
Rückfahrt über Taschwitz, Aich und Pirkenhammer: 

o.) Mit einem zweispännigen Wagen . . 9 fl. — kr. ü. W. 
b) Mit einem einspännigen Wagen ... 6 fl. — kr. „ 

E) Für eine Fahrt nach Hauenstein oder Joachims- 
thal, sowie für eine Fahrt auf einen ganzen Tag 

von 7 Uhr Morgens bis 9 Uhr Abends, 
o) Mit einem zweispännigen Wagen . . . 10 fl. — kr. ö. W. 
b) Mit einem einspännigen Wagen ... 7 fl. — kr. „ 



Ifß VIII. Karlsbad. 

Der Preis zu Fahrten in Entfernungen über 4 Meilen 
ist besonders zu accordiren. 

In säramtlichen Fahrgebühren ist das Trinkgeld für den 
Kutscher eingerechnet, daher der Fahrgast zur Abgabe eines 
Trinkgeldes nicht verpflichtet ist. 

Die Mauthgebühren hingegen hat der Fahrgast, mit Aus- 
nahme der Fahrten von oder zum Bahnhofe (sub B), zu ent- 
richten. 

Die Besitzer der Omnibusse haben den Namen des 
Unternehmers oder den Gasthof, in welchem sie stehen, so- 
wie die Fahrtaxen an der Aussenseite des Wagens ersicht- 
lich zu machen. 

Ueberschreitungen der Fahrtaxe und andere Beschwerden, 
welche sich aus der Benützung von Miethwägen ergeben, sind 
am Bahnhofe dem dort stationirenden Gensdarmen oder Polizei- 
wachmanne, in Karlsbad aber der k. k. Bezirkshauptmann- 
schaft anzuzeigen. 

In Karlsbad gilt folgende Miethordnung, die wir 

veröffentlichen, weil die in den übrigen grossen 

böhmischen Bädern geltenden Miethordnungen 

auf derselben Basis beruhen. 

1. Jeder zum Curgebrauche ankommende Fremde kann 
eine Wohnung auf bestimmte oder unbestimmte Zeit 
miethen. 

Ueber die Miethe selbst, sowie über einzelne Bedingungen 
derselben , ist der schriftlich oder mündlich abgeschlossene 
Vertrag massgebend und entscheidend. 

2. Wird auf eine bestimmte Zeit, z. B. auf eine Woche, 
14 Tage, 4 oder G Wochen u. s. w. oder überhaupt bis zu 
einem festgesetzten Zeitpunkte gemiethet, so gilt der Vertrag 
für diese ausdrücklich festgesetzte Zeit, bedarf keiner vor- 
läufigen Kündigung und erlischt nach Ausgang der Frist, 
insoferne nicht etwa mittlerweile durch wechselseitige Ueber- 
cinkunft eine Verlängerung der Miethe unter denselben oder 
anderen Bedingungen verabredet wird, in welchem Falle diese 
Verlängerung als ein neuer Vertrag angesehen wird. 

:;. Der Umstand, dass der Miethzins, wie dies in der 
Regel üblich ist, wöchentlich gezahlt wird, hat auf den Ver- 
trag keinen Einfluss. 



VIII. Karlsbad. 



177 



4. Während der Dauer der Miethe auf bestimmte Zeit 
darf der Curgast vom Vermiether im Miethzinse nicht gesteigert 
werden. 

5. Wird eine Wohnung auf unbestimmte Zeit über- 
haupt gemiethet, so wird in zweifelhaften Fällen, wenn nichts 
Besonderes bedungen ist, angenommen, dass der Curgast die 
Wohnung auf die gewöhnliche Curzeit, d. i. auf vier Wochen, 
gemiethet hat, und es darf während dieser Zeit eine Steigerung 
des ursprünglich verabredeten Miethzinses nicht stattfinden. 

Beabsichtigt der Miether in diesem Falle die Wohnung 
nach Ablauf der vierten Woche wirklich zu verlassen oder 
will der Bestandgeber dieselbe anderweitig vermiethen, so hat 
eine einwöchentliche Kündigung voranzugehen. Erfolgt diese 
nicht, so gilt der Vertrag auf weitere unbestimmte Zeit und 
kann sodann jederzeit nach vorausgegangener einwöchentlicher 
Kündigung gelöst werden. 

6. Wird jedoch ausdrücklich wochen- oder tagweise ge- 
miethet, so hat im ersten Falle stets eine wöchentliche, im 
letzteren Falle aber eine 24stündige Kündigungsfrist einzu- 
treten. Die Kündigung kann von Seite des Miethers und des 
Vermiethers gegeben werden. 

7. Die Kündigungswoche müss sich der verflossenen 
Miethwoche genau anschliessen und wird von jenem Tage 
berechnet, an welchem die Zahlungsverbindlichkeit für die 
gemiethete Wohnung beginnt. 

Erfolgt die Kündigung im Laufe einer Woche, so wird 
dies so angesehen, als wenn sie erst zu Ende dieser Woche 
gegeben worden wäre. 

Die Woche wird zu sieben Tagen gerechnet. 

8. Wenn im Falle einer unbestimmten oder wochenweise 
geschlossenen Miethe von dem Curgaste gleich am ersten 
Tage des Einziehens in die Wohnung gekündigt wird, so ist 
die Zahlung nur für die eine laufende Woche zu leisten. 

9. Will der Curgast bei unbestimmter oder wochenweise 
geschlossener Miethe die Wohnung plötzlich verlassen, so hat 
er nebst dem Miethzinse für die laufende Woche auch noch den 
Betrag eines wöchentlichen Miethzinses als Entschädigung zu 
leisten, hat jedoch auf die verlassene Wohnung keinen Anspruch 
und daher kein Eecht, dieselbe in Aftermiethe zu überlassen. 

Bei einer tageweisen Miethe beträgt die Entschädigung 
den für einen Tag entfallenden Miethzins. 

12 



178 



VIII. Karlsbad. 



10. Jeder Vermiether hat das Recht, von dem Miether 
ein Darangeld zu fordern, welches jedoch den Betrag des ein- 
wöchentlichen Miethzinses nicht übersteigen darf. Dieses Daran- 
geld verfällt als Eeugeld, wenn der Miether binnen der ersten 
Miethwoche nicht einzieht und dem Vermiether keine genügende 
Sicherstellung derart leistet, dass er demungeachtet den Ver- 
trag einhalten werde. Leistet er eine solche Sicherstellung 
nicht, so kann der Vermiether nach Ablauf dieser Woche 
über die Wohnung anderweitig verfügen. 

11. In den Gasthöfen und Einkehrhäusern hat der 
Fremde das Kecht, seine Wohnung jeden Tag zu verlassen 
und nur tageweise zu bezahlen. Miethet jedoch ein Fremder 
die Wohnung in einem Gasthaus um einen festgesetzten, nicht 
tageweise berechneten Preis auf bestimmte oder unbestimmte 
Zeit, so kommen die obigen Bestimmungen wie bei Privat- 
häusern in Anwendung. 

12. Wenn die Bedingungen des Mietvertrages von Seite 
des Vermiethers nicht eingehalten werden, wenn z. B. der 
Fremde die bedungenen oder nöthigen Einrichtungsstücke 
nicht erhält; wenn bewiesen wird, dass die Wohnung unrein, 
feucht oder überhaupt der Gesundheit nachtheilig ist, oder 
wenn Gebrechen später entdeckt werden, die man bei dem 
Abschlüsse der Miethe nicht kennen konnte, wodurch der 
Miether in seinem Wohnrechte beeinträchtigt wird, ohne dass 
diese Gebrechen von dem Vermiether beseitigt werden können, 
so steht in solchen Fällen dem Miether das Eecht zu, diese 
Wohnung ohne weitere Kündigung und Entschädigung, blos 
nach Bezahlung der Miethe für die Dauer der wirklichen 
Benützung zu verlassen. 

13. Ueber die verabredeten Bedingungen, sowie über die 
angegebenen Gebrechen hat in einem solchen Falle der Miether 
den Beweis zu liefern. 

Eine gleiche Beweisführung liegt dem betreffenden 
Kläger ob, wenn über die Frage, ob die Wohnung auf bestimmte 
oder unbestimmte Zeit gemiethet wurde, ein Streit entsteht. 

Liegt ein schriftlicher Vertrag nicht vor, oder kann die 
mündliche Verabredung nicht nachgewiesen werden, so liefert 
der Meldungsbogen, welcher eine Rubrik für die Dauer des 
beabsichtigten Aufenthaltes enthält, den Beweis und es werden 
die Vermiether aufmerksam gemacht, die Meldungsbogen von 
den Fremden selbst ausfüllen zu lassen, weil sonst die 



VIII. Karlsbad. j^g 

gegenteilige Behauptung des Miethers als beweiswirkend an- 
genommen werden müsste. 

14. Bei Quartiermiethen kommt keine abgesonderte Ent- 
schädigung für die durch gewöhnlichen Gebrauch bewirkte 
Abnützung der Möbel, des Bettes und Geschirres zu bezahlen, 
nur ist: 

a) in dem Falle, wenn etwas beschädigt oder zer- 
brochen wird, dafür Entschädigung zu leisten; 

b) in Fällen von schweren und längeren Krankheiten, 
wo ungewöhnlich mehr Wäsche gebraucht wird, für 
die gebrauchten Effecten und das Bettzeug eine 
angemessene Entschädigung und für den Fall ihrer 
ferneren TJnbrauchbarkeit der dem Werthe ent- 
sprechende Ersatz zu leisten. 

15. Jedem Curgaste steht es frei, den Kaffee, die Kost 
und die Bäder zu nehmen, wo es ihm beliebt, ebenso hat er 
das Eecht, die Reinigung seiner eigenen Wäsche wo immer 
besorgen zu lassen. 

Jede Beschränkung dieses Rechtes, welche dem Curgaste 
bei der Wohnungsmiethe als Bedingung auferlegt werden 
sollte, ist ungiltig, begründet von Seite des Vermiethers kein 
Klagerecht und kann die sogleiche Auflösung des Mietver- 
trages ohne Aufkündigung zur Folge haben. 

16. In dem Miethzinse ist in der Regel die Entlohnung 
für die Bedienung nicht enthalten, ausser wenn bewiesen wird, 
dass die Wohnung sammt Bedienung um diesen oder jenen 
Preis gemiethet wurde. Ausser diesem Falle bleibt die Ent- 
lohnung für die Bedienung dem wechselseitigen Ueberein- 
kommen überlassen oder richtet sich nach den Bestimmungen 
der ebenfalls bestehenden Hausordnung. 

Wenn jedoch die Entlohnung für die Bedienung in einem 
verabredeten fixen Betrage von dem Hausbesitzer oder Bestand- 
geber mit der Wochen- oder Monatsrechnung eingefordert und 
von dem Curgaste entrichtet wird, so haben die Dienstleute 
keinen Anspruch auf Bezahlung eines abgesonderten Trinkgeldes 
und der Curgast hat keine Verpflichtung, ein solches zu ent- 
richten. 

Uebrigens sind unter Bedienung die gewöhnlichen Dienst- 
leistungen, als das Aufräumen und Reinhalten des Zimmers, 
die Beischafrung des nöthigen Wassers oder anderer Erforder- 
nisse, sowie andere kleine Verrichtungen zu verstehen, nicht 

12* 



180 



VIII. Karlsbad. 



aber Kleiderplätten, Waschen, Nähen, Stiefel- und Kleider- 
putzen oder die Krankenpflege inbegriffen. 

17. Streitigkeiten aus Anlass der Miethverhältnisse sind 
bei dem k. k. Bezirkshauptmanne (im Amtsgebäude, IT. Stock, 
neue Wiese) einzubringen, welcher die friedensrichterliche Ver- 
mittlung zu übernehmen, einen gütlichen Vergleich zu ver- 
suchen und, im Falle derselbe nicht zu Stande kommen könnte, 
die Parteien auf den Eechtsweg zu weisen hat. 

Auf Verlangen der streitenden Theile liegt es dem 
k. k. Bezirkshauptmanne ob, eine schiedsrichterliche Ent- 
scheidung zu fällen. 



Tarif für die städtischen Bade-Anstalten in 
Karlsbad. 

Für 1 Mineralbad 1. Classe (Salonbad) im Cur- 
hause in den Vor- und Nachmittagsstunden 

mit Service 1 fl. 50 kr. 

„ 1 Mineralbad 2. Classe im Curhause und in 
den übrigen Bade-Anstalten in den Vor- 
mittagsstunden mit Service 1 fl. — kr. 

„ 1 Mineralbad von 2 Uhr Nachmittags an mit 

Service — fl. 50 kr. 

„ 1 Mineral-Douchebad mit Service 1 fl. 25 kr. 

„ 1 russisches Dampfbad nebst kalter Douche 

ohne Service 1 fl. — kr. 

„ 1 kaltes Douchebad ohne Service — fl. 60 kr. 

„ 1 Moorbad einschliesslich des Keinigungs- 
bades, und zwar: 

mit 48 Kilogramm Moor 2 fl. — kr. 

„60 „ „ 2 fl. 30 kr. 

„72 „ „ 2 fl. 60 kr. 

„84 „ „ 2 fl. 80 kr. 

„96 „ „ 3 fl. - kr. 

Für 1 Eisenbad — fl. 70 kr. 

„ 1 Bad im Sauerbrunnen 1 fl. — kr. 

„ 1 Süsswasserbad mit Service 1 fl. — kr. 

„ 1 Person im Communbade — fl. 5 kr. 

„ einmaliges Heizen der Badeloge — fl. 20 kr. 



VIII. Karlsbad. 



Für Badewäsche: 



181 



Für die Benützung eines Bademantels — fi. 20 kr. 

„ „ „ „ Leintuches — fl. 10 kr. 

„ „ „ „ Handtuches — fl. 4 kr. 

„ das Wärmen der Wäsche mittelst Holzkohlen- 
feuer — fl. 10 kr. 

Bei Benützung der Salonbäder wird die Taxe für die 
Badewäsche in doppeltem Betrage eingehoben. 

Moorerde kann man im Curhause erhalten, das Kilogramm 
mit 4 kr. ö. W. 

In jedem Badehause liegt ein Beschwerdebuch auf. 



Lohntarif des Dienstmann-Institutes „Express". 

I. Für Gänge ohne Lasten und leichte Verrichtungen ohne 

Geräthschaften : 
V» st. y 2 St. 1 St. 2 St. 3 St. 4 St. 5 St. 10 St. 
10 kr. 15 kr. 20 kr. 35 kr. 50 kr. 60 kr. 70 kr. 1 fl. 40 kr. 

IL Für Dienstleistungen mit Geräthschaften und für schwere 
Arbeitsleistung, sowie für Gänge ausserhalb des Stadtrayons: 
% St. y 2 St. 1 St. 2 St. 3 St. 4 St. 5 St. 10 St. 
15 kr. 20 kr. 30 kr. 45 kr. 60 kr. 70 kr. 80 kr. 1 fl. 60 kr. 
Für einen Piano transp ort 2 fl. — kr. 

„ den Hin- und Bücktransport eines Pianos . 3 fl. — kr. 

„ Lasten zum und vom Bahnhof bis 100 Pfund — fl. 60 kr. 

„ Mehrgewicht von 25 zu 25 Pfund . . . . — fl. 10 kr. 

3. Hygiene. 

(Quellen. Heilanzeigen. Diät. Die Trinkcur und das Baden. 
Essen und Trinken. Bewegung, Bekleidung. Badeärzte, Bade- 

Literatur.) 

Karlsbad ist eine salinisch-alkalische Therme. 
Die heilkräftig wirksamen Potenzen sind das schwe- 
felsaure Natron, das Chlornatrium, das kohlensaure 
Natron, die Kohlensäure und die hohe Temperatur. 
Die Zahl der Quellen ist sehr gross, an vielen Stellen 



182 



VIII. Karlsbad. 



im Teplflusse, in den Kellern vieler Häuser bricht 
Thennalwasser hervor. Alle diese Quellen sind 
chemisch nahezu gleich zusammengesetzt, was dafür 
spricht, dass alle diese Quellen wahrscheinlich aus 
einem gemeinsamen Bassin entspringen; die ein- 
zelnen Quellen unterscheiden sich nur durch die 
Verschiedenheit der Temperatur, sie differiren von 
34° R, (Kaiser Karl-Quelle) bis zu 59° R. (Sprudel). 
Es giebt also in Karlsbad keine stärkeren und schwä- 
cheren Quellen, man kann nur von wärmeren und 
kühleren Quellen sprechen. Wo es sich also um die 
Einwirkung hoher Temperaturgrade handeln wird, 
werden natürlich alle Quellen dem Sprudel weichen 
müssen; wo es sich dagegen um die Wirkung der 
Kohlensäure handeln wird, können gerade die küh- 
leren Quellen die wirksameren sein. Die älteste, 
berühmteste und imposanteste Quelle Karlsbads ist 
der am rechten Tepl-Ufer, unterhalb der Kirche gele- 
gene Sprudel. Aus sieben theils durch Bohrung, theils 
durch natürliche Durchbrüche entstandenen Oeff- 
nungen sprudelt das Therrnalwasser continuhiich 
oder in Absätzen hervor. Alle diese Oeffnungen 
communiciren mit einander. Der Sprudel ist die 
wasserreichste Quelle, er giebt 17 Hektoliter in der 
Minute, seine Temperatur ist 59° R. Die nahe Hygiea- 
quelle hat dieselbe Temperatur, ist aber viel wasser- 
ärmer, sie giebt 3 Hektoliter per Minute. 

Es folgen die anderen Quellen mit dem Ergeb- 
niss der letzten Messung vom 17. April 1878: 

per Minute 
Die Kaiser Karl-Quelle . . Liter 1-50 + 34*70° R. 

der Marktbrunn „ 7'00 + 39'00° „ 

„ Schlossbrunn „ 13'00 -j- 44*66° „ 

„ Mühlbrunn „ 8-00 + 44-50° „ 



VIII. Karlsbad. 



183 



per Minute 

der Theresienbrunn Liter 1915 + 48'30°K. 

„ Neubrunn „ 8-60 -f 49-30 ° „ 

„ Berrjardsbrunn ., 9'65 + 52-70° „ 

die Elisabethquelle „ 5*50 + 35'50° „ 

„ Felsenquelle r 3"65 -f 47'60° „ 

„ Kurhausquelle „ 12-00 + 52*20° „ 

„ Hochbergquelle „ 3-60 + 32-50° „ 

der Kaiserbrunn „ 12-75 + 39-30° „ 

Die heisseste Quelle vermag die in der Tiefe 
aufgenommene Kohlensäure nur unter starkem Drucke 
gelöst zu halten; sowie der Druck nachlässt, d. h. 
wie das Wasser sich der Oberfläche nähert, wird sie 
den grössten Theil der Kohlensäure an die Atmosphäre 
abgeben, die Kohlensäure entweicht. In Folge dieses 
Verlustes fallen die durch die Kohlensäure früher 
in Lösung erhaltenen Bicarbonate des Kalkes und 
des Eisens nunmehr nieder und inkrustiren (versin- 
tern) alle mit ihnen in Berührung kommenden Ge- 
genstände. In Folge dieses Niederschlages hat sich 
das gemeinsame Bassin, aus welchem die heissen 
Wasser emporkommen, mit einer dreifachen Sinter- 
decke, der sogenannten Sprudelschale, überwölbt. 
Das Wasser selbst hat weder Geruch noch Farbe, 
einen schwachsalzigen, nicht unangenehmen Geschmack. 
Die Hauptwirkung des Karlsbader Wassers ist 
die umstimmende, d. h. die hohen, wichtigen Lebens- 
processe der Ernährung , der Blutbereitung , der 
Absonderungen werden durch das Karlsbader Wasser 
neu angeregt und geregelt , die Ausscheidungen 
befördert, Stauungen behoben. Das Karlsbader Wasser 
wirkt also besonders auflösend und ist durchaus 
kein Purgirmittel, sondern, indem es die Stauung 
behebt, regt es die Darmthätigkeit mit an. Die 



Ig4 VIII. Karlsbad. 

Harnabsonderung ist während des Trinkens vermehrt, 
der Harn klar und geruchlos. Auch die Hautaus- 
dünstung ist vermehrt , nicht selten entstehen 
Schweisse, auch Hautausschläge. Der Appetit ist 
im Anfange der Cur meistens vermindert, hebt sich 
aber rasch im Verlaufe der Cur. Die hohe Tem- 
peratur des Wassers wirkt beruhigend und schmerz- 
stillend, besonders bei schmerzhaften Affectionen 
des Magens, des Darmcanals, weil das Wasser direct 
mit den schmerzhaften Theilen in Berührung kommt. 

Die Karlsbader Wasser finden ihre Hauptanzeige 
bei den chronischen Unterleibskrankheiten. Vor Allem: 

I. Bei Stauungen in der venösen Cir- 
culation des Unterleibes, hervorgegangen 
a) aus habitueller Stuhlverstopfung, besonders in 
Folge sitzender Lebensweise, ferner b) Unterleibs- 
stasen, wo bei Individuen, die eine üppige Lebens- 
weise führen, den Freuden der Tafel allzu reichlich 
huldigen, viele Spirituosa zu sich nehmen, eine fort- 
währende Blutüberfüllung des Unterleibes stattfindet ; 
c) Stasen in Folge von Leberkrankheiten, besonders 
wenn der Blutumlauf in der Pfortader gestört ist. 
Bei allen diesen Unterleibsstasen und ihren Folge- 
zuständen sind die Karlsbader salinischen Mineral- 
wasser von ausgezeichnetem Erfolg. 

IL B e i c h r o n i s c h e n M a g e n- u n d D a r m- 
leiden, besonders Verdauungsstörungen {Dyspepsien), 
dem chronischen Magencatarrh , dem chronischen 
Magengeschwür , bei Magenkrämpfen , chronischer 
Diarrhöe, habitueller Obstruction. 

III. Bei Leberkrankheiten: 1. Bei Leber- 
anschwellungen a) durch Blutüberfüllung derselben 
in Folge von zu opulenter Nahrung, Missbrauch von 
Spirituosen, b) bei Lebervergrösserung nach Wech- 



VIII. Karlsbad. 



185 



selfieber in Folge langen Aufenthaltes in Malaria- 
Gegenden , mit welchen gewöhnlich auch Milz- 
anschwellung vergesellschaftet ist, c) bei Fettleber, 
wenn sie Folge von Stauungen und nicht Folge 
von Consumptions-Krankheiten , z. B. Tuberculose 
ist, d) bei beginnender interstitieller Leberentzün- 
dung, e) bei CoHoid-Entartung der Leber in Folge 
von Wechselfieber — alle diese Krankheiten können 
durch den vernünftigen Gebrauch des Karlsbader 
Wassers, selbst wenn die Anschwellungen schon weit 
vorgeschritten sind, heilen. Es ist selbstverständlich, 
dass Leberkrankheiten in Folge von Herzfehlern 
(Klappen-Insufficienz), von Lungenkrankheiten (Lun- 
gen-Emphysem) nicht Gegenstand einer Behandlung 
durch Karlsbad sein werden. 

2. Bei Gelbsucht. Die Gelbsucht ist keine Krank- 
heit für sich, sondern nur Symptom einer Krankheit, 
deren Sitz ein verschiedener sein kann. Jedes Hin- 
derniss, welches den freien Abfluss der Galle in den 
Zwölffingerdarm zuwege bringt, erzeugt Gelbsucht, 
und auch nur diese Formen von Gelbsucht sind 
durch Karlsbad heilbar. Also Gelbsucht in Folge 
von Catarrh der Gallengänge, Gelbsucht in Folge 
von Gallensteinen, Gelbsucht im Gefolge von Leber- 
krankheiten nach psychischen Affectionen gehören 
hierher. Die Gallensteine selbst werden durch das 
Karlsbader Wasser herausgetrieben und die neue 
Gallensteinbildung , wie es scheint , verhütet. Die 
Zahl der mit Gallensteinen und Gallensteinkoliken 
nach Karlsbad kommenden Kranken ist Legion. Der 
mehrmalige Gebrauch von Karlsbad bringt voll- 
ständige Heilung dieses Leidens. 

3. Bei Zuckerharnruhr. Die Literatur weist 
Fälle auf, wo die Karlsbader salinischen Wasser in 



186 



VIII. Karlsbad. 



Verbindung mit strenger animalischer Diät diese 
Krankheit in einigen Fällen heilte, in vielen Fällen 
sie besserte, so dass Kranke dieser Art selbst ein 
hohes Lebensalter erreichten. 

IV. Karlsbad hat sich von jeher ausgezeichnet 
bewährt in den Krankheiten der Harnwege, Krank- 
heiten der Niere (Xierensand, Gries, Nierensteine, 
Nierensteinkoliken) , der chronische Blasencatarrh 
finden erfahrungsgemäss in Karlsbad Heilung. 

V. Gicht als Folgezustand von Unterleibs- 
stockungen. Der chronischen Stuhlverstopfung, der 
Milzanschwellung nach Wechselfieber wurde schon 
obeD erwähnt. 

Die hohle, nichtssagende Phrase von der „Gefähr- 
lichkeit" der Karlsbader Wasser spukt noch in dem 
Gehirn so mancher Leute. Die Karlsbader Wasser 
sind in hohem Grade milde Wasser und werden, 
wenn sie mit Zuratheziehung eines Arztes vernünftig 
gebraucht werden, stets vom besten Erfolg begleitet 
sein. Wer aber, ohne einen Arzt zu consultiren, 
täglich eine Unzahl Becher Wasser hinunter trinkt, 
für Den können unter Umständen unangenehme Folgen 
eintreten. Gegenangezeigt sind die Karlsbader Wasser 
in allen acuten, fieberhaften Krankheiten, bei Lun- 
genemphvsem, bei organischem Herzfehler, in allen 
Krankheiten, die auf Blutarmuth beruhen, wie Bleich- 
sucht, bei Marasmus der Greise, in allen Gehirn- 
und Kückenmarkskrankheiten. In der letzten Schwan- 
gerschaftszeit und bei Frauen, die zu Blutungen und 
Abortus incliniren. sind die Karlsbader Wasser eben- 
falls gegenangezeigt, in der ersten Schwangerschafts- 
periode jedoch kann die Cur ohneweiters von den 
Frauen gebraucht werden. 



VIII. Karlsbad. 



187 



Man kann sich zu jeder Jahreszeit einer Brun- 
nencur in Karlsbad unterziehen, selbst im Winter, 
wenn die Verhältnisse es gerade nicht anders ge- 
statten. Anzuempfehlen sind jedoch Vorfrühlings-, 
Spätherbst- und Wintercuren, des rauhen Klima's 
wegen, nicht. 

Die beste Zeit für eine Bade- und Trinkcur 
in Karlsbad bleibt die Zeit vom 15. Mai bis 15. Sep- 
tember. Ueber die Dauer der Cur kann nur der 
Arzt sich aussprechen; die Art, sowie die Inten- 
sität der Krankheiten, das Alter und der Kräffce- 
zustand der Kranken, die Art der Einwirkung des 
Mineralwassers auf den kranken Organismus, die 
intercurrirenden Zufälle während der Cur — alles 
das muss bei der Bestimmung der Dauer der Cur 
berücksichtigt werden. Im Allgemeinen lässt sich 
jedoch sagen, dass frische, leichtere Affectionen eine 
kürzere Zeit — etwa vier Wochen — veraltetere, mehr 
vorgeschrittene Leiden einer längeren Zeit bedürfen. 

Die Vorcur besteht darin, dass der Kranke 
schon drei Wochen früher zu Hause einige Flaschen 
Karlsbader Wasser oder einen analogen Brunnen bei 
entsprechender Diät trinkt. — Die Nach cur besteht 
im Wesentlichen darin, dass der Kranke im Grossen 
und Ganzen die Lebensweise noch durch drei bis 
vier Wochen, wo möglich am Lande und fern von 
den täglichen Berufsge Schäften, fortsetze, die er wäh- 
rend seiner Cur in Karlsbad führte. Viele Kranke 
bedürfen nach ihrer Karlsbader Cur noch einer Nach- 
cur in einem zweiten Curorte. Ueber das Wie, Wann 
und Wo einer solchen Nach cur hat der Arzt zu 
entscheiden. 

Welche Quelle der Kranke zu trinken, und wie- 
viel er zu trinken hat, kann nur der Arzt bestim- 



Igg VIII. Karlsbad. 

men. Man beginnt gewöhnlich mit kleineren Quanti- 
täten (ein bis zwei Bechern) und steigt selten über 
fünf bis sechs Becher. Zwischen einem Becher und 
dem anderen möge der Kranke eine Pause von 15 
bis 20 Minuten machen, die er mit Bewegung, oder 
wenn er schwächlich ist, mit Sitzen ausfüllt. Das 
Wasser wird schluckweise getrunken. Es ist nicht 
rathsam, das Wasser in grossen Zügen oder gar in 
einem Zuge auszutrinken, da sonst sehr leicht Schwere 
im Magen, Magendrücken, Congestionen zum Kopfe 
eintreten können. Nach dem letzten Becher ist eine 
längere Bewegung im Freien, etwa eine Stunde lang, 
zu machen, bevor man sein Frühstück einnimmt. Das 
Wasser wird des Morgens nüchtern getrunken ; wäh- 
rend des Tages nur auf besondere Anordnung des 
Arztes. — Das Eintreten der monatlichen Periode bei 
den Frauen ist durchaus kein Grund, die Trinkcur ganz 
zu unterbrechen; man las st die Frauen nur weniger als 
gewöhnlich und von einer kühleren Quelle trinken. Das 
Baden während der Periode verbietet sich von selbst. 
Fast alle Kranken gebrauchen nebst der Trink- 
cur auch eine Badecur. Bäder sind mächtige Heil- 
potenzen. Warme Bäder wirken erregend und um- 
stimmend auf die peripheren Nerven, sie heben und 
beleben die gesunkene Nerven-Energie. Das warme 
Bad wirkt weiter anregend auf die capillare Haut- 
circulation, es vermehrt die Schweissabsonderung. 
Die günstigste Zeit zum Baden sind die Vormittags- 
stunden von 10 bis 1 Uhr. Wer Nachmittags badet, 
möge dies drei bis vier Stunden nach eingenommener 
Mahlzeit thun. Die gewöhnliche Temperatur des 
Bades sei 27 bis 28° K., in Ausnahmsfällen auch 
29 bis 30° K. Man badet gewöhnlich einen Tag um 
den anderen. 



VIII. Karlsbad. ]^g9 

In Karlsbad werden Mineralwasser-Bäder (Spru- 
delbäder), Moorbäder, Dampfbäder, Eisenbäder und 
Gasbäder genommen. 

Was die Diät anbelangt, so schliesst sich in 
Karlsbad eine schablonenhafte Diät von selbst aus; 
hier heisst es individualisiren. Wohlgenährte und 
vollblütige Kranke z. B. werden sich einer ganz 
anderen Diät unterziehen müssen, als magere, blut- 
arme, schwächliche und herabgekommene Individuen. 
Der Kranke wird am besten thun, sich streng an 
den Rath seines Arztes zu halten. 

Es ist ganz falsch, wenn man glaubt, dass 
gewisse ' Nahrungsmittel sich mit dem Karlsbader 
Wasser nicht vertragen. Nicht das Wasser, sondern 
die Krankheit verträgt sie nicht. Als oberste Vor- 
schrift gilt, sich vor allen Speisen in Acht zu 
nehmen, die allgemein als schwer verdaulich bekannt 
sind, und zweitens sich während der Cur nie den 
Magen zu überladen. Zu vermeiden sind also alle 
fetten Speisen, wie Butter, Käse, Speck; alle fetten 
Eleischsorten, besonders Schwein- und Gänsebraten, 
fette Eische (Aal), fette Würste. Ebenso schwere 
Mehlspeisen, süsses Backwerk; weiter sind zu meiden 
alle Hülsenfrüchte, Schwarzbrot, hartgesottene Eier, 
mit Essig und Oel angemachte Salate, rohes Obst, 
weil dadurch leicht Diarrhöen, Blähungen entstehen, 
Eis und Eiswasser, weil dadurch der Magen leicht 
verkältet werden kann. Ebenso sind alle zu sehr 
gewürzten und zu sehr gesalzenen Speisen, schwere 
geistige Getränke zu meiden. Zu empfehlen ist 
wegen seiner leichten Verdaulichkeit das weisse 
Fleisch (Kalbfleisch, Geflügel) und das gebratene 
Fleisch dem gekochten vorzuziehen; weiche Eier und 
abgekochte Milch wird von den Meisten gut vertragen. 



190 



VIII. Karlsbad. 



Wie schon früher erwähnt wurde, bildet die 
sitzende Lebensweise, der Mangel an entsprechender 
Bewegung bei sonst üppiger Lebensweise die Ursache 
der Unterleibsstockungen. Ein wichtiges Unter- 
stützungsmittel der Cur wird also in zweckent- 
sprechender Leibesbewegung entstehen. 

Durch die vermehrte Körperbewegung gelangt 
mehr Sauerstoff in die Lungen, die Blutcirculation 
wird lebhafter, der Verbrennungsprocess gefördert; 
die vermehrte Körperbewegung erstarkt das erschlaffte 
Muskelsystem, erhöht das Kraftgefühl, freudiger 
Lebensmuth, geistige Energie kehren zurück. Das 
Mass der Körperbewegung hängt vom Individuum 
ab, auch die Witterungsverhältnisse werden da in 
Betracht zu ziehen sein. Schwächliche Personen, 
die zu Ohnmächten und Schwindel geneigt sind, 
Schwerkranke, wie an Zuckerruhr, an Gallen- oder 
Nierensteinen Leidende mögen nur in der Ebene 
ihre Spaziergänge machen und Bergpartien meiden, 
solche Kranke sollen oft nur spazieren sitzen. Man 
mache häufige Bewegung in der frischen Luft, 
jedoch niemals bis zu dem Grade der Ermattung 
und Abgeschlagenheit. Man gehe früh zu Bette, 
da man früh aufsteht und man sich die gewohnte 
Buhe nicht entziehen soll. Man schlafe sieben 
Stunden. Das Schlafen am Tage, besonders nach 
Tische, ist nicht rathsam, weil einestheils nach 
Tische leicht Congestionen entstehen können, anderer- 
seits durch den Schlaf bei Tage eine gewisse Er- 
schlaffung für den Rest des Tages zurückbleibt. 
Nur solche Personen, die durch ihr Leiden bei 
Nacht wenig oder schlecht schlafen, mögen bei Tage, 
am besten Vormittags (vor Tische), eine oder andert- 
halb Stunden schlafen; dasselbe gilt von Personen, 



VIII. Karlsbad. 



191 



die sich durch das Trinken und Baden sehr ange- 
griffen fühlen. Der Ourgast vermeide jede anstren- 
gende geistige, sowie körperliche Thätigkeit. Ruhe 
des Körpers und Euhe des Gemüthes sind Cardinal- 
Bedingungen für einen günstigen Cur-Erfolg. Man 
wähle sich eine kleine, angenehme Gesellschaft, lasse 
sich nie in hitzige Debatten ein und meide jeden 
medicinischen Gesprächsstoff. Das Billardspiel ist 
empfehlenswerth , das Kartenspiel regt auf und ist 
zu unterlassen. Massiges Rauchen von leichten 
Cigarren, zwei bis drei täglich, ist gestattet. ZurLecture 
wähle man während der Cur nur leichte unter- 
haltende Werke. 

Was endlich die Bekleidung anlangt, so lasse 
man nicht aus dem Auge, dass die Morgen und 
Abende immer kühl zu sein pflegen. Dazu kommt, 
dass die Kranken in Folge des Trinkens, Badens, 
der vermehrten Körperbewegung und intensiveren 
Transspiration leicht zu Erkältungen disponirt sind. 
Daraus folgt, dass sich jeder Kranke, der nach 
Karlsbad geht, mit warmen Kleidungsstücken vor- 
sehe und versehe. Frauen besonders mögen bedenken, 
dass Karlsbad ein Bad für Kranke und kein Bad 
zur Entwickelung von Prachttoiletten ist. Die Frauen 
mögen daher alle eng anliegenden und drückenden 
Kleidungsstücke vermeiden, weil dadurch die Blut- 
circulation gehemmt und die Verdauung gestört 
wird. Auch treffe man bei weiteren Ausflügen, so- 
wie für's Bad seine Vorsichtsmassregeln in Bezug 
auf die Bekleidung. 

Wir wollen nun noch die Karlsbader Aerzte 
namentlich anführen. Es sind das die Doctoren: 
v. Hochberger, Fleckles sen., Bermann, Hlawaczek, 
Anger, Preiss, Gans sen., Oesterreicher, Senger, 



192 



VIII. Karlsbad. 



Klauber, Zimmer, Stark, Kronser, Hordinsky, Schnee, 
Fleckles jun. , Neubauer, Hofmann, Mayer, Kraus, 
Riehl, Abeles, Kafka (Homöopath), Grünberger, 
Pickler, Gans jun., Rosenberg, Löwenstein, Stanko- 
wansky, Schäfer, Hassewicz, Pleschner, Czapek, 
London, Wollner, Stephanides, Hertzka, Mlady, 
Cartellieri, Reichl, Maschka, Rosenzweig, Schiffer 
und Roheim. 

Wundärzte: Glaser, Marsoner, Löwy, Meyer, 
Langbein, Lang. 

Aus der reichen Literatur über Karlsbad (seit 
1772) heben wir hervor: Dr. Becher's Abhandlung 
über Karlsbad in drei Theilen, Bruckmann, Hofer, 
Herren, Stöhr, Hufeland (Uebersicht der Heil- 
quellen), Kreysig (Ueber den Gebrauch von Karls- 
bad) , Pöschmann (Monographie über den Schloss- 
brunn), Ryba (Karlsbad und seine Heilquellen), 
de Carro (französisch und englisch), Bermann, 
Hlawaczek (Monographie über Karlsbad, ausge- 
zeichnetes Buch), Fleckles sen. und Fleckles jun., 
Singer, Mannl, Hauck, Professor Senger, Pichler 
(französisch). 

Unterhaltende Lecture: Sprudelsteine (alte und 
neue) von Dr. Fleckles jun. (Pseudonym Julius 
Walter). Fleckles jun. ist zugleich Herausgeber der 
Badezeitung „Der Sprudel". 



IX. Giesshübel-Puchstein. 







iesshübel ist eine wahre Idylle. 
Man hört da keine Locomotive 
pfeifen, wohnt mitten im Wald 
und ist doch Curgast — freilich 
Curgast eines der kleinsten Bäder 
der Welt, das aber doch einen 
weithin bekannten Namen trägt. 
Gehen doch jahraus jahrein zwei Millionen 
' 1 Flaschen „Giesshübler" in alle Weltgegen- 
den. Als Curort freilich hat es das anderthalb 
Fahrstunden von Karlsbad entfernte Giesshübel noch 
nicht über drei Häuser und etwa vierzig Fremden- 
zimmer hinausgebracht. Aber dies ist eben das 
Sichtige und macht den Hauptreiz des in wahrer 
Weltvergessenheit daliegenden Curortes aus, der 
eigentlich ein zweigeteiltes Leben führt und eine 
Art Doppelseele hat. Die Weltvergessenheit gilt 
nämlich, streng genommen, nur vom Vormittag — 
am Nachmittag kommen die Karlsbader zu Hunderten 
nach Giesshübel und bringen einen ganz gross- 
städtischen Trouble mit. Während man in den 
Frühstunden die schönen Waldpfade stundenlang 

13 



194 



IX. GiessMbel-Puchstein. 



entlang wandeln kann, ohne einer Menschenseele zu 
"begegnen, ergiessen sich von zwei Uhr an ganze 
Menschenschwärme über alle Waldstege und Aus- 
sichtspunkte und verleiden Einern selbst den Auf- 
enthalt bei der Quelle, in deren Nähe es noch vor 
wenigen Stunden so anheimelnd still war. Wenn 
die Karlsbader am Abend wieder glücklich abgefahren 
sind, hält der Giesshübler Curgast die Nachlese, 
d. h. er liest im dickleibigen Fremdenbuche nach, 
mit welchen Allotriis die eben Entschwundenen das 
Buch bereichert haben, dessen interessantestes Blatt 
jedenfalls dasjenige ist. welches die Schriftzüge des 
Kronprinzen von Prenssen, Friedrich Wilhelm, trägt. 
Dass Friedrich Wilhelm acht Monate später auch 
Kronprinz des Deutschen Keiches sein würde, davon 
hatte er am 12. Mai 1870, an welchem Tage er 
sich in das Giesshübler Fremdenbuch eintrug, noch 
keine Ahnung. In des Kronprinzen Suite befand 
sich damals Prinz Beuss, der jetzige preussische 
Botschafter in Constantinopel. Unter die Namen 
Friedrich Wilhelm und Prinz Beuss hat ein k. k. 
Postbeamter aus Prag seinen werthen Namen gesetzt, 
und zwar recht gross, damit man ihn ja nicht 
unter dem bescheidenen kronprinzlichen Namenszuge 
übersehe. 

Man findet manche Schnurre in Wort, Vers und 
Bild in dem einem Messbuch ähnlichen Foliobande. 
Hier liest man: „Zum ersten Mal auf Giesshübel, 
das Wasser ist gar nicht übel, doch rufe ich laut, 
von den Bergen schallt's: besser ist Wein aus der 
deutschen Pfalz". Dort macht ein Freund des Pilsener 
die Bemerkung: „Wie gut schmeckt der Sauerbrunn 
mir, doch besser schmeckt noch ein Glas Pilsener 
Bier". Viele von Denen, die das Bedürfniss fühlten, 



IX. Giesshübel-Puchstein. 



195 



sich im Giesshübler Fremdenbuch zu verewigen, 
lebten mit der Orthographie auf mehr oder weniger 
gespanntem Fusse. „Heil dir, du stiehles Thahl im 
Böhmerlande hihr, Gott grüsse dich tausendmal, 
denn ich ward gesund in dihr", lobpreist der Eine 
die Quelle, während ein Änderer reimt: „Auch wir 
durften nicht bereun, denn wir bekamen Sonnen- 
scheun", und ein Dritter singt: „Giesshübel, dir 
leb, Giesshübel dir sterb, wärst du nit gar so weit. 
kam' nit blos heid, kam' ich alle Tag' her, bis der 
Brunnen wird lehr." Witzlinge lassen sich etwa in 
folgender Art vernehmen: „Frau B. sprach von 
Poesie, Herr W. von Eisenindustrie, Herr Dr. D. 
sprach von seinem Menü, was blieb mir da zu 
sprechen plus?" 

Aber nicht blos die Nachlese können die 
Giesshübler Curgäste halten, wenn die Karlsbader 
wieder glücklich verduftet sind — sie haben auch 
das Nachsehen, denn es giebt dann oft kaum ein 
Souper für sie. Die Karlsbader essen in der Kegel 
Alles rein weg, und es ist ein Glück, wenn sich 
noch eine Schinkenschnitte für den einheimischen 
Consumenten vorfindet. Aber solche kleinliche Misere 
ficht den Giesshübler Curgast nicht an — er ist 
über die gemeine Wirklichkeit des Essens und 
Trinkens erhaben — liess doch beides hier in 
früheren Jahren Manches zu wünschen übrig. Jetzt 
dürfte es damit besser bestellt sein. Das berühmte : 
„Trinke nie ein Glas zu wenig, denn kein Kaiser 
und kein König könnt' von diesem Staatsverbrechen 
deine Seele ledig sprechen", ist hier suspendirt — 
man trinkt gern ein Glas zu wenig. Dagegen kann 
man in vollen Zügen Xatur kneipen, guckt sie Einem 
doch in Gestalt hochstämmigen Fichtenwaldes in 

13* 



196 



IX. Giesshübel-Puchstein. 



die Fenster, rauscht sie doch unter diesen Fenstern 
in Gestalt der Eger vorüber. Diese mit Kähnen zu 
befahren, in ihrem frischen, gebirgsartigen Wasser 
zu baden, in ihr zu fischen, nach der Scheibe, die 
mitten im Fluss aufgestellt ist, zu schiessen, das 
sind so hier die idyllischen Vergnügungen, die man 
cultiviren kann, wenn man den Wald satt hat. Und 
hat man die Einsamkeit und das Stillleben des 
Kleinbades überhaupt satt, und will man einmal in 
die grosse Welt untertauchen, so schickt man zum 
Bauer nach Kittersgrün hinüber und bescheidet 
ihn mit seiner Kalesche auf die vierte Morgenstunde 
vor das Curhaus. Dann geht es durch den Frühnebel, 
durch liebliche Auen und prächtige Wälder gegen 
Karlsbad. Die sich zwischen Felsenufern mäandrisch 
hinschlängelnde Eger giebt Einem das Geleite. Um 
6 Uhr ist man bei den Karlsbader Quellen mitten 
im lebhaftesten Menschengewühl, welches sich hier 
beim Mühlbrunnen, dort beim Marktbrunnen, etwas 
höher beim kühlen Schlossbrunnen und drüben beim 
dampfenden Sprudel staut. Da ist sie auch die 
massive, säulenreiche, schwerfällige, aber dabei doch 
recht imposante Mühlbrunn-Colonnade, die bestver- 
leumdete Colonnade der Welt. Im Ganzen verdient 
es diese Colonnade nicht, dass ihr so arg in der 
Presse mitgespielt, dass sie so grausam in der Luft 
zerrissen wurde, wie dies der Fall war. Sie steht 
da — aere perennius. Man kann von ihrem Erbauer 
auch sagen: de te saxa loquuntur. Die halbe säch- 
sische Schweiz ist an Sandstein an sie verschwendet. 
Hoffentlich wird die Zukunfts - Sprudel- Colonnade 
umso zierlicher ausfallen — les extremes se touchent. 
In der Mühlbrunn-Colonnade und beim Sprudel 
drängen sich dickbäuchige Herren mit gelber Gesichts- 



IX. Giessbübel-Puchstein. jg^ 

färbe, riesige Frauengestalten , polnische Juden und 
ausgetrocknete, jedoch mit Monstrelebern behaftete 
Staats-Hämorrhoidarier bei den unterschiedlichen 
Quellen — ich sehe da von der „Noblesse" ab, die 
sich durch Bediente oder Dienstmänner am Brunnen 
vertreten lässt — aber wer sonst acht bis zehn 
Becher trank, trinkt heute deren drei, und war früher 
das Bier verpönt, so ist dasselbe heute curgemäss 
geworden. Tempora mutantur. Man kann ja ähnliche 
Processe auch auf anderen Gebieten der Medicin 
beobachten — der "Wasserdoctor arbeitete vor dreissig 
Jahren noch mit achtgradigen Gewaltdouchen und 
stundenlang dauernden Einpackungen. Eine Wasser- 
kur dauerte früher so viele Monate als jetzt Wochen. 
Yom Brunnen weg eilt man zu „Manul" oder 
zu „Pittrof", um sich die Papiersäcke mit Backwerk 
füllen zu lassen, und dann geht's im Sturm zum 
„Elephanten", zu Pupp, nach Sanssouci oder Schön- 
brunn zum Frühstück. Wer vor einerweiteren Wande- 
rung nicht zurückschreckt, marschirt nach dem 
Posthof oder wohl gar nach dem Freundschaftssaal; 
wer leicht steigt, nach dem Schweizerhof. Dann 
zerstreut sich die Gesellschaft in alle Weltgegenden, 
und die Langeweile dominirt in Karlsbad, bis sie 
das Xachmittags-Concert wieder verscheucht. Hat 
der nach Karlsbad verschlagene Giesshübler Curgast 
Karlsbads Herrlichkeiten alle geschaut, kehrt er 
gesättigt und zufrieden am Abend wieder in seine 
Idylle zurück, für deren Verschönerung in den letzten 
drei Jahren Manches geschehen ist. Die Strasse 
ist umgelegt worden und umgeht gegenwärtig, sich 
immer längs der Eger haltend, den steilen Berg, 
über den sie früher geführt war. Freilich kehrt das 
Curhaus jetzt der neuen Strasse seine rückseitige 



198 



IX. Giesshübel-Puchstein. 



Front zu, was den Eindruck sehr stört. Der so ein- 
trägliche Brunnen hat eine neue glänzende Fassung 
erhalten; das Wasser an der Quelle wird gratis ver- 
abreicht, aber schon in Karlsbad muss man für eine 
Drittelliterflasche 15 Kreuzer zahlen. 

Die Giesshübler Anlagen sind erweitert und 
verschönert, eine neue, vom Curarzte bewohnte Yilla 
ist an der nach Kodisfort führenden Strasse er- 
baut worden; die Eger ist überbrückt, so dass man 
nicht mehr die Fähre zu Hilfe nehmen muss, um 
zu den Anlagen am jenseitigen Ufer und zu dem 
hochgelegenen Dorfe Bittersgrün zu gelangen, in 
welchem der Bauer wohnt, der, der einzige weit und 
breit, für die Curgäste eine Fahrgelegenheit bereit 
hält. Sonst wird der Verkehr mit Karlsbad nur durch 
Omnibus vermittelt, die aber mehr den Karlsbadern 
zugute kommen. 

Wenn man hinter Giesshübel bei dem Dorfe 
Kodisfort die gedeckte Holzbrücke vorsündfluthlichen 
Andenkens links liegen lässt, gelangt man in einer 
halben Stunde auf holperiger Waldstrasse, zu deren 
Seiten sich ein wahres Steinmeer aufthürmt, nach 
W'elchau, dem Mittelpunkte eines hübschen, von 
hohen Bergen eingerahmten Gutes, welches dem 
Hofrathe Freiherrn von Löschner gehört. Wer würde 
Löschner nicht kennen ? War er doch zwanzig Jahre 
hindurch der beschäftigteste Arzt Prags, hat er doch 
das Prager Kinderspital, das so segensreich wirkt, 
begründet ! Als Landes-Protomedicus hat er sich grosse 
Verdienste um die Sanitätspflege erworben. Er war 
es z. B., der es durchsetzte, dass die Kohlen- und 
Kalkwerke Teplitz nicht dicht an den Leib rücken 
durften. Auch den climatischen Curort Eichwald hat 
er, wie wir bereits in einem früheren Abschnitte 



IX. Giesskübel-Puchstem. ^99 

erwähnten, entdeckt. Giesshübel verdankt ihm einen 
guten Theil seines Kenommee. Zuletzt war Löschner 
Sanitäts-Keferent im Ministerium und Leibarzt der 
kaiserlichen Kinder. Während Andere bis zum letzten 
Athemzuge in den Diggins arbeiten und unermüdlich 
Gold suchen, zog sich Löschner im Zenith seiner 
Popularität vom öffentlichen Leben zurück. Die 
duri sacra fames, diese epidemische Krankheit der 
Neuzeit, hatte keine Macht über seinen gesunden 
Organismus. So lebt er denn seit fast zehn Jahren 
geistesfrisch, körperlich immer gleich regsam, den 
Humor immer frei spielen lassend, in seinem Tuscu- 
luni Welchau an der Seite einer feingebildeten, 
liebenswürdigen und immer noch jugendlichen Frau, 
die ihm seine Wünsche an den Augen absieht. Die 
Bücher sind seine Freunde, der ausgedehnte Garten 
ist sein Lieblingsaufenthalt und nur selten kommt 
er nach dem nahen Karlsbad, wo sein alter Freund 
Hochberger, der Senior der Karlsbader Badeärzte, 
wohnt, den er vor vier Jahren aus einer schweren 
Krankheit herausgerissen. Die eigene Gesundheit 
gering achtend, fuhr er damals (im Januar) täglich 
die anderthalb Stunden, die Welchau von Karlsbad 
trennen, hinüber und herüber. Kommt der joviale 
Herr, wie er humoristisch zu sagen pflegt, nur dann 
nach Karlsbad, wenn er dort die Steuern bezahlen 
muss, so kommt er noch seltener nach Prag. Und 
dann bewahrt er sein Incognito streng, logirt in 
aller Stille bei seinem alten Freunde, dem Keichs- 
rathe Fürst, und fährt wieder ab, sobald er an des 
Letzteren Seite seine Schöpfung, das Kinderspital, 
inspicirt hat. 

Der Curort Giesshübel (oder Giesshübel-Puch- 
stein, wie ihn der Besitzer Mattoni neuestens nennt) 



200 



IX. Giesshübel-Puchsteiu. 



liegt anderthalb Meilen von Karlsbad entfernt und 
hat folgende Heilquellen: den Giesshübler Sauer- 
brunn. welcher in älterer Zeit auch der Buchsäuer- 
ling hiess, gegenwärtig aber unter dem Namen der 
König Otto-Quelle bekannt ist ; die Elisabethquelle 
(seit dem Jahre 1859), den neuen Brunnen (Franz 
Josef -Quelle genannt), welcher im Jahre 1862 ge- 




GIESSHÜBEL. 

fasst und analysirt wurde. Die König Otto-Quelle 
hat dem vulkanischen Herde der Karlsbader Wasser 
ihren Antheil an Kohlensäure und dem hiermit be- 
dingten Auslaugungsprocesse ihre Existenz als 
Mineralwasser zu verdanken und tritt in einem eng- 
gezogenen, romantischen Thale am nordwestlichen 
Abhänge des Buchberges aus einer Granitspalte in 



IX. Giesshiibel-Puchstein. 



201 



einem mehr als zollstarken, brausenden Strahle unter 
Entwicklung zahlreicher Gasblasen hervor. 

Das enggeschlossene Egerstromgebiet eröffnet 
sich nordöstlich gegen das oben erwähnte freundlich 
gelegene Welchau in ein Kesselthal, zu beiden Seiten 
von dichtbewaldeten Bergen und einzelnen Felsen- 
gruppen eingeengt; südlich von der Quelle, etwa 
zwei Stunden entfernt, befindet sich der gleichnamige 
Ort Giesshübel mit seinem die Gegend weithin be- 
herrschenden Schlosse. Das am Fusse des Buchberges 
gelegene Curhaus ist geräumig und bequem einge- 
richtet und enthält ungefähr zwölf Zimmer, die zu 
massigen Preisen abgegeben werden. Etwas tiefer 
hinab steht die untere Colonnade und derselben 
gegenüber das wohleingerichtete Traiteriehaus mit 
einer freundlichen Veranda. Zugänge und Promenaden 
sind bequem; ringsum sind die Berge in den mannig- 
faltigsten, theils durch Kunst angebrachten, theils 
von der Natur gebotenen Abstufungen und Aus- 
hauen mit Glorietten geziert, von denen man die 
reizendste Aussicht nach verschiedenen Richtungen, 
und von den höher gelegenen aus, auch auf das 
meilenweit entfernte Erzgebirge mit seinen Aus- 
läufern geniesst, dessen höchster Punkt, der Sonnen- 
wirbel bei Gottesgab, 645 Klafter über der Meeres- 
fläche emporragt. Bei der hochgelegenen Quelle selbst 
befindet sich gleichfalls eine Colonnade. Eine Berg- 
Eisenbahn vermittelt den Flaschentransport nach dem 
Versendungshause, in dessen Xähe sich gleichfalls ein 
Curhaus erhebt. Vor der Quelle breitet sich ein freier 
Platz aus, wo man unter schattigen Bäumen den Säuer- 
ling schlürfen kann. Rückwärts steht das Badehaus, 
welches im Erdgeschosse heizbare Badezimmer und im 
ersten Stocke sechs Wohnzimmer für Curgäste enthält. 



202 



IX. Giesshübel-Fuchstein. 



Die ärztliche Leitung des Curortes liegt in den 
Händen des Doctor Kammerer. 

Als nächste Promenaden und Spaziergänge auf 
wohlgebahnten Wegen, zumeist in gutgepflegten 
Wäldern mit nur geringen Steigungen am Buchberge 
und seiner nächsten Umgebung, sind zu nennen: 
1. Zur Wald-Capelle, oberhalb des Curhauses und 
von da zur Försterei und Eichenhof, und entweder 
auf der Strasse zurück zum Curhause oder auf 
dem rechten Ufer der Eger zur Neu- oder Eger- 
mühle, sowie von da weiterhin wieder zum Cur- 
hause. 2. Zur „Gisela-Ruhe", dem „Rudolfs-Fels" und 
„Eduards-Sitz" gegenüber dem Curhause, oder auf- 
wärts zum sogenannten „Himmelreiche", zur „Wil- 
helms- und Antonias-Buche", zwei herrlichen Bäumen 
von riesigem Umfange und mit einladenden Sitzen; 
von da rechts zum „Franieck-Denkinal", weiter auf 
geschlängeltem Pfade und allmälig emporsteigend zur 
„Doctor Lösehners-Höhe", mit weiter Rundsicht auf 
alle Cur-Etablissements, die Quellen und Umgebung; 
ferner durch den Buchenhain zum „Doctor Hoch- 
berger-Sitz", zu den Forellenteichen und den ober- 
halb Eichenhof am Schwedelberge in steiler Fels- 
wand befindlichen zahlreichen sogenannten Zwerg- 
löchern verschiedener Grösse, welche sich, von aussen 
zirkelrund wie durch Kunst entstanden anzusehen, 
in die Felswand in's Innere des Gebirges ziehen 
und daselbst, alle unter einander zusammenhängend, 
von fünf Fuss Durchmesser bis zum kleinsten Höhlchen, 
wie für Zwerge gestaltet, variiren. Den rüstigeren 
Touristen und Naturfreunden kann man von den 
Zwerglöchern den Rückweg über die Buchbergkoppe 
(an 2000 Fuss über dem Meere) oberhalb des Empor- 
strömens der König Otto-Quelle empfehlen; auf der 



IX. Giesshübel-Puchstein. 



203 



Höhe und von den hie und da im herrlichen Walde 
befindlichen Auslugplätzen geniesst derselbe die 
schönsten Fernsichten auf das Erzgebirge mit seinem 
höchsten Punkte, dem Sonnenwirbel, in die reizend 
gelegene, nischenartige Schlucht von Hauenstein, auf 
den Oedschlossberg, dann den Burgstadtberg (beide 
an 3000 Fuss Seehöhe), den kahlen Schlossberg zu 
Engelhaus mit der Kuine, den in seiner Art höchst 
malerischen Schömitz stein (2016 Fuss hoch), mit 
seinem vorspringenden, gleichsam in's Thal hernieder- 
lugenden Höhenkamme, den Hillaberg (2035 Fuss), 
den Egerberg bei Olitzhaus, (2799 Fuss), den Ehacker- 
berg (2849 Fuss), den Pleselberg (2633 Fuss) und 
die Höllenkoppe (2102 Fuss hoch). 

In nächster Nähe der Füllungs- und Versandt- 
anstalten befinden sich die Elisabethhöhe mit einer 
Gloriette, dann am Eingange des Lomnitzbach-Thales 
die Elisabethquelle links und rechts die Franz 
Josef-Quelle, sowie die im Thale und am Eingange 
in dasselbe nächst der Brücke über den Lomnitzer 
Bach gelegenen Schweizerhäuschen; dann führt der 
Weg auf wohlgebahnter Strasse nach Unter- und 
Ober-Lomnitz und im weiteren Laufe des mannig- 
fach sich krümmenden Egerflusses nach dem schon 
früher erwähnten Bodisfort, zuletzt in das reizende 
Welchauer Thal, mit dem seltenen Phänomen von 
Eisbildung, welche an einzelnen Stellen, unter massen- 
haft emporgelagerten, von der Höhe herabgefallenen 
Basaltblöcken, im dunklen Walde selbst im Hoch- 
sommer in nicht geringer Anhäufung zu finden ist. 



X. Franzensbad. 




1. Geschichte. 

ie erste Kunde von einem Sauerbrunn 
bei Eger finden wir in Chroniken aus 
dem Jahre 1502 und in den Berichten 
eines sächsischen Arztes vom Jahre 
1529; die erste Analyse wurde im Jahre 
1565, freilich noch in primitiver Weise, von 
Günther von Andernach vorgenommen. Zu An- 
fang des 17. Jahrhunderts schrieb Paul Maccasius, 
ein Eger'scher Stadtarzt, eine Monographie über den 
Schladaer Säuerling und berichtete, dass schon im 
Jahre 1611 Fremde nach Eger gekommen seien, um 
die Sauerbrunncur zu gebrauchen. Im Jahre 1629 
gebrauchte die Königin von Polen in Eger die Sauer- 
brunncur. 

Im Jahre 1660 liess der Magistrat der Stadt 
Eger ein Brunnenfüllhaus und ein Gasthaus nahe an 
der heutigen Franzensquelle herstellen, 1707 erscheint 
die erste Anwendung des Sauerbrunnens zu Bädern. 
Der Magistrat hat deshalb in das damals bestehende 
einzige, aus Holz erbaute Gasthaus, von dem jetzt 
keine Spur mehr ist, 13 Badezimmer einbauen lassen. 
Fremde zahlten für ein Bad 9 Kreuzer, Egerer 
Bürger aber nur 3 Kreuzer. 



X. Franzensbad. 



205 






Als der eigentliche Begründer des Curortes ist 
Dr. Bernard Adler anzusehen, der es sich zur Lebens- 
aufgabe machte, den Kuf des damals noch wenig 
gekannten „Schladaer Säuerlings" fest zu begründen. 
Seine erste Sorge ging dahin, die Quelle vor den 
Einwirkungen des Wetters und vor Verunreinigung 
zu schützen, dieselbe einzudecken und mit einer 
Lattenvergitterung einzuschliessen. Die von ihm 
eingeführten Neuerungen erregten einen Sturm unter 
der Bevölkerung Egers, so gross, dass es zu einer 
förmlichen Weiber-Kevolte kam. Darüber berichtet die 
Chronik Folgendes: „Was im Jahre 1784 bei dem 
Brunnenhause in Driburg geschah, wurde auch an 
dem Tempel und der Yerschliessung des Egerbrunnens 
ausgeführt. Ein Haufe Egerer Bürgerweiber, bewaffnet 
mit Spaten, Heu- und Mistgabeln, Hacken und Sägen, 
zog unter Trommelwirbel der G-attin des Maurer- 
meisters Peter Schäk am 18. August, 1 Uhr Nach- 
mittags, durch die Mühlgasse über die Wasserwehre 
der Stadtmühle zur Strasse nach Schiada ; ein anderer 
Trupp Weiber versammelte sich in der Schulgasse 
und Schiffgasse,' eine dritte Colonne rückte unter 
Anführung einer Schusters- und einer Buchbinders- 
frau über den Markt durch die Steingasse, ange- 
sichts der Militärwachen und der Ortspolizei mit 
Eahnen aus Betttüchern, Trommeln und Pfeifen zum 
Bruckthor hinaus. Versammelt drangen sie ungestüm 
bis zum Egerbrunn, dort wurde hastig und mit grosser 
Wollust die Vergitterung zertrümmert, die Abfall- 
röhren entzwei geschlagen und herausgeworfen, an- 
dere durchsägten die Säulen des Tempels, der end- 
lieh krachend darniederstürzte. Alles bisher Auf- 
gebaute lag binnen wenigen Minuten in Trümmern. 
Niemand störte dieses Vernichtungswerk. Triumphi- 



206 



X. Frauzensbad. 



rend zogen die Weiber nach Eger zurück und ver- 
lebten die ganze Nacht in Bierkneipen mit Musik 
und Tanz. Gegen diesen Unfug hat der Magistrat 
die Anzeige veranlasst. Eine der Weiber nahm bei 
diesem Tempelsturm einem allda arbeitenden Zimmer- 
gesellen die Säge ab ; eine zweite schöpfte ein Glas 
Sauerbrunn aus der Quelle und rief: Es lebe Kaiser 
Leopold! Als soeben der Brunnen-Inspector Kriegel- 
stein herbeigeeilt war, warf sie nach ihm das ent- 
leerte Glas und Kriegelstein musste sich sogleich 
flüchten; M. Dr. Adler war während dieses Actes 
im Brunnenfüllhause in sicherem Verstecke, um den 
Misshandlungen der Weiber zu entgehen." 

Im Egerer Stadtbuche vom Jahre 1791, Eol. 232. 
rindet man, dass der Magistrat an dem diesem 
Weiberaufstande folgenden Tage (19. August 1791) 
den Vorfall dem Elbogener Kreisamte angezeigt hat, 
und dass eine kreisämtliche Commission zur Erhe- 
bung des Thatbestandes in Eger erschien. Aber die 
von dieser Commission citirten Weiber erschienen 
nicht, vielmehr eilte ein grosser Trupp Weiber in 
den Kathssaal mit dem Kufe: „Keine von uns ist 
der Rädelsführer, wir Alle sind es gewesen, Eine 
steht für Alle und Alle stehen für Eine!" Unver- 
richteter Dinge schied die Commission, und Doctor 
Adler durfte sich nicht auf der Gasse blicken lassen, 
ohne die ärgsten Schmähungen über sich ergehen 
lassen zu müssen. Er verfolgte nichtsdestoweniger 
das angefangene Werk unerschrocken und erreichte 
schliesslich durch eine Audienz, die er beim Kaiser 
Leopold IL gelegentlich der Krönung dieses Mon- 
archen zum König von Böhmen (6. September 1791) 
nahm, dass fortan die Angelegenheiten des Curortes 
von der kaiserlichen Regierung in die Hände ge- 



X. Frauzeusbad. 



207 



nommen wurden, welche durch die Hofdecrete vom 
12. October 1792 und 27. April 1793 die Existenz 
des Curortes begründete. Die Regierung gewährte 
den ersten Ansiedlern grosse Privilegien, und als 
erstes Gebäude aus dieser Aera entstand das jetzt 
noch bestehende Curhaus. Im selben Jahre erfolgte 
auch die kaiserliche Genehmigung, dass die neu 
gegründete Colonie den Namen Franzensbad führe. 
Die Regierung liess durch das Hofbauamt einen 
Lagerplan verfassen, nach welchem die Parkanlage 
errichtet und bis zum Jahre 1849 alle Bauten aus- 
geführt wurden. Durch zweckmässige Leitung und 
kluge Anwendung der Mittel gelang es in wenigen 
Jahren, dem an sich sehr unfruchtbaren Moorgrunde 
eine grünende Vegetation abzugewinnen. Die Fre- 
quenz im ersten Jahre der Gründung betrug 58 Fa- 
milien. Im Jahre 1800 wurde die erste gedruckte 
Curliste ausgegeben, welche 313 Parteien verzeich- 
nete. Im Jahre 1812 verweilte Kaiser Franz I. mit 
grossem Gefolge und vielen hohen Herrschaften län- 
gere Zeit in Franzensbad als Curgast. Er bewohnte 
damals das Haus, das jetzt der auch in weiteren 
Kreisen bekannten Dichterin Constanze Monter 
gehört. Mit Kaiser Franz zugleich finden wir in der 
Curliste von 1812 Maria Luise, Kaiserin von Frank- 
reich, Königin von Italien und Erzherzogin von Oester- 
reich, ferner den Grossherzog von Würzburg. Am 
selben Tage traf auch ein Herr Ferdinand von Bis- 
mark, Rittergutsbesitzer aus Steinbach in Branden- 
burg, ein. Der erste Cur-Commissär in Franzens bad 
war der Graf Münch-B ellin ghausen. 

In das Jahr 1.816 fällt die Entdeckung der heu- 
tigen Salzquelle, welche als Egerer Salzquelle den 
Weltruf Franzensbads vorzugsweise mitbegründen half. 



208 



X. Frauzensbad. 



Im Jahre 1823 wurden auf Anordnung des Dr. Pösch- 
mann die ersten Moorbäder bereitet, wahrscheinlich 
die ersten Moorbäder, die überhaupt verordnet wur- 
den. Im Jahre 1835 kam Kaiser Ferdinand I. mit 
Gemalin nach Franzensbad, woselbst ihm ein über- 
aus festlicher Empfang bereitet wurde. 1840 besuchte 
der Erzherzog Karl den Curort, im Jahre 1847 
finden wir daselbst den Erzherzog Stefan, Landes- 
Chef von Böhmen, mit der Königin Therese von 
Bayern, die durch ihre grosse Wohlthätigkeit das 
freundlichste Andenken im ganzen Egerlande hinter- 
liess. Aus Dankbarkeit für seine Genesung liess 
Erzherzog Stefan auf die Kirche einen vergoldeten 
Knopf mit vergoldetem Kreuz aufsetzen. In dem- 
selben Jahre waren die Componisten Spontini, Meyer- 
beer und Konradin Kreutzer, sowie der Dichter Rau- 
pach zum Curgebrauche in Franzensbad. 

Die Frequenz von Franzensbad wuchs rapid erst 
mit der besseren Communication ; während sie im 
Anfang der Sechziger Jahre etwas über 2000 Par- 
teien betrug, zählte Franzensbad im Jahre 1872 
schon 4952 Parteien mit 8397 Personen. 

2. Topographie. 

Der Curort Franzensbad, seit 1865 zur Stadt 
erhoben, liegt in der westlichen Spitze des König- 
reiches Böhmen in der Nähe der Stadt Eger. Fran- 
zensbad ist mit dem Schienennetze Deutschlands 
verbunden durch die königlich sächsische Staats- 
eisenbahn, durch die bayerische Staatseisenbahn und 
die bayerische Ostbahn. Die Verbindung mit Prag 
und Wien wird durch die Buschtiehrader und Franz 
Josef-Bahn hergestellt. Franzensbad zählt gegen- 



X. Frauzensbad. 



209 



wärtig 151 Häuser, welche fast säinmtlich zur Auf- 
nahme von Curgästen eingerichtet, mit dem nöthigen 
Comfort, zum grossen Theil sogar mit Eleganz und 
Luxus ausgestattet sind. Vom hygienischen Stand- 
punkte ist zu erwähnen, dass Franzensbad auf einer 
Hochebene liegt, welche von allen Seiten in einer 
Entfernung von ungefähr zwei Stunden von wald- 
reichen Gebirgen eingeschlossen ist, welche die 
Hochebene gleich einer Schutzmauer umgeben. Die 
Luft ist rein und frisch wie überall im Gebirge, 
aber nicht so rauh wie auf freigelegenen Gebirgs- 
rücken; der Wasserreichthum des Terrains und der 
Gebirgsgürtel schützen sie vor zu grosser Trocken- 
heit und starken Strömungen. Die ungleiche Er- 
wärmung des Thalbodens und des Bandgebirges er- 
hält sie in immerwährendem Wechsel, in steter 
leichter Bewegung, was ihre Eeinheit und Frische 
erhöht und an Sommertagen der ermattenden Hitze 
wehrt. 

Das Sterblichkeits-Yerhältniss ist ein ausser- 
ordentlich günstiges, im Jahre 1876 betrug das- 
selbe 18 pro mille oder 1*8 von Hundert. 

In Franzensbad ist, wie bereits angedeutet 
worden, jedes Haus zur Aufnahme von Fremden ein- 
gerichtet ; man unterscheidet nur Hotels mit Eestau- 
rants und Hotels garnis, wobei noch zu bemerken 
ist, dass auch in vielen der letzteren für ganze 
Verköstigung im Hause gesorgt ist. 

Hotels mit Eestaurants und Speisesaal: Hotel 
Adler; British Hotel; Hotel Gisela; Hotel Holzer; 
Hotel Hübner mit Dependance : Stadt Dresden ; 
Hotel Kaiser von Oesterreich; Hotel Kreuz; Hotel 
Leipzig; Hotel Müller; Hotel Post mit Dependance : 
Kaiserhaus und Kaiservilla; Hotel Wessi. 

14 



210 



X. Franzensbad. 



Eestaurants : Cursaal ; Weilburg ; Bahnhof : 
grüner Baum; Felbinger Steinhaus; Brandenburger 
Thor mit schönem Garten; Prinz von Wales mit 
schönem Garten. 

Weinstuben : Kaufmann Bernhardt (Stadt Magde- 
burg); Kaufmann Felbinger (Steinhaus); Kaufmann 
Forster (Deutscher Hof). 

Eestaurants mit israelitischer Küche : Hotel 
Adler; Morgengruss; Spiegel' s Restauration; Hotel 
Weil; Hotel Wessi. 

Von öffentlichen Gebäuden ist die katholische 
Kirche zu erwähnen, auf Befehl des Kaisers Franz I. 
im Jahre 1820 erbaut. Dieselbe zieren einige hübsche 
Gemälde von Vogl von Voglstein und Fresken von 
Kandier. In unmittelbarer Nähe der Kirche befindet 
sich das vor acht Jahren vom Kreuzherrenorden erbaute 
Pfarrhaus, das eine Zierde des Platzes bildet. Die 
protestantische Kirche ist ihrer Vollendung nahe 
und stellt eine Basilika dar. Sie ist auf des Frei- 
herrn von Seckendorff, Regierungs-Präsidenten in 
Altenburg, Anregung durch Sammlungen in's Leben 
gerufen worden. Bis jetzt wird der evangelische 
Gottesdienst noch in der Colonnade der Salzquelle 
abgehalten. Die Synagoge ist 1875 vollendet worden. 
Sie ist im orientalischen Style gehalten und liegt 
dem Hause „Kaiserin Elisabeth" gegenüber. 

Das vor zehn Jahren erbaute Theater, gegen- 
über dem Schulgebäude, frei in den Anlagen stehend, 
wird nur zur Sommerszeit benützt. 

Das Badehospital , in der Ferdinandstrasse 
gelegen, 1822 erbaut, 1838 merklich vergrössert, 
bietet während jeder Curzeit für 45 Kranke aller 
Länder und Confessionen Unterkunft. 



X. Franzensbad. 



211 



Das stattlichste öffentliche Gebäude ist aber 
der Cursaal. Der fertige Theil desselben (das Ge- 
sammtproject rührt von den Baumeistern G. und 
K. Wiedermann her) besteht aus dem im Kenais- 
sancestyl durchgeführten Hauptsaale sammt den 
hierzu nothwendigen Nebenlocalitäten. Der Saal hat 
eine Länge von 35 Meter, eine Breite von 16 Meter 
und eine lichte Höhe von 15 Meter. Die reiche 
Stuckdecke giebt einen guten organischen Abschluss 
des in hübschen Verhältnissen durchgeführten Wand- 
aufbaues, welcher im unteren Geschoss reich pro- 
filirte Yerbindungsthüren und goldumrahmte grosse 
Spiegel zeigt , während das obere oder Galerie- 
geschoss mit korinthischer Lisenenstellung und joni- 
schem Zwischengebälke durch 38 Fenster das an- 
genehme, hohe Seitenlicht einlässt. Das muschel- 
förmige Orchester mit zarter decorativer Umrahmung 
ist in der nördlichen Schmalseite des Saales angelegt 
und über dessen Fussboden kaum 80 Centimeter 
erhöht. Bedauert muss werden, dass die an der 
Südseite so einladend aussehende Loggia noch der 
Freitreppe harrt, welche die Colonnade und den 
Promenadeplatz mit dem Innern des Saales verbinden 
sollte. 

Von den zwei Colonnaden ist jene bei der Fran- 
zensquelle aus Holz erbaut und mit einer grossen 
Zahl von Yerkaufsläden dotirt, während die Salz- 
quelle- Colonnade massiv aus Stein erbaut ist und 
die Salzquelle mit der Wiesenquelle verbindet. Sie 
enthält in der Mitte einen grossen Saal und dient 
während der Trinkstunden als Promenade für die 
Gurgäste, 

Den Promenadeplatz im alten Park ziert ein 
Bronze-Standbild des Kaisers Franz, auf Kosten des 

14* 



212 



X. Franzensbad. 



Grafen Münch-Bellinghausen 1853 von Schwan thaler 
verfertigt. Im Kücken des Parkes liegt die prächtige 
Parkstrasse, die wir hier dem Leser im Bilde ver- 
anschaulichen. 

Die Brunnenversendung steht der Stadt Eger 
zu und werden jährlich ungefähr 400.000 Flaschen 
Mineralwasser versendet. Der leitende Beamte in 




PARKSTRASSE. 



Franzensbad ist gegenwärtig Herr Taborsky. Sein 
Vorgänger war der als Geschichtsforscher für das 
Egerland bekannte Pröckl. 

Die Quellen in Franzensbad sind zum grössten 
Theile Eigenthum der Stadt Eger, weshalb dieselben, 
obwohl sie alle in Franzensbad gelegen sind, den 
Namen Egerer Quellen führen, z. B. Eger Salzquelle, 
Eger Franzensquelle. 



X. Franzensbad. Ol o 

3. Hygiene. 

Franzensbads specielle Heilmittel werden ge- 
bildet durch seine Quellen, alkalisch-salinische Eisen- 
säuerlinge und durch seinen Miner almoor. Die 
Quellen werden zum Trinken und Baden benützt. 
Getrunken wird von der Franzens quelle, Salzquelle. 
Wiesenquelle, Stahlquelle, Neuquelle, dem kalten 
Sprudel. Die Bäder werden bereitet aus der Louisen- 
quelle, Loimannsquelle , Franzensquelle, Neuquelle, 
dem Mineralsäuerling und der Stahlquelle. Aus der 
chemischen Analyse der Franzensbader Wasser er- 
giebt sich, dass dieselben einen Eisengehalt von 
0-07 (Salzquelle, die eisenarmste Quelle) bis 0*60 
(Stahlquelle, die eisenreichste Quelle) Gran in 
16 Unzen aufzuweisen haben. Ausserdem sind sie 
reich an Salzen (schwefelsaurem Natron, Chlor- 
natrium , kohlensaurem Natron) und an freier 
Kohlensäure. Die Mischung der Salze mit dem 
Eisen macht die Quellen so werthvoll, weil durch 
dieselbe das Eisen auch von solchen Kranken mit 
Erfolg genommen werden kann, deren Yerdauungs- 
organe geschwächt sind und die in anderer Form 
Eisen nicht vertragen würden. Ein Vorzug des 
Franzensbader Heilapparates ist es auch, dass man 
in demselben einerseits über Quellen von einem 
sehr geringen Eisengehalt verfügt, und andererseits 
zu solchen Quellen hinaufsteigen kann, die zu den 
eisenreichsten Stahlquellen Europa's gehören. Der 
Kohlensäure-Keichthum der Quellen qualificirt sie 
zu Stahlbädern ersten Ranges, deren Heilwirkung 
nach den neuesten Theorien grösstenteils dem Ge- 
halte derselben an Kohlensäure zugeschrieben wird. 
Die Krone der Curmittel Franzensbads ist sein 



214 



X. Franzensbad. 



Moor. Der Franzensbader Moor gilt allgemein als 
der vorzüglichste Repräsentant eines Eisenmoores 
und die in Franzensbad bereiteten Moorbäder werden 
von allen Aerzten der Welt als die wirksamsten 
anerkannt. Das Franzensbader Moorlager beginnt 
eine halbe Stunde westlich von Franzensbad und 
zieht sich langes der Ufer des Schiadabaches in öst- 
lieber Kichtung bis gegen den Egerfluss, eine halbe 
Stunde unterhalb des Curortes, hinab. Es besitzt 
eine Mächtigkeit von 2 bis 14 Fuss und bietet 
noch Material zu Moorbädern für Jahrhunderte. 
Ueber die Wirkung der Moorbäder citiren wir den 
bekannten Franzensbader Arzt Dr. Hamburger, der 
sich in seinem Buche in folgender Weise äusserte: 
„Die Kestaurirung der Blutmasse durch reichlichere 
elastische Elemente, die Kräftigung der Muskel- 
fasern, die Hebung des Nervenlebens in allen Rich- 
tungen, die Aufsaugung innerer abnormer Ablage- 
rungen, die bessere Verdauung, die Vermehrung des 
Kraftgefühles, das bessere Aussehen, die heitere 
Stimmung und alles das nach dem Gebrauch der 
Moorbäder selbst mit Ausschluss anderer Curmittel, 
lehren zur Genüge, dass wir hier vor einer Heil- 
potenz stehen, an der jeder Zweifel und die hart- 
näckigste nihilistische Ansicht scheitert." Es würde 
zu weit führen, hier alle Details über die Heilan- 
zeigen der Franzensbader Curmittel zu geben, es 
genüge im Allgemeinen auszusprechen, dass Franzens- 
bad in allen Fällen von Blutarmuth seine Anzeige 
findet. Da mit den meisten Fällen von Blutarmuth 
nervöse Leiden vergesellschaftet sind, so ist Franzens- 
bad vorzugsweise ein Bad für Nervenkranke. Und 
da gleichzeitig die Moorbäder in einer grossen Reihe 
von Frauenkrankheiten mit grossem Nutzen ange- 



X. Franzensbad. 



215 



wendet werden, so hat sich Franzensbad im Laufe 
der Zeit als Frauenbad par excettence entwickelt, 
und es ist erst eine Errungenschaft der letzten 
Jahre, dass auch blutarme und geschwächte Männer 
und vor Allem eine grosse Schaar zarter und blasser 
Kinder daselbst zu finden sind, für welche Letztere 
die milde Curmethode in Franzensbad und die 
Auswahl in den Heilmitteln einen wahren Segen 
bildet. 

Was die Aerzte anlangt, so kann der Curgast 
unter folgenden Herren sich seinen Vertrauensmann 
herausgreifen: Köstler, Strohmberg, Cartellieri sen., 
Boschan, Sommer, Meissl, Straschnow, Fellner, Ham- 
burger, Kaumann, Buberl, Diessel, Margulies, Kohn, 
Klein, Michelstädter, Schweizer, Holzer, Przezdziecky, 
Cartellieri jun., Müller, Keinl, Albrecht, Weinfeld. 

Die Literatur über Franzensbad ist eine sehr reichhaltige. 
Wir greifen aus ihr folgende "Werke heraus: 

1830. Vasimont, Les eaux minerales d'Egre. 

1830. Palliardi, Die Schlammbäder zu Franzensbad. 

1830. Conrath, Die neuesten Bade-Anstalten in Fran- 
zensbad. 

1839. Conrath, Wirkung und Anwendung der Heilquellen 
Franzensbad. 

1839. Palliardi, Die Wiesenquelle in Franzensbad. 

1839. Köstler-Zembsch, Die Wiesenquelle zu Franzensbad. 

1841. Lautner, Kaiser Franzensbad und seine Heilquellen. 

1842. Sommer, Kaiser Franzensbad und seine Umgebung. 

1843. Cartellieri, Die salinischen Eisenmineral-Moorbäder 
zu Franzensbad. 

1844. Palliardi, Die Mineral-Moorbäder zu Franzensbad. 

1845. Opolzer, Bemerkungen über die Heilwirkungen der 
Franzensbader Mineralwasser. 

1845. Chouland, Der Curgast in Franzensbad und die 
Heilkräfte Franzensbads. 

1847. Yogi, Die trockenen kohlensauren Gasbäder zu 
Franzensbad. 



2\Q X. Franzeusbad. 

1848. Cartellieri, Das kohlensaure Gas und die Gasbäder 
in Franzensbad. 

1848. Boscban, Dr. F., Die salinischen Eisen-Moorbäder 
in Franzensbad und ihre Heilwirkung (auch französisch). 
Leipzig 1852. 

1850. Cartellieri, Der Führer für Curgäste zu Franzens- 
bad. 8. Auflage. 1876. Wien. (Auch französisch, englisch, 
russisch und polnisch erschienen.) 

1855. Loimann, Franzensbad in chirurgischen Krankheiten. 

1855. Köstler, Dr., Handbuch für alle Besucher des 
Curortes Franzensbad. Mit 12 Ansichten und einem Plan. Eger. 

1862. Köstler, Franzensbad vor 30 Jahren und heute. 

1865. Habermann. Georg, Franzensbad und seine Um- 
gebung. 

1865. Cartellieri, dessen Bade-Anstalt mit Situationsplan; 
ferner: das Klima und die Heilmittel von Franzensbad. 

1869. Hamburger, Dr., Die Heilmittel von Franzensbad 
in Krankheiten des Weibes. Prag. 

1870. Pröckl, Yincenz, Franzensbad. seine Heilmittel und 
Curanstalten. Mit Plänen. 

1871. Fellner, Dr. Leopold, Franzensbad und seine Heil- 
mittel in den Krankheiten des "Weibes. Wien. 

1872. Cartellieri, Die neue Stahl quelle in Franzensbad 
bei Eger in historischer, physikalisch-chemischer und thera- 
peutischer Beziehung. Wien. 

1872. Fellner, Les eaux et les ha ins de hone minerale de 
Franzenshad et leur action dans les maladies des femmes. Yieiine. 

1873. Hamburger. Dr., die Heilmittel von Franzens- 
bad in Krankheiten des Weibes. (Kussisch. Petersburg und 
Moskau.) 

1874. Klein. Dr. C. Franzensbad in Frauenkrankheiten. 

1875. Hamburger. Dr.. Kritik der Indicationen für Fran- 
zensbad. Wien. 

1875. Buberl, Dr. A., Führer in Franzensbad und Um- 
gebung. 

1876. Sommer. Dr. August, Franzensbad und seine Um- 
gebung. Wien. 

1877. Hamburger, Dr., Die Heilmittel von Franzensbad 
und Krankheiten des Weibes. 2. Auflage. 

Die Doctoren Boscban und Hamburger uvben die „Oester- 
reichische liad>zeitung u heraus, die unter den Badeblättem 
einen hervorragenden Unna: einnimmt. 



X. Franzensbad. 



4. Curieben. 



217 



Franzensbad wird grösstentheils von sehr scho- 
nungsbedürftiges Individuen besucht : in Folge dessen 
hat sich eine milde Currnethode entwickelt, die dem 
ganzen Curleben ein eigenes Gepräge aufdrückt. 

Die zarten, blassen Kranken eilen nicht früh- 
zeitig zum Brunnen und man sieht es ihnen an. 
dass das Promeniren auf ebenen, dichtbeschatteten 
Wegen, die keine Erhöhung kennen, eine Wohlthat 
für sie ist. Das Brunnenleben entwickelt sich erst 
zwischen 6 und 7 Uhr in der Nähe der Franzens- 
und Salzquelle, wo bei den Klängen einer trefflichen 
Curcapelle die Frauen ihren Morgenspaziergang zu- 
meist absitzen. 

Zwischen 8 und 9 Uhr wird gefrühstückt, und 
zwar theils in den Wohnungen, da überall Kaffee 
servirt wird, theils im Park. Gebadet wird von 
9 bis 2 Uhr: doch pflegen weniger empfindliche 
Kranke ihr Bad auch vor dem Frühstücke zu nehmen! 

Die Bäder werden in drei Badehäusern, die alle 
gleich gut organisirt und eingerichtet sind, verab- 
folgt, und zwar : in Dr. Loimann's Badehaus, im Stadt 
Egerer Badehause, das seit 1. Januar 1878 unter 
ärztlicher Leitung steht, und in Dr. Cartellieri's 
Badeanstalt. 

Die Speisestunden in Franzensbad sind, dem 
einfachen Curleben entsprechend, grösstentheils auf 
die Zeit von 1 bis 3 Uhr beschränkt. Charakteristisch 
für die Eigenthümlichkeit des Franzensbader Cur- 
iebens ist die Selbständigkeit und Ungenirtheit, mit 
der sich die Frauen aller Orten bewegen können. 
Frauen, die in ihrer Heimat kaum zwei Schritte ohne 
Begleitung auf öffentlicher Strasse zu thun riskiren. 



218 



X. Franzensbad. 



sieht man hier ruhig und von Niemanden belästigt 
die Speisesäle der Hotels aufsuchen, ihr Diner selbst 
bestellen und ungestört einnehmen. Am Nachmit- 
tage pflegt sich nahezu die ganze Curgesellschaft 
im Park zu versammeln, wo die von Tomaschek treff- 
lich geleitete Curmusik täglich von 4 4 / a bis 6 l / 2 Uhr 
spielt. Für die Abendunterhaltung sorgt das Theater, 
das vorzugsweise die Operette cultivirt; einmal 
wöchentlich giebt es Tanzreimionen und fast allabend- 
lich Concerte. Um 9 Uhr versinkt der Curort in 
tiefste Stille. 

5. Ausflüge. 

1 . Der Kam m e r b ü h 1. Südwestlich von dem 
Curorte, in der Entfernung von l / t Stunde, erhebt sich 
mitten in einer Ebene der schon von Goethe beschrie- 
bene, sogenannte Kammerbühl. Von der Kuppe dieses 
sanft aufsteigenden Berges geniesst man die herr- 
lichste Aussicht über das ganze Egerland. Nähert 
man sich diesem Berge von der Abendseite, so findet 
man rechts am Fusse desselben eine sehr feste, frei- 
stehende, in grosse Stücke regellos zerklüftete Ba- 
saltmasse, die sich zehn bis zwölf Fuss über die 
Erde erhebt. Neben diesen freistehenden Felsen zieht 
sich die Basaltmasse bis zur Spitze des nur 75 Fuss 
hohen Berges, tritt aber nicht überall zu Tage, son- 
dern ist stellenweise mit herabgerollten Schlacken 
und Erde bedeckt. Nach der Höhe zu wird dieser 
Basalt allmälig poröser, bis er endlich auf der Spitze 
theilweise in lavaartige Schlacken übergeht, die in 
abgesonderten Stücken bis zur Grösse von % Kubik- 
fuss erscheinen und ganz ordnungslos durcheinander 
liegen. Es blieb lange ein ungelöstes Problem, ob 



X. Franzensbad. 



219 



dieser Berg durch einen thätig gewesenen Yulcan 
oder durch einen blossen Erdbrand seine Entstehung 
fand, bis in den letzten Jahren durch die auf Kosten 
des Grafen Caspar Sternberg unternommenen Unter- 
grabungen dieses ganzen Berges die Yulcanität des- 
selben ausser Zweifel gesetzt wurde. Wer sich über 
den Kammerbühl nähere Aufschlüsse verschaffen will, 
findet selbe in Goethe's Werken, Band XXII, Seite 36, 
dann inCotta's: „Der Kammerbühl. Dresden 1833", 
in Dr. Nodgerath's „Ausflug nach Böhmen" vom Jahre 
1836, in Dr. Palliardi's „der Kammerbühl bei Eger- 
Franzensbad" vom Jahre 1863. 

2. Seeberg. Eine Stunde gegen Westen von 
Franzensbad entfernt. Eine angenehme Fusspartie 
führt durch Unter-Lohma und Höflas zwischen Wald 
und Wiesengründen dahin. Hochaufgethürmte Felsen 
bilden ein romantisches Thal, durch welches der 
Seebach braust. Ueber diese Thalschlucht führt eine 
auf zwei steinernen grossen Pfeilern in schwindelnder 
Höhe erbaute Brücke, über welche man zu dem 
Schlosse, einen Besitz der Stadt Eger, gelangt. 

3. Schönberg, gegen Norden von Franzens- 
bad, schon in Sachsen gelegen, zum Fahren eine 
Stunde von Franzensbad, zum Gehen zwei Stunden. 
Es führt eine schöne Kunststrasse dahin, die von 
Ober-Lohma in gerader Linie fortläuft. Schönberg wird 
von Franzensbad aus wegen der schönen Aussicht, 
die man von dem Kappelberge aus geniesst, besucht, 
doch ist diese Partie nur guten Fussgängern und 
Personen, die nicht zu Erkältungen geneigt sind, 
anzurathen. 

4. Wildstein, nordöstlich von Franzensbad in 
einer Stunde Entfernung zum Fahren. Der Weg da- 
hin führt über Ober-Lohma und Alt ent eich. Der 



220 



X. Franzeusbad 



eigentlich besuchte Punkt ist eine angenehme Wald- 
partie auf dem sogenannten Störlberge. Eine hier 
etablirte Cafeterie und Bierwirthschaft bietet Er- 
frischungen. 

5. Wies, der Grenzort zwischen Böhmen und 
Bayern in südlicher Richtung über Eger, ist ein 
schön gelegener Punkt, durch den die Kunststrasse 
nach Waldsassen führt, 5 / 4 Stunden von Franzens- 
bad zum Fahren. Die malerisch gelegene Kirche, 
die Fichten- und Tannenwälder, die diesen Ort um- 
geben, machen die daselbst befindliche Restauration 
zu einem beliebten Besuchsort. 

6. Waldsassen, ein Marktflecken in Bayern, 
mit einer sehenswerthen Kirche (Freskomalereien, 
Schnitzwerke). Waldsassen, von Wies noch eine 
halbe Stunde entfernt, ist mittelst der Eisenbahn in 
einer halben Stunde erreichbar. 

7. Maria-Kulm ist eine Propstei des ritter- 
lichen Kreuzherrenordens, zwei Stunden östlich von 
Franzensbad entfernt. 

8. Liebenstein, liegt in westlicher Richtimg 
von Franzensbad, zwei starke Stunden zum Fahren. 
Der Weg führt über Hasslau. Es hat ein roman- 
tisch gelegenes Schloss (dem Grafen von Zedtwitz 
gehörig), von welchem Waldwege durch ein herr- 
liches Thal führen. 

9. Hochberg, in westlicher Richtung von 
Franzensbad, gegen drei Stunden zum Fahren, ist 
eine ehemalige bayerische Grenzfeste und gewährt 
von einer hohen Warte einen reizenden Fernblick. 
Der Weg führt durch Eger, bei dem Siechenhaus 
vorüber, durch den Grenzort Mühlbach und den 
bayrischen Marktflecken Schirding. 



X. Franzensbad. 



221 



10. Die Ludwigs höhe, Stockermühle, 
Antonienhöhe und Miramonti, in nächster 
Nähe von Franzensbad gelegen, sind gut besuchte 
Kaffeewirths chatten, die auf freundlichen Spazier- 
wegen leicht zu erreichen sind. Miramonti bietet 
auch ein gutes Kestaurant und einen reizenden Blick 
auf Franzensbad. 

11. Elster, ein schon in Sachsen gelegenes Bad, 
mit der Bahn von Franzensbad in einer Stunde erreich- 
bar. Es hat eine schöne Lage, ist von dem prächtig- 
sten Wald eingerahmt, und der eine halbe Stunde lang 
durch den dichtesten Wald führende Weg vom Bahn- 
hof nach dem Bade gehört zu den anmuthendsten 
Spaziergängen, die man sich denken kann. Der Ort 
selbst baut sich theilweise auf einem Höhenrücken 
auf, der wunderbar schöne Aussichtspunkte darbietet. 

Yiel kleiner als Elster ist das bayerische Ale- 
xandersbad, nach welchem man von Eger aus 
über Wunsiedel gelangt, wo die Büste Jean Paul 
Richter's, die dicht neben der Kirche steht, Jeden 
interessiren dürfte. Das Haus, welches eine Tafel 
als das Geburtshaus Richter's bezeichnet, liegt kaum 
20 Schritte hinter dem Denkmal, ist aber vor Kurzem 
einem Umbau unterzogen worden, so dass nichts 
mehr in den metamorphosirten Räumen an die 
Tage Richter's erinnert als ein Gedenkbuch, in wel- 
ches die Fremden, die hier vorsprechen, ihre Namen 
eintragen, und das zwei eigenhändige Briefe des 
berühmten Wunsiedler Kindes enthält. Der Lehrer, 
welcher dieses Album verwahrt und die Zimmer 
bewohnt, in denen sich Richter einst bewegte, 
macht den Eindruck eines recht intelligenten Mannes. 

Von Wunsiedel ist es nicht mehr weit nach 
Alexandersbad, dessen äusserer Aspect Erinne- 



222 



X. Franzensbad. 



rungen an die Schweizermühle bei Dresden weckt. 
Beide Orte liegen in einer schluchtartigen Niederimg 
und werden erst sichtbar, wenn man knapp vor ihnen 
angelangt ist; beide sind von pittoresken Sandstein- 
gebilden umgeben, beide beherbergen eine Kalt- 
wasser-Heilanstalt. Die von Alexandersbad hat je- 
doch mit dem eigentlichen Mineralbad Alexanders- 
bad nichts zu schaffen. Sie ist ein neues Etablisse- 
ment, welches etwa 25 Jahre besteht, während dieser 
Zeit dreimal den Herrn gewechselt hat und gegen- 
wärtig einem aus Lübeck zugewanderten Arzt, Dr. 
Cordes, gehört. Das Mineralbad war früher Eigen- 
thuin des bayerischen Eiscus, von welchem es vor 
vier Jahren der Zahnarzt Jäger aus Asch um an- 
nähernd 45,000 Gulden kaufte. 

Wenn man so dasteht vor der palastartigen 
Front des Hauptgebäudes, und die lateinische In- 
schrift liest, die besagt, dass Christian Karl Alexander 
Friedrich, Markgraf von Brandenburg-Ansbach und 
Bayreuth, das Bad 1775 in's Leben gerufen und das 
Haus erbaut habe, gehen Einem wohl eigenthümliche 
Gedanken durch den Kopf. Hier also hat die merk- 
würdige Frau mit Vorliebe im Sommer geweilt, die 
für Schiller das Vorbild der Lady Milford gewesen! 
In dem grossen Saale des ersten Stockwerkes, in 
welchem heute die Curgäste von Alexandersbad 
Table d'höte speisen, haben vor hundert Jahren in 
Gold und Purpur gekleidete Pagen die schöne Britin 
bedient, die es nicht unter ihrer Würde gefunden, 
die Maitresse des letzten Markgrafen von Ansbach- 
Bayreuth zu werden, und in dieser anrüchigen Eigen- 
schaft eine französische Komödiantin abzulösen! Be- 
kanntlich hatte Alexander gelegentlich eines Pariser 
Aufenthaltes eine Liaison mit der alternden Schau- 



X. Franzensbad. 



223 



Spielerin Mademoiselle Clairon angeknüpft, die 18 Jahre 
dauerte, da ihm die Clairon für Geld und gute 
Worte nach Deutsehland folgte, wo sie ein halbes 
Menschenalter hindurch nicht müde wurde, seine ver- 
nachlässigte Gemalin, eine Prinzessin Coburg, zu 
ärgern. Die arme Frau musste sich die Xähe der 
abgetakelten Heroine gefallen lassen und geduldig 
zusehen, wie dieselbe einen der ersten Plätze an der 
Tafel einnahm. Aber das „exoriare tandem aliquis- 
u. s. w. kam endlich auch der armen Märtyrerin 
zugute — leider hatte sie nicht viel davon. Die Clairon 
wurde vom Markgrafen über Bord geworfen, als 
dieser die Engländerin in's Haus brachte, aber der 
gequälten Gemalin erwuchs aus der neuen Liaison 
nur der zweifelhafte Yortheil, dass sie fortan von 
einer Frau tyrannisirt wurde, die ihr durch Geburt 
und Bang näher stand. Elisabeth Berkeley war 
wenigstens vornehm von Haus aus und überdies 
auch die Gemalin eines Lords, dessen Adel aller- 
dings nicht allzu alten Datums war. Der Ahnherr 
der Craven war ein simpler Schneider, der aber das 
Glück hatte, sich in seinem Metier hervorzuthun und 
Hofschneider König Jakob's I. zu werden. "William 
Craven, der Sohn des Hofschneiders, wurde von Karl I. 
zum Bitter geschlagen und war Officier bei dem 
Corps, das England im deutschen Kriege zu Gustav 
Adolf stossen Hess, welcher den jungen ritterlichen 
Engländer kennen lernte, liebgewann und zum Grafen 
machte. Craven lernte in Deutschland die Gemalin 
des böhmischen Winterkönigs kennen, verliebte sich 
in sie, drang in ihre Xähe, wusste sich ihr bemerk- 
lich und mit der Zeit auch werth zu machen, und 
geleitete sie nach Gustav Adolfs und ihres Gemals, 
des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz. Tode nach 



224 



X. Franzensbad. 



Holland, wo sie ihn mit ihrer Hand beglückte. Karl I. 
verbannte die Schwester, welche eine solche Mesal- 
liance geschlossen, mitsammt ihrem Mann vom Hofe, 
berief Letzteren jedoch in der Noth zu sich und er- 
nannte ihn sogar zum Herzog. Cromwell Hess den 
Schwager des entthronten und enthaupteten Königs 
anfänglich unbehelligt, verbannte ihn aber aus Eng- 
land, als seine und Elisabeth's Tochter Sofie den 
Herzog von Braunschweig-Lüneburg heiratete. Von 
AVilliam Craven stammte nun jener Lord Craven ab, 
der die schöne Elisabeth Berkeley heiratete, um 
bald genug diesen Schritt zu bereuen und seiner 
Frau nachzusagen: sie sei nicht einen halben Penny 
werth. Die geflügelten Worte waren damals schon 
ebensogut an der Tagesordnung als heute, nur sam- 
melte man sie nicht so vorsorglich wie heute. Lady 
Craven sagte ihrerseits später wieder von ihrer 
Nebenbuhlerin, der Tragödin Clairon: sie ist heroisch 
bis in ihre Nachthaube hinein. Die Lady war bereits 
Mutter von sieben Kindern, als sie ihrem Manne 
durchging, um die erklärte Geliebte des Markgrafen 
von Ansbach zu werden. Man kann sich denken, 
dass die Clairon nicht willig das Feld räumte : ein- 
mal wollte sie sich sogar erstechen, ein andermal 
sank sie während einer Vorstellung im Ansbacher 
Schlosstheater, in dem Augenblicke, wo sie als 
Ariadne die Worte hinzuhauchen hat: „Er verlässt 
mich", mit einem Schmerzensschrei zu Boden. Aber 
die Lady war immer gleich bei der Hand, um den 
Eindruck zu paralysiren, den solche Scenen auf den 
mitunter weichmüthigen Markgrafen machten. End- 
lich gelang es der Engländerin, sich die Neben- 
buhlerin vom Halse zu schaffen, und auch die Mark- 
enräfin zog sich, müde, sich weiter demüthigen zu 



X. Franzensbad. 225 

lassen — hatte sie doch sogar den Platz zur Rechten 
des Gemals der Maitresse überlassen müssen — nach 
Schwaningen zurück, wo sie 1791 starb. Ihr Tod 
brachte die Courtisane an das erwünschte Ziel. Sie 
wurde die rechtmässige Gemalin des Markgrafen, 
nachdem auch Lord Craven sechs Monate nach dem 
Tode der Coburgerin das Zeitliche gesegnet hatte. 
Die Trauung ging in Lissabon vor sich; denn das 
Pärchen war in den letzten Jahren immer unter- 
wegs. Kaum von einer Reise nach Neapel zurück- 
gekehrt , machte es sich wieder nach Spanien und 
Portugal auf den Weg. In Wien war der emancipirten 
Dame Kaiser Josef unter dem Vorgeben, eine Reise 
machen zu müssen, schlau aus dem Wege gegangen; 
Kaunitz musste ihr aber Stand halten. Nach ge- 
schlossener Mesalliance verschacherte der Markgraf 
sein Land an Preussen, da es der „Ultramontanen" 
(diesen Spitznamen führte die Exmaitresse in ihren 
nunmehrigen Landen) unter den barbarischen Deut- 
schen nicht länger gefiel. Das Paar übersiedelte, 
sobald Hardenberg den Länderhandel in's Reine 
gebracht, nach London, wo es sich im Brandenbourgh- 
House dauernd sesshaft machte. Kaiser Franz er- 
nannte die Engländerin zur Fürstin von Berkeley, 
der englische Hof nahm jedoch keine Notiz von ihr. 
Die Königin mochte sie nicht. Sie überlebte ihren 
Mann und molestirte den deutschen Bundestag mit 
Eingaben, man möge ihr eine Rente auswerfen, 
fand aber natürlich taube Ohren. 



15 



XL Marienbad. 




n einem herrlichen Winkel des nord- 
westlichen Böhmens, versteckt in 
r den Waldbergen, die den Ort von 
drei Seiten umgürten, liegt Marien- 
bad, im Egerer Kreise, 5 Meilen von Eger, 
10 Meilen von Pilsen, 24 Meilen von Prag 
entfernt, durch die Franz Josef- Bahn leicht zu er- 
reichen. 

Der von anmuthigen Spazierwegen durchzogene, 
mit prächtigen Parkanlagen versehene Curort bietet 
ein ebenso interessantes, als erfrischendes Bild, das 
selbst auf das verdüstertste Gemüth einen erheitern- 
den Eindruck übt. 

Der Charakter des Gebirges ist ein lieblicher, 
milder, die wellige Formation der dicht bewaldeten, 
zwar hoch, aber sanft ansteigenden Berge, die Ab- 
wechselung zwischen den ernst dunklen Höhen und 
den lachenden grünen Fluren, durch welche sich 
von der Waldschlucht an die kleinen Bächlein, der 
Steinhaubach und Schneidbach, sowie der Hamelika- 
bach dem Auschowitzer Bache zudrängen, die wohl- 
gepflegten, in bunten Farben glänzenden Blumen- 



XI. Marienbad. 



227 



beete, die zierlichen weissen Wohnhäuser — alles 
das giebt in harmonischem Vereine ein so reizen- 
des Idyll, dass Jeder, der hierher kömmt, sich davon 
angenehm berührt fühlt. 

Gegen Norden des Curortes erhebt sich der 
Steinhauberg, nordostwärts und ostwärts der Mühl- 
berg, gegen Südost der Hamelikaberg und gegen 
Westen der Schneiderrangberg. G-egen Süden treten 
die Berge zurück und man sieht auf üppige Wiesen 
und weite Feldfluren. 

Die Natur hat, freigebig ihre Gaben in diese 
duftige Waldschlucht spendend, es der kunstfertigen 
Menschenhand nicht schwer gemacht, aus diesem 
schönen Fleck Erde einen reizenden Curort zu 
gestalten. Und man muss sagen, es ist hierfür in 
kurzer Zeit Yieles und Gründliches geschehen. 
Denn es sind noch nicht hundert Jahre her, dass 
der Arzt des Stiftes Tepl, Dr. Nehr, folgendes 
Bild von Marienbad entwarf: „Wie erstaunte ich," 
schreibt er, „als ich dieses verwilderte, ringsumher 
mit steilen Bergen und finstern Wäldern dicht ein- 
geschlossene Thal, in welchem diese Quellen ihr 
heilbringendes Wasser so reichlich ergiessen, betrat! 
Alles, was man sah, erregte Furcht, Widerwillen, 
Abscheu; Berge und Thäler, Wasserrisse und 
Gesümpfe, Stein- und Sandhügel; vermoderte Stöcke 
und Windbrüche wechselten unausgesetzt unter ein- 
ander ab. — Eine dem Einsturz drohende Hütte, 
in welcher zwei eiserne Kessel zur Bereitung des 
im Kreuzbrunnen enthaltenen Glaubersalzes auf 
einem Herde eingemauert standen, und eine noth- 
dürftige, hölzerne Einschränkung des Kreuzbrunnens, 
dies war Alles, was als ein Beweis menschlicher 
Theilnahme an dieser Quelle bis dahin gelten 

15* 



228 



XI. Marienbad. 



konnte. Weder ein Fusssteig, noch weniger ein 
Fahrweg führte zu dem Kreuzbrunnen. Man musste 
der vielen Gesümpfe wegen Steine legen und werfen, 
um mittelst derselben zu unseren Quellen hüpfend 
gelangen zu können. Man denke sich eine derlei 
verwüstete, ganz menschenlose Einöde, in welcher 
einzig wilde Thiere, Holzfrevler, Kaubschützen und 
Räuber zu hausen schienen." 

Und nun ist Marienbad eine recht hübsche 
Stadt, welche zwei Plätze. 14 Strassen und Gassen, 
nahezu 300 Häuser und über 3000 Einwohner zählt. 
Die Häuser sind zumeist schöne, grosse Gebäude 
mit luftigen, hohen und comfortabel möblirten 
Zimmern. Niedliche Villen, für einzelne Familien 
berechnet, wechseln mit palaisartigen Hotels, welche 
hundert und mehr Fremdenzimmer zählen. Tempei- 
förmige Kotunden umschliessen die Heilquellen und 
grossartig angelegte Colonnaden bieten Schutz bei 
regnerischem Wetter. Ein imposanter Cursaal und 
das neuerbaute Stadthaus mit seinen Conversations- 
und Lesesälen bieten den Curgästen gesellige 
Vereinigungspunkte, und weithin ragen die Kuppeln 
der Gotteshäuser aller Culte in die Lüfte, während 
die langgestreckten Baulichkeiten der Badeanstalten 
die Aufmerksamkeit des Besuchers Marienbads 
fesseln. 

Die Gasthöfe in Marienbad sind: Das für 
massenhaften Besuch berechnete „Hotel Klinger', 
der comfortable ,, englische Hof, das trefflich 
geleitete „Hotel Hamburg", die günstig gelegene 
„Stadt Leipzig", „Stadt Warschau", „Hotel Weimar", 
„Hotel Stern", das emsig aufstrebende Hotel „Casino- 
Park" — das vorzugsweise für „koscher" speisende 
Israeliten berechnete Hotel „New- York" und der 



XI. Marienbad. 



229 



bescheidenen Ansprüchen entsprechende Gasthof 
„Schönau" (ausserhalb der Stadt). Kestaivrationen 
und Kaffeehäuser giebt es an allen Ecken und 
Enden. Wo immer der Wald einen hübschen Aus- 
blick gestattet, da haben sich mehr oder minder 
elegant eingerichtete Kaffee-Anstalten etablirt. Die 
hervorragendsten Kaffeehäuser sind: „ B eile vue u und. 
„Cafe Mühlig" in der südlichen Sichtung, „Cafe 
Waldschlucht" in nördlicher Kichtung, dann „Kiesel- 
hof", „Cafe Panorama", „Cafe Ferdinandsmühle", 
„Jägerhaus" etc. etc. Gute Eestaurants sind im 
„Cursaale", im „neuen Stadthause", in „Bellevue", 
..Delfin", „Tepler Haus", „Stadt München", ferner 
die „Koscher"-Eestauration „Löwenthal". 

Das Zeitungs-Lesecabinet im neuen Stadthause 
zählt mehr als 50 der gelesensten Zeitschriften. 
Zwei Buch- und Kunsthandlungen, beide zugleich 
Leihbibliotheken (Götz in Stadt Kegensburg und 
Gschihay in Stadt Dresden) sorgen für das geistige 
Bedürfniss der Curgäste und zum Ueberrlusse 
erscheinen hier nicht weniger als vier Localblätter: 
das Marienbader Wochenblatt, die Marienbader 
Zeitung, die Marienbad-Franzensbader Blätter und 
die Quelle. Das Theater ist gut geleitet und reich 
ausgestattet. 

Der Kreuzbrunnen, die bekannteste, wenn auch 
nicht die stärkste der Marienbader Quellen, befindet 
sich unter einer schönen tempeiförmigen Kotunde, 
an die sich eine jonische Säulenhalle schliesst. 
Eine hohe Kuppel überwölbt den Bau und ein 
mächtiges goldenes Kreuz strahlt weithin über den- 
selben. In der Mitte des Säulenganges ist auf einem 
Kasenplatze das zu Ehren des ärztlichen Gründers 
Marienbads, des Dr. Nehr, errichtete Monument, 



230 XI Marienbad. 

eine Pyramide aus rothern böhmischen Marmor mit 
der Bronzebüste des Verewigten und passenden 
Inschriften. Der Kreuzbrunnen ist mit einem Ständer 
von Eichenholz gefasst, der unmittelbar auf dem 
Granit, aus dem die Quelle entspringt, aufgesetzt 
ist und einen kubischen Inhalt von 38 Kubikfuss 
besitzt. Die Normalhöhe der Wassersäule von der 
Sohle der Quelle bis zum gewöhnlichen Wasser- 
spiegel am Abflussrohre beträgt 34 Zoll. Zur Be- 
förderung des Wassers aus der Quelle in die ein- 
zelnen Gläser ist statt des bis vor einigen Jahren 
üblichen Ausschöpfens jetzt eine eigene Wasser- 
hebe-Maschine thätig, die das Wasser rein und 
mit vollem Gasgehalte an die Trinkenden spendet. 

Am Kreuzbrunnen beginnt die 150 Klafter lange 
Allee-Promenade, welche ein bunt bewegtes Bild des 
Treibens in einem Weltbade bietet. Des Morgens 
zwischen 6 und 8 Uhr und des Abends zwischen 
6 und 7 Uhr spielt hier die trefflich geschulte 
Mus ikcap eile. Längs dieser Promenade erstrecken 
sich die gedeckten Säulengänge, die eine lange 
Beihe von Boutiquen enthalten, in denen, bunt durch- 
einander gemengt, die verschiedensten Waaren feil- 
geboten werden: böhmische Granaten und Drechsler- 
waaren, Erzeugnisse der Gebirgs-Industrie und Galan- 
teriewaaren, Spitzen und Meerschaumpfeifen. 

Der Ferdinandsbrunnen, die stärkste, reich- 
haltigste und ergiebigste der Marienbader Quellen, 
ist zwanzig Minuten vom Mittelpunkte des Curortes 
entfernt und darum ist sein Wasser mittelst einer 
eigenen Leitung auf die Promenade hinaufgeführt 
worden, woselbst sie gegenüber der katholischen 
Kirche in eine mit einer Kuppel überdeckten Ala- 
bastervase mündet, Manche Gäste ziehen es vor, 



XI. Marienbad. 



231 



an der Quelle zu trinken. Diese ist so ergiebig, dass 
man in der Minute 225 Flaschen oder in 24 Stunden 
324.000 Flaschen (von 3 / 4 Liter Gehalt) füllen 
könnte. Aus dieser Quelle wird auch (durch Ver- 
dampfen des Wassers) das Marienbader Brunnensalz 
gewonnen, welches die Quellsalze in concentrirter 
Form enthält. Ein Eimer Ferdinandsbrunnen liefert 
ein Pfund Brunnensalz. 

Die Waldquelle, 5 Minuten vom Kreuzbrunnen 
entfernt, liegt in anmuthiger Waldesschlucht und 
bildet um die Mittagsstunde, um welche Zeit daselbst 
die Brunnenmusik spielt, das Kendezvous der eleganten 
Welt. Die Quelle, deren Wasser sehr erfrischend 
und angenehm anregend schmeckt, nimmt die gelichtete 
Stelle eines romantischen Bergkessels am Ufer des 
Schneidbaches ein. Der dunkle Hochwald überragt 
ernst die frischen grünen Matten, welche die Quelle 
umgeben, während dichte Baumgänge erquickenden 
Schatten bieten. 

Die Wiesen- und Kudolfs quelle liegen auf den 
Wiesengründen südlich vom Ferdinandsbrunnen, 
unweit von diesem östlich die erst kürzlich gefasste 
„ Alexandrinenquelle " . 

Die Ambrosius- und die Carolinenquelle befinden 
sich auf dem Hauptplatze des Curortes, längs der 
Kreuzbrunnen-Promenade. 

Die Marienquelle, welche im Gegensatze zu den 
bisher genannten Quellen nur zum Baden und nicht 
zum Trinken benutzt wird, ist von einem grossen 
Holzbau hinter der katholischen Kirche umschlossen. 
Der grosse Wasserspiegel dieser Quelle bietet, von 
mächtigen, mit rauschendem Getöse emporsprudelnden 
Gasblasen bewegt, einen interessanten Anblick. Die 
Kohlensäureschichte, welche über der Quelle lagert, 



232 



XI. Marienbad. 



ist 1 bis 2 Fuss hoch ; die Ergiebigkeit der Quelle 
selbst ist sehr bedeutend. 

Die Badeanstalten sind in zwei grossen Baulich- 
keiten untergebracht. Das alte Badehaus enthält die 
von der Marienquelle gespeisten, kohlensäurehaltigen, 
mineralischen Wasserbäder, die mineralischen Moor- 
bäder und in einem besonderen Gebäude die kohlen- 
sauren Gasbäder und das russische Dampfbad. Die 
Badestuben sind geräumig und bequem. Die Erwär- 
mung des Badewassers geschieht durch Zusatz heissen 
Süsswassers zu dem kalten Mineralwasser. Das Ein- 
fliessen des Wassers in die Badewannen erfolgt, zur 
Vermeidung von Erschütterung und dadurch not- 
wendigen Kohlensäureverlust, meist vom Boden der 
Wanne. 

Die Moorbäder werden in der Weise bereitet, 
dass der gehörig gereinigte und von gröberen Be- 
standteilen befreite Eisenmoor Marienbads, in 
grossen hochgestellten Bottichen mit Mineralwasser 
zu einer breiartigen Masse gemengt, mit Dampf 
erhitzt und durch eine Oeffnung am Bottichboden 
in die darunter geschobene Wanne, in welcher sich 
trockener Moor befindet, eingelassen wird. In der 
Badewanne wird dem Moorbrei unter gehörigem 
Umrühren und Hinzufügen von trockenem, kaltem 
Moor die gewünschte Consistenz und Temperatur 
gegeben. 

In den Gasbädern wird das kohlensaure Gas, 
das den Quellen entströmt, in trockenem Zustande 
zum Baden verwendet. Das Gas umspült den Badenden, 
der sich vollkommen angezogen (nur die Stiefel 
werden abgelegt) in die Wanne setzt. 

Das neue Badhaua enthält die ,,Stahlbäder', 
welche vom Ambrosius- und Carolinenbrunnen ge- 



XI. Marienbad. 



233 



speist werden, sowie die Ferdinandsbäder, die an 
Kohlensäure reich, ihr Wasser von dem Ferdinands- 
brunnen beziehen. Die Erwärmimg des Badewassers 
erfolgt hier durch directe Einleitung von heissem 
Wasserdampf mit bedeutender Spannung. Diese Art 
der Erwärmung hat den grossen Vortheil, dass sie 
sehr rasch erfolgt und dadurch der Gehalt an 
Kohlensäure fast vollkommen erhalten bleibt. Ein 
solches Bad zeigt ein fortwährendes Perlen und 
Schäumen, die ganze Hautoberfläche des Badenden 
wird mit Gasbläschen überdeckt. 

Sämmtliche Quellen und Badeanstalten sowie 
Grund und Boden sind Eigenthum des Prämonstra- 
tenserstiftes Tepl, das dem Gedeihen und Aufschwünge 
Marienbads stets das grösste Interesse entgegen- 
gebracht hat. Der Prälat Keitenb erger war es ins- 
besondere, der im Anfange dieses Jahrhunderts mit 
Energie und Freigebigkeit für die Gründung des 
Curortes wirkte. Seinen Bemühungen ist es vorzugs- 
weise zu danken, dass das Marienbad bei Auschowitz 
auf der Herrschaft Tepl, wie man damals den Ort 
bezeichnete, im Jahre 1818 zu einem öffentlichen 
Curorte erhoben wurde. Er war es, der die Xeu- 
fassung des Kreuzbrunnens und Ferdinandsbrunnens 
veranlasste, ihm ist in erster Linie jenes rege Treiben 
zu verdanken gewesen, das Goethe, welcher damals 
(1820) als Curgast in Marienbad weilte, in einem 
Briefe an Zelter folgendermassen schildert: ..Dann 
besuchte ich Marienbad, eine neue bedeutende An- 
stalt, abhängig vom Stifte Tepl. Die Anlage des 
Ortes ist erfreulich ; bei allen dergleichen finden 
sich schon fixirte Zufälligkeiten, die unbequem sind, 
man hat aber zeitig eingegriffen. Architekt und 
Gärtner verstehen ihr Handwerk und sind gewohnt, 



234 



XI. Marienbad. 



mit freiem Sinne zu arbeiten. Der Letzte, sieht man 
wohl, hat Einbildungskraft und Praktik, er fragt 
nicht, wie das Terrain aussieht, sondern wie es aus- 
sehen sollte ; abtragen und ausfüllen rührt ihn nicht. 
Mir war es übrigens, als wäre ich in den amerika- 
nischen Einsamkeiten, wo man Wälder aushaut, um 
in drei Jahren eine Stadt zu bauen. Die nieder- 
geschlagene Fichte wird als Zulage verarbeitet, der 
zersplitterte Granitfels steigt als Mauer auf und 
verbindet sich mit den kaum erkalteten Ziegeln. 
Zugleich arbeiten Tüncher, Stuccateure und Maler 
von Prag und anderen Orten in Accord gar fleissig 
und geschickt; sie wohnen in den Gebäuden, die sie 
in Accord genommen, so geht Alles unglaublich 
schnell. " 

Die katholische Kirche, auf einer kleinen An- 
höhe, inmitten des nach dieser Kirche genannten 
Platzes gelegen, bildet ein imposantes, im byzan- 
tinischen Style gehaltenes Bauwerk, das durch die 
Harmonie der Bauart, wie durch den malerischen 
Hintergrund, den die Waldgebirge bilden , einen 
äusserst günstigen Eindruck macht. Die Kirche bildet 
ein Achteck von gleicher Länge und Breite, hat 
jedoch einen runden Thorabschluss. Sie wird von 
einer schön gegliederten Kuppel bedeckt, und an 
der Seite des Hauptportals sind zwei kleine Thürme. 
Im Bau und in der Anlage herrscht geschmackvolle 
Einfachheit. Einen eigenthümlichen Schmuck besitzt 
die Kirche in den Krücken, welche die in Marienbad 
Geheilten seit dem Entstehen des Ortes in allen 
früheren Capellen als sichtbares Dankeszeichen zurück- 
liessen. 

Das evangelische Bethaus am Franz Josef- 
Platze verdankt seine Entstehuug freiwilligen Bei- 



XI. Marienbad. 



235 



trägen, welche unter den evangelischen Curgästen 
Marienbads, den König Friedrich Wilhelm IV. von 
Preussen an der Spitze, eingeleitet wurden. Eigen- 
thum und Patronat der Kirche steht dem Könige 
von Preussen zu. Neben demselben befindet sich die 
Friedrich Wilhelm- Stiftung, ein Pensionat für preus- 
sische Beamte, welche zur Cur hier weilen. 

Das israelitische Bethaus wurde gleichfalls durch 
freiwillige Beiträge der Glaubensgenossen israeliti- 
scher Confession gegründet. 

Das allgemeine Curspital in der Karlsbader- 
strasse nimmt unbemittelte Kranke jeder Nationalität 
auf und verpflegt des Sommers 100 bis 120 Kranke. 
Das israelitische Curspital, ein wahres Musterhospital, 
ist für arme israelitische Kranke jeder Nationalität 
bestimmt und verpflegt jährlich 50 bis 80 Kranke. 
Die Brunnenversendungs-Anstalt, in einem eigenen 
Gebäude oberhalb des Kreuzbrunnens untergebracht, 
beschäftigt sich mit der Füllung und Versendung 
der Marienbader Heilquellen, sowie mit der Bereitung 
und dem Verkaufe des Marienbader Brunnensalzes. 
Während vor 50 Jahren nur 200,000 Flaschen Marien- 
bader Wassers versendet wurden , verkündet jetzt 
bereits eine Million alljährlich nach allen Sichtungen 
der Windrose verschickten Flaschen den bewährten 
Kuf der Wirksamkeit dieser Quellen. 

Selten giebt es einen Curort, der so viele und 
so bequem liegende Ausflugspunkte bietet wie Marien- 
bad. Fast von jedem Hause aus ist man mit wenigen 
Schritten im Fichtenwalde, allenthalben führen wohl- 
gepflegte Pfade durch Wald und Flur in die Berge. 
Ueberall, wohin man sich auch wenden mag, reine 
balsamische Luft, üppiges Waldgrün, herrliche Berge. 
Einer der nächsten und besuchtesten Spazierwege 



236 



XI. Marienbad. 



führt zum Kreuze auf dem Hamelikaberge, das zur 
dankbaren Erinnerung an die Thatsache errichtet 
worden ist, dass Marienbad von der ganz Böhmen 
verheerenden Cholera-Epidemie des Jahres 1832 voll- 
ständig verschont blieb. Vom Kreuze aus, das sich 
von dunklen Fichten im Hintergrunde abhebend, einen 
Eindruck übt. geniesst man eine sehr 



mächtigen 





MARIENBAD. 



schöne Gesammtansicht von Marienbad, das mit 
seinen freundlichen Häusern, den hübschen Park- 
anlagen und den dunklen Waldbergen vor den Augen 
daliegt, wie ein riesiges Spielzeug. Durch den dunklen 
Wald ziehen sich von hier schattige Wege zum 
Bücken des Hamelikaberges, wo ein als künstliche 
Ruine angelegter Aussichtsturm eine herrliche Fern- 
sicht über das ganze Egerländchen bietet Andere 



XI. Marienbad. 



237 



Wege führen an grotesk von der Natur gruppirten 
Felsblöcken vorbei zur Hirtenruhe, zum Friedrich- 
stein und Mecserytempel. Dieser letztgenannte Euhe- 
punkt bietet ein Panorama, das die Nachbardörfer 
Schönthal, Dreihacken, Neudorf u. s. w. umfasst. 
Nach abwärts steigend, gelangt man zur Friedrich 
"Wilhelms-Höhe, einem hübschen Tempel mit gothi- 
schem Bogen und einfacher byzantinischer Säulen- 
halle, von wo aus die gegen Süden ausgebreitete 
Ebene zu überblicken ist, bis dorthin, wo sich die 
Berge des Böhmerwaldes erheben. In dem G-esichts- 
felde gelegen, ist da auch der Pfraumberg, dessen 
Spitze vor dem Eintritte ungünstigen Wetters stets 
mit einer Nebelkappe umzogen ist. 

Ein anderer sehr beliebter Spaziergang in ent- 
gegengesetzter Kichtung beginnt von der romantisch 
am Waldesrande gelegenen „Villa Kisch", an der 
Waldquelle vorbei durch malerische Baumgruppen 
zur „Sägemühle", oder aufwärts durch Zickzackwege 
zum „Jägerhaus" und durch den Königswarter Thier- 
garten zur „Jagdlaube" auf die Spitze eines kegelför- 
migen Berges, der die Aussicht auf die Schlösser Plan, 
Kuttenplan und deren prächtige Umgegend erschliesst. 

Und wiederum ein anderer Spazierweg längs 
der Strasse, welche nach Eger führt, bringt uns zu 
dem „Casinopark", zur „Alexandrinenruhe", „König 
Otto-Höhe ", während man links wandelnd, durch 
Wiesenpfade den Auschabach überschreitend, zur 
„Ferdinandsmühle" und nach „Auschowitz" gelangt, 
wo der Fremde nicht uninteressante Studien an den 
alten böhmischen Bauernhäusern anstellen kann. 

In östlicher Bichtung erreicht man von Marienbad 
in etwa einer halben Stunde die „Hohendorfer Höhe". 
Der Weg berührt „Goethe's Sitz", einen Obelisk von 



238 



XI. Marienbad. 



Sandstein mit einer Ruhebank, zur Erinnerung an 
den Aufenthalt des Dichterfürsten in Marienbad er- 
richtet, streift das Cafe Panorama und führt dann auf 
den Bergrücken, der die lohnendste Fernsicht bietet. 

Unter den verschiedenen Spaziergängen sei noch 
jener zum neuen Moorlager erwähnt, welches am 
Fusse des Darnberges, etwa eine Viertelstunde von 
der Stadt entfernt, in hübscher Waldgegend einen 
interessanten Anblick bietet. 

Von Ausflügen in die entferntere Umgebung 
Marienbads ist vor Allem empfehlenswerth ein Gang 
oder eine Fahrt zum Podhorn, 1 */ 2 Stunden von der 
Stadt. Der Podhorn bildet einen dichten Basaltkegel, 
der sich in zwei Gipfel spaltet, deren einer die 
mächtig aufstrebende, spitz zulaufende Phonolitmasse 
trägt, während der andere terassenförmig mit einem 
kleinen Haine besetzt ist. Im Schatten dieser Bäume 
giebt es tempeiförmige Pavillons. Ruheplätze und ein 
Kaffeehaus. Zum Gipfel des Berges, der als ein ehe- 
maliger Vulcan betrachtet werden muss, führt eine 
steinerne, mit einem Geländer versehene Stiege. Die 
Fernsicht, die man von hier aus geniesst, ist darum 
besonders so interessant, weil der Podhorn sich gleich- 
sam im Mittelpunkte zwischen dem Fichtelgebirge, dem 
Erzgebirge, dem ganzen Böhmerwalde, dem Mauthner 
und Radnitzer Gebirge befindet. In derselben Rich- 
tung wie zum Podhorn ist ein Ausflug zum Prämon- 
stratenserstifte Tepl, 2% Stunden von Marienbad ent- 
fernt, eine angenehme und lehrreiche Excursion. Die 
Kirche daselbst bietet beachtensAverthe Kunstwerke, 
die Klosterbibliothek imponirt durch Reichthum an 
literarischen Schätzen. Auch an Reliquien fehlt es 
nicht, unter denen wohl der Becher, aus dem Goethe 
stets den Kreuzbrunnen trank, rege Beachtung findet. 



XI. Marienbad. 239 

In südlicher Richtung von Marienbad, zwei 
Stunden entfernt, liegt Kuttenplan, wo das Schloss 
des Grafen Berchem-Heimhausen, die Wirthschafts- 
gebäude und Brauerei beachtenswert]! sind. Eine 
halbe Stunde seitwärts liegt die Stadt Plan, durch 
manche historische Beminiscenzen aus dem dreissig- 
jährigen Krieg interessant. Das zum Theil aus dem 
15. Jahrhunderte stammende Schloss, dem Grafen 
Nostitz-Rieneck gehörig, sowie die im 10. Jahrhunderte 
erbaute Annakirche sind Kunstwerke. — Eine Stunde 
südlich von der Stadt liegt das der Prager Eisen- 
industrie-Gesellschaft gehörige Eisenwerk „Josefs- 
hütte-' an einem malerischen Punkte des Misathales. 
Ueberhaupt ist die Bahnstrecke von Plan bis Schweis- 
sing eine der durch Xatur Schönheiten interessantesten 
in Böhmen und kann mit Piecht die böhmische 
Semmeringbahn genannt werden. 

Einen interessanten Ausflugsort bilden auch 
Stadt und Bad Sangerberg, mittelst "Wagen in 
I*/ 2 Stunden von Marienbad zu erreichen; ferner 
Stadt und BadKönigswart. Ton beiden oben erwähnten 
Bädern wird in den nächsten zwei Abschnitten aus- 
führlicher die Rede sein. 

Durch Xaturschönheiten wie selten ein Ort aus- 
gezeichnet, besitzt Marienbad auch einen ganz unge- 
wöhnlichen Schatz von Heilmitteln mannigfacher Art» 
Ebenso wahr als treffend sagt Beuss schon im 
Jahre 1818: „Stolz kann Böhmen auf seine dam- 
pfenden Karlsbader Quellen, auf die warmen Bäder 
zu Teplitz, auf den gas-, salz- und eisenreichen 
Franzensbrunn in Eger sein; aber mehr als mütter- 
lich sorgte die Xatur für Marienbad. Hier spendete 
sie Heilmittel von mannigfacher Art, von mancherlei 
Form und in mancherlei Mischung aus. u 



240 



XI. Marienbad. 



In der That, Marienbad besitzt in dem Kreuz- 
brunnen und Ferdinandsbrunnen die stärksten und 
mächtigsten der bisher bekannten Glaubersalzwasser, 
welche diesem Curorte eben den Beinamen: „kaltes 
Karlsbad-' verschafften, in dem Ambrosius- und Caro- 
linenbrunnen eisenreiche Stahlquellen, in der Wald- 
quelle, Eudolfs- und Wiesenquelle kohlensäurereiche, 
alkalische Quellen von grosser Wirksamkeit auf die 
Schleimhäute, und in dem Eisenmoore eine für Bäder 
unschätzbare Ingredienz. Die Vereinigung dieser ver- 
schiedenartigen Heilmittel macht Marienbad so recht 
zum Familienbade, da es den Yortheil bietet, dass 
die Familien-Mitglieder vereint die verschiedenen für 
sie passenden Curmittel benützen können. 

Um die Bedeutung der Heilmittel Marienbads 
in Kürze kennen zu lernen, schliessen wir uns der 
Führung des dortigen renommirten Badearztes, Medi- 
cinalrath Dr. Kisch, an. Dr. Kisch ist an und für sich 
eine Specialität der böhmischen Bäder. Als jüngster 
praktischer Arzt Oesterreichs, mit 21 Jahren, Hess er 
sich in Marienbad nieder und ging mit einer an den 
ärztlichen Gründer dieses Curortes Dr. Nehr erinnern- 
den Energie und Verve daran, die Kenntniss von 
diesen Heilmitteln in ärztlichen Kreisen zu verbreiten. 

Die amerikanischen w r ie schwedischen, italieni- 
schen wie französischen medicinischen Blätter repro- 
ducirten die Artikel aus seiner Feder, welche in den 
hervorragendsten deutschen Fachjournalen erschienen. 
Ihm speciell ist es zu danken, dass Marienbad, das 
früher nur als Zufluchtsort für dickbäuchige und 
hiimorrhoidalleidende Männer galt, nun eines der 
besuchtesten Frauenbäder geworden. 

Auf Grund seiner zahlreichen Erfahrungen be- 
zeichnet nun Dr. Kisch die Marienbader Glauber- 



XI. Marienbad. 



241 



Salzwasser, den Kreuz- und Ferdinandsbrunnen, als 
machtvoll auf die Blutcirculation in den Unterleibs- 
organen wirkend, die Absonderungen der Schleim- 
häute und Drüsen des Verdauungstractes anregend 
und modificirend. Nach ihm eignen sich darum für 
den Gebrauch dieser Wasser ganz speciell: „Lebe- 
menschen, welche in üppiger Weise den Tafelfreuden 
huldigen, deren ganzes Aussehen eher „Ueberfluss 
von Gesundheit" zu verrathen scheint, und deren 
blutstrotzende Gefässe auf die unregelmässige Cir- 
culation deuten ; Männer der geistigen Arbeit, welche 
im Drange des geistigen Schaffens die wichtige 
Bolle regelmässiger Verdauung und Entleerung unter- 
schätzen; junge Damen, welche an das Arbeits- 
tischchen gefesselt, den Unterleibsorganen die freie 
Bewegung nicht gestatten und durch ewig gebeugtes 
Sitzen das Blut zu träger Circulation verdammen ; 
behäbige Leute, deren mit Fett überladener Leib 
die Yerdauungsmaschine in's Stocken bringt oder 
denen der mit Kothmassen stets erfüllte Darm den 
schuldigen Dienst versagt; Frauen in den sogenannten 
Wechseljahren, bei denen das Aufhören der Men- 
strualblutung einen Sturm im ganzen Gefäss-Systeme, 
besonders aber Störungen in den Unterleibsorganen 
hervorgerufen hat." 

In der That zeigt auch ein Blick auf die Kreuz- 
brunnen-Promenade , dass hier der Typus der Yoll- 
saftigen, Fettleibigen vorwaltet, und während für 
Franzensbad das bleiche Mondscheingesicht, für 
Karlsbad das gelbe Colorit des Leberkranken charak- 
teristisch ist, so sieht man hier meist volle, roth- 
wangige, oft nur allzu geröthete Physiognomien; 
Personen von riesigem Körperumfange und massigem 
Gewichte sind in Marienbad ganz gewöhnliche 

16 



242 



XI. Marienbad. 



Erscheinungen und eine Abnahme des Körpergewichtes 
um 10 bis 20 Pfund gehört zu den allgemein vor- 
kommenden Cur-Eesultaten. 

Es ist darum auch begreiflich, dass Marienbad 
als Yorbeugungscur gilt für alle Jene, welche 
fürchten, vom Schlage betroffen zu werden. 

Bei blutreichen oder fettleibigen Personen, bei 
denen häufig Kopfschmerz, Schwindel oder Licht- 
scheu, Empfindlichkeit gegen Geräusch, körperliche 
Unruhe, plötzliches Zusammenschrecken, heftige 
Gemüthserregung gelegentlich unbedeutender Veran- 
lassungen auftritt, der Schlaf durch lebhafte Träume 
und Wahnvorstellungen unterbrochen, zuweilen sogar 
gänzlich gestört ist, der Puls voll und beschleunigt 
erscheint; oder wo im Gegentheile eine gewisse 
Unempfindlichkeit gegen äussere Reize sich geltend 
macht, die Glieder schwer werden, grosse Trägheit. 
Abneigung gegen Bewegung vorhanden ist, der 
Herzschlag langsam, die Athemzüge tief und schnar- 
chend sind, grosse Neigung zum Schlafe sich zeigt, aus 
welchem die Kranken nur schwer zu wecken sind: 
in allen diesen Fällen leistet nach Kisch der Kreuz- 
brunnen, mit gehöriger Vorsicht angewendet , gegen 
den Gehirnblutandrang und als Prophylaktikum des 
Schlagflusses die besten Dienste. Ebenso bezeichnet 
derselbe Autor als ein charakteristisches Contingent 
für den Gebrauch des Kreuzbrunnens die Frauen- 
welt in den „gewissen Jahren", wo eine völlige 
Umgestaltung m den Lebensverhältnissen der Frau 
(zwischen dem 40. und 50. Jahre) zu Stande kommt. 
Blutwallungen, fliegende Hitze im Gesichte, stärkere 
Transpiration, allgemeine Erregung in oft beängsti- 
gender Weise auftreten. Die Marienbader Glauber- 
salzwasser mildern da den Sturm des Blutandranges 



XI. Marienbad. 



243 



und führen eine milde Ableitung auf den Darm 
herbei. 

Einen altbewährten Kuf besitzt Marienbad end- 
lich als Zufluchtsstätte für melancholische Hypo- 
chonder. Die leicht purgirende Wirkung der Marien- 
bader Quellen erweist sich hier in erster Linie 
heilsam, denn „das Denken und Medisiren der meisten 
Hypochonder dreht sich ganz besonders um den 
— Nachtstuhl" (Kisch). Versuche, die in den Irren- 
anstalten in Prag und Wi§n mit dem Kreuzbrunnen 
und Ferdinandsbrunnen angestellt wurden, haben 
deren günstige Erfolge auch bei den schwersten 
Fällen von Melancholie und chronischer Geistes- 
störung constatirt. 

Doch nicht allein die „Fetten und Blutreichen" 
finden sich in Marienbad zusammen. Seitdem man 
den an Eisen so reichen Stahlquellen Ambrosius- 
und Carolinenbrunnen mehr Aufmerksamkeit schenkt, 
seit in Marienbad kräftige Stahlbäder eingerichtet 
sind, seit in ärztlichen Kreisen der Ausspruch des 
Professors Lehmann immer mehr Anerkennung 
findet, dass der Marienbader Mineralmoor ein solcher 
ist, welcher mit allen anderen bisher analysirten 
Moorerden den Vergleich aushält, seit dieser Zeit 
mehrt sich auch die Zahl der Bleichsüchtigen und 
Blutarmen, der Nervösen und Geschwächten , der 
Mageren und Blassen, die an den Quellen Marien- 
bads Hilfe suchen. Bei einer grossen Gruppe von 
Krankheiten ist auch der combinirte Gebrauch der 
Glaubersalzwasser mit den Eisenwassern angezeigt. 

Die Waldquelle findet namentlich bei katarrha- 
lischen Erkrankungen der Athmungsorgane und bei 
Unterleibsleiden zarterer Individuen ihre Verwer- 
thung, während die Budolfs- und Wiesenquelle sich 

16* 



244 



XI. Marienbad. 



rasch grossen Ruf bei Blasenkatarrhen und anderen 
Krankheiten der Harnorgane erworben haben. 

Gross ist endlich die Zahl der Gelähmten, 
Gichtbrüchigen, durch Schuss- und andere Wunden 
Verletzten, welche in jedem Sommer nach Marien- 
bad wandern, um die aufsaugende und belebende 
Kraft der Moorbäder an sich zu erproben. Wie häufig 
sieht man Jemand, der anfangs im Krankenwagen 
mühsam hingeschoben wurde, nach einiger Zeit 
frisch auf eigenen Füssen einherwandern. Wie oft 
hört man aus dankerfülltem Herzen dann den classi- 
schen Ruf ertönen: „Der Moor hat seine Schuldig- 
keit gethan!" 

Die Curzeit in Marienbad dauert von Anfang- 
Mai bis Ende September. Das Frühjahr und der Spät- 
sommer, wo die Temperatur hier eine kühlere, eignet 
sich besonders zu Curen für vollsaftige, blutreiche 
Individuen, denen um solche Zeit die Bewegung in 
ausgiebigerem Masse leichter wird, der Hochsommer 
hingegen, die warme Zeit, für geschwächte, blut- 
arme Individuen, denen bei kühlem Wetter längerer 
Aufenthalt im Freien verleidet wird. Fettleibige thun 
gut daran, die Monate Mai und September zur Cur 
zu benutzen, während für Rheumatiker, Gichtleidende, 
mit Katarrhen der Athmungsorgane Behaftete die 
Monate Juni, Juli, August die geeignetste Curzeit 
bilden. Wer das buntbewegte Treiben eines Welt- 
bades gemessen will, wird in der Hochsaison nach 
Marienbad, wer hingegen die idyllische Stille, das 
Zurückgezogensein von rauschenden Vergnügungen 
vorzieht, der wird sich schon im Mai oder erst im 
August hierher begeben. Natürlich ist auch oft der 
Kostenpunkt ausschlaggebend, denn aus leicht be- 
greiflichen Gründen ist das Leben hier im Beginn 



XI. Marienbad. 



245 



und gegen das Ende der Curzeit weit billiger als 
auf der Höhe der Saison. 

Die Curtaxe, welche von jedem Curgaste, der 
sich mehr als acht Tage in Marienbad aufhält, er- 
hoben wird, beträgt in der ersten Classe für jede 
Person 6 fl., in der zweiten Classe 4 fl. ; die Musik- 
taxe in der ersten Classe für eine Person 4 fl., für 
zwei Personen 5 fl., in der zweiten Classe für eine 
Person 2 fl., für zwei Personen 3 fl. Von der Cur- 
taxe befreit sind: die k. k. Officiere des Activ- 
und Pensionsstandes vom Hauptmann abwärts, die 
k. k. Beamten der niederen Diätenclassen, dann die 
praktischen Aerzte und Wundärzte. Die Letzteren 
und deren sie begleitende Gattinnen haben auch 
für die Bäder keine Bezahlung zu entrichten. Sonst 
beträgt der Preis für ein Marienquellbad oder ein 
Stahlbad 1 fl., für ein Mineralmoorbad 1 fl. 70 kr., 
für ein Dampfbad 1 fl. 30 kr. 

Die Miethpreise der Zimmer schwanken je nach 
der Jahreszeit, der Lage der Logis, der eleganten 
Ausstattung der Einrichtung von 6 fl. bis 20 fl. 
wöchentlich. Table d'höte Mittags kostet in den 
meisten Hotels 1 fl. 20 kr. 

Der Eintritt in den Conversationssaal kostet per 
Saison für eine Person 5 fl., für eine Familie 8 fl. 
Per Tag zahlt man 30 kr. Der Saal liegt in dem mit 
einem Aufwände von 200.000 fl. im Jahre 1877 
erbauten neuen Stadthause, in welchem das Bürger- 
meisteramt, die k. k. Post, das Telegraphenamt, das 
Zollamt, die Sparcasse und das Gendarmerie-Bureau 
concentrirt sind. An den Conversationssaal stösst 
der Musiksaal und das Lesecabinet. Ausser diesem 
Stadthause sind im Frühling 1878 auch noch das 
glänzende Cafe Mühlig mit seinem grossen Saal, 



246 



XI. Marienbad. 



der schlossartige Neubau der Waldmühl-Restauration, 
die in der oberen Kreuzbrunnstrasse an Stelle des 
weissen Lammes getretene Villa Zeidler und die 
anglikanische Kirche fertig gestellt worden. Das 
Theater ist heizbar gemacht worden. 

Wir lassen nun noch das Verzeichniss der Bade- 
ärzte folgen: Arnold, von Basch, von David, von 
Drbrezewsky, Grimm, von Heidler, Herzig, Kisch, 
Kopf, Lichtenstadt, Löwy, Lucca, Opitz, Ott, Porges, 
Reichet, Schindler, Schmidt J., Schmidt K., Schneider, 
Steiner, Sterk, Wolf. 



TARIF 

für die Benützung der Miethwagen in der Curstadt Marien- 
bad und Umgebung. 



I. Fahrgelegenheiten für den ganzen 

Tag. 

a) bis auf die Entfernung von 4 Meilen. . 

b) über 4 Meilen nach Uebereinkommen. . 

II. Spazierfahrten für einen halben 

Tag. 

a) nach Schloss Königs wart 

h) ., »Schloss und Bad Königswart . . . 

c) „ dem Podhornberg 

d) „ Stadt oder Stift Tepl 


Taxe 
einschliesslich 
des Trinkgeldes 
österr. Währg. 
für einen Wagen 
mit 


2 Pfer- 
den für 
4 Per- 
sonen 


1 Pferd 
für 

2 Per- 
sonen 


n. 


kr. 


fl. | kr. 


10 

6 

7 
G 
7 


50 
50 


6 

4 

4 

4 
4 


50 
50 



XI. Marienbad. 



247 



„ Stadt und Stift Tepl 

„ Stadt oder Stift TeplüberPodhornberg 

„ Kuttenplan, Plan und Einsiedl . 

„ Bad Sangerberg über Einsiedl oder 
Rauschenbach oder durch's Maxthal 

., Bad Sangerberg über Königswart 

,, Giebacht (Gerstner's Restauration) 

III. Fahrten im Stadtrayon. 
für eine Stunde Vormittags 

„ „ „ Nachmittags .... 

„ „ halbe Stunde Yormittags . . 

„ „ „ „ Nachmittags . 

„ einen Wagen zu Bällen, Concerten 
oder zum Theater für die Hin- und 
Rückfahrt je 



IV. Fahrten für die nächste Umgebung. 

a) nach Bellevue, Schweizerhof, Ferdinands 
brunn, Schönau, Waldmühle, Dianahof 
und Brettsäge hin und retour ohne Auf- 
enthalt 

b) nach dem Kaiserpark, Hammer- und 
Kieselhof, Kieselmühle, Jägerhaus, Ferdi 
nandsmühle desgleichen 

c) für jede Stunde Wartzeit bei dem sub a 
und b) bezeichneten Ausflugsorten . . . 



Taxe 
einschliesslich 
des Trinkgeldes 
österr. Währg. 
für einen Wagen 
mit 



2 Pfer- 
den für 
4 Per- 
sonen 


1 Pferd 
für 

2 Per- 
sonen 


fl. |kr. 


fl. | kr. 



7 
8 
6 


50 

50 


4 
5 

4 


9 

10 
5 


= 


6 

7 
3 


1 

2 

1 
1 


20 
60 


1 


1 

1 


80 


1 


1 


— 


— 



80 



— 60 



— — 60 



— — 60 



248 



XI. Marienbad. 



V. Bahnhoffahrten: 
1. Mit den Omnibus wagen: 

Für einen Sitz sowohl für die Hin- als die Herfahrt 
Für Reisegepäck bis zu 50 Kilogramm (100 Pfund) 

2. Mit den Fiakern und Droschken: 

a) für einen zweispännigen Wagen für 4 Personen 
von 6 Uhr Früh bis 9 Uhr Abends für die Hin 
oder Rückfahrt 

b) für einen einspännigen Wagen für zwei Personen 
desgleichen 

c) für einen zweispännigen Wagen für 4 Personen 
vor 6 Uhr Morgens und nach 9 Uhr Abends für 
die Hin- oder Rückfahrt 

d) für einen einspännigen Wagen für 2 Personen 
desgleichen 

e) für jede Stunde Zeitverlust bei Logissuchen mit 
einem zweispännigen Wagen 

/) desgleichen mit einem einspännigen Wagen . 



Fahr- 
taxe 
einschl. 

Trink- 
ereid 



fl. 1 kr. 



so 



40 



Anmerkung. An Reisegepäck sind bei den Fahrten V. 2 a) u. 
c) bis 50 und bei jenen V 2 b) u. <7) 40 Kilogramm taxfrei. 

Für Uebergewicht sind von 25 zu 25 Kilogramm 30 kr. zu ent- 
richten. — In sämmtlichen Fahrgebühren ist das Trinkgeld für den 
Kutscher eingerechnet, daher der Fahrgast zur Abgabe eines solchen 
nicht verpflichtet ist. — Die Mauthgebühren hat der Fahrgast zu ent- 
richten. — Ueber8chreitungen der Fahrtaxe und andere Beschwerden, 
welche sich aus der Benützung der Miethwagen ergeben, sind dem 
Bürgermeisteramte anzuzeigen. 



XII. Königswart 




on Franzensbad erreicht man in einer 
Stunde, von Marienbad in einer hal- 
ben Stunde Königs wart; eine 
nette Stadt, welche man wie das 
nahe Sandau Kohnstadt nennen 
könnte, so viele Kohn giebt es dort. 
^ ■ Königswart ist der Mittelpunkt der gleich- 
namigen Hetternich'schen Herrschaft, welche 
vor Jahren in der Schafwollcultur Ausserordentliches 
leistete. Im Jahre 1835 wurde am 1. September in 
der Wiener Keitschule, die zu diesem Zwecke mit 
den Kedoutensälen in Verbindung gebracht wurde, 
die erste Industrie-Ausstellung in esterreich eröffnet. 
Auf derselben machten die unvergleichlichen Schaf- 
wollvliesse von Königswart und Plass Aufsehen. Plass 
gehört auch dem Fürsten Metternich und die Plass'- 
sche Heerde stammte väterlicher- und mütterlicher- 
seits aus Sachsen, während die Königswarter mütter- 
licherseits ihren Ursprung von der Herrschaft Xamiest 
bei Brunn, und väterlicherseits aus Hennersdorf 
in Oesterreichisch - Schlesien ableitete. Sachkenner 
und Wollhändler bewunderten damals die Dichtheit 
des Yliesses, die in der sächsischen Stammheerde 



950 XI1 ' Königswart. 

nicht zu finden war. und die durch die zweckmässige 
Kreuzung der Thiere einer und derselben Heerde 
entsteht. Auf derselben Ausstellung fielen auch die 
vorzüglichen Schneidewerkzeuge von Rösler in Nix- 
dorf in's Auge, an denen Saphir, der bei dieser ersten 
Vorgängerin der nachgebornen Weltindustrie-Aus- 
stellungen als Eeporter fungirte, nichts auszusetzen 
hatte als die englische Inschrift. Ist die englische 
Sprache zu Nixdorf in Böhmen einheimisch, frag er? 
Warum Improved Strop for charpemng razorsf Warum 
verschmäht Herr Ignaz Rösler die ehrliche böhmische 
oder die gute deutsche Sprache? 

Der Glasfabrikant M. A. Bienert in Böhmisch- 
Kamnitz stellte 1835 zwei kostbare Blumenvasen 
aus, die Kaiser Ferdinand bei ihm bestellt hatte. 
Jede Vase trug die Abbildungen jener Blumen ein- 
o-eschliff'en, welche die Namen der damals am Leben 
befindlichen Mitglieder der kaiserlichen Familie 
führten. Auf der einen sah man Pelargonium Caro- 
Unianum, Pelargonium Josepkmum, Antoniana ovata, 
Johannea insignis, Pelargonium Rainerianum, Ludo- 
vicea elegans. auf der zweiten Francisca confertiflora, 
Avgusta canahata, Ferdinandea eVyptica, Pelargo- 
nium Mariantum, Pelargonium Franzisceum, Pelar- 
gonium Sophiae. 

Hervorragend waren auf derselben Ausstellung 
die Glasperlen und Glas-Compositionssteine von 
Blaschka und Söhne in Liebenau. In bunten, schim- 
mernden Farben, berichtet Saphir, schillert und flim- 
mert es vor uns, die schmelzreichsten, gluthigsten 
Grlassteine, im Schliff' ganz vollkommen, blenden uns 
und insbesondere zeichnet sich ein zusammengelegtes 
Bouquet aus den buntfarbigsten Glassteinen durch 
sinniges Arrangement aus. 



XII. Königs-wart. 



251 



An die Stadt Königswart lehnt sich das gleich- 
namige Bad, von dessen Cnrhause man die herr- 
lichste Fernsicht geniesst. Man sieht links den Arber 
und den Osser, rechts bis Eger. Das Bad ist eine 
Schöpfung des Fürsten Pvichard Metternich, des 
ältesten Sohnes des verstorbenen Staatskanzlers. 
Aus seinem Exil in Böhmen schickte der alte Met- 
ternich den Sohn 1850 nach Königswart, damit er 




[OHIGSWART. 



die Herrschaft besichtige. In der Instruction, die 
er dem Sohne mitgegeben, trug er diesem auf, sich 
von Königswart an den Hof zu begeben und bei dem 
Kaiser anzufragen, ob der Yater nach esterreich 
zurückkehren könne, ohne Seiner Majestät und dem 
Hofe Verlegenheiten zu bereiten. Gleichzeitig hatte 
der junge Fürst zu erklären, dass sein Yater nie 



9^9 XU. Königsvvart. 

wieder eine öffentliche Stellung einzunehmen ge- 
denke und nur sich selbst und seinen Erinnerungen 
leben wolle. Der Kaiser sprach aus, dass der Rück- 
kehr des ehemaligen Staatskanzlers nichts im Wege 
stehe, und dieser traf bald darauf in Königswart ein, 
während sein Sohn Eichard als Volontär in die 
österreichische Gesandtschaftskanzlei in Paris eintrat. 
Von da an verlebte der greise Fürst jahraus jahrein 
die schöne Jahreszeit in Königswart. Im Mai kam er, 
im December, wenn die Jagden vorüber waren, ging 
er. Fremde, die Königswart besuchten, sahen sich oft 
plötzlich, wenn sie auf einer Bank im Parke aus- 
ruhten, von einem freundlichen alten Herrn begrüsst 
und angesprochen, der ihnen den Cicerone machte, 
sie längs des Teiches, dessen Mitte eine niedliche Insel 
bildet, an den Felspartien vorüber nach dem Schlosse 
führte und ihnen in demselben alle Merkwürdigkeiten 
erschloss. Oft erfuhren die also Begünstigten erst 
zufällig, dass der Schlossherr selbst ihr Führer ge- 
wesen. Den grössten Theil des Tages brachte der 
Fürst im Museum oder in der an dasselbe stossenden 
Bibliothek zu. Das Museum enthält zahllose Curiosi- 
täten. Da finden wir einen King der Agnes Sorel, 
Tapetenreste aus dem zerstörten Temple, die Bon- 
bonniere der Königin Hortense, das Waschbecken 
des ersten Napoleon, das Porträt des Herzogs von 
Keichstadt, den Schuh der Madame Tallien, weiter 
ein Autograph des dritten Napoleon, eine von diesem 
selbst verfasste Uebersetzung der Verse Goethe's: 
„Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde 
sie nimmer, ach nimmermehr!" Napoleon, der bekannt- 
lich im Strassburger Gefängniss (1836) auch Schil- 
lert Ideale in's Französische übersetzte, giebt die Verse 
Goethe's folgendermassen wieder: n Mon coeur sous- 



XII. Königswart. 253 

prime, mon repos est brise, il est ä jamais, jamais 
perdu. u Xicht weit von diesem Autograph hängt jener 
sinnvolle persische Vers, der die geheimnissvolle Auf- 
schrift: „JnnizbeghizaretJi" trägt und den der berühmte 
Orientalist Hammer-Purgstall also verdeutschte: 

Auch dieses wird vorübergehen, sei's Schmerz, sei"s Lust; 
Wer ist, der nicht vorüber schon musst'? 
D'rum tröste dich in allen Wehen, gieb" dich zur Ruh". 
Wenn diese nicht vorübergehen, so gehst du ! 

Weiter sind da Locken Lamartine's und Dumas, 
über dem Schreibtische des Letzteren hängt das 
Manuscript des Liedes, das Richard "Wagner für die 
Fürstin componirt hat: „Vergangene Schmerzen u 
ist's betitelt. Ein rührender Brief der Tochter Dumas' 
beginnt mit den Worten: ..Heut' haben wir in aller 
Stille unseren guten Vater begraben". Interessant 
ist auch eine Kossuth-Xote, auf deren Eückseite 
Metternich sen. geschrieben: „Ist als Schandfleck 
zum ewigen Andenken im Königswarter Museum 
niederzulegen^. Eine der Bomben Orsinfs belastet 
die Xote. 

Das Museum untersteht dem Professor Rath, 
der in seinen jüngeren Jahren Gymnasiallehrer in 
Augsburg, dann Erzieher bei dem Fürsten Metternich 
war und jetzt die reichen Bücherschätze und sonstigen 
werthvollen Sammlungen im Königswarter Schlosse 
hütet. Es ist ein Genuss, von ihm geführt und durch 
ihn orientirt, diese Sammlungen zu besichtigen. Sie 
sind reichhaltig nach den verschiedensten Seiten: 
Die Fauna und Flora der nächsten Umgebung von 
Königswart ist da eben so vollzählig vertreten wie 
die Münzen und Banknoten aus aller Herren 
Ländern. Die französische Assignate und das Ver- 



OKA XII. Künigswart. 

zweiflungs-Papiergeld Oesterreichs aus den Jahren 
1811 und 1848, der Anticipationsschein und der 
vielgetheilte Papierzehner ruhen hier neben chine- 
sischen, türkischen, amerikanischen Noten. Das 
Glanzstück der Bibliothek ist ein in rothen Sammt 
gebundener, 1542 in Venedig auf Pergament 
gedruckter, reich mit Prachtfarbenbildern ausge- 
statteter, auf 16.000 Francs geschätzter „Rasender 
Roland". Ein Curiosum von noch höherem Werth 
ist der erste Chronometer, für welchen Ludwig XVI. 
24.000 Francs bezahlt hat. 

Ich will hier nur noch flüchtig des Rauchtopas- 
Blockes gedenken, den Kaiser Nikolaus dem Pursten 
Metternich geschenkt, der glänzenden Hauskappe 
Cavour's, von der die simple Mütze des Kaisers 
Franz so grell absticht, der Stöcke und Dosen 
Metternich's — einer dieser Stöcke ist aus einem 
Roman von Dumas zusammengesetzt und kann in 
Tausende von Theilchen, davon jedes ein paar 
Worte enthält, zerlegt werden. 

Interessant sind einige Curiositäten aus letzter 
Zeit: Ein mit Edelsteinen besäeter Dolch, den 
Napoleon III. auf einem Maskenballe in den Tuilerien 
als Abdel Kader getragen und der Fürstin Metternich 
geschenkt hat, eine Taubenpost aus Frankreich, die 
Kugel, mit der sich Bourbaki angeschossen, als seine 
Armee, von Werder geschlagen, nach der Schweiz 
flüchten musste, die schwarzen Handschuhe, die 
man nach der Hinrichtung des Kaisers Max von 
Mexico auf dessen Toilettetisch gefunden, die erste 
Karte, die der Fürst Bismarck ausgegeben hat. 
Der Vorgänger Rath's in der Custosschaft war ein 
gewisser Huss. In Böhmen gab es eine weitverzweigte 
Scharfrichter-Familie, welche den nationalen Namen 



XII. Königswart. 25^ 

Huss führte. Die Huss scharfrichterten in Eger und 
in Brüx. Der Brüxer Huss hätte gern aus seinem 
Sohne Karl etwas Besseres gemacht, als er selbst 
war, und machte den Versuch, ihn studiren zu 
lassen. Aber die Kinder ehrlicher Brüxer Bürger 
mochten mit dem Sohne des für ehrlos geltenden 
Scharfrichters nicht auf einer Bank sitzen, und der 
Piarist, der die Classe leitete, schien mit den Mal- 
contenten gemeinschaftliche Sache zu machen und 
misshandelte denkleinen Gymnasiasten, so dass dieser 
schliesslich davonlief und erst in Laun wieder auf- 
gegriffen wurde. Vater Huss musste seinen Lieblings - 
gedanken, aus dem Sohn einen Theologen zu machen, 
aufgeben. So weit gingen die Vorurtheile jener Zeit, 
dass sich auch kein Handwerker herbeilassen mochte, 
das Scharfrichterskind in die Lehre zu nehmen. 
Diesem blieb daher zuletzt nichts übrig als nolens 
volens in die väterlichen Eussstapfen zu treten, und 
als im Jahre 1776 ein Kirchenräuber in Brüx „vom 
Leben zum Tode gebracht wurde", wie der terminus 
techmcus im österreichischen Strafcodex lautet, 
assistirte der fünfzehnjährige Junge schon bei der 
Hinrichtung. Zwei Jahre später fungirte er bei einer 
solchen bereits auf sein eigenes Kisico in Teplitz, 
ging dann auf die Wanderschaft, vervollkommnete 
sich in Dresden in seinem Gewerbe und legte sein 
Meisterstück in Eger an einem Soldaten ab, der 
seine Geliebte umgebracht hatte. Sein Oheim, der 
bis dahin mit 54 Gulden Jahresgehalt, wozu noch 
sechs „Strich" Korn als sogenanntes Deputat kamen, 
wohlbestallter Scharfrichter in Eger gewesen war, 
trat ihm seinen Posten ab und zog sich nach 
Joachimsthal in den wohlverdienten Kuhestand 
zurück. Huss jun. bekam gleich im Anfang seiner 



9^fJ XII. Königswart. 

blutigen Praxis viel zu thun, denn ein Hussar vom 
Regiment Gräfe und ein Musketier vom Regiment 
Ritt kamen in einem Monat unter seine Hände. 
Da aber das Amt doch nicht Hussens ganze Zeit 
ausfüllte, so warf er sich aufs Quacksalbern, welches 
zu allen Zeiten die Domäne der Scharfrichter war. 
Er curirte nicht blos in Eger, wo er sich grossen 
Vertrauens erfreute, sondern wurde auch nach Sachsen 
und in's Bayreuth/sehe hinüber gerufen. Natürlich 
waren Aerzte und Apotheker nicht gut auf ihn zu 
sprechen und gaben sich alle Mühe, ihm ein Bein 
zu stellen. Arzt und Apotheker lebten damals eben 
noch allerorten in der schönsten entente cordiale: 
der Erstere wurde nicht müde zu verschreiben, damit 
der Letztere, der dem Ordinarius Tantieme zu 
bewilligen pflegte, recht viel einnehmen konnte. 
So lange der weise Magistrat von Eger Huss brauchte, 
that er ihm nichts zu leid. Kaum löste sich jedoch 
die Geschäftsverbindung — und dieser Casus trat 
im Jahre 1788 ein, als Kaiser Josef die Todesstrafe 
aufhob, wodurch Huss entbehrlich wurde — so 
überfiel eine Commission den quiescirten Scharfrichter 
und confiscirte ihm alle Spiritusflaschen, Salbentiegel 
und Pflaster. Huss war recht zu bedauern, sein Amt 
hatte er verloren, die ärztliche Praxis wurde ihm 
verboten und beide Schläge trafen ihn, als er sich 
eben erst nach Ueberwindung unsäglicher Schwierig- 
keiten einen eigenen Herd gegründet und seine 
Sophie geheiratet hatte, nachdem er sie vorher 
hatte entführen müssen, da ihre Verwandtschaft den 
Scharfrichter durchaus nicht in den Familienverband 
aufnehmen wollte. Resolut wie er war, nahm Huss 
den Kampf mit dem widerhaarigen Schicksal auf, 
ohne hierbei den Kürzeren zu ziehen. Er prakticirte 



XII. Königswart. 257 

darauf los, ohne sich um das Verbot zu kümmern, 
und gebrauchte nur die Vorsicht, dass er im Egerer 
Gebiet die Kranken scheinbar gratis behandelte. 
In Eger herrscht die Sitte, dass man alte Münzen 
als Pathengeschenke verabreicht und diese Münzen, 
die in Familien oft zu Dutzenden aufgestapelt lagen, 
Hess sich Huss als ärztliches Honorar verabreichen. 
In wenigen Jahren bekam der Ex-Scharfrichter auf 
diese Art eine Münzensammlung zusammen, die einen 
Silber- und Goldwerth von zwölftausend Gulden 
hatte. Mit der Zeit sammelte er Alles, was ihm 
unter die Hände kam, alte Gewehre, Schwerter, 
Harnische, Lanzen, Krüge, Gläser, Holzarten, Säme- 
reien, Steine und Conchylien. Dabei stopfte er Vögel 
aus und brandmarkte zur Abwechslung verurtheilte 
Uebelthäter auf der sogenannten Schandbühne, da 
ihn der Magistrat mittlerweile wieder in Gnaden 
aufgenommen und mit der Function des Brand- 
markens betraut hatte. Diese Schandbühne bestand 
in Oesterreich bis zum Jahre 1848, nachdem man 
die Brandmarkung längst über Bord geworfen hatte. 
Jedem Verbrecher wurde sein Urtheil öffentlich vom 
Balcon des Criminalgebäudes vorgelesen, während 
er kettenbelastet auf einer improvisirten Bühne stand. 
Bei Verlesung von Todesurtheilen wurde um das 
Holzgerüst ein militärisches Carre gebildet, während 
kleinere Uebelthäter nur ein paar Polizeidiener zur 
Bedeckung bekamen. Handelte es sich um eine so- 
genannte schwere Polizei-Uebertretung, wie beispiels- 
weise um Wucher, Kuppelei, so nahm man sich nicht 
erst die Mühe, die Sentenz öffentlich vorzulesen, 
sondern hing dem Delinquenten ein schwarzes 
Täfelchen um den Hals, auf welchem geschrieben 
stand: „Wegen Kuppelei-' oder „Wegen Wucher". 

IT 



258 



XII. Küniarswart. 



Sobald Huss einmal in den Ruf eines wohl- 
habenden Mannes gekommen war, hatte er leichtes 
Spiel. Der Magistrat sah ihm durch die Finger, die 
Aerzte Hessen ihn in Ruhe; (Trüben im Sächsischen 
und Brandenburgischen — Bayreuth war mittlerweile 
preussisch geworden — consultirte man ihn immer 
häufiger. Fremde kamen, seine Sammlungen zu be- 
sichtigen, Notabilitäten sprachen bei ihm vor, Ge- 
lehrte Hessen sich mit ihm in Correspondenz ein, 
und als eines Tages Goethe von Marienbad aus in 
Begleitung der Sängerin Sonntag nach Eger kam 
und bei dem Ex-Scharfrichter ein Diner einnahm, 
war er vollends ein gemachter Mann, den sogar ein 
gewisser Nimbus umgab. Der Ruf seiner Samm- 
lungen drang bis zum Fürsten Metternich, und dieser 
Hess ihm eines Tages durch den Egerer Magistrats- 
rath Grüner das Anerbieten machen, ihm seine 
Sammlungen abzutreten und als Custos derselben 
nach dem Schlosse Königswart zu übersiedeln. Huss 
nahm den Antrag an, Metternich warf ihm eine 
Leibrente von 300 Gulden aus, was mit Rücksicht 
auf denWerth der Sammlung wenig genug war, und 
die Stadt Eger verlieh dem ehemaligen Scharfrichter 
das Ehrenbürgerrecht, um es hierdurch gleichsam 
dem Fürsten Staatskanzler zu ermöglichen, mit dem 
Ex- Scharfrichter überhaupt verkehren zu können. 
Grüner machte, wie er in seinem im Anfang der 
Fünfziger Jahre erschienenen Briefwechsel mit Goethe 
erzählt, bei dem ganzen Handel den Vermittler. 

Was nun die Curanstalt Königswart anbelangt, 
sc liegt sie in dem mineralquellenreichen Gebiete 
des nordwestlichen Böhmens , sechs Stunden von 
Karlsbad, drei von Franzensbad und nur eine Stunde 
von Marienbad per Achse entfernt, auf der Südwest- 



XII. Königswart. 259 

seite eines weitgestreckten, über 3000 Fuss hohen, 
mit Nadel- und Laubholz dicht bewaldeten Gebirgs- 
zuges, des sogenannten Königswarter Gebirges, das 
sich halbmondförmig fünf Stunden lang von Südost 
gegen Norden und Nordwest ausdehnt. Die Königs- 
warter Quellen sind Stahlquellen und 2154 Fuss 
über dem Meerespiegel der Nordsee bei Kuxhaven 
gelegen, demnach die höchstgelegenen Stahlquellen 
nicht blos in Böhmen, sondern auch in Deutschland, 
indem sie die von Stehen, welche bisher bei ihrer Höhe 
von 2008 Fuss als die höchsten daselbst angesehen 
wurden, noch um ein Bedeutendes überragen. 

Die mittlere Jahres-Temperatur, im Schatten 
beobachtet, beträgt -f 5° E. Der vorherrschende 
Wind ist der Westwind, nach diesem stellt sich am 
häufigsten der Südwestwind, schon seltener, nament- 
lich im Herbste und auch im Frühjahre, der Ost- 
wind, ganz selten der Nordost- und Nordwest-, und 
am allerseltensten der Nordwind ein. 

Das Firmament ist in den Sommer- und Herbst- 
monaten gewöhnlich heiter, Gewitter kommen ver- 
hältnissmässig selten und Nebel nur im Spätherbste 
vor. Die ausgedehnten Waldungen in dieser Gebirgs- 
gegend bringen es mit sich, dass es hier, wenn 
überhaupt ein regnerisches Wetter die Gegend be- 
herrscht, etwas andauernder und häufiger regnet. 

Eine besondere Immunität besitzt Königswart 
gegen Lungenschwindsucht, welche Krankheit bei den 
Bewohnern der Gegend trotz der dürftigen Verhält- 
nisse derselben äusserst selten vorkommt. Medicinal- 
rath Dr. Küchenmeister aus Dresden hat daher in 
seiner Broschüre: „Die hochgelegenen Plateaux als 
Sanatorien für Schwindsüchtige", Königswart als 
Schwindsuchts-Asyl ganz besonders empfohlen. 

17* 



Oßf) XII. Königswart. 

Das Curliaus ist ein Eigenthum Metternich's, 
rechterseits von der Sangenberger Strasse, zwischen 
den Stahlquellen und der Kichardsquelle, kaum vierzig 
Schritte von ersteren entfernt, gelegen. Die 34 Zimmer 
desselben sind jetzt sämmtlich zu Wohnungen für 
Curgäste eingerichtet ; die vorderen haben die schöne 
Aussicht gegen Süden und Südwesten, die rückwärts 
gelegenen sehen auf den Wald, welchen man unmit- 
telbar vom Curhause aus betritt. Auf dem freien 
Platze vor dem Curhause befindet sich in der Mitte 
ein Springbrunnen, während rechts und links Lein- 
wandzelte angebracht sind, unter denen man, wie in 
dem schattigen Buchenhaine knapp hinter dem Hause, 
im Freien speisen kann. 

Vom Curhause aus geniesst man, wie bereits 
oben angedeutet worden, die herrlichste Fernsicht, 
die sich gegen Süden hin weit hinab zum Böhmer- 
wald-Gebirge erstreckt, indem man nicht nur den 
Pfraumberger Kegel mit seiner Ruine, sondern auch 
den Arber und Osser deutlich sehen kann. In glei- 
cher Linie mit dem Curhause, in der Richtung gegen 
Osten fortlaufend, befinden sich noch fünf andere 
zur Aufnahme von Curgästen bestimmte Häuser; es 
sind dies die Villa Hafenrichter, Villa Hartmann, 
Villa Stickl, Hotel Buberl mit grosser Restauration 
und noch weiter gegen Osten, eine ausgedehnte und 
herrliche Fernsicht gewährend, die Villa Männel mit 
Kaffeesalon. Das Hotel Ott liegt einige Schritte unter- 
halb des Badehauses. 

Das Curhaus bildet den Ausgangspunkt meh- 
rerer, sehr schöner und gut erhaltener, mit Ruhe- 
bänken und Wegweisern versehener Spazierwege, die 
nach den verschiedensten Richtungen hin führen und 
allenthalben die schönste Aussicht gewähren. 



XII. Königswart. 261 

Jenseits der Sangerberger Strasse ist vor Allein 
am Fusse des Spitzberges der am Saume des Waldes 
fortlaufende ebene Promenadengang zu erwähnen, 
welcher sich mit dem westlichen Ende in dem mit 
einer Allee bepflanzten Verbindungswege zwischen 
Curhaus imd Stadt fortsetzt. Ungefähr in der Mitte 
des Promenadenganges zweigt sich ein anderer Spa- 
ziergang von demselben ab, der sich, fortwährend 
im Walde verlaufend, den Spitzberg hinab schlängelt, 
um sich alsbald in zwei Arme zu theilen, wovon 
der linke zur Kuppe des Spitzberges führt, während 
der Rechte in weiten Serpentinen zum entgegenge- 
setzten nordöstlichen Abhänge des Spitzberges leitet, 
auf welchem man sodann, in ganz ebener Richtung 
fortgehend, zu einem den Spitzberg abgrenzenden 
Thaieinschnitt, dem sogenannten Guckafüssel gelangt. 
Von diesem, einige Stufen hinaufsteigend, erreicht 
man einen abermals ganz ebenen Weg, der die herr- 
lichsten Prospecte über die Stadt und das Schloss 
hinweg darbietet und zum Schlossberge führt, auf 
dessen Kuppe sich die Euinen des sogenannten alten 
Schlosses befinden. Ton der Sangerberger Strasse 
führt ferner ein Spazierweg im Walde hinauf, von 
welchem alsbald ein Arm links geht, der zur soge- 
nannten „stillen Andacht" führt. Es ist dies ein 
vod einem Curgaste nach dessen Genesung im 
Sommer 1870 hier angelegter, mit Ruhebänken 
umgebener kleiner, freier Platz mitten im Walde, 
unter einer hochstämmigen, mit einem Marienbilde 
versehenen Buche. Xach dieser Abzweigung setzt 
sich der früher erwähnte Spazierweg in gerader Rich- 
tung zur Felspartie fort, einer Felswand, die, 
wie aufgemauert, gerade und hoch emporsteigt, und 
von dieser noch weiter hinauf zu einem ganz frei 



9<;o XII. Königswart. 

gelegenen sehmalen Bergrücken ,,zur schönen Aus- 
sicht" genannt. 

Königswart hat sechs zum Curgebrauche ver- 
wendete Mineralquellen nebst einer Gasquelle, von 
denen die fünf eisenhaltigen auf einem kleinen Pla- 
teau zwischen dem Mauterbache und der Sanger- 
berger Strasse einerseits, und dem Fusse des Spitz- 
berges andererseits derartig situirt sind, dass sich die 
Victorsquelle zunächst an der Strasse, 15 Schritte 
von ihr, etwas gegen Nordwesten die Badequelle. 
und abermals 15 Schritte von dieser in derselben 
Richtung die Marienquelle, knapp daran, nur etwas 
nördlicher, die Neuquelle und südwestlieh von der 
Victorsquelle, durch das Badehaus von ihr getrennt, 
die Eleonorenquelle befindet. Die eisenfreie Richards- 
quelle ist in östlicher Richtung, etwa 300 Schritte 
von den genannten Stahlquellen entfernt, auf der 
von der hohen Rait herablaufenden Berglehne, und 
südwestlich von dieser, kaum 12 Schritte davon, die 
Gasquelle gelegen. 

Das Wasser in sämmtlichen Quellen ist klar, 
hat einen säuerlichen, angenehm erfrischenden, bei 
den Stahlquellen auch etwas metallischen Geschmack, 
perlt im Glase und zeigt im Brunnen ein mehr oder 
weniger heftiges Kochen und Brodeln. Als Badearzt 
fungirt in Königswart Dr. Kohn. 

Einen besonderen Reiz der Königs warter Gegend 
bildet der Metterniclfsche Thiergarten, nicht zu ver- 
wechseln mit dem Schlosspark, der auch manchen 
lieblichen Punkt aufzuweisen hat, so die anmuthige 
Teichpartie, die poetische Waldgruppe. Aber unver- 
gleichlich schön ist der Thiergarten. Kaum hat man 
von dem Königswarter Hochplateau in letzteren ein- 
gelenkt, so trinkt man in vollen Zügen die unver- 



XII. Königswart. 



263 



fälschte Waldpoesie. Zwischen prachtvollen Fichten, 
an Buchen von wunderbarer Structur vorüber, zu 
deren Gipfeln Wendeltreppen führen, zieht sich der 
Fahrweg, von Zeit zu Zeit nach beiden Seiten hin in 
sanft aufsteigende Waldaushaue Einblicke gewährend, 
hin. Eichkätzchen klettern an den Bäumen hinan r 
Dammhirsche halten am Saume des Waldes in ganzen 
Budein ihre harmlose Siesta und das Geräusch der 
Bäder, das Knallen der Peitschen, das Wiehern der 
Pferde scheucht sie nicht aus ihrem reizenden, be- 
schaulichen Stillleben. Man muss vom Wagen nieder- 
steigen, wenn man sie alarmiren will; aber selbst 
dann, wenn man sich ihnen auf hundert Schritte 
nähert, erheben sie sich nur, ohne zu flüchten, und 
sehen den Menschen, der sie in ihrer Buhe stört, 
mit ihren grossen klugen Augen an, als wollten sie 
ihn fragen: „Was willst du von uns? Warum störst 
du unseren Frieden ?•• Die jüngeren fangen wohl auch 
mit einander zu kälbern an, stossen und drängen 
sich, während der pater familias ein reputirlicher 
Zehnender, mit dem Geweih den Boden aufwühlt! 
Sobald der Herbst kommt, lernen aber die Thiere, 
die sich jetzt in solcher Sicherheit wiegen, die Tücke 
der Menschen kennen, ihre Vertrauensseligkeit schmilzt 
dann unter dem Bleiregen von Metternich's wilder 
Jagd dahin, wie der Märzenschnee im Frühlings- 
sonnenschein. Das Hallali ertönt dann auf diesen 
sonst so stillen Waldwegen und der prächtige Thier- 
garten, den jetzt Begünstigte mit obrigkeitlicher 
oder besser forstamtlicher Bewilligimg zu Wagen 
passiren dürfen, ist dann auch der misera contri- 
luens plebs unzugänglich. Wer dann von Königs- 
wart nach Marienbad fahren will, muss auf der stau- 
bigen Chaussee dahinrollen und sich statt an den 



2()4 XI1 - Königswart. 

Spielen der Kehe und Eichkätzchen, an den Spielen 
der Schmetterlinge ergötzen, die liier in seltener 
Farbenpracht bunt durcheinander flattern, wie denn 
auch noch im August und September allerorten auf 
dem thaugetränkten Waldgrunde die Erdbeere funkelt 
und duftet. Und damit neben der Waldpoesie auch 
der Humor nicht zu kurz kommt, kann man im 
Thiergarten an jeder Kreuzungsstelle die classischen 
Worte lesen, die den Wanderer im Kayon des auf- 
lösenden Kreuzbrunnens doppelt drastisch anmuthen : 
,,Hier ist das Abweichen verboten". In Aufschriften 
und Warnungen ist man in dieser Gegend überhaupt 
gross und sind sie insgesammt in einem classischen 
Lapidarstyle geschrieben. So Hesse z. B. die im 
Königswarter Curhause an unterschiedlichen Stellen 
affigirte Warnung: „Die Gäste werden ersucht, jedes 
beunruhigende Unternehmen auf ihren Zimmern zu 
unterlassen", vermuthen, dass im Curhause von 
Königswart Verschworene mitunter beunruhigende 
Unternehmungen anbahnen, während dieses Curhaus 
in Wahrheit kein Versammlungsort von Carbonaris 
oder Socialdemokraten ist. 

Sobald man den Thiergarten passirt hat, befindet 
man sich bei den ersten Vorposten Marienbads, 
dessen Curgäste es lieben, von der Waldquelle aus 
nach consumirtem Kreuzbrimnen gegen den Thier- 
garten hinaus zu plänkeln und dort in kühlem 
Waldesschatten das Frühstück einzunehmen. Sonst 
geht der Hauptzug der dem Kaffee Entgegen- 
selunachtenden wohl nach einer anderen Richtung, 
nämlich gegen Bellevue hin, dessen weite, glanzvolle 
Räume mit ihren Terassen, Veranden und Gärten 
weit über tausend Personen fassen können. So gross- 
artig schien dieses Etablissement angelegt, dass 



XII. Königswart. 265 

man dachte, es könnte ihm nicht leicht eine Con- 
currenz erwachsen, und doch ist ihm eine solche im 
Casinopark und in Mühlig's neuem Etablissement 
erstanden. An Bellevue vorüber fuhrt auch die Strasse 
zum Marienbader Bahnhofe, der leider keine Aus- 
nahme von den modernen Bahnhöfen macht, die so 
weit wie möglich von den betreffenden Orten situirt 
.sind, nach welchen sie, mitunter mit demselben 
Kechte wie lucus a non lucendo, ihre Namen 
führen. Wenn das so fortgeht, wird man bald 
Keisen unternehmen müssen, um von den Bahn- 
höfen in die betreffenden Städte zu gelangen, und 
vielleicht werden sich noch Hotels etabliren, in 
welchen der Beisende unterwegs wird ausruhen oder 
übernachten können, wenn es ihm nicht möglich 
sein wird, die weite Tour vom Bahnhofe oder der 
fictiven Station zur reellen in einem Zuge zurück- 
zulegen. In Marienbad hat man sich lange über 
die Trage: ob Pferdebahn oder nicht, herumgestritten. 
Um ja die biederen Wagenbesitzer, die Fiaker, 
Lohnkutscher und Droschkenführer, die es so gut 
mit der Menschheit meinen, nicht zu schädigen, 
hat man hinter die groteske Idee sich verschanzt, 
dass die Anlage einer Pferdebahn zur Verbindung 
des entlegenen Bahnhofes mit dem Herzen des 
Badeortes die Kühe der Curgäste stören würde. 
Eine Pferdebahn „als beunruhigendes Unternehmen", 
als Nervenruhestörerin ; man sollte es kaum glauben, 
dass man auf eine solche Ausflucht verfallen kann, 
um die Ausführung eines Unternehmens zu ver- 
hindern oder doch zu verzögern, das doch nur einem 
tiefgefühlten Bedürfnisse entsprechen würde. 

Ich will hier noch eine allgemeine Bemerkung 
einwerfen, die sich auf kein bestimmtes Bad bezieht, 



2ßf| Zu. Königswart. 

wohl aber einen Uebelstand streift, den man in 
manchem Bade wahrnehmen kann. Häuser, die kaum 
fertig geworden sind, werden auch schon bezogen. 
Mancher, der so unvorsichtig war. in so kurzlebige 
Häuser zu ziehen, oder den die AVohnungsnoth dazu 
zwang, sich in denselben einzuquartieren, brachte einen 
gesundheitlichen Denkzettel mit Dach Hause. Ich habe 
auf meinen Fahrten von Bad zu Bad, die ich jahraus 
jahrein fortsetze, die Wahrnehmung gemacht, dass 
die Aerzte mitunter zu nachsichtig gegen gewissen- 
lose Badewirthe sind, die ihre noch feuchten 
AVohnungen nicht genug schnell verwerthen können. 
Ich habe gesehen, wie ganze Familien, die in Luft- 
curorte hinauskamen, um ihre Gesundheit einer 
gründlichen Keparatur zu unterziehen, nach wenigen 
Tagen mit einem wohlconditionirten Kheuma miss- 
muthig davongingen, blos weil sie das Unglück 
gehabt, gewissenlosen Hauswirthen in die Hände 
zu fallen, die ihnen nicht gehörig ausgetrocknete 
Bäume für schweres Geld vermiethet hatten. 




XIII. Bad Sangerberg. Bad Neudorf. 



inks von der Stadt Einsiedel liegt 
in dem berühmten Mineral quellen- 
delta Karlsbad-Marienbad-Franzens- 
bad das Städtchen Sangerberg, eine 
Meile von Marienbad entfernt, und 
zwar in nördlicher Eichtung, auf 
t dem Plateau des „Kaiserwaldes ", eines von 
Marienbad bis Schlaggenwald sich erstreckenden 
bewaldeten Höhenzuges. Unmittelbar an den Ort 
Sangerberg lehnt sich der junge Curort Elisabeth- 
bad mit seinen natron-, eisen- und glaub er salzhaltigen 
Eisensäuerlingsquellen. 

Yon den zahlreichen hier zu Tage tretenden 
Quellen wurden bis jetzt drei gefasst und her- 
gerichtet: die Eudolfs-, Gisela- und Yincenzquelle. 
Die Kudolfsquelle ist eine reine Eisenquelle (ein 
Natron-Eisensäuerling), die im Pfunde (■= 16 Unzen) 
Wasser 3 / 4 Gran (in der Mass 2 Gran) Eisen ent- 
hält. Ausserdem ist diese Quelle sehr reich an 
Kohlensäure und enthält nur geringe Mengen von 
Chlornatrium und Glaubersalz, so dass wegen des 
massigen Gehaltes an Salzen der ganze Eisengehalt 



9ßg XIII. Bad Sangerberg. Bad Neudorf. 

der Resorption in's Blut anheimfällt und wegen 
des gleichzeitigen grossen Kohlensäure-Eeichthums 
der Quelle keinerlei Yerdauungsbeschwerden nach 
sich zieht. Die Giselaquelle unterscheidet sich von 
der Rudolf squelle nur durch ihren geringeren Eisen- 
gehalt. Die Vincenz quelle enthält weniger Eisen, 
dagegen eine relativ grössere Quantität an Koch- 
salz und Glaubersalz. Sämmtliche Quellen haben 
eine niedere Temperatur (+ 4° bis 5° R.), die 
besonders im Vergleich zu den kalten Quellen der 
Umgebung (+■ 7° bis 9° R.) auffällt. Das Wasser, 
unmittelbar aus dem Grundgebirge hervorsprudelnd 
und in ein drei Meter unter der Oberfläche liegen- 
des Bassin gefasst, erhält sich vollkommen unab- 
hängig von den Schwankungen der atmosphäri- 
schen Temperatur. Die grosse, belebende Frische 
dieser Quellen ist bei vielen Krankheiten, so nament- 
lich bei Anämie, Chlorosis und Nervenleiden, ein 
nicht zu unterschätzendes Moment und ist die über- 
raschende Wirkung der Sangerberger Heilquellen 
bei Nervenkrankheiten und Blutarmuth nebst dem 
leicht und angenehm einzuverleibenden Eisengehalte 
besonders dieser belebenden Eigenschaft zuzu- 
schreiben. 

Das Klima des Curortes ist besonders in den 
Sommermonaten ein vorwaltend mildes und ange- 
nehmes, da der Curort in einem von Nord und 
Ost durch sanft ansteigende Berge vollkommen 
gegen rauhere Luftströmungen geschützten Thal- 
kessel liegt. Wegen seiner Gebirgslage, seiner 
gesunden, reinen, von harziger Waldluft gewürzten 
Atmosphäre hat Sangerberg auch den Charakter 
eines klimatischen Gebirgscurortes. Es liegt 2189 
Fuss über dem Adriatischen Meer. 



XIII. Bad Sangerberg. Bad Neudorf. 269 

In immittelbarer Xähe der Quellen liegt das 
Curhaus, im Schweizer Styl erbaut und 40 comfor- 
tabel eingerichtete Wohnzimmer enthaltend. In 
demselben Gebäude befinden sich auch die ausge- 
dehnten Kestaurations-Localitäten , in welchen 200 
Personen bequem speisen und verkehren können. 
Das Curhaus ist auf der West- und Nordseite von 
einem mehrere Hectare grossen, schattigen Fichten- 
walde, den viele Spaziergänge durchziehen, umgeben, 
während sich auf der Ostseite eine junge Parkanlage 
ausbreitet. Pur Kuheplätze ist reichlich gesorgt. 

Das Badehaus, ebenfalls in unmittelbarer Nähe 
der Quellen und durch diese direct gespeist, enthält 
zwölf grosse Badecabinete, deren Einrichtungen den 
verschiedenen Arten zu baden entsprechen. Es werden 
bereitet: Mineralwasser-Voll- und Halbbäder, Fich- 
tennadel-Estract- und Moorbäder. Die Preise der 
Bäder und der Wohnungen (kleine Zimmer von 4 fl., 
grosse von 8 fl. wöchentlich) sind sehr massig. Die 
C abinen haben Douche- Apparate, der Fichtennadel- 
Extract wird von den Zweigen der jungen Fichten 
zur Zeit ihres üppigsten Wachsthums an Ort und 
Stelle gewonnen. Das Mineralmoor gleicht in seinen 
chemischen Bestandtheilen dem in Marienbad ver- 
wendeten, ist reich an Eisen und Glaubersalz und 
hat das Sang erb erger Moorlager eine bedeutende 
Ausdehnung. 

Durch die Lage des Curortes in unmittelbarer 
Nähe der Stadt ist es auch möglich, etwa verordnete 
Milch- und Molkencuren durchzuführen, da stets eine 
reine, gute Milch, wie sie durch Fütterung mit wür- 
zigen Gebirgskräutern erzielt wird, zu haben ist. 

Der Leiter und ordinirende Arzt der Cur- 
anstalt, M. Dr. A. Bayer aus Wien, wohnt im 



270 XIII. Bad .Sangerberg. Bad Neudorf. 

Curhause selbst. Dr. J. Danzer wohnt und ordinirt 
in der Stadt. 

Die Stadt Sangerberg, Bezirk Petschau. Bezirks- 
hauptmannschaft Karlsbad, ist mit einem k. k. Post- 
amte versehen, das täglich eine zweimalige Ver- 
bindimg mit der zwei Stunden entfernten Eisenbahn- 
Station Königswart der Kaiser Franz Josef-Bahn 
unterhält. In der Stadt ist ausserdem ein k. k. Tele- 
graphenamt sowie eine Apotheke. 

Wenn demnächst das neue Strassenproject, eine 
directe Waldstrasse von Sangerberg nach Marienbad 
anzulegen, ausgeführt sein wird, dürfte Sangerberg 
bald in weiteren Kreisen bekannt, und dann jeden- 
falls zu den Lieblingsausflügen des Marienbader 
Curpublikums mitgezählt werden. 

Drei bis vier Meilen in der Luftlinie von Sanger- 
berg entfernt liegt ein anderes kleines Bad: Neudorf. 

Bad Neudorf, unweit der Bezirksstadt Weseritz 
im Egerer Kreise situirt, ist von der Bahnstation 
Mies (Kaiser Eranz Josef-Bahn) zwei Stunden, ebenso 
weit von der Station Plan und zwei einhalb Stunden 
von Marienbad entfernt. Die das Bad umgebende 
Gegend repräsentirt sich als eine von waldigen, engen 
Thälern durchschnittene, gegen Süden und Osten 
sich sanft abdachende, gegen Westen und Norden 
durch das Endgebirge des Kaiserwaldes geschützte 
Hochebene, deren durchschnittliche Höhe über dem 
Meeresspiegel 1600 Fuss beträgt. Die Waldungen, 
die den grössten Theil des Bezirkes bedecken, sind 
fast durchwegs Nadelholzwaldungen. 

Das neue Curhaus von Neudorf, das dem 
Jahre 1873 seinen Ursprung verdankt, ist mit allem 
Comfort und der grössten Eleganz gebaut und liegt 
am Fusse des dicht bewaldeten Kadisch - Berges, 



XIII. Bad Sangerberg. Bad Neudorf. 



271 



in einem gegen Süden sich absenkenden lieblichen 
Thale, welches von den mächtigen Basaltkuppen des 
Pollenkern, Scheiben, Kadischen, des Schwanberges, 
Spitz- und Schafberges begrenzt wird. Bings um 
das Bad erstreckt sich ein ausgedehnter Park, 
welcher zum grösseren Theil schon grosse "Waldflächen 
mit schattigen Spaziergängen, Blumenpartien und 
schattige Baumgruppen aufzuweisen hat. In diesem 




b;.j neudjRF. 



Parke befinden sich kaum fünfzig Schritte vom Cur- 
hause entfernt die Trinkquellen. Es sind deren fünf: 
die Franzens quelle, die Karlsquelle, die Sofienquelle, 
die Giselaquelle und endlich die Felsenquelle. Wenn 
man durch die Colonnade entlang bis an den Quellen- 
Pavillon schreitet, so führen von der Colonnade in 
letzteren neunzehn, die ganze Breite der Colonnade 
einnehmende Stufen. Diese Stufen sind sehr breit 
und von mehreren Kuhepiätzen unterbrochen. 



979 XIII. Bad Sangerberg. Bad Neudorf. 

Das Quellenhaus selbst bildet einen von 14 Fuss 
hohen Säulen getragene Pavillon, umgeben mit einem 
Gitter. 

Die fünf Quellen befinden sich, eine jede einzeln 
gefasst, in cementenen Vasen ausströmend, in einer 
quadratischen mit Cementpflasterung versehenen Ver- 
tiefung des Quellenhauses. 

Die Quellen wurden bis an die Stellen, wo sie 
aus festem Felsen entspringen, in einer Tiefe von 
7 Klaftern blossgelegt, und dort mit einer Steinglocke, 
welche je nach der Mächtigkeit der Quellen einen Durch- 
messer von 2*/ 8 bis 5 Fuss hat, gefasst. Am höchsten 
Punkt der Glocken befinden sich 8 Centimeter weite 
Oeffnungen, von welchen aufsteigende Köbrenstränge 
bis zu dem Ausgange in die Quellenvasen führen. Die 
einzelnen Quellenglocken sind untereinander mittelst 
einer aus 2 Fuss dicken Würfeln aus Tepler Steinen, 
welche mittelst Cement miteinander vermauert sind, 
gebildeten Mauer verbunden. Ueber dieser Steinmauer 
befindet sich eine siebenfache Cementziegelmauer, darauf 
eine mehrere Klafter dicke, eingestampfte Lehmmauer, 
endlich nochmals eine aus zehn Schichten mittelst 
Cement verbundenen Ziegeln gebildete Mauer. Darauf 
endlich wurde erst der Cementboden des Quellen- 
hauses gelegt. 

Sämmtliche Quellen entspringen auf einem Ter- 
rain von beiläufig 12 Quadratklaftern. Alle Quellen, 
mit Ausnahme der Karlsquelle, werfen unter fort- 
währendem Auf- und Niedersteigen, unter fortwähren- 
dem Kohlensäure-Entwicklung grosse Mengen unter 
Brausen und Zischen hervorsprudelnden Wassers aus. 
Die Karls quelle unterscheidet sich in ihrem Arbeiten 
von den übrigen Quellen dadurch, dass ihr Wasser 
nicht wie bei den anderen Quellen stossweise, unter- 



XIII Bad Sangerberg. Bad Neudorf. 273 

mischt von grossen Koblensäureblasen, unter öfters 
sehr heftigen Detonationen, sondern gesättigt von 
Kohlensäure in die Yase einströmt. 

Die Verbindung der Quellenstöcke und des Ke- 
servoirs ist durch eine Röhrenleitung von sämmtlichen 
Quellen bewerkstelligt. Da bei den Stahlbädern haupt- 
sächlich der Eisen- und Kohlensäuregehalt des Wassers 
in das Auge gefasst wird, so konnte mit dem besten 
Nutzen für die Bäder, da sämmtliche Quellen zusam- 
men in der Stunde 2400 Liter Wasser liefern, eine 
Verbindung des Abflusses sämmt lieber Quellen be- 
werkstelligt werden, und ist es dadurch ermöglicht, 
täglich eine sehr bedeutende Anzahl von Mineral- 
bädern herzustellen. 

Die Wasser der Neudorfer Quellen sind kohlen- 
säurereiche Säuerlinge, aus welchen sich unter fort- 
währendem Brausen und mitunter äusserst heftigen, 
stürmischen Bewegungen grosse Mengen von Gras ent- 
wickeln. Die vom Professor Lerch und später auch 
vom Hofrath Fresenius an den Quellen selbst vor- 
genommenen Untersuchungen ergaben, dass das ent- 
strömende Gas ausschliesslich blos aus vollkommen 
reinem kohlensauren Gase besteht, es wird von 
Kalilauge vollständig absorbirt. Nur die Gase, die 
das Bassin der Badequellen an vielen Stellen durch- 
strömen, führen Schwefelwasserstoff. Die eisenreichste 
Quelle ist die Karlsquelle. 

Hofrath Professor Fresenius, welcher die Analyse 
der Neudorfer Quellen und des Moores vom Jahre 
1874 bis 1876 vorgenommen hat, sagt von den 
Neudorfer Quellen: sie haben die grösste Aehnlich- 
keit mit den Sehwalbacher Quellen, doch wird deren 
stärkste, der Stahlbrunnen, im Gehalte an kohlen- 
saurem Eisenoxydul übertroffen von der Franzens- 

18 



274 XI11 Bad Sangerberg. Bad Neadorf. 

quelle und in noch höherem Grade von der Karls- 
quelle, welche die stärkste aller Neudorfer Quellen ist/' 
Die Stahlbäder (Schwarz'sche Wannen) haben 
sich vorzüglich bei anämischen Zuständen, Frauen- 
krankheiten u. s. w. praktisch erprobt, während mit 
den Moorbädern bei Gicht, Kheuma und Gelenks- 
Rheumatismen überraschende Resultate erzielt wurden. 

Bäder-Tarif. 

1 Moorbad in den Vormittagsstunden 
mit Einschluss des Reinigungs- 
bades 1 fl. 30 kr. 

1 Stahlbad (Schwarz'sche Wanne) mit 

Douche 1 „ — 

1 Dampfbad mit Douchebad . . . 1 ,, — 

1 Schwefelbad — ,, 80 

1 gewöhnliches Bad — „ 50 „ 

1 Douchebad — „ 30 „ 

1 gewöhnliches Sitzbad — „ 20 „ 

1 Moor-Sitzbad — „ 50 „ 

i Moor-Armbad — „ 35 ., 

1 Moor-Fussbad — „ 40 ., 

Der Zusatz von Seife, Salz, Kleie und Asche 
wird nach dem gebrauchten Quantum besonders 
berechnet. 

Moor-Fuss- und Armbäder, sowie Sitzbäder 
können nur in den Nachmittagsstunden genommen 
werden. 

I Stunde Rollwagenbenützung 25 kr. 

Für Heizung des Badezimmers 20 kr. 

Das Dienstpersonale ist nicht berechtigt, mehr 
als 10 kr. zu verlangen. 



XIII. Bad Sangerberg. Bad Neudorf. 275 

Die Preise der Zimmer im Curhause variiren 
per Woche zwischen ä 6 fl. und 10 11. Doch sind im 
zweiten Stock auch Zimmer zu 4 fl. zu haben. Ein 
Bett mehr wird mit 2, die Bedienung, je nach dem 
Stockwerk, mit 1 fl. 50 kr., 1 fl. und 60 kr. berechnet 
(per Tag 30 kr.). Das Curhaus hat im Parterre 24, im 
ersten Stock 21, im zweiten Stock 22 Zimmer. 
Ausserdem giebt es drei Villen, die Gäste aufnehnieri. 

Nach Mies fährt täglich um 11 Uhr Vormittags 
ein Omnibus. Uebrigens kann man in Mies auch 
eigene Wagen, in Plan und Marienbad Postwagen 
bekommen. 

Leiter des Bades und ordinirender xirzt ist 
Dr. Dlauhy. 



18* 



XIV. Die Luftcurorte im 
Böhmer wald. 

(Von Prag nach dem Böhmerwald. Bad Lochotin bei Pilsen. 
Margarethenbad. Kuschwarda.) 




enn man von Prag gegen Pilsen 
dampft, bläht sich bei der Station 
Zbirow in stundenweiter Entfer- 
nung von der Bahn die Burg, die 
noch vor wenigen Jahren der grosse 
Wälder-Devastator Strousberg im Sommer 
! zu bewohnen pflegte. Der Borkenkäfer hat 
im Böhmerwalde lange nicht so gewirthschaftet wil- 
der Holzversilberer, der so lange in Moskau hinter 
Schloss und Kiegel sass, in den Wäldern von 
Zbirow. 

Sturm und Käfer dienten zum Deckmantel für 
eine systematisch betriebene Abholzung, die dahin 
führte, dass die einst so prächtigen Wälder von Zbirow 
heute auf ein Minimum reducirt sind. Mit Wehmuth 
ruht das Auge auf den kahlen Flächen, wenn man die 
Gegend streift. Und wie leicht es der jetzt depos- 
Bedirte Eisenbahnkönig mit der Wiederaufforstung 
der von ihm niedergelegten Waldstrecken nahm, 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmervvald. ^77 

geht am besten daraus hervor, dass Strousberg nach 
und nach zwölftausend Gulden an Geldstrafe andictirt 
worden sind, weil er die Nachforstung des abge- 
triebenen Waldes nicht in der gesetzlich vorge- 
schriebenen Weise vornahm. 

Sie sieht eigenthimilich genug aus, diese von 
Strousberg begründete Arbeiterstadt! Eine endlose 
Keine geschmacklos aufgebauter Häuser und in diesen 
zahllosen Häusern keine Fenster, keine Thüren ! Eine 
Verlassenheit ruht über dem Ganzen und den daran 
stossenden Industriewerken mit ihren unzähligen 
Schloten, die selbst den uninteressirten Beschauer 
melancholisch stimmt ! Drüben ragt auf stolzer Höhe 
das Schloss, welches mit so grossem Aufwände her- 
gerichtet und zu einer Sommerresidenz umge- 
wandelt wurde, obwohl die Gegend, die es umgiebt, 
keine besonderen Eeize aufweist. Ehe Strousberg das 
Schloss zu seinem Sommersitze machte, war das Be- 
zirksgericht in demselben untergebracht. Eines Tages 
erschienen plötzlich ganze Schaaren von Arbeitern 
und fingen rücksichtslos an, das Unterste zu oberst 
zu kehren, Mauern und Fussböden einzureissen, 
ganze Flügel zu demoliren. Inmitten dieses wüsten 
Lärms sollte das Bezirksgericht amtiren. Der Be- 
zirksrichter, der keine Verständigung erhalten hatte, 
dass ein Umbau des Schlosses sobald in Angriff 
genommen werden würde, war ausser sich und 
machte es wie Christus mit den Händlern im 
Tempel: er jagte die Arbeiter zum Tempel hinaus. 

Aus den Tagen des Strousberg'schen Regiments 
circuliren so manche Geschichten. Ein Winkel- 
schreiber hatte ihm sehr viel zu schaffen gemacht 
und ihn auf jede Art molestirt. Strousberg gewann 
ihn , indem er ihn zu seinem Rechtsfreund in 



278 



XIV. Die Luftcurorto im Böhmerwald. 



partibns mit bedeutender Gage ernannte. Doch be- 
diente er sich seiner nie zur Durchfechtung von 
Rechtshändeln, sondern begnügte sich damit, ihn 
unschädlich gemacht zu haben. Manchmal nur Hess 
er ihm sagen, er möge zu ihm auf's Schloss herauf- 
kommen, er wolle ihn sehen. Der Reehtsfreund, ein 
ungemein beleibter Mann, keuchte athemlos den 
Berg hinan, sich seinem Brotgeber vorzustellen. 
Dieser begrüsste ihn mit den Worten: „Ich habe 
eigentlich keine Arbeit für Sie, ich wollte Sie nur 
zwingen, ein wenig Bewegung zu machen, damit Sie 
nicht in Ihrem Fette ersticken ". Trotz der „Rechts- 
freunde", die sich Strousberg aus den Reihen der 
Mchtgraduirten ausgewählt, war er doch kein Freund 
muthwilliger Processe. So hatte er eines Tages aus 
einem in der Tiefe gelegenen Teiche eine Wasser- 
leitung in sein Schloss geführt und bei der Anlage 
derselben unterschiedliche Besitzstörungen begangen, 
da die Ingenieure die Leitung über die Felder von 
Bauern geführt hatten, die nun klagbar auftraten. 
Statt zu processiren, verglich sich Strousberg mit 
Allen, die Grund zu einer Beschwerde zu haben 
glaubten. 

Von Zbirow ist's nicht weit nach Pilsen, vor 
welcher Stadt die Bahn noch einen lebhaften Ort 
streift, in welchem vor 770 Jahren der Thronstreit 
im Hause der Premysliden durch den deutschen 
König Heinrich zum Austrag gebracht wurde. Als 
Swatopluk am 21. September 1109 von dem letzten 
\\ Vrschowetzen ermordet wurde, stritten sich Otto 
von Olmütz, der Bruder des Ermordeten, Wladislaw, 
und Borschiwoi um die Herrschaft in Böhmen. 
König Heinrich lud. nachdem er den Ersteren zu 
freiwilliger Verzichtleistung vermocht, die beiden 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmerwald. 279 

Letzteren zu sich nach Eokitzan, wo er den Streit 
dadurch kurzweg erledigte, dass er Wladislaw als 
böhmischen Regenten anerkannte, den anderen Prä- 
tendenten aber in Ketten nach der rheinischen 
Festung Hamrnerstein abführen liess. 

Pilsen, welches wir jetzt betreten, bietet ganz 
eigenthümliche Verhältnisse. Dreimal im Jahre spielt 
es sich immer acht Tage lang auf Klein - Leipzig 
hinaus. Keine zweite Stadt in Böhmen, Prag nicht 
ausgenommen, hat ein so lebhaftes Marktleben wie 
Pilsen. Zu gewissen Zeiten werden alle Marktvor- 
räthe aller böhmischen Ghetti mobilisirt und gegen 
Pilsen dirigirt. Dann vermag die Stadt die Masse 
der Colli und der dieselben bewachenden Semiten 
kaum zu fassen und die Gasthöfe haben gute Zeiten. 
da sie während der Messe ihre Preise verdoppeln. 
Weber constatirt in seinem Buche „Deutschland" : 
dass die Pilsener Messen stark aus Sachsen und 
Franken besucht werden, und auf denselben 
namentlich Kerntücher zum Verkauf kommen, neben 
welchen die französischen leichte Waare sind. Es 
muss Weber überhaupt in Pilsen sehr gefallen 
haben, denn er berichtet, dass er sich daselbst seit 
Nürnberg wieder zum ersten Male comvie il faul 
befunden habe. Und damals gab es noch kein 
Pilsener Bier. Wie enthusiastisch würde sein Urtheil 
erst ausgefallen sein, wenn man ihm im sogenannten 
Probirkeller einen Humpen des goldig grünen 
Nektars credenzt hätte ! Dieser Probirkeller war schon 
Zeuge mancher interessanten Scene. Es ist beispiels- 
weise noch kein Jahr her, dass die aus Wien nach 
Bavreuth pilgernden Sänger in demselben beim 
schäumenden Bier ein Concert improvisirten. Der 
Sängerin Materna hat damals das Bier unterirdisch 



2g() XIV. Die Luftcurorte im Bühmerwald. 

so gut gemundet, dass sie von Bayreuth aus telegra- 
phisch zwei Fässchen Pilsener bestellte — eines für 
sich und ein zweites für Eichard Wagner. 

Mit dem weltberühmten Bier haben wir wieder 
eine Pilsener Eigentliümlichkeit gestreift. Werfen 
wir einen Blick auf jenen prächtigen Neubau — 
dicht daneben steht eine niedrige, dem Einsturz 
nahe Baracke, und siehe da, die morsche Hütte 
ist mehr werth als das neue massive Zinshaus 
daneben. Das kommt daher, dass die Kuine zu den 
252 brauberechtigten Häusern Alt -Pilsens gehört. 
Das Braurecht schätzt sich der Eigenthümer der 
Baracke auf 20.000 Gulden, denn es sichert ihm 
eine Rente von 1200 Gulden. Diese Rente hat 
er sich mit einem Baarcapital von 40 Gulden 
Wiener Währung (etwa 35 Mark) erworben. So 
viel hat nämlich im Jahre 1840 jeder der 252 
Brauberechtigten eingezahlt, der damalige Bürger- 
meister Wanka borgte 20.000 Gulden dazu, 
und mit diesem Geld wurde das bürgerliche Brau- 
haus begründet, welches, seither natürlich vielfach 
vergrössert, gegenwärtig einen Weltruf hat. jährlich 
2000 Centner Hopfen, 200.000 Centner 'Gerste, 
140.000 Centner Kohle, 432.000 Centner Eis ver- 
braucht, 400.000 Eimer Bier erzeugt und eine reine 
Beute von fast 300.000 Gulden abwirft. Die Keller 
bilden ein wahres Felsenlabyrinth — sie zerfallen 
in zwei Hauptgalerien, in welche 54 Keller, jeder 
mit einer Eisgrube dotirt, strahlenförmig einmünden. 
Die ersten drei Brauereileiter wurden hinterein- 
ander aus Bayern importirt Sie hiessen Groll. 
Baumgarten und Günther. Während das bürgerliche 
Brauhaus florirt, haben die beiden concurrirenden 
Unternehmungen einen harten Kampf um das Dasein 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmerwald. 



281 



zu bestehen. Das Actienbrauhaus laborirt an einem 
namhaften Deficit, und zahlt den Actionären keine 
Zinsen, und die Alt-Pilsenetzer Brauerei ist, nach- 
dem sie dem Concurs verfallen war, in der letzten 
Zeit in die Hände eines Wiener Industriellen 
Namens Pfeifer übergegangen. 

Das neue Pilsen unterscheidet sich von dem 
alten, historischen nur dadurch, dass in diesem der 
nationale Hader vor den Thoren ausgetragen wurde, 
während sich im modernen Pilsen Cechen und 
Deutsche intra rnuros, in der Rathsstube in den 
Haaren liegen. Vier Wochen lang belagerte Zizka 
im Jahre 1421 Pilsen, und zwölf Jahre später schloss 
Prokop der Grosse die Stadt von Neuem ein; aber 
das Belagerungsheer litt solche Noth, dass es bis 
nach Bayern hinein Streifzüge unternehmen musste, 
um Lebensmittel aufzutreiben. Bei Hiltersried griffen 
die Bayern die fouragirenden Taboriten an und 
metzelten Alles nieder. Als die Kunde von dieser 
Katastrophe im Lager vor Pilsen anlangte, entstand 
unter den halbverhungerten Taboriten eine Meuterei, 
welcher Prokop der Grosse beinahe zum Opfer 
gefallen wäre. Wenigstens wurde er blutig geschlagen. 
Welche Bolle Pilsen im dreissigj ährigen Krieg 
spielte, ist bekannt. Factisch nahm derselbe in der 
Gegend von Pilsen seinen Anfang, als sich Graf 
Mansfeld in den Besitz der kaiserlich gesinnten 
Stadt setzte. Das war im Herbst 1618, und zwei 
Jahre später, im October 1620, standen die Kaiser- 
lichen mit den Bayern vor dem wohlbefestigten und 
von Mansfeld kräftig vertheidigten Pilsen. Die Stadt 
konnte in jenen Kriegszeiten übrigens nicht mehr 
mit finanziellen Calamitäten zu kämpfen haben, als 
dies heute der Fall ist. Aber trotz dieser Geld- 



989 XIY Die Luftcurorte im Böhmerwald. 

nöthen wird iu Pilsen lustig d'rauf losgebaut. In den 
Vorstädten sind über dreissig neue Häuser im Bau 
begriffen und im Garten des Hotel Waldek ist so- 
eben ein glänzender Ballsaal erbaut worden. Pilsen 
hätte übrigens kürzlich auch ein Jubiläum feiern 
können, denn es sind gerade 400 Jahre her, dass ein 
Nürnberger Buchdrucker daselbst die erste Druckerei 
Böhmens in's Leben rief. 

Pilsen ist nach Prag der bedeutendste Balin- 
knotenpunkt Böhmens. Von Prag zweigen sich sieben, 
von Pilsen sechs Bahnen ab. Man kann von letzterer 
Stadt aus direct gegen Wien, Prag, Saaz, Eger, 
Fürth und Klattau dampfen. 

Eine Viertelstunde von Pilsen entfernt liegt das 
kleine Bad Lochotin. Es ist von hübschen Anlagen 
umgeben und wäre nur zu wünschen, dass es mit 
der Stadt durch eine Allee verbunden würde, die in 
gerader Linie über den Wiesenplan führte, der leider 
allerdings in jedem Frühlinge einem See gleicht. 
Der Weg, der gegenwärtig nach Lochotin führt, ist 
nicht der angenehmste. 

Lochotin erhebt sich auf jenen Hügeln, von 
welchen aus einst hussitische Heere die Stadt ver- 
geblich belagerten und wo auch Wallensteins Lager 
gestanden haben soll. Die eisenhaltige Mineralquelle 
von Lochotin (der Name kommt von Lahodin und 
könnte deutsch etwa mit Huldheim wiedergegeben 
werden) wurde 1834 dem Gebrauche übergeben und 
in demselben Jahre gründete eine Actiengesellsrhat't 
den Vergnügungsort Lochotin, der heute dem bür- 
gerlichen Brauhause gehört und jährlich erweitert wird. 

Im Juli 1835 erhielt Pilsen sein erstes Wochen- 
blatt, das zugleich Amtsblatt war und vom Buch- 
drucker Schmidt herausgegeben wurde. In demselben 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmerwald. 



283 



Jahre gab Professor Smetana, derselbe, dem die 
Pilsener vor einigen Jahren ein Denkmal in den 
städtischen Anlagen errichtet haben, die jetzt ober- 
halb dieses Denkmals einen schönen, lebhaft an den 
Curgarten von Teplitz erinnernden Abschluss erhalten 
haben, den ersten Theil seiner Weltgeschichte heraus. 
Das Jahr 1835 war überhaupt sehr ereigniss- 
reich für Pilsen. In der Nacht vom 5. zum 6. Februar 
dieses Jahres brannte der alte, gothische Kirch- 
thurm nieder. Professor Sedlaczek gab von diesem 
Ereigniss in Bäuerle's Theaterzeitung folgende inter- 
essante Schilderung : Am 6. Februar Morgens gegen 
3 Uhr kam von Westen gegen Osten mit gesteigertem 
Sturmestoben, unter Windessausen und blendenden 
Blitzen eine elektrische Wolke über die Stadt heran- 
gezogen. Zwei furchtbare Donnerschläge ertönten und 
schon stand der majestätische Kirchthurm in ein 
flammendes Strahlenbüschel gehüllt. Bald nahm die 
Flamme die Form eines Vollmondes an. Der Thurm- 
wächter schrie, in Dampf eingehüllt, von der Galerie 
angstvoll um Hilfe — in eine Tiefe von 50 Klaftern. 
Um 6 Uhr erreichte die Flamme die Thurmuhr, die 
noch einmal, zum letzten Male anschlug. Während 
sich die ungeheuren Balken von dem schon abge- 
brannten Dachstuhl des Thurmes lösten und als Feuer- 
brände in die Tiefe fielen, wurde auch das Glocken- 
gerüste vom Feuer ergriffen. Um halb 7 Uhr sanken 
die fünf Glocken, viele hundert Centner schwer, unter 
ungeheurem Krachen auf das untere Gewölbe herab, 
zersprangen in Stücke und schmolzen. Endlich that 
das Militär dem Brande Einhalt. Nun nennt Sedla- 
czek die Braven vom Eegimente Fleischer, die sich 
besonders auszeichneten, nennt dann vom Civil den 
Bürgermeister Wanka (der Yater des jetzigen Reichs- 



284 



XIV. Die Luftcurorte im Böhruerwald. 



rathos Wanka), den Stadtarzt Dr. Skoda, der später 
nach Löschner Landes-Protomedicus von Böhmen 
wurde, und den Buchhändler Sacher, welcher der 
Erste auf dem Thurme war. Zum Schlüsse erwähnt 
der Berichterstatter, dass im Jahre 1778, also gerade 
vor hundert Jahren, der Blitz in denselben Thurm 
eingeschlagen habe, als neun Personen eben im Ge- 
witterläuten begriffen waren. Alle Neun kamen um. 
In den Jahren 1 525, 1582, 1601 und 1684 brannte 
derselbe Thurm nieder, jedesmal durch einen Blitz- 
strahl entzündet, Bei Gottlieb Haase zu Prag er- 
schien im Mai 1835 ein nach einem böhmischen 
Gedichte Sedlaczek's bearbeitetes poetisches Gemälde 
von Schiessler, dem bekannten Pilsener Dichter, der 
im Frühling 1835 nach Lemberg als k. k. Feldkriegs- 
Commissär versetzt worden war, unter dem Titel: 
„Der Thurmbrand zu Pilsen am 6. Februar 1835*'. 
Die Broschüre war dem Oberstburggrafen Chotek 
gewidmet und der Ertrag der von Schiessler im 
Februar 1835 in's Leben gerufenen Kleinkinder- 
Bewahranstalt, wohl einer der ersten in Böhmen, 
gewidmet. Ging Pilsen in dieser Beziehung anderen 
Städten Böhmens mit gutem Beispiele voran, so that 
dies das nahe Kokitzan wieder in anderer Sich- 
tung. In der Prager Zeitung vom 1. Mai 1835 lesen 
wir : Ueber Vermittlung des Magistrates der k. Stadt 
Kokitzan werden alle zwischen den städtischen und 
dorfschaftlichen Rokitzaner Gründen gelegenen Feld- 
raine mit Obstbäumen bepflanzt, um den Ertrag des 
airzuhoffenden Obstnutzens zur Herabsetzung oder 
Aufhebung des Schulgeldes in den einzelnen Dorf- 
schaften zu verwenden. 

Kaum hat die Bahn in der Richtung gegen 
Fürth Pilsen verlassen, als sie von der schnür- 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmerwald. 



285 



gerade gegen Stab sich hinziehenden Landstrasse 
weitab gegen rechts abbiegt, so dass sich die Chaussee 
gerade zwischen die Bahn und das Städtchen Dobr- 
schan legt, in dessen Nähe gegenwärtig mit grossem 
Aufwand eine Irrenanstalt erbaut wird. In Dobrschan 
befand sich ehedem die erste, aus dem Jahre 1259 
datirende, Ansiedelung der weissen Magdalenitmnen 
in Böhmen. Ueberhaupt war diese Gegend reich mit 
Klöstern gespickt. Die vom Kaiser Josef aufge- 
hobene Benedi ctinerabtei Kladrau wurde zu Anfang 
des 12. Jahrhunderts gegründet und hatte anfänglich 
schwere Gefahren unter dem wilden Volke (so nennt 
es der 1131 verstorbene Kladrauer Abt Bertholf) 
zu bestehen. Dicht bei Kladrau liegt die alte Berg- 
stadt Mies, in deren Nähe die deutschen Feidtruppen 
im August 1427 durch die Hussiten eine Niederlage 
erlitten. Noch entscheidender war aber die Nieder- 
lage, welche vier Jahre später, und zwar wieder an 
einem Augusttage, die Hussiten der vom Markgrafen 
von Brandenburg befehligten deutschen Armada in 
dem nahen Grenzpasse von Taus beibrachten — 
fast an derselben Stelle, wo sich 530 Jahre früher 
(895) die böhmischen Slaven freiwillig der deutschen 
Herrschaft unterstellt hatten. 

Hat man Taus im Kücken, so ruft der Schaffner 
auch bald: Fürth, in dessen Nähe der Luftcurort 
E schikam liegt. Ich thue dessen hier Erwähnung-, 
obwohl er sich schon in Bayern befindet, weil er 
stark von Prag aus besucht zu werden pflegt. 

Jeden Tag um 3 Uhr peitscht der Postillon im 
Further Bahnhof in die Pferde, und fort geht's dann 
durch die Stadt nach Eschlkam zu dem hochgele- 
genen Gasthause, dessen Schild eine Ente zeigt. Die 
alte, biedere Frau Neumeier suchen wir vergebens. 



9gfJ XIV. Die Lnftcurorte im Böhmerwald. 

Die brave Frau, bei der die Sommergäste so gut 
aufgehoben waren, hat sich vom Geschäfte zurück- 
gezogen. Seit sie nicht mehr in der „Ente" wirth- 
schaftet, hat der Zuzug der Prager Familien nach 
Eschlkam stark nachgelassen. Sogar der Russe ist 
fort, der jahrelang im Sommer und im Winter die 
„Ente^ bewohnt hat. Um ihn ist\s am wenigsten 
schade, denn er war kein angenehmer Zimmernachbar. 
Wenn er zu viel gegessen hatte — und er ass regel- 
mässig zu viel — so liess er sein Söhnchen auf 
seinem Bauch herumtrampeln, um durch diese sinn- 
reiche Procedur, welche an die bei Kirchweihen 
übliche Methode erinnert, seinen Magen zu entlasten. 
Es war mir immer räthselhaft gewesen, warum sich 
der Russe mit seinem Bübchen und seiner Gouver- 
nante gerade in dieser Gegend sesshaft gemacht, 
wo sich die Füchse gute Nacht geben, sobald es 
gegen den October zugeht. Später erfuhr ich, dass 
er mit den cechischen Geistlichen im böhmischen 
Grenzbezirk starken Verkehr unterhielt. 

Von Eschlkam bringt uns ein Einspännerchen 
in sechs Stunden nach Klattau. Unterwegs 
passirt man das Städtchen Neumark, welches 
bis in die jüngste Zeit zwei interessante Männer 
beherbergt hat, die jetzt aber leider auch schon in 
das Land einbezogen sind, aus dem es keine 
Wiederkehr giebt. Beide waren Juden, der eine 
ein Kaufmann, der andere ein Schriftsteller. Der 
Kaufmann war in der Mitte der Sechziger Jahre, wo ich 
ihn zum letzten Mal sah, ein Greis von nahezu 
80 Jahren und eine wahre Patriarchengestalt 
Früher hatte er ein grosses Geschäft gehabt, war 
Grossrahrmann gewesen und hatte als solcher das 
Speditionsgeschäft in einem Umfang betrieben, von 



XIV. Die Luficurone im Böhmerwald. 



287 



dem man sich einen Begriff machen kann, wenn 
man hört, dass er zu Zeiten über 100 Pferde auf 
den böhmischen Landstrassen unterhielt, dass unt ei- 
serner Firma 20 Sechsspänner die Waarenlasten 
nach Bayern, Wien und Prag schleppten, und dass 
ihm ein halbes Hundert Fuhrleute gehorchten. 
Jedes Kind kannte in diesem Theil Deutsch-Böhmens 
den alten Klauber. Metternich, der im westlichen 
Böhmen die Herrschaften Plass und Königswart 
besass, liess sich oft von ihm über die Stimmung 
im Lande persönlichen Bericht erstatten. Die zweite 
interessante Persönlichkeit in dem böhmischen 
Grenzstädtchen war der Schriftsteller Weisel. Er 
war dreissig Jahre in Neumark als Arzt thätig, 
und verwendete die Müsse, die ihm sein Beruf, 
den er übrigens sehr gewissenhaft nahm, übrig 
liess, dazu eingehende Volksstudien zu machen und 
Land und Leute dieser Gegend zu schildern, die 
im Kleinen seine Domäne war, wie im Grossen der 
Schwarzwald die Domäne Auerbachs, der Böhmer- 
wald die Domäne Kank's. Eine Tochter des liebens- 
würdigen, unermüdlichen Schriftstellers ist gegen- 
wärtig als Telegraphistih in Neumark thätig. Den 
alten, herzensguten Weisel haben sie aber vor vier 
Jahren hinausgetragen auf den Friedhof von Xeumark. 
An den Abhängen des Böhmerwaldes tritt dem 
Wanderer so manches Dichtergrab entgegen. Auf 
dem Kirchhof von Prachatitz liegt der Novellist 
Messner begraben, und vom Klenauer Schloss sieht 
man das Dorf, auf dessen Kirchhof der Roman- 
schriftsteller Spiess begraben liegt. Eine Marmor- 
platte bezeichnet die Stelle, deutlich ist auf ihr 
noch zu lesen: Christian Spiess, gestorben 1799 
im 47. Lebensjahre. Kein Baum, kein Strauch ringsum, 



288 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmerwald. 



nichts als vier kahle Mauern, die den kahlsten 
aller Friedhöfe einrahmen. „Kommen zuweilen 
Leute her, dieses Gral) aufzusuchen?" frug ich den 
Todtengräber, der mich zu der Marmorplatte geführt 
hatte. „Vor Jahren kamen zuweilen Studenten aus 
Klattau, das Grab zu besuchen," lautete die Ant- 
wort, „jetzt war aber schon lange Niemand da." 
Versunken und vergessen also! Freilich, der Ver- 
fasser der vor nahezu einem Jahrhundert von der 
Jugend heisshungrig verschlungenen Kitter- und 
Gespenster-Romane hat nichts Besseres verdient. 
Und doch vergisst die „zwölf schlafenden Jung- 
frauen" Niemand, der sie einmal gelesen hat. Mir 
wenigstens fallen sie immer ein, so oft ich in einer 
stillen Landschaft auf einem einsamen Bahnhof 
stehe und das melodische Geklingel des Bahntele- 
graphen vernehme. Das klingelt so, denke ich mir 
dann, damit auf dem Bahno-eleise Alles in Ordnung 
bleibt — gerade so war der Held in dem berühmten 
Roman von Spiess auf dem richtigen Wege zu dem 
Zauberschloss , in welchem die zwölf Jungfrauen 
schliefen, so lange ihm die Glöckchen läuteten. Es 
liegt doch etwas rührendes darin, dass von Zeit zu 
Zeit noch ein Student den zweistündigen Abstecher 
von Klattau nach dem unansehnlichen Dorf Bezdekau 
unternimmt, um das Grab des verschollenen Roman- 
ciers zu besuchen, der als Justiziarius in Bezdekau 
gelebt hat. Jetzt freilich giebt es in Klattau nur 
tschechische Studenten, und diese haben keine Idee 
von Spiess. 

Schloss Klenau, dessen ich vorhin gedacht 
habe, ist ein prächtiger Herrensitz, bei dem sich 
malerische Ruinen mit wohnlichen Räumlichkeiten 
zu ein. 'in Ensemble ver.schwistern, das einzig in 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmerwald. 28Q 

seiner Art ist. Alte Zugbrücken führen an ver- 
fallenen Mauern vorüber zu comfortablen Zimmer- 
fluchten, die kostbare Kunstschätze enthalten. Die 
neue Bahn führt dicht am Schlosse vorüber. Vor 
Jahren gehörte die ganze Landschaft ringsumher, 
so weit der Blick reichte, den Fürsten Palm, welche 
zu den reichsten Familien in Böhmen gehörten 
und fast zu derselben Zeit wie die Grass alkovich 
in Ungarn, die mit den Eszterhazy an Beichthum 
wetteiferten, vom Schauplatz verschwanden. Der 
ungeheure Palm'sche Besitz wurde zerschlagen, ein 
guter Th eil davon gehört jetzt mit dem Schlosse 
Bistritz dem Fürsten von Hohenzollern. Um Neuern 
wie um Neumark wurde manche Schlacht geschlagen. 
Im Neumarker Pass ward der deutsche König 
Heinrich 1040 mit grossem Verlust zurückgedrängt, 
und bei Neuern wurde am 22. September 1467 
eine Schaar fanatischer Kreuzfahrer, die von Bayern 
aus in Böhmen einbrach, blutig zurückgeworfen. 

Von Neuern bringen uns gute Pferde in dritt- 
halb Stunden zum Forsthause am schwarzen 
See, den man wohl die Perle des Böhmerwaldes 
nennen kann. Beim Förster lassen wir die Pferde 
stehen und wandern, den Windungen des Baches 
folgend, durch den dichten Wald bergan zum See, 
der in einer halben Stunde bequem zu erreichen 
ist. Die tiefste Einsamkeit umfängt uns droben. 
Ringsum die starrenden Berge so hoch, fast himmel- 
anragend, ihnen zu Füssen die ruhige Wasserfläche, 
anzusehen wie ein tiefschwarzes Auge. So weit der 
Blick reicht, kein Mensch, kein Thier zu sehen, 
kein Geräusch zu hören. Man kann sich kein welt- 
vergesseneres Stück Erde denken. Mit schwerem 
Herzen trennt man sich von dem poetischen Ort, 

19 



290 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmsrwald. 



um durch den Wald auf neuem Pfad wieder thal- 
wärts zu schreiten. Die Försterin hat mittlerweile 
die Forellen hergerichtet, und wir können sie aus- 
nahmsweise sogar in der Wohnstube verzehren. Als 
wir das letzte Mal da waren, hatte der Förster die 
Stube an eine Sommerpartei vermiethet und die 
Touristen, die, durch eine lange Wanderung erhitzt, 
auf der zugigen Höhe ankamen, mussten im Freien 
Platz nehmen. Auch ein Stück Böhmerwald-Comfort ! 
Sobald man bei Eisenstrass wieder die Chaussee 
erreicht, behält man die Bahn, die von Klattau 
gegen Eisenstein führt, immer im Angesicht. Der 
Keisende, der in Eisenstein übernachten muss. 
ist nicht gut daran. Wohl verspricht ihm der Wirth, 
ein apathischer Geselle, der ununterbrochen Karten 
spielt, ein reines Bett, aber Versprechen und Halten 
ist zweierlei. Da muss denn der Plaid herhalten. 
Und ebenso misslich wie mit der Unterkunft ist 
es in dem Grenzstädtchen mit den Verkehrsmitteln 
bestellt. Ein einziger Fuhrwerkhalter beherrscht die 
Situation und der nach Eisenstein verschlagene 
Keisende befindet sich nicht selten in der unan- 
genehmen Lage, sich hier 24 Stunden internirt zu 
sehen. Wer einmal im Böhmerwald gewesen, be- 
greift es, warum so wenige Leute hingehen. Um 
von Eisenstein nach dem sechs Fahrstunden entfernten 
Winterberg zu gelangen, muss man dem Fuhr- 
werks-Monopolisten 20 Gulden bezahlen, für welche 
Summe man die Schweiz der ganzen Länge nach 
von Korschach bis Genf in einem Coupe erster 
Classe durchreisen kann. Und in Winterberg heisst 
es wieder: repetatur dosis, jedoch wird Einem das 
Fell nicht ganz so gründlich über die Ohren ge- 
zogen wie in Eisenstein. Ueberhaupt ist man in 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmerwald. 



291 



"Winterberg ungleich besser aufgehoben. Der 
Wirth im herrschaftlichen Gasthof ist ein netter 
Mann von guten Umgangsformen, der den Wünschen 
der E eis enden entgegenkommt. Man isst, trinkt und 
schläft recht gut bei ihm und hat ein Dutzend 
Zeitungen zur Verfügung, da in den bequemen 
ebenerdigen Räumen, die sich an die Gaststube an- 
lehnen, das Casino untergebracht ist. Winterberg 
hat allerdings nicht die grossartige Umgebung, die 
Eisenstein zugute kommt, welchem der majestätische 
Arber so nahe liegt wie etwa der Hohebogen Fürth. 
Auf dem Wege von Eisenstein nach Winterberg 
berührt man dicht vor Hartmanitz, in dessen Xähe 
der Führer der Deutschen in Böhmen und Oester- 
reich, Dr. Herbst, ein Gut besitzt, ein kleines, gänz- 
licher Verwahrlosung überantwortetes Bad. welches 
den wohlklingenden Namen Gutwasser führt. 
Wie genügsam mussten die Leute sein, die hier 
badeten. Die Strassen sind in dieser Gegend so 
verwahrlost, dass man oft aussteigen muss, wenn 
der Wagen vorwärts kommen soll. Dazu kommt 
noch, dass zwischen Hartmanitz und Bergreichen- 
stein ein Berg zu überwinden ist. den ich, was Steil- 
heit anbelangt, nur jenem vergleichen kann, den 
man auf der Linie Reichenhall-Schnaizlreuth dicht 
vor dem letztgenannten Orte zu passiren hat. 
Dagegen ist die Landschaft von imponirender. an 
die Alpen erinnernder Grossartigkeit, und hält diesen 
Charakter consequent fest, bis man Wallern im 
Bücken hat. Auf prächtiger Chaussee überwindet 
man die etwa drei Meilen lange Strecke von Winter- 
berg nach Kuschwarda, der ultima Thule 
Böhmens, wo man übrigens in dem von der Frau 
Beif bewirthschafteten Gasthofe sehr gut aufge- 

19* 



292 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmerwald. 



hoben ist. Die Wirthin hat schon zwei Männer be- 
graben, ist aber immer noch jugendlich und hübsch. 
Die Verpflegung ist vortrefflich, das Gebotene wird 
fabelhaft billig berechnet. Kein Wunder daher, dass 
das Haus im Sommer von Gästen wimmelt. Kusch- 
warda ist ein vielbesuchter Luftcurort. 

Dem Eindruck, den das originelle Wallern 
mit seiner prachtvollen Umgebung macht, ist nicht 
leicht etwas vergleichbar. Schon auf der Fahrt 
dahin tritt einem der Kubany so nahe, dass man 
ihn mit der Hand greifen zu können glaubt. Wallern 
freilich ist nicht mehr das alte, seit es sich nach dem 
Brande aus dem Schutt erhoben hat. Es hat einen 
modernen Häuserkern, ist aber immer noch von den 
Eesten der alten Zeit eingerahmt. Früher bestand ganz 
Wallern aus solchen originellen Holzhäusern, wie 
deren noch jetzt in der Vorstadt ein paar Dutzend 
die steinbelasteten Dächer dem Wanderer zukehren. 

Prachatitz mit seinen buntbemalten Häusern 
ist eine lebhafte Stadt, die sozusagen den Schlüssel 
zum Böhmerwalde besitzt. Vor ihren Thoren hat 
sich ein kleines Bad etablirt, welches am Saume 
des Waldes liegt und einen prächtigen Fernblick 
auf die etwa zwanzig Minuten entfernte Stadt 
gewährt. Das Margarethenbad ist recht com- 
fortabel eingerichtet und es versammelt sich in 
demselben alljährlich im Sommer eine distinguirte 
Gesellschaft, meistens Stammgäste, die in jedem 
Jahr wiederkommen. Der vaterländische Historiker 
Gindely hat einem mehrmonatlichen Aufenthalt in 
dieser gesunden, würzigen Gegend die Wieder- 
erlangung seiner Gesundheit zu verdanken, die er 
durch anstrengende Studien in den Archiven Spaniens 
arg gefährdet hatte. 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmerwald. 293 

Das Grenzgebiet von Prachatitz haben die 
Mönche von Hohenfurth im 13. Jahrhundert mit 
deutschen Insassen bevölkert und deutsch ist 
noch heute der allgemeine Eindruck, den die Stadt 
macht. Doch sieht man, wenn man auch nur einen 
Tag in Messner's stark besuchtem Gasthofe verlebt, 
wie sich hier schon Deutsch und Böhmisch berühren. 
Aus diesem Gasthause stammt der deutsch-böhmische 
Novellist Messner, mit welchem ein schönes Talent 
frühzeitig zu Grunde gegangen ist. Dicht neben 
Messner's Haus ist das Hotel ,,zum Kronprinzen 
Rudolf", welches seinen Namen dem Umstände ver- 
dankt, dass der österreichische Kronprinz eine Nacht 
unter seinem Dache zugebracht hat. 

Während der Hussitenkriege hat Prachatitz 
eine hervorragende Rolle gespielt. Nikolaus von 
Pistna, Burggraf auf Prachatitz, war der Erfinder 
der Massenversammlungen, die sich noch heute bei 
der cechischen Bevölkerung einer so ausgespro- 
chenen Beliebtheit erfreuen. Er berief 1419 eine 
Volksversammlung nach der Ebene bei Tabor und 
nach diesem ersten Meeting, zu welchem sich über 
40.000 Menschen einfanden, nennen die Cechen 
noch heute ihre Meetings „Tabors". Im Jahre 1420 
wurde Prachatitz von Zizka genommen, nachdem 
es die Deutschen verlassen hatten. Kaum waren 
diese zurückgekehrt, machte sich der Hussitenführer 
von Neuem über die Stadt her. nahm sie mit 
stürmender Hand, liess an hundert Personen in der 
Kirche verbrennen und die übrigen mit Dreschflegeln 
niederhauen. 

Von Prachatitz erreicht man in vier Stunden 
Budweis, eine vorwiegend deutsche Stadt, die 
schon halb und halb ein grossstädtisches Gepräge 



294 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmerwald. 



hat. Keine zweite Stadt in Böhmen hat einen so 
stattlichen Kingplatz wie Budweis. Er bildet ein 
grosses, regelrechtes, von ansehnlichen Häusern 
eingefasstes Viereck und unter seinen Laubengängen 
kann man bei ungünstigem Wetter trockenen Fusses 
promeniren. Am Abend herrscht unter diesen Lauben 
ein Gewühl, das an eine Hauptstadt erinnert. Im 
Sommer sieht Budweis die Schaaren jener an seinen 
Mauern vorüberziehen, welche von Wien her den 
grossen böhmischen Bädern zueilen. Mancher dieser 
Reisenden macht in Budweis Halt, um dem Schlosse 
Frauenberg, das mit der Bahn in einer Viertelstunde 
zu erreichen ist, einen Besuch abzustatten. Sieben 
Millionen hat der Fürst Schwarzenberg daran ge- 
wendet, dem alten Frauenberger Schlosse eine neue 
Gestalt zu geben. Das Schönste an Frauenberg ist 
die Lage. Das weithin sichtbare Schloss beherrscht 
die Gegend, und von seinen Balconen und aus seinen 
Fenstern hat man wunderbare Fernsichten nach den 
Wäldern und Bergen des Böhmerwaldes. Die innere 
Einrichtung des Schlosses ist luxuriös, Kunstschätze 
würde man in demselben jedoch vergeblich suchen. 
Unter den Bildern ist ein Markart, das lebensgrosse 
Portrait der vor ungefähr vier Jahren verstorbenen 
Fürstin darstellend. Im Bibliothekzimmer befindet sich 
das lebensgrosse Bildniss des Cardinais Schwarzen- 
berg. Frauenberg war im Mittelalter ein festes 
Schloss, welches Georg von Podiebrad belagerte 
und einnahm, als er sich 1452, nach Besiegung der 
letzten Taboriten, gegen die katholischen Kosenberge 
kehrte. Auch Budweis spielte zu verschiedenen Zeiten 
in der böhmischen Geschichte eine Kolle. Kaiser 
Karl IV. und dessen Schwiegersohn Rudolf IV. von 
Oesterreich, der sich allerlei Vorrechte angemasst 



XIV. Die Luftcurorte im Böhmervrald. 295 

und der Vorladung nach Nürnberg keine Folge 
geleistet hatte, schlössen daselbst 1460 Frieden. 
Nach Budweis brachte 1394 Herzog Johann von 
Görlitz im Triumph seinen Bruder, den König Wenzel, 
den die Herrenbündler lange gefangen gehalten 
hatten. Durch Budweis ging 1611 der Bückzug der 
vom ständischen Heere bedrängten Passauer und 
deren General Kamee liess daselbst 11 Officiere 
hinrichten, die mit dem Feinde conspirirt haben 
sollten. Zu Beginn des dreissigj ährigen Krieges be- 
lagerte Mathias Thurn, der die zum Entsätze der 
Stadt heranrückenden kaiserlichen Truppen in drei 
Schlachten aufs Haupt schlug, die Stadt, nachdem 
er Bouquoi genöthigt, sich in dieselbe zu werfen. 
Von Budweis erreicht man mit der durch fruchtbare, 
aber reizlose Gegenden führenden Franz Josef-Bahn 
in fünf Stunden Prag. 



XV. Reickenberg. Warnsdorf. Phi- 
lippsdorf. Wartenberg. Liebwerda. 
Wurzelsdorf. 




hngefähr vor drei Jahrzehnten brü- 
tete ein cechischer Parteiführer 
den Plan aus, Böhmen nach Na- 
tionalitäten in zwei Theile zu 
zerlegen, und nahm Keichenberg als 
Hauptstadt für die deutsche Section der 
böhmischen Krone in Anspruch, während Prag die 
Metropole der cechischen Section bilden sollte. 
In den Tagen, in welchen der cechische Matador 
für die Zweitheilung Böhmens plaidirte, war Reichen- 
berg noch eine kleine Stadt gegen heute, wo es 
einer Hauptstadt sehr viel ähnlicher sieht als vor 
einem Menschenalter. Unaufhaltsam hat es in den 
letzten zwanzig Jahren seinen Aufmarsch zu einer 
Grossstadt vollzogen, den beiden Eisensträngen, die 
es mit der weiten Welt verknüpften, einen dritten 
hinzugesellt, und mit neuen, von stattlichen Häusern 
eingerahmten Strassenzügen nach rechts und links 
ausgegriffen. Der so romantisch am Fusse des Jeschken 



XV. Reichenberg. Warnsdorf. Philippsdorf. "Wartenberg etc. 297 

gelegene Bahnhof, der früher nahezu eine Viertel- 
stunde von der Stadt entfernt war, hängt mit der- 
selben heute durch eine geschlossene Häuserzeile 
zusammen,' und auch in der entgegengesetzten Eichtung, 
gegen das von der Stadtvertretung im Mittelpunkte 
immer weiter greifender Gartenanlagen mit grossem 
Aufwände aufgeführte Armenhaus hin, sind neue 
glänzende Strassen aus der Erde herausgewachsen. 
Wohl hat die Ungunst der Zeit dem Aufschwünge 
der zweitgrössten Stadt Böhmens momentan ein 
Halt zugerufen. Würde der „Krach" Keichenberg 
nicht in so empfindlicher, tiefgreifender Weise ge- 
schädigt haben, wäre die Stadt heute wohl schon 
Görlitz, mit dem sie seit zwei Jahren auch durch 
eine directe Bahn verbunden ist, in der Bevölke- 
rungsziffer nahe gekommen. So aber haben die miss- 
lichen Erwerbsverhältnisse der letzten Jahre einen 
Stillstand im Wachsthum der Stadt bedingt, deren 
Wohlstand heute tief geschädigt erscheint. Immer 
höher sieht eine arbeitsame, genügsame Bevölkerung 
den Brodkorb emporschnellen, immer ernster ge- 
staltet sich für sie der Kampf um's Dasein. 

Wer die Keichenberger für fanatische Schutz- 
zöllner hielte, der würde nicht ganz das Richtige 
getroffen haben. Es sind eben nur billige Ausgleichs- 
zölle, welche die Industriellen dieser Gegend an- 
streben. Die Gegensätze sind im Allgemeinen zu 
gross, als dass sich Alles unter einen Hut bringen 
Hesse. Wenn man beispielsweise nur das so hart 
angefeindete Appreturverfahren in's Auge fasst, so 
stehen die Weber den Druckern schroff gegenüber. 
Während die letzteren dieses Verfahren perhorres- 
ciren, treten die Weber dafür ein. Sie machen gel- 
tend, dass mit dem Wegfall dieses Verfahrens dreissig- 



OQÖ XV. Reichenberg. Warnsdorf. Philippsdorf. 

tausend Stühle in Oesterreich beschäftigungslos wür- 
den, da die meisten Webereien für das Elsass arbeiten. 
Sie sagen, dass nur die Druckerkönige, die ohnehin 
Millionäre sind, das Appreturverfahren beseitigt zu 
sehen wünschen. Der Schwerpunkt des Appreturver- 
fahrens liegt bekanntlich darin, dass unbedruckte Stoffe 
nach dem Elsass gehen, dort bedruckt werden und 
dann zollfrei nach Oesterreich zurückkehren, wobei 
das Gewicht der entscheidende Factor ist. Dieselbe 
Gewichtsmenge, die hinausging, darf unverzollt zu- 
rückgebracht werden. Dass diese Manipulation zu 
Zollumgehungen förmlich herausfordert, das liegt auf 
der Hand. Grobe Stoffe gehen hinaus, und feine 
von ungleich höherem Werthe gehen bedruckt zurück. 
So stehen sich auf dem Gebiete der Textil-Industrie 
allein freihändlerische und schutzzöllnerische An- 
schauungen schroff gegenüber, und auf zehn anderen 
Gebieten tobt ein ähnlicher Interessenstreit. Da 
kann nur ein von jedem Extrem absehender vernünf- 
tiger Zollausgleich das Kichtige vorkehren und be- 
wirken, dass annähernd Allen ihr Theil werde. Wer 
über die Zollumgehungen, wie sie in der Reichen- 
berger Gegend florirten, ein Licht aufgesteckt er- 
halten will, der lese Dr. Hermann's Buch: „Reichen- 
berg in der Zollpolitik". Der Verfasser weist in diesem 
nach archivalischen Quellen bearbeiteten Werke nach, 
dass in Oesterreich sowohl während der Geltung des 
Prohibitiv- als des Schutzsvstemes nichts Anderes als 
ein mixtum compositum von Verbot, respective Schutz- 
und illegalem Freihandel, d. h. Schmuggel, herrschte, 
worin der letztere zu Zeiten solche Dimensionen an- 
nahm, dass die gesammte Production der österreichi- 
schen Industrie nur noch als Zugabe, als dreizehntes 
Stück im Dutzend, erschien. Wir, sagt Dr. Hermann, die 



Wartenberg. Liebwerda. Wurzelsdorf. 299 

wir noch Zeugen waren des seltsamen Handelsver- 
kehres, wie er in den Dreissiger und Vierziger Jahren 
an unseren Grenzen blühte, sind gegenwärtig bei- 
nahe versucht, für Traum zu halten, was als pure, 
nackte Wahrheit sich vor uns abspielte, ohne da- 
mals unsere besondere Aufmerksamkeit zu erregen. 
Ein Schmugglerzug hatte zu jener Zeit kaum etwas 
Auffälligeres als heute ein Eisenbahntrain, welcher, 
zwischen waldigen Schluchten sich windend, das 
Erzgebirge durchbricht; ganze Dorfschaften und 
Generationen lebten davon, als Verächter des Gesetzes, 
als Freihändler von Gnaden einer Douane , durch 
welche die österreichische Industrie Decennien lang 
weit tiefer geschädigt wurde als durch die ungün- 
stigsten Handelsverträge. Der Schmuggel an den 
österreichischen Grenzen und von Krakau bis an den 
Bodensee wurde von mindestens 2000 Kaufleuten 
betrieben, die ein ganzes Heer von Paschern unter- 
hielten. Ganze Dorfschaften lebten mit den Grenz- 
wächtern auf bestem Fusse, ab und zu ward nach 
Verabredung eine Partie wohlfeiler Waaren aus der 
gemeinschaftlichen Gasse den Schmugglern ab- 
gekauft und von der Douane als Contrebande ein- 
gebracht, damit man sich nach obenhin doch zeit- 
weise mindestens mit einem Erwischungsfalle decken 
konnte. Kaiserliche Beamte fuhren von Jungbunzlau 
nach Zittau, um dort Einkäufe zu machen, die 
natürlich unangemeldet die Grenze passirten, oder 
auch offen eingeführt wurden, je nach der Bequem- 
lichkeit und Laune des Passanten und Douaniers. 
Bei diesen Fahrten soll es sich ein- oder das andere- 
mal ereignet haben, dass die Herren bei genauer 
Besichtigung der Waaren zu Hause unzweifelhafte 
Zeichen österreichischer Provenienz daran vorfanden, 



QAQ XV. Reicheuberg. Warnsdorf. Philippsdorf. 

zum Beweise, dass die Schwärzerei auch hinüber im 
Schwange war. Es hatte sich an der Grenze ein 
modus vivendi etablirt, der an Vertraulichkeit und 
Gemüthlichkeit nichts zu wünschen übrig liess. Der 
Schmuggel — die Prämie betrug 5 bis 20 Per- 
cent — hatte förmliche Assecuranzen eingerichtet, 
um sich für Confiscationen und Strafe schadlos zu 
halten. 

Ein Gang durch die Strassen Reichenbergs 
ist nicht ohne Interesse. Allerdings gehörten zu einem 
solchen Spaziergang eigentlich ein Alpenstock und 
ein Stiefel, der eine feste Doppelsohle hat. Denn 
die Strassen sind steil und das Pflaster schlecht. 
Aber die wechselvolle Scenerie lohnt das mühselige 
Wandern, denn pittoresk sich präsentirende , alte 
Häuser wechseln mit palastartigen Neubauten. 
Windschiefe, holzgedeckte, gegiebelte Baracken haben 
elegante Zinshäuser zu Nachbarn, von denen manche 
ihre Fronten zwei Strassen zukehren. Die beiden 
Bausysteme, das alte und das moderne, gipfeln 
gleichsam in den zwei Hotels, die nicht weit von 
einander entfernt sind. Während die „Union" ihre 
massige Fronte der steilen Strasse zukehrt, wendet 
die uralte „Eiche" ihre niedrigen Fenster und ihre 
antediluvianische Facade derselben abschüssigen 
Verkehrslinie zu. Ein drittes, gleichfalls sehr be- 
suchtes Hotel ist der „Löwe", welcher dem Etablisse- 
ment Stiepel gerade gegenüber liegt, in dem die 
„Reichenberger Zeitung" , das einzige ausserhalb 
Prags erscheinende deutsche Tagblatt in Böhmen, 
redigirt und gedruckt wird. Der unermüdliche, 
energische Stiepel, der früher in Rumburg eine 
kleine Druckerei besass, hat vor zwanzig Jahren, 
nachdem er seine Uebersiedlung nach dem aufblü- 



Wartenberg. Liebwerda. Wurzelsdorf. 301 

lienden Reichenberg bewerkstelligt, das Blatt gegrün- 
det, welches Dr. Hermann, derselbe, der unlängst 
mit der Broschüre: „Reichenberg in der Zollpolitik" 
einen Schuss in's Schwarze gethan hat, leitet. 

Das ungefähr fünf Meilen von Beichenberg 
entfernte Rumburg, einst als Mittelpunkt der 
Leinwandindustrie viel genannt (die Bumburger 
Leinwand stand bei den Hausfrauen in grossem 
Ansehen, und noch heute, wo Bumburgs G-lanz 
längst verblasst ist. führt manche Leinwandhandlung 
in Böhmen das Schild „Zum Rumburger"); ist im 
letzten Decennium wieder dadurch zu einigem Ruf 
gekommen, dass sich vor seinen Thoren der "Wall- 
fahrtsort P h i 1 i p p s d o r f , das böhmische Marpin- 
gen, etablirt hat. Philippsdorf ist eine aus wenigen 
Hütten bestehende Ortschaft hart an der sächsischen 
Grenze, und über das, was in einer der Philipps- 
dorfer Baracken in einer Januarnacht des Jahres 1866 
angeblich vorgegangen, will ich eine bei Johann 
Pfretsch in G-eorgswalde unter dem Titel ..Die 
"Wunderstätte in Philippsdorf- in siebenter Auflage 
erschienene Broschüre reden lassen. ,.Im Hause ihres 
verehelichten Bruders, eines Webers Xamens Josef 
Kade," heisst es in der fraglichen Schrift, ..lebte 
dessen ledige Schwester Maria Magdalena, geboren 
von ehelichen Eltern am 5. Juni 1835; dieselbe 
war seit ihrem neunzehnten Lebensjahre öfter, einige- 
mal sogar tödtlich. an Lungen-, Rippenfell- und 
Gehirnentzündung erkrankt, so dass sie mit den 
Sterbesacramenten versehen werden musste. Seit 
mehr als einem Jahr fühlte sie in der linken Seite 
einen heftigen, innerlichen, stechenden Schmerz, und 
seit beinahe zwölf Monaten trat dieses Leiden als 
ein äusserliches auf, welches von dem sie ärztlich 



oao XV. Reichenberg. Warn9dorf. Philippsdorf. 

behandelnden, in Georgswalde wohnenden Med. et 
Chir. Dr. Josef Ulbrich als ein bösartiger, nässeln- 
der oder eiternder Blasenausschlag bezeichnet wurde. 
Das Leiden wurde immer schlimmer, breitete sich 
über eine immer grösser werdende Fläche des Kör- 
pers aus und verursachte der Kranken unsägliche 
Schmerzen. Seit Anfang November 1865 wurde die 
Kade bettlägerig, und im December hatten die 
vielen entstandenen offenen Wunden schon eine 
solche Ausdehnung, dass der Arzt das Leiden für 
unheilbar erklärte. Die ganze linke Körperseite vom 
Schlüsselbein bis zum Bauch war eine Wunde. Die 
Kranke war so schwach, dass sie in Ohnmacht ver- 
fiel, wenn sie im Bette umgewendet wurde. Ihre 
Stimme war für den Priester, der ihr am 21. De- 
cember die Sterbesacramente reichte, nicht mehr 
vernehmbar. Dieser Zustand dauerte bis zum 
10. Januar 1866, und der Bruder der Kranken und 
dessen Frau sahen noch an diesem Tage schaudernd 
Magdalenas eiternde Wunden. Am 12. Januar erklärte 
sie dem sie besuchenden Arzte, ihre Schmerzen seien 
unerträglich. Den ganzen Tag seufzte sie und musste 
mehrmals aus dem Bette gehoben werden, so auch 
um Mitternacht, wobei sie bewusstlos in's Bett 
zurückgelegt wurde. Darauf ging der Bruder in 
der Mitternachtsstunde in seine auf dem Dachboden 
befindliche Schlafstelle zur Ruhe , da eine gute 
Bekannte, Veronica Kindermann, ebenfalls aus 
Philippsdorf, diese Nacht, wie sie schon mehrmals 
gethan, bei ihr wachen wollte. Magdalena Kade 
bat dieselbe , sie mit Weihwasser zu besprengen, 
mit ihr das Gebet des heiligen Bernard zu Maria : 
„Gedenke doch, gütigste Jungfrau^ zu beten, und 
meinte nachher zu ihr: Gott werde ihr ja doch 



Wartenbevg. Liebwerda. Wurzelsdorf. 303 

nicht mehr auferlegen, als sie tragen könne und, 
wenn die Noth am grössten, sei auch Gottes Hilfe 
am nächsten, worauf sie ihre Freundin ersuchte, 
sich ein wenig niederzulegen , was dieselbe auch 
that, indem sie, auf einer neben dem Krankenbette 
befindlichen Bank ruhend, ihren Kopf auf einem 
Bettpolster des Krankenbettes liegen hatte. Gegen 
3 Uhr Morgens kam ein auf dem Dachboden des 
Hauses schlafender Fabrikarbeiter in die "Wohn- 
stube, um nach der Uhr zu sehen, weil er frühzeitig 
nach der Fabrik gehen wollte, und hörte die Kranke 
noch in ihrem Schmerze ächzen und seufzen. Die 
Kranke sagte ganz leise zu der darüber erwachenden 
Veronica Kindermann: sie möge sich nicht beun- 
ruhigen, es sei nur ein Arbeiter, der nach der Uhr 
sehe. Die Kranke selbst war. obwohl die heftigsten 
Schmerzen leidend, wachend bei vollkommener Be- 
sinnung, wie sie dies eidlich bezeugen will. Da auf 
einmal, es konnte 3 Uhr Morgens sein. Samstag den 
13. Januar, entstand in der nur durch eine Oel- 
lampe erleuchteten Stube eine Helle und besonders 
in der Xähe des Bettes ein Glanz wie am lichten 
Tage, so dass die Kranke ihre schlafende Freundin 
aufweckte mit den Worten: „Stehe auf und sieh', 
wie es licht in der Stube wird". Während Veronica 
aufsprang, sah die Kranke am unteren rechten 
Bettrande eine grosse, herrlich glänzende, wie in 
einen weissen, strahlenden Mantel gehüllte Frauen- 
gestalt, mit einem Gesichte, glänzend wie die Sonne, 
mit einer wie Gold glänzenden Krone auf dem 
Haupte ('Hände und Füsse sah sie jedoch keine), 
und da überfiel die Kranke ein heftiges Zittern und 
Beben, so dass die von Allem nichts bemerkende 
Veronica Kindermann sie kaum im Bette erhalten 



304 XV. Reichenberg. Warnsdorf. Philippsdorf. 

konnte, wobei die Kranke dieselbe bat: „Knie doch 
nieder, siehst du sie nicht stehen, die Mutter 
Gottes?" Veronica kniete jedoch nicht nieder, weil 
sie von der Gestalt und dem Glänze nichts sah, 
und nur glaubte, es sei der Freundin ein neuer 
Krankheitszufall zugestossen und ihr die Fieber- 
hitze zu Kopfe gestiegen. Der Glanz, welcher von 
der, von der Kranken für die heilige Jungfrau 
gehaltenen Frauengestalt ausging, war so gross, so 
blendend, dass Magdalena Kade sich ihre Augen 
mit den Händen bedecken musste; ihre Freundin, 
welche glaubte, die Kranke phantasire, wollte ihr 
die Hände vom Gesichte wegziehen; diese aber 
faltete nun ihre Hände und rief: „Hoch preise meine 
Seele den Herrn und mein Geist frohlocke in Gott, 
meinem Heilande ! " worauf die heilige Jungfrau zu 
ihr mit einer überaus lieblichen und angenehmen 
Stimme die Worte sprach: „Mein Kind, von nun 
an heilt's". Die Gestalt verschwand, der Glanz und 
die Helle in der Stube ebenfalls, und es war wieder 
wie zuvor dunkel und düster in derselben. Die 
Kranke fühlte aber von derselben Stunde an keinen 
Schmerz mehr, liess nach einigen Minuten der 
Erholung ihren Bruder und dessen Frau wecken, 
rief ihnen mit freudiger Aufregung zu: „Ich bin heil, 
sie hat mir's gesagt!" — und Beide verwunderten 
sich laut über die plötzlich so kräftig gewordene 
Stimme der Kranken. Da ergriff diese, den Ver- 
wandten die Zweifel über die wunderbare Heilung 
am Gesichte ablesend, mit der rechten Hand die 
sonst wundeste Stelle ihrer linken Seite, entblösste 
dieselbe ganz, nahm die, nach den Aussagen des 
Josef Kade und der Veronica Kindermann, noch 
ganz mit Eiter bedeckten Pflaster von den Wunden 



Wartenberg. Liebwerdn. Wuizelsdorf. 305 

und zeigte den Staunenden die vielen nun ganz 
geheilten, frisch überhäuteten und auch nicht den 
geringsten Schmerz oder Geruch verursachenden 
Wunden, die von ihrer früheren grossen Ausdeh- 
nung nur noch ein ganz kleines, ein wenig nässen- 
des, aber eiterfreies Plätzchen übrig gelassen, wel- 
ches bald darauf ganz verheilt ist." 

So weit die Broschüre. Das Wunder war Wasser 
auf die Mühle gewisser Herren in Georgswalde. Sie 
bemächtigten sich der Sache und veranstalteten am 
20. Januar, unter Assistenz von noch drei Geist- 
lichen, ein feierliches Hochamt zur Verehrung der 
wunderthätigen heiligen Jungfrau. Tausende strömten 
herbei und wollten die angeblich Genesene sehen. 
Diese erzählte die wunderbare Heilungsgeschichte 
hundert- und tausendmal, zuerst in der elenden 
Hütte, die sie bis dahin bewohnt, dann in dem 
steinernen Hause, das ihr die Geistlichen erbauen 
Hessen. „Das einfache Haus," meint die Broschüre, 
„wurde zum Wallfahrtsort und zum Asyl der Kranken 
und Hilfsbedürftigen. Die Kraft des Glaubens ergab 
Gewährung, das heisse fromme Gebet hart geprüfter 
Kranken fand gnädige Erhörung, viele Fälle wun- 
derbarer Heilungen erfolgten." Procession nach Pro- 
cessen kam nach Philippsdorf gezogen, die Frauen 
hingen geweihte Kerzen, Blumen und Kränze in dem 
Innern der hölzernen Capelle auf und lagen vor dem 
wunderthätigen Marienbild im Staube, das genau 
nach der Angabe der Kade angefertigt und auf den 
Altar gestellt worden war. Geistliche kamen zu Hun- 
derten von nah und fern. Die Häupter grosser Adels- 
familien kamen aus Schlesien und vom Rhein her- 
beigepilgert. Vornehme Frauen schickten ihre und 
ihrer Kinder Leibwäsche dahin, damit sie hier gleich- 



^?ßß XV. Reichenberg. Warnsdorf. Philippsdorf. 

sam in geweihtem Wasser gewaschen würde. Neben 
der. kleinen hölzernen Capelle entstand eine neue 
geräumige Kirche und vor fünf Jahren begann man 
eine grosse domartige Kirche zu bauen, die viele 
tausend Menschen fassen kann und der Vollendung 
nahe ist. Der Bau hat schon an hunderttausend 
Gulden gekostet, aber die frommen Pilger werden 
nicht müde, beizusteuern. Die Wirthshäuser, welche 
um den Wallfahrtsort herum aus der Erde gewachsen 
sind, machen, trotz ihrer primitiven Einrichtung, die 
besten Geschäfte, und wenn der Tourist in einem 
derselben sein Glas Wein getrunken hat, geht er 
hin, die kathedralartige Kirche und dann auch die 
unhübsche vierschrötige Person zu besichtigen, die 
dem Wundersport zum Ausgangspunkte gedient hat. 
Nicht weit von Eeichenberg liegt das noch vor 
wenigen Jahren so wohlhabende Warnsdorf, heute 
ein Bild der Zerklüftung, eine Stätte geschäftlichen 
Niederganges. Der Bankerott der Bank hat die Leute 
um ihr Geld gebracht, und die religiöse Frage hat 
den Frieden aus dem geselligen, ja selbst aus dem 
Familienleben verdrängt. Es giebt Familien, in welchen 
der Vater Neukatholik, der Sohn Altkatholik ist 
und Vater und Sohn einander nicht ansehen. Warns- 
dorf ist sehr ausgedehnt, und wenn man gegen 
Philippsdorf fährt, hat man wohl zehn Minuten lang 
zu beiden Seiten reizend gelegene, von Gärten um- 
gebene Landhäuser. Der Bahnhof hat eine gross- 
städtische Einrichtung , zahllose Blätter liegen in 
demselben auf, aber vor demselben steht auch nicht 
eine Droschke, die Einen in die ziemlich entfernte 
Stadt bringen würde, deren Wahrzeichen die neue, 
wie ich glaube, altkatholische Kirche bildet. Man 
muss in einen elenden Postomnibus steigen, um 



Wartenberg. Liebwerda. Wurzelsdorf. 307 

wenigstens zur Post zu gelangen, die sich glück- 
licherweise in der Nähe des Gasthofes zur Stadt 
Wien befindet. 

Warnsdorf ist das Hauptquartier des Altkatho- 
licismus in Böhmen, der jetzt eine Art gesetzlicher 
Eegelung gefunden hat. Das Wiener Ciütusmini- 
sterium hat die Altkatholiken von Warnsdorf als 
selbstständige Kirchengemeinde anerkannt, aber sie 
müssen sich eben Altkatholiken nennen und die 
Unlöslichkeit der Ehe anerkennen. Die Warnsdorf er 
Altkatholiken haben ihr eigenes Organ, die „Abwehr". 
Der Prager Journalist Boskoscrmy war einige Zeit 
hindurch Eedacteur der „Abwehr". Er gründete dann 
in Warnsdorf ein belletristisches Familien- Journal 
und siedelte mit demselben vor drei Jahren nach 
Leipzig über, ohne dort jedoch das erhoffte Glück 
zu machen. 

Yon den kleineren Industriestädten, die sich 
innerhalb des Dreiecks Keichenberg-Kumburg-Leipa 
drängen, florirt heute eigentlich nur noch Haida. 
Böhmisch-Leipa, welches namentlich in den Fünfziger 
Jahren einen fast grossartigen Aufschwung genommen 
hatte und der Mittelpunkt regen Fabriklebens ge- 
worden war, ist heute sehr reducirt. Haida bildete 
von jeher den Mittelpunkt einer schwungvoll betrie- 
benen Glasindustrie, die sich von der wie ein Stroh- 
feuer aufflackernden und ebenso rasch wieder ver- 
puffenden Industrie wesentlich unterschied, wie solche 
vor zehn, zwölf Jahren in der Gegend von Eeichen- 
berg, in den Tagen, wo der Handel mit Glas-Quin- 
caillerie-Waaren nach Amerika sehr flott ging und 
der Glasschmuck bei den Damen so beliebt war, 
im Schwange gewesen. Haida's Glasindustrie reprä- 
sentirte dieser modernen, industriellen Blase gegen- 

20* 



308 XV. Reichenberg. "Wamsdorf. Philippsdorf. 

über eine altberechtigte, historische Individualität. 
Sachkundige haben mir über die Organisation dieser 
weitverzweigten Industrie Details erzählt, die viel- 
fach an die Organisation der Hansa erinnern. Der 
junge Mann, der in eines der grossen Haidaer Glas- 
handels-Comptoirs eintrat, verzichtete auf eine ge- 
wisse Keine von Jahren auf jedes Selbstentschlies- 
sungsrecht. Er musste heute nachAlicante in Spanien, 
ein Jahr später nach Amerika gehen, denn Spanien 
und Amerika waren die Hauptoperationsbasen der 
Haidaer Glasindustrie. Während der Commis auf 
diese Art die halbe Welt kennen lernte, durfte 
er sich keinen eigenen Herd gründen. Einmal geschah 
es, dass ein Haidaer Kind dieses Verbot überschritt 
und in fernem Lande heiratete. Der Ungerathene 
wurde sofort heimberufen und musste seine Stellung 
aufgeben. Als dunkle Sage erzählt man sich die 
Geschichte von dem armen Knaben, den ein Haidaer 
Grossindustrieller auf einer Geschäftsfahrt unterwegs 
auf der Strasse halb verhungert fand, mitleidig mit- 
nahm , in sein Comptoir stellte , nach erprobter 
Brauchbarkeit zuerst nach Spanien und dann nach 
Amerika schickte, wo derselbe in einem der Staaten 
des vereinigten nordamerikanischen Complexes eine 
hervorragende politische Bolle spielte und Gou- 
verneur wurde. Durch den fortwährenden intimen 
Contact mit Spanien gab es eine Zeit, wo sich 
Haida halb spanisch präsentirte. Die Leute, die oft 
Jahrzehnte in Spanien zugebracht, sprachen natür- 
lich spanisch wie deutsch als sie nach langen Wan- 
derjahren in die Heimat zurückkehrten, und Haida 
war wohl auch der einzige Ort in Böhmen, in 
welchem ein spanischer Sprachlehrer sein Fort- 
kommen fand, da es daselbst immer junge Leute 



"Wartenberg. Liebwerda. Wurzelsdorf. 309 

gab, die etwas Spanisch, schon auf ihrer Fahrt in 
das romantische Land der Kastanien mitnehmen 
wollten. Bis auf den Kirchhof von Haida hinaus 
reicht das Spanische — derselbe weist manche spa- 
nische Grrabschrift auf. Aehnliche Verhältnisse finden 
sich, allerdings in anderer Kichtung, nur noch in 
Presnitz im böhmischen Erzgebirge und allenfalls 
noch in Herrenhut. Die Presnitzer Musikanten 
durchziehen alle Welttheile und werden auf ihren 
Fahrten oft von ihren Frauen begleitet, welche in 
Asien, Afrika oder Amerika Kinder zur "Welt bringen, 
die später mit ihren wandermüden Eltern nach. 
Presnitz zurückkehren. Wenn man aber auf dem 
Herrenhuter Kirchhof angeschrieben liest: K X. 
aus Borneo oder Montevideo, so hat das wieder den 
Grund , dass die Herrenhuter Ehen auf eigenthüm- 
liche Weise geschlossen werden. Will ein Herren- 
huter Kind heiraten, so wird ihm die G-attin mit- 
unter aus weiter Ferne verschrieben. Der Missionär 
in Panawang auf Sumatra hat vielleicht eben eine 
heiratsfähige Tochter, sie kommt aus Sumatra her- 
über nach Herrenhut, wird daselbst eine gute 
deutsche Hausfrau und kommt nach einem einför- 
migen Leben schliesslich auf die Frauenabtheilung 
des Hutberges zu liegen, wo ihr G-rab die einfache 
Inschrift erhält: N. X. aus Sumatra. So besteht 
zwischen den Kirchhöfen von Haida, Presnitz und 
Herrenhut gewissermassen eine Wahlverwandtschaft, 
da alle drei manchen fern von der böhmischen oder 
sächsischen Heimat zur Welt gekommenen Erden- 
pilger beherbergen. 

Im Weichbilde von Reichenberg liegen drei 
Bäder, davon jedes ungefähr gleich weit von der 
eben erwähnten Stadt entfernt ist. Wartenberg liegt 



Q1Q XV. Reichenberg. Warnsdorf. Philippsdorf. 

vierthalb Meilen südlich von Reichenberg, Liebwerda 
drei Meilen nordwärts, Wurzelsdorf dritthalb Meilen 
in östlicher Richtung. Indem wir dieser Bäder-Trias 
unsere Aufmerksamkeit zuwenden, wollen wir mit 
der Schilderung des bedeutendsten unter den dreien 
beginnen. Das ist unstreitig die Kaltwasser-Heil- 
anstalt Wartenberg, welche Dr. Schlechta vor vierzig 
Jahren begründet hat und heute noch mit unver- 
wüstlicher Energie und unleugbarem Geschick leitet. 
Schlechta ist eine Specialität unter den Bade- 
ärzten Böhmens. Nicht nur, dass er der Senior der- 
selben ist, so zeichnet er sich auch dadurch vor 
ihnen aus, dass er ein ganz neues Bad gleichsam 
aus Nichts geschaffen hat. Es ist eine Kleinigkeit, 
sich in Teplitz, in Karlsbad, in Marienbad oder 
Franzensbad den 50, 30 oder 20 Badeärzten, die 
der Ort bereits beherbergt, anzureihen und als der 
51., 41., oder 21. sich eine Clientel, ein Renommee 
zu schaffen. Aber aus einer Schäferei und einem 
einschichtigen Forsthause in einigen Jahren ein 
Bad in's Leben zu zaubern, in welchem sich alljähr- 
lich die distinguirteste Gesellschaft ein Stelldichein 
giebt, dem Könige zupilgern und in welchem sich 
verwöhnte Minister wohl fühlen, das ist ein Kunst- 
stück, einzig in seiner Art, und Doctor Schlechta 
hat es zuwege gebracht. Im Jahre 1838 kam er als 
junger Arzt in die Gegend, die durch ihn in kurzer 
Zeit eine ganz veränderte Physiognomie erhielt. Das 
Forsthaus wurde zum Curhaus, der Schafstall zum 
Restaurationsgebäude und um die zwei, natürlich im 
laufe der Jahre vielfach veränderten, vergrösserten 
und modernisirten Urgebäude herum gruppirte sich 
eine Colonie von sechs neuen Häusern, die gegenwärtig 
an 200 Curgäste gleichzeitig aufzunehmen vermögen. 



"Wartenberg. Liebwerda. Wurzelsdorf. 311 

Bad Wartenberg erreicht man von Prag aus 
in vier, von Reichenberg aus in zwei Stunden. Die 
Bahnstation ist Turnau, wo immer "Wagen bereit 
stehen, die Einen in drei Viertelstunden nach dem 
Bade bringen, das romantisch am Saume des Waldes 
liegt. Es bildet einen integrirenden Bestandteil der 
Herrschaft Grossskal, die dem Baron Aehrenthal ge- 
hört, der da oben in dem pittoresk auf felsigem 
Berge erbauten Schlosse Grossskal wohnt, das eine 
Viertelstunde vom Bade entfernt ist. Ein Aehrenthal 
war es. der Schlechta seine Unterstützung lieh, als 
dieser vor 40 Jahren das Bad gründete und so mit 
den damals bereits bestehenden Kaltwasser-Heilan- 
stalten in Concurrenz trat. In den Jahren 1836 bis 
1840 wurden solche Anstalten in Tiefenbach. Dou- 
brawitz, Elisenbad. Kuchelbad und Geltschberg be- 
gründet. Wartenberg überlebte die meisten, denn 
Tiefenbach, das sich eine Zeitlang des grössten 
Renommee erfreute, ging ein, als Dr. Schindler im 
Jahre 1850 nach Gräfenberg übersiedelte, und von 
den übrigen behauptete sich nur Geltschberg, dessen 
Blüthezeit in die Jahre fällt, wo es der 1864 ver- 
storbene Meyer bewirthschaftete. 

Bad Wartenberg hat eine wundervolle Lage. 
Schon auf halbem Wege dahin kommt man an der 
alten Burg Waldstein vorüber, die mitten im Walde 
liegt. Fast gleichzeitig erblickt man die Doppelburg 
Trosky, welche ein ganz eigenthümlich geformter 
Basaitfelsen krönt, der ganz unvermittelt mitten aus 
einer fruchtbaren Ebene aufsteigt. In unmittelbarer 
Xähe des Bades liegt jene merkwürdige Felsenstadt, 
die nur noch in den Felsen von Adersbach und 
Wekelsdorf ein Seitenstück hat. Abenteuerliche 
Sandsteingebilde, mitunter die wunderbarsten Gestal- 



312 



XV. Reichenberg. Warnsdorf. Philippsdorf. 



tungen annehmend, bauen sich zu einem Ensemble auf, 
das die Bewunderung des Beschauers erregt. Zwischen 
Felsenklüften führen leiterartige Treppenfluchten in 
schwindelnde Höhen (Mausloch), während der soge- 
nannte Excellenzweg eine coulissenartige Gruppirung 
himmelanragender Felsen dem überraschten Auge 
darbietet. Stundenweit kann man auf wohlgepflegten 




^Y*~-^-?=— 4 , 2 •?-■>! ■'--■*» -■ -■ ; ". ,|, .'B 

^ iiiiiiir, ,.....". 





BAD WARTENBERG. 



Waldwegen dahinwandeln, die zu reizenden Aussichts- 
punkten führen und mitunter groteske Felsenbildun- 
gen in anmuthendem Zickzack umgehen. Mitten in 
dem duftigen, quellenreichen Walde sind Wiesen- 
flächen eingesprenkelt und schilfumrauschte , wald- 
beschattete Teiche zeigen dem Wanderer ihr ti»'f- 
dunkles Auge. 



Wartenberg. Liebwerda. Wurzelsdorf. 



313 



Unmittelbar vom Bade führt ein ebener Spazier- 
gang an sechs Quellen vorüber durch dichten Wald. 
Auf der entgegengesetzten Seite gelangt man sanft 
aufsteigend zu dem Marienfelsen, der eine grossartige 
Rundsicht darbietet, und von welchem romantische 
Waldwege gegen Grossskal führen, dessen poetischer, 
ficht enumkränzt er Friedhof so manches interessante 
Grab enthält. Oesterreichische und preussische Ofrl- 
ciere, die im Juli 1866 schwer verwundet nach 
Wartenberg gebracht und daselbst bis zu ihrem 
Hinscheiden sorgsam gepflegt wurden, ruhen hier im 
Alles ausgleichenden Frieden neben einander. Das 
Schloss Grossskal enthält einen grossartigen Kitter- 
saal, der aus den Tagen des grossen Friedländers 
herrührt und mit 23 Bildnissen von Mitgliedern der 
Familie Waldstein geziert ist. Auch das Porträt 
Albrecht's ist darunter. Der anderthalb Klafter hohe, 
riesige Kachelofen trägt die Jahreszahl 1640. Das 
Schloss ist in den letzten Jahren der unter Leitung des 
Architekten Gruber theilweise restaurirt worden. 
Die Pläne zu einem vollständigen Umbau rühren 
von Ferstel, dem Erbauer der Yotivkirche in Wien, 
her. Unterhalb des Schlosses liegt das Dorf Unter- 
skal, dessen Gasthaus vom Bade aus häufig besucht 
wird. 

Yon weiteren Spaziergängen ist der Ausflug 
nach dem bereits erwähnten Schlosse Waldstein 
"besonders empfehlenswerte. Der Weg führt in nicht 
ganz einer Stunde durch den dichtesten Wald an 
das romantische Ziel. Droben ist eine gute Wirth- 
schaft. Bedeutend weiter liegt auf der entgegen- 
gesetzten Seite die gleichfalls schon erwähnte Burg- 
ruine Trosky. Der Weg zu derselben führt durch 
eine fruchtbare Landschaft, ist aber, sobald der 



o i h XV Reicheuberg. Warnsdorf. Philippsdorf. 

Aufstieg beginnt, ziemlich strapaziös. Man wird 
droben durch keine besondere Aussicht entschädigt. 
Diejenige vom Berge Wisker, der ungleich bequemer 
zu ersteigen ist, ist jedenfalls vorzuziehen. Auch von 
dem Bergrücken Kosakow, in welchem ehedem nach 
Halbedelsteinen gegraben wurde, hat man eine 
weite Fernsicht. Ein reizender Ausflugpunkt ist das 
Eohan'sche Schloss Sichrow, dessen Treibhäuser 
den kostbarsten Blumenflor bergen. Man erreicht 
das im Tudor-Styl restaurirte Schloss von Warten- 
berg ans in einer Stunde. Im Kriege von 1866 
übernachtete der König von Preussen an dem Tage, 
an welchem er Böhmen betreten, in Sichrow. Nach 
Gitschin, welches bis dahin ziemlich unansehnliche 
Städtchen Wallenstein zu seiner Residenz erkoren 
hatte, liegt drei Fahrstunden von Wartenberg ent- 
fernt. Grossartig angelegte, aber nicht zur Gänze 
ausgeführte Bauten erinnern an den Friedländer, in 
dessen Schlosse heute das Kreisgericht untergebracht 
ist. Die daranstossende Kirche haben des Fried- 
länders Architekten nach dem Muster der berühmten 
Kirche von San Jago di Compostella gebaut. In 
der Umgegend von Gitschin und theilweise auch 
intra muros und in den Prachower Felsen wurde am 
29. Juni 1866 eine blutige Schlacht geschlagen, 
deren Verlauf man von dem Berge Tabor, der das 
nahegelegene Städtchen Lomnitz überragt, genau 
beobachten konnte. Eine Viertelstunde von Gitschin 
entfernt und mit dieser Stadt durch eine prächtige 
vierfache Lindenallee zusammenhängend, liegt die 
Strafanstalt Karthaus, ehemals ein Kloster. Es sind 
über 800 zu mindestens zehnjährigem Kerker ver- 
urtheilte Verbrecher daselbst internirt. Doch wurden 
in jüngster Zeit viele Insassen von Karthaus in 



Warteiiberg. Liebwerda, Wurzelsdorf. 315 

die neue, noch grossartigere Strafanstalt überführt, 
die eben vor den Thoren Pilsens fertig geworden ist. 

Zum Beschluss wollen wir noch zweier Punkte 
Erwähnung thun, die einen Besuch von Wartenberg 
aus verdienen. Wir meinen Kleinskal mit seinem 
in jüngster Zeit wieder ein wenig aufgefrischten 
Pantheon, und Münchengrätz , in dessen Schlosse 
im Jahre 1833 die historische Zusammenkunft der 
drei alliirten Monarchen stattfand, anlässlich welcher 
der alternde Kaiser Franz seinen Sohn Ferdinand 
dem Schutze des Kaisers Nikolaus empfahl. 

Die eechische Stadt Turnau, welche unge- 
fähr 6000 Einwohner zählt, hat keine sonderliche 
Bedeutung. Höchstens dass die auf dem höchsten 
Punkte der Stadt stehende Marienkirche auf Be- 
achtung Anspruch macht. In früheren Jahren war 
Turnau der Mittelpunkt eines regen Edelsteinhan- 
dels und noch vor fünfzig Jahren besuchten Tur- 
nauer Steinhändler die Frankfurter und Leipziger 
Messen. Jetzt wird fast nur noch der böhmische 
und Tiroler Granat in Turnau verarbeitet und 
mögen noch höchstens 200 Arbeiter bei diesem 
Industriezweige, dessen jährlicher Erzeugungswerth 
60.000 Gulden nicht übersteigt, Nahrung finden. 
Wohl findet man noch ab und zu auf dem früher 
erwähnten Berge Kosakow Chrysolite, Achate, 
Chalcedons und Jaspisse, aber doch nur mehr 
sporadisch. 

Was die in Wartenberg in Anwendung kom- 
mende Curmethode anlangt, so ist sie eine sehr 
moderirte. Die Gewalt-D ouche und die forcirte 
Einpackung sind längst über Bord geworfen und 
Doctor Schlechta ist seit Jahren sozusagen unter 
die Wassertemperenzler gegangen und behauptet, 



316 XV ' Reichenberg. Warnsdorf. Phiiippsdorf. 

mit dem temperirten System bessere Kesultate zu 
erzielen als mit dem bei Wassercuren früher üb- 
lichen Gewaltsystem, das nicht selten Gehirnkrank- 
heiten erzeugte. Schlechta erfreut sich des weit- 
gehendsten Vertrauens und hat es dahingebracht, 
dass Wartenberg jährlich von 500 Curgästen besucht 
wird. Im Ganzen waren während des vierzigjährigen 
Bestandes von Wartenberg 9000 Curgäste dort in 
Behandlung — eine Riesenziffer für eine Privat- 
anstalt, zumal wenn man bedenkt, dass sich erst 
1847 die Gesammtziffer der Jahresfrequenz auf 
100 Personen stellte. Der eigentliche Aufschwung 
datirt erst aus den Sechziger Jahren. Zu den Stamm- 
gästen von Wartenberg gehören die Minister Pretis, 
Lasser , Chlumetzky , die Exminister Hasner und 
Hein. Fürst Montenuovo , Feldzeugmeister Sokcevic, 
Baron Rauch pflegten dort ihre Sommervillegiatur 
abzuhalten. Der berühmte Hochstetter holte sich 
ebenda wieder die verlorene Gesundheit. Die Gross- 
herzogin von Oldenburg, die Königin von Schweden, 
die Fürstin Wied (Mutter der Fürstin von Rumänien) 
brachten ganze Sommer in Wartenberg zu. 

Die Wohnungspreise variiren zwischen 24 und 
6 Gulden per Woche und Zimmer. Im grossen 
Hause kostet das beste Zimmer 23 fl., die anderen 
durchschnittlich 12 fl.; im Schweizerhaus, im Marien- 
haus und alten Curhaus stellen sich die Preise 
zwischen 13 und 8 fl., im neuen Curhaus zwischen 
17 und 8 fl., im Neubau zwischen 13 und 10 fl., 
im Gartenhaus zwischen 12 und 8 fl. Im Ganzen 
sind 125 Zimmer disponibel. Ein Bett mehr wird 
mit dritthalb Gulden berechnet. Die Curkost kostet 
12 fl. 60 kr., die volle Kost für Gesunde 15 fl. 
80 kr. wöchentlich. Kinder bezahlen bis 3 Jahren 



Wartenberg. Liebwerda. Wurzelsdorf. S17 

6 fl., bis 8 Jahren 8 fl., bis 12 Jahren 11 fl. 20 kr. 
Die Kost für einen Diener wird mit 7 fl. berechnet. 

Man speist an der gemeinschaftlichen Tafel, 
wer für sich essen will, bezahlt per Couvert 2 fl. 
wöchentlich mehr. Curgäste bezahlen für den Ge- 
brauch aller ihnen verordneten Bäder ausschlieslich 
der Kotzen, Bademäntel, Lein- und Handtücher 
2 fl. 45 kr. wöchentlich, wozu noch 1 fl. 80 kr. 
für den Badediener hinzukommen. Der Kleiderputzer 
erhält 35 kr. Der Rollsessel kostet täglich 28 kr. 
Die Curtaxe beträgt 4 und 2 fl. Ein Diener kostet 
20 fl. wöchentlich. Man zahlt für jeden ankommen- 
den und abgehenden Brief 2 kr., für jedes ankom- 
mende und abgehende Paket je nach dem Gewicht 
4 und 8 kr., für jedes Zeitungspaket 1 kr. Die 
Fahrt zum Bahnhof Turnau kostet 2 fl. 54 kr. im 
leichten, .3 fl. 54 kr. im schweren Wagen. Ein 
Expressgang nach Turnau (Stadt) kostet 30 kr., 
nach Turnau (Bahnhof) 40 kr. 

Das zweite der im Weichbilde Reichenbergs 
gelegenen Bäder ist Liebwerda. 

Liebwerda liegt im Bezirke Friedland auf der 
gräfl. Clam-G-allas'schen Domäne gleichen Namens, 
1207 Fuss über der Meeresfläche, am Fusse der 
3476 Fuss hohen Tafelfichte, des höchsten Punktes 
des Isergebirges. Es ist von der Station Raspenau- 
Liebwerda der Südnorddeutschen Verbindungsbahn 
eine halbe Stunde entfernt und hat täglich eine 
zweimalige Postverbindung mit der Bahn. 

Liebwerda ist ringsum von überragenden Hügel- 
rücken gegen rauhe Winde geschützt, hat eine 
sauerstoffreiche, reine, mit Nadelholz-Ausströmungen 
geschwängerte Atmosphäre, die nur unbedeutenden 
thermo- und hygrometrischen Schwankungen ausge- 



318 



XV. Reicl-.enber^. Warnsdorf. Philippsdorf. 



setzt ist. Das schnelle Verlaufen des Wassers erzeugt 
gunstige Bodenverhältnisse und die erquickende, 
durch Thaimiederschläge unterhaltene Sommerfrische 
des Thaies macht den Aufenthalt daselbst im Hoch- 
sommer sehr angenehm. 




L1EBWERM. 



Die Mineralquellen entspringen aus dem Glim- 
merschieferlager, das sich längs des Thaies dahin- 
zieht und gegen Osten vom Gneise der Tafelfichte 
sowie gegen Süden vom Granite des Isergebirges 
begrenzt wird. 

Der Christians- und Eduardsbrunnen sind Koh- 
lensäuerlinge und von dem Stahlbrunnen nur 12 Klafter 
entfernt. 



Wartenberg. Liebwerda, Wurzelsdorf. 319 

Hauptbestandteile der Quellen sind doppelt- 
kohlensaures Natron, Bitter- und Kalkerde nebst 
freier Kohlensäure, dalier sie den alkalisch-erdigen 
Säuerlingen angereiht werden müssen. 

Das Wasser der Säuerlinge ist vollkommen klar, 
geruchlos, von angenehmem, mildsäuerlich prickelndem 
Geschmacke. Die Temperatur der Quelle beträgt 
11-5° C. 

Das Wasser der Stahlquelle ist ebenfalls klar 
und geruchlos und von tintenhaftem Geschmacke. 
Die Temperatur beträgt 13-5° C. Es hat um einige 
Percente mehr fixe Bestandteile als die Säuerlinge 
und doppeltkohlensaures Eisenoxydul in der den Stahl- 
quellen zukommenden Menge. 

Die Hauptwirkung der Quellen besteht in der 
Belebung (gelinden Heizung) und Anregung der 
Drüsen, sämmtlicher Schleimhäute des Magens. 
Darmes, der Hals- und Brust organe. Als alkalisch- 
erdige Mineralwasser neutralisiren sie zunächst den 
Magensaft und die sauren Producte des Darmcanales, 
verbessern so die Blutmischung, befördern die orga- 
nische Rückbildung und erhöhen die Thätigkeit der 
Meren. 

Der Christiansbrunnen wird mit gutem Erfolge 
getrunken bei chronischen Catarrhen der Athmungs- 
organe, beginnender Lungentuberculose. Gewebestö- 
rungen der Lungen nach Entzündungen und Stockun- 
gen, bei Kehlkopfcatarrhen. Heiserkeit und Alte- 
ration der Stimme, bei chronischem Hachencatarrh, 
bei Bronchialcatarrhen und Erweiterungen der Bron- 
chien, bei Emphysem der Limgen, bei pleuritischen 
Exsudaten, chronischen Magenleiden, Sodbrennen. 
Säure, Magenkrämpfen, schwacher Verdauung, bei 



Q9H ^'- Reichenberg. "Warnsdorf. Philippsdorf. 

chronischen Catarrhen der Harnorgane, bei Haemor- 
rhoidal-Krankheiten und Menstruations-Anomalien. 

Als kräftiges Unterstützungsmittel wird süsse 
Molke von Milch beigemengt. 

Der Stahlbrunnen wird bei mangelhafter Blut- 
bereitimg nach starkem Blut- und Säfteverlust und 
in allen Fällen, wo der normale Eisengehalt des 
Blutes vermindert erscheint, sowohl getrunken als 
auch zu Bädern verwendet. Die häufigsten Krank- 
heitsformen der Art sind : Bleichsucht, Anaemien nach 
Diarrhöen , Schleimflüssen , Haemorrhoidalblutung, 
Skrophelsucht, Fettsucht, Bewegungs- und Empfin- 
dungs-Neurosen, Muskelunruhe der Kinder, Zittern 
der Extremitäten, Gesichtsschmerz, Abortus-Senkun- 
gen, Vorfälle etc. 

Das neue Badehaus enthält acht hohe, geräu- 
mige, wohl eingerichtete Badezimmer mit in den 
Fussboden eingelassenen Metallwannen, nebst einem 
Vor- und Wartezimmer. Eine gleiche Anzahl von 
Badecabineten giebt es im alten, mit Holzwannen 
versehenen Badehause. 

Die Kaltwasser-Heilanstalt (im Jahre 1876 er- 
öffnet und von Dr. Robert Plumert jun. geleitet) 
ist ein Neubau in dem Garten des durch die Fahr- 
strasse vom Brunnenplatze getrennten „Neptun" 
(Wohn- und zugleich Unterkunftshaus für Curgäste, 
dem Brunnenarzt Dr. Jos. Plumert gehörig). Die 
ebenerdigen Badelocalitäten sind hier mit Regen- 
uncl Strahldouchen versehen und werden Wannen-, 
Sitz- und Vollbäder daselbst genommen. Der erste 
Stock enthält comfortabel eingerichtete Wohnzimmer 
für Curgäste. 

Auf dem Brunnenplatze befinden sich das Post- 
um! Telegrafenamt im „Türkenkopfe", der in seinen 



Wartenberg;. Liebwerda. Wurzelsdorf. 321 

Stockwerken vermiethbare Wohnzimmer enthält, ferner 
die Restauration und das Einkehrhaus zum Helm, 
der bereits erwähnte Neptun, der Gasthof zum 
schwarzen Adler, der Schwan und das Ordenskreuz. 
Dem Brunnenplatze zunächst liegen die Curhäuser 
der „Anker", das „Schlössel", „Wiesenhaus", „Krone", 
die „Mühle" und „Sonne" nebst dem der Vollen- 
dung nahen Neubau im freundlichen Bauernhofe 
König's. 

Die Wohnungspreise variiren zwischen 8 und 
10 fl. wöchentlich (ohne Bedienung) in Häusern 
ersten Ranges, in Häusern mittleren Classe zwischen 
5 und 7 fl. und in kleineren Häusern zwischen 4 
und 6 fl. wöchentlich. Die Wirthschaft im Helm 
und Adler ist gleich gut, die Wirthin in letzterem 
sehr aufmerksam. Der Speisentarif weist sehr mas- 
sige Ansätze auf. 

Ein Bad erster Classe kostet 45 kr., ein Bad 
zweiter Classe 30 kr. (Bedienung 5 kr., Leintuch 
10 kr.). 

Für die Postfahrt zum Bahnhof Raspenau be- 
zahlt man 45 kr. 

Die Brunnenmusik spielt täglich von 6 bis 
8 Uhr Früh und von 5 bis 7 Uhr Abends auf 
dem Brunnenplatze, der von einer Colonnade um- 
geben ist. 

Aus der Colonnade gelangt man in die Bach- 
allee und in ein Fichtenwäldchen, dem gegenüber 
die parkartigen Anlagen des gräflichen Schlosses 
auf sorgsam gepflegten Wegen zu Höhepunkten mit 
reizenden Rund- und Fernsichten führen, von denen 
das romantisch gelegene Kloster Haindorf, das 
Ferdinandsthal, Weisbach, sowie das Karolinenthal 
zu freundlichen Fusspartien einladen. Weitere loh- 

21 



322 ^ V ' Roiehenberg. Warnsdorf. Philippsdorf. 

nende Excursionen kann man in das Isergebirge, 

önd zwar auf das 3279 Fuss hohe Taubengebirge, 
den 3464 Fuss hohen Sieghübel und die 3476 Fuss 
hohe Tafelfichte unternehmen. Der Wasserfall und 
die Iserwiese sind nicht minder beliebte Spazier* 
gange für geübte Fussgänger. 

Kürzere Ausflüge zn Wagen werden nach dem 
zwei Stunden entfernten preussisch-schlesischen Bade- 
orte Flinsberg und nach Schloss und Stadt Friedland 
unternommen. 

Görlitz, Reichenberg und Zittau werden am 
zweckmässigsten mit Hilfe der Eisenbahn auf- 
gesucht. 

Die Curtaxe wird nach drei Classen eingehoben 
(4 fl., 2 fl. 60 kr. und 1 fl. 50 kr.). 

Wenn man in Liebwerda günstiges Wetter trifft, 
ist es ein angenehmer Aufenthaltsort. Bei anhaltend 
regnerischem Wetter lagert sich aber ein Anflug 
von Melancholie über das kleine Bad und seinen 
stillen Park, über die bewaldeten Berge und die 
einsamen Strassen, die nur durch Processionen be- 
lebt zu werden pflegen, welche nach Haindorf ziehen, 
wo es an Sonntagen ungemein lebhaft zugeht. 
Eimerweise wandert dann der Liebwerdaer Säuerling 
nach dem Wallfahrtsorte, dessen Kirche von zahl- 
losen- Verkaufsstätten eingefasst ist. Legion ist dann 
auch die Zahl der Bettler, welche die Strasse von 
Liebwerda nach Haindorf garniren. Man bekommt 
bei dieser Gelegenheit auf dieser Strasse ein Bild 
menschlicher Gebrechlichkeit und Verkommenheit zu 
schauen, «las man nicht so leicht vergisst. 

Liebwerda wird zumeist von Reichenberg, Zittau 
und Görlitz aus stark besucht, obwohl die Zittauer 
sieh in der letzten Zeit mit Vorliebe dem am Fuss 



Wartenberg. Liebwerda. Wnrzelsdorf. S'^S 

des Oybin entstandenen Lnfteurorte zuwenden, der 
sich mit seinen stattlichen Villen ganz reizend prä- 
sentirt. Die Eeichenberger Damen erkennt man in 
Liebwerda auf zehn Schritte an der Virtuosität, 

mit welcher sie den Strickstrumpf handhaben. Ich 
glaube, die richtige Eeiehenbergerin strickt selbst 
im Concertsaal und im Theater. 

Zwischen Reichenberg und Zittau herrscht ein 
lebhafter Verkehr. Man würde wünschen, die Eeichen- 
berger nähmen sich die Zittauer in mancher Be- 
ziehung zum Muster. Eeichenberg könnte es. bei- 
spielsweise, ganz gut vertragen, wenn einige seiner 
reichen Mitbürger vor ihrem Tode auf den guten 
Einfall kämen, die Stadt zum Erben einzusetzen. 
Eeiche Zittauer tlnm das oft, und die Stadt hat 
manche ihrer mustergültigen Bauten solchen Legaten 
zu verdanken. Aber auch in anderer Beziehung 
könnte die sächsische Nachbarstadt der böhmischen 
voranleuchten. Eeichenberg könnte sich glücklich 
schätzen, wenn es solche Anlagen hätte wie Zittau. 
Von Zittau's stattlichem Eathhause. seinem Schul- 
palast, seinem Musterbad. seinem Circus will ich 
nicht erst reden. Nicht weit von Zittau ruht in 
einer stillen Klosterkirche die böhmische Nachtigall, 
Henriette Sontag. TTenn man im nahen Herrenhut 
den Hutberg besteigt, auf welchem die Herrenhut er 
Todten so schön gebettet sind, kann man die Zinnen 
des Klosters wahrnehmen, in welchem sich das (Trab 
der berühmten Sängerin befindet. ..Madame Eos- 
signol" hat sie Kaiser Xikolaus genannt, als sie 
in St. Petersburg als Gemalin des piemontesischen 
Gesandten Eossi weilte. TTenn ..Madame Eossignol" 
mit des Czaren Lieblingstochter Alexandra Duette 
sang, schlich sich Nikolaus oft, wie Grimm, der Er- 

21* 



Q-?4 X V. Reichenberg. Wamsdorf. Philippsdorf. 

zieher der kaiserlichen Prinzen, in seinem Buche 
..Maria Feodorowna-' erzählt, aus seinem Arbeits- 
zimmer an die Thür jenes Zimmers, in welchem 
der Gesangsunterricht stattfand, und lauschte dem 
Gesang. Ja, noch mehr, der Czar aller Reussen. 
der sonst kein besonderer Musikliebhaber war und 
von Opern nur den „Don Juan*' und an sonstiger 
Musik nur militärische Märsche liebte, durch welche 
sich auch Liszt bei ihm einzuschmeicheln wusste. 
nahm oft selbst ein Notenheft zur Hand und sang 
mit Alexandra und der Sontag ein Kirchen-Trio. 

Es erübrigt nunmehr nur noch auf das dritte 
der im Reichenberger Revier gelegenen Bäder einen 
Blick zu werfen. 

Bad Wurzelsdorf liegt in einer der schönsten 
und gesündesten Gebirgsgegenden Böhmens, dort, 
wo sich die Ausläufer des Isergebirges von der 
Westseite und des Riesengebirges von der Ostseite 
treffen. Auch von Norden her wendet der falsche 
Kamm, ein Theil des Isergebirges, seine Abdachung 
dem Thale zu und diese natürlichen Schutzwehren 
gestalten das beinahe kesseiförmig abgeschlossene 
Thal zu einem der lieblichsten Sommeraufenthalte. 

Sowohl der zum Bade Wurzelsdorf selbst ge- 
hörige Waldcomplex als auch die angrenzenden 
mächtigen Forste sind nach allen Richtungen von 
lauschigen schattenreichen Waldwegen durchschnitten, 
die sich , allmälig ansteigend, oft stundenweit hin- 
ziehen und den Besucher auf den nahegelegenen Schaf- 
und Farrenberg, oder thalauf und abwärts an den 
Ufern des wildschäumenden, steinreichen Iser- und 
Mummelflusses hinführen. 

Wurzelsdorf wird zur Sommerszeit stark von 
Touristen durchzogen , welche nach dem nahen 



Wartenberg. Lieuwerda. Wurzelsdorf. 



325 



Schlesien pilgern oder als Ziel ihrer Wanderung 
die Sehneekoppe betrachten, zu welcher die bis 
hierher reichenden Ausläufer des Biesengebirges auf 
zum Theil gut gebahnten Pfaden fahren. Aeusserst 
lohnende Ausflüge sind der Besuch des nahen Neu- 
welt (Graf von Harrach'sehe Glasfabrik), des reizen- 




WURZELSDORF. 



den Harrachsdorf (Fischzucht. Mummelf alle) . des 
mitten im Walde gelegenen Hoffnungsthal (Glas- 
fabrik), des die ganze Gegend beherrschenden Stefans- 
thurmes (vom Erzherzog Stefan im Jahre 1846 an- 
gelegt). 

Weitere Ausflüge sind nach dem der Ueber- 
lieferuno' nach edelsteinreichen Buchberg und der 



326 XV Reicbenber g- Warnsdorf. Philippsdorf. Wartenberg etc. 

Iserwiese, dein einsamen Kärlsthal und dem reizend 
gelegenen Tiefenbach. 

Das an Naturschönheiten so überaus reiche 
Wurzelsdorf eignet sich aber nicht blos zum klima- 
tischen Curorte und zum angenehmsten Sommer- 
aufenthalte, sondern es besitzt auch heilkräftige 
Quellen, die schon vielen Leidenden zum Nutzen 
gereichten. 

Nach den Untersuchungen Professor Kletzinsky's 
enthalten dieselben folgende Bestandtheile : Quell- 
saures Eisenoxyd, Chlornatrium, kohlensaures Eisen- 
oxydul, sowie freie Kohlensäure. In der Gegend giebt 
es auch eisenhaltigen Moor, der zur Bereitung von 
Moorbädern verwendet wird, welche die Heilwirkung 
der Quellen unterstützen, die bei rheumatischen und 
gichtischen Affectionen, bei Neuralgie und Lähmungen 
peripheren Ursprungs gute Dienste leisten. 

Badearzt ist Dr. S. Klein in Polaun, der zwei- 
mal wöchentlich nach Wurzelsdorf kommt. 

Für die bequeme Unterkunft der Curgäste ist 
durch reinlich, solid und geschmackvoll eingerichtete 
Fremdenzimmer — darunter auch solche mit 2 bis 
3 Betten — gesorgt. Eine gut eingerichtete Kestau- 
ration und ein geräumiger Speisesalon, sowie eine 
offene Veranda mit der Aussicht auf das pracht- 
volle Iserthal stehen zur Verfügung der Curgäste. 

Der Postverkehr nach aussen wird durch die 
täglich zweimal ankommende Post mit Tannwald, 
Neuwelt, Hochstadt und Schreiberhau in Schlesien 
unterhalten. Die nächste Poststation ist Schenken- 
hahn, die in l / 2 Stunde, die nächste Telegrafen- 
station Neuwelt, die in 8 / 4 Stunden zu erreichen ist. 




XVI. Johannisbad. 



art an der Grenze Böhmens lie- 
gend, gewinnt Johannisbad, mit 
gutem Rechte das „böhmische 
Gast ein" genannt, weil es seine 
Gebirgslage und seine balneolo- 
gische Bedeutung dem in den Salzburger 
'l> Alpen situirten Bäderheros der europäischen 
Akratothermen (Wildbäder) ähnlich erscheinen lässt, 
in neuerer Zeit sowohl als Heilort, wie auch als 
Restaurationspunkt einen immer grösseren 
Aufschwung und einen sich schon über weite Länder 
verbreitenden Ruf. 

Der Curort, eine Dorfgemeinde mit 73 theils 
grossen, theils kleinen Häusern und Villen, liegt in 
einem von Westen nach Osten sich senkenden Thale 
unter dem Schwarzenberge , einem majestätischen 
Bergkolosse des Riesengebirges. Es mündet dieses 
wald- und wiesengrüne Badethälchen in das industrie- 
reiche, prächtige Aupathal, das von der Schneekoppe 
seinen Ausgangspunkt hat und dessen Bach Aupa 
die Bezirke Marschendorf, Traut enau und Jaromev 
durchschneidet und sich bei dieser cechisehen Stadt 
in die Elbe ermesst. 



328 



XVI. Johannisbart. 



Der Badeplatz, welchen die Curhäuser, das 
grosse Lagerhaus „Preussischer Hof 1 ' und die Colon- 
nade begrenzen, liegt 610 Meter (1930 Fuss) über 
dem Meeresspiegel, während die Logir- und Gast- 
häuser des Curortes bald tiefer, bald höher situirt 
sind und zumeist an der südlichen Thallehne (570 
bis 652 Meter hoch) liegen. 

Das nächste Städtchen, zugleich Bahnstation 
der österreichischen Nordwestbahn, ist das eine gute 
halbe Stunde entfernte Freiheit, ein altes Bergstädt- 
chen, das in den Siebziger Jahren des vorigen Jahr- 
hunderts zweimal das Glück genoss, den unvergess- 
lichen Kaiser Josef IL über Nacht zu beherbergen : 
eine grössere, drei Wegstunden entfernte und mit 
Freiheit durch eine Flügelbahn verbundene Stadt 
ist Traut enau, der Hauptort des Kiesengebirges, 
bekannt durch seine grossartigen Flachsgarn-Spinn- 
fabriken und als Markt-Centrumspunkt für diesen 
Garnartikel auf dem Continente. 

Trau ten au liegt zwei Meilen von dem 
preussisch-schlesischen Städtchen Lieb au entfernt. 
bei welchem die schlesische Gebirgsbahn, welche 
den Verkehr von Görlitz und Breslau mit dem 
Riesengebirge vermittelt, ihren Endpunkt erreicht. 
Die Entfernung Johannisbads von P r a g beträgt 18, 
von Breslau 17 Meilen und erreicht man es von 
Prag in nahezu 8 Stunden (Dank der Misere der 
Fahrordnungen) und von Breslau in 6V 2 Stunden. 

Johannisbad hat zwei Specialitäten: seine 
Bassins und seine Wälder. 

In den I> a s s i n s, wovon das grössere eine Länge 
von 6-38 Meter, eine Breite von 5*62 Meter und eine 
Tiefe von 2*2 Meter hat, sprudelt die Thermalquelle mit 
einer Temperatur von 29° C. (23y/R.) hervor, und 



XVI. Johannisbad. 



329 



zwar mit einer Mächtigkeit, das.?, wenn das Wasser 
abgelassen wird, was zu Mittag zum Theil, Abends 
ganz geschieht, beide Bassins in wenig über 2 Stunden 
wieder ganz wassergefullt sind. Man kann die 
kry st allhelle, bläulich und grünlich schillernde, geruch- 
lose Wassersäule bis auf 1*3™ hoch spannen, wodurch 
es Schwimmkundigen — mit Erlaubnis s der Mit- 
badenden — ermöglicht ist, sich schwimmend darin 
herumzubewegen. Im Abfluss des Sprudelwassers 
hat Professor Ferdinand Cohn in den dicken, 
dunkelgrünen Oscillarien-Polstern Algen gefunden, 
und zwar eine besondere Specialität der Warrnquellen. 

Es ist kaum nothwendig, zu bemerken, dass 
ausser den Bassinbädern, welche die wirksameren 
sind, auch noch Wannenbäder eingerichtet sind, für 
welche das Thermalwasser aus einem dritten Bassin 
erhitzt wird. Aus diesem führt auch eine Leitung 
das Edelwasser (man nennt so Heilquellenwasser zum 
Unterschiede von gewöhnlichen Brunnen- oder Fluss- 
wassem) zum Eingange in das Curhaus II (Bäder- 
haus), wo es zum Trinken dient und bei verschie- 
denen katarrhalischen Zuständen des Yerdauungs- 
tractes auch häufig ärztlich verordnet wird. 

Die Johannisb ader Therme gehört in 
die Classe der physicalisch wirksamen — 
und zwar wirksam durch elektrisch -magneti- 
sche Strömung, welche bei Gastein durch wissen- 
schaftliche Experimente nachgewiesen wurde, durch 
ihre Naturwärme, durch ein gewisses Gasgemenge 
und vielleicht auch durch einen gewissen Metall- 
und Salzgehalt — von älteren Aerzten auch chemisch 
indifferente Akratothermen genannten Heilquellen, 
deren bekannteste, gepriesenste und höchstgelegene 
Ga stein ist und zu welcher Classe im mittleren 



330 



XVI. Johannisbad. 



Deutschland nebst Johannisbad noch Schlangenbad, 
Landeck . Teplitz - Schönau und Warmbrunn , im 
deutschen Süden Wildbad (in Württemberg), Tüffer, 
Neuhaus (in Steiermark), Pfäffers gehören. 

Die Sprudelquelle zu Johannisbad erleidet 
weder durch den Wechsel der Jahreszeiten, noch 
durch Witterungsverhältnisse eine Aenderung in 
ihrem Wärmegrade und in ihrer chemischen Be- 
schaffenheit ; sie muss sich, um diese Temperatur 
(29° C.) zu erhalten, aus einer Tiefe von 2000 bis 
2300 Fuss emporarbeiten, und nach den heutigen 
geologischen Kenntnissen ist es wahrscheinlich, dass 
die Quelle dem Urgestein aus mächtigen Lagern von 
Urkalk sich entwindet, woraus auch der geringe Ge- 
halt derselben an mineralischen Bestandteilen zu 
erklären ist. 

Die letzte chemische Analyse der Thermal- 
quelle unternahm der bereits verstorbene Professor 
der Chemie in Wien. Dr. Kedtenbacher, welcher 
sie als ein schwach erdig-alkalisches Eisenwasser 
kennzeichnete, in dem der kohlensaure Kalk den 
Hauptbestandtheil bildet, dem sich zunächst die 
kohlensaure Bittererde und das kohlensaure Natron an- 
schliessen, welche um das Dreifache die Menge des 
schwefelsauren Natron übersteigen, und woran dann 
erst noch geringhaltiger das Eisen und Mangan 
hinzutreten. Die Summe der fixen Bestandteile 
dieses Edelwassers beziffert sich bei 10.000 Ge- 
wichtstheilen Wassers mit 2.261 hinzugerechnet noch 
die doppelt kohlensauren Salze (Bicarbonate mit Ein- 
schluss der freien Kohlensäure = 2,773) in Summa 
also mit 5,825 Gewichtstheilen oder 0,35 Gramm. 

Die Bäder solcher Thermen wirken nach der 
Erklärung der Baineologen anregend auf die Haut- 



XVI. Johannisbad. 



331 



thätigkeit, sie befördern die Hautcirculation und 
die Kesorption, und vorzugsweise wirken sie als 
peripherer Nervenreiz. 

Professor J. Seng er (in Wien) spricht sich 
über die Wirkungsweise der chemisch-indifferenten 
Thermen (Wildbäder) noch wie folgt aus: „Sie 
wirken restaurirend auf den G-esammtorganismus. 
sie verbessern die Blutbereitung, sie kräftigen und 
beleben die Nerventhätigkeit und sind daher im 
Allgemeinen in jenen Krankheitsformen angezeigt, 
welche in gesunkener Nervenenergie ihren nächsten 
Orund haben. Die genannten restaurirenden Wir- 
kungen kommen nicht allen indifferenten Thermen 
zu, es besitzen diese Eigenschaften nur jene Ther- 
men, welche in hohen Gebirgsregionen vorkommen; 
inwieweit die klimatischen Verhältnisse, die reine 
frische, sehr verdünnte Gebirgsluft und der ver- 
minderte Luftdruck an diesen Wirkungen Theil hat, 
ist noch nicht mit Bestimmtheit zu ermitteln. Die 
Bezeichnung indifferente Thermen bezieht sich eben 
nur auf die negativen Eigenschaften der Quellen, 
und es ist wohl möglich, dass die Quellen, welche 
therapeutisch verschieden wirken, sich auch durch 
chemische und physicalische Eigentümlichkeiten aus- 
zeichnen, die wir vorläufig noch nicht zu ermitteln 
im Stande sind." 

Wir kommen nun zur Betrachtung der hygie- 
nischen Ortslage Johannisbads , zur Schätzung 
seiner Wälder. Die Mischung duftiger Tannenwälder 
und saftiggrüner Wiesen gestaltet Johannisbad zu 
einem ungemein anmuthigen, Aug' und Gemüth, 
Lunge und Blut gleich erfrischenden Sanatorium. 

Vermöge seiner Höhenlage und als waldum- 
kränztes Kesselthal ist Johannisbad frei von Miasmen, 



332 



XVI. Johannisbad. 



von mephitischen Oasen und Dünsten; man athmet 
da reine, dünne, durch reichsten Ozongehalt das 
Blut auffrischende , die Xerven stärkende Luft, 
was dem Bade den Charakter eines Höhen- und 
Luftcurortes aufprägt. Ueber die Berggelände, 
durch die Wälder und die Wiesen rieseln klare 
Quellen und in den im Frühling hellgrünen Fichten 
und Buchen, sowie in den dunklen Tannen jauchzen 
bis tief in den Juni hinein Drosseln und Finken 
ihre Freudenlieder in die Luft. 

Je vegetationsreicher eine Bergregion 
ist und je häufiger Temperaturabkühlungen in der- 
selben vorkommen, was ja in Gebirgen der Fall, 
desto stärker tritt in derselben der 'Ozongehalt auf, 
und diesem ist es unbezweifelbar zuzuschreiben, 
dass sich in einer solchen Bergregion ein Contagium 
entweder gar nicht bilden kann, oder dass das her- 
gebrachte leichter zerstört wird; denn das Ozon 
(activer oder elektrischer Sauerstoff) besitzt im 
höchsten Grade das Vermögen der Oxydation, gleich- 
sam eine Verbrennungskraft, wodurch alles Orga- 
nische (Seuchenpilze) seine specifischen Eigenschaf- 
ten einbüsst, seine primäre Verfassung verliert, 
und je nachdem unschädlich wird. Daher mag es 
kommen, dass Volksseuchen wie Cholera, Typhus, 
Blattern, die sich hier immer als eingeschleppt 
nachweisen lassen, keine Ausbreitung und Dauer 
gewinnen und bei Ansteckung keinen bösartigeren 
Charakter annehmen. 

Dass bei einer so reinen, sauerstoffreichen Luft 
auch die Scrophulose und Tubereulose hier bei nor- 
maler Lebensweise nicht den Boden findet, auf 
welchem sie, die Jugend hinraffend, wuchern könnte, 
bedarf wohl keiner weiteren Auseinandersetzung. 



XVI. Johanuisbad. ^^S 

Was die Witterung anlangt, so nmss wohl 
constatirt werden, dass diese hier in keiner Jahres- 
zeit eine sichere Kegelnlässigkeit einhält, anderer- 
seits ist es jedoch Erfahrungssache, dass daselbst 
die häufigen Temperaturschwankungen und Regen- 
schauer im Frühling und Herbst lange nicht so 
vehement auftreten wie in manchen anderen Ge- 
birgsgegenden Böhmens und Schlesiens, Und Ge- 
witter und Stürme entladen sich hier niemals in so 
furchtbarer Weise, wie tiefer in den Thälern. Die 
im Rücken (Nordwesten und Norden) in nächster 
Nähe sich mächtig aufthürmenden Berge (Schwar- 
zenberg und Forstberg) und etwas weiter im Osten 
das Rehhorn schützen das Badethal und seine 
Häuser und brechen die Wuth der Orkane und 
Unwetter. 

Schlägt im Mai oder Juni in Johannisbad 
schönes Wetter ein (und in der Regel bringt einer 
dieser Monate blauen Himmel), dann gilt das, was 
Uffo Hörn, der Trautenauer Dichter, über Johan- 
nisbad geschrieben hat : „Wenn man da athmet, 
erweitert sich die Brust, man glaubt in die zauber- 
haften Thäler der südlichen Schweiz versetzt zu 
sein. Im Yal de Chamounix und unter den Alpen- 
rosen von Heiligenblut und Rosenlaui fühlt man 
sich nicht frischer und seliger als in dieser stillen 
Wald- und Berglandschaft." 

In den Sommermonaten bilden in unmittel- 
barer Nähe der Häuser auf den Lehnen die Nadel- 
wälder, deren anmuthigster der grosse Promenade- 
wald im Osten des Curortes ist, eine kühle und 
duftige Aufenthalts statte. In neuester Zeit wird 
auch das Kronprinz Rudolfs-Thal — im Süden des 
Curortes unter dem Kalk- und Ladigberg — mehr 



334 



XVI. Johann isbad. 



und mehr cnltivirt und zum Aufenthalte einladen- 
der hergerichtet. An sehr heissen Tagen nimmt 
Nachmittags der Badegast ebenso wie der Som- 
merfrischler seine Zuflucht zum kühlen Klaus e- 
graben (einer Schlucht zwischen dem Schwarzen- 
und dem Forstberg), wo er sich freilich auch bis- 
weilen erkältet. 

Oft zeigen in Johannisbad die ersten Juli- 
wochen noch einen lenzartigen Charakter ; die Vege- 
tation prangt da noch in reizendem Grün und 
Millionen Blümchen entspriessen dem Boden. Eben- 
so reizend ist ein schöner September, welcher sich 
in manchem Jahr wie eine Reprise des Frühlings 
ausnimmt. 

Die Schönheit des Johannisbader Waldparkes 
preist der Dichter Siegfried Eisenhardt in innig 
empfundener Weise in nachstehendem Gedichte: 

I m W aide von Johannisb a d. 

Träumerische Waldesstille — 
Wie ein Bräut'gam die Erkor'ne 
Grüsst dich meines Sehnens Fülle. 
Lang entbehrte, lang verlerne! 

Aus der Städte düstern Mauern, 
Aus der Tiefe, von der Höhe, 
Flieht zu dir manch' banges Trauern, 
Manches stumm getrag'ne Wehe — 

Manches R< is, das viel versprochen, 

Doch zu früh zur Reife strebte. 
Mancher Stamm, der halb gebrochen, 
Ach so gern noch einmal lebte — 

Manches Herz, vom Pfeil getroffen, 
Mancher schwer verletzte Fechter, 
Und du hälfst die Arme offen 
Für die sinkenden G »schlechter! 



XVI. Johanuisbad. 335 

Wie es rauscht an deinen Bäumen. 
Wie es lispelt in den Zweigen : 
Mich umfängt ein süsses Träumen, 
Eine Ad dacht, weich and eigen — 

Selbstvergessen, Kind geworden. 
Jauchzt die Seele, die befreite. 
Von des Waldquell's Blumenborden 
Tönt ein wundersam Geläute. 

Hingestreckt so weich, so moosig, 
Ueber mir das grüne Prangen. 
Durch die Stämme spielen rosig 
Der Gesundheit Kinderwangen — 

Wie ein Hauch von Himmelsfrieden 
Zieht er in die Brust des Mannes, 
Und sein Dank sei dir beschieden 
Schöner Wald von Sanct Johannes ! — 

Es erübrigt nun noch der Leiden und Krank- 
heitszustände zu gedenken, welche hei richtiger Ver- 
werthimg der vorzüglichen Curmittel. der Bäder 
und der W a 14- und B e r g 1 u f t. in Johannisbad 
zumeist ihre Heilung oder möglichste Besserung 
erfahren. 

Johannisbad ist angezeigt gegen Xerven- 
und b eginnende Pi ü c k e n m a r k 1 e i d e n, ner v ö s e 
Augen- und Ohrenleiden, rheumatische, Hae- 
morrhoidal- und eatarrhalische Zustände, Knochen- 
leiden. Frauenkrankheiten. Blutblässe, Ent- 
kräftung nach schweren Erkrankungen, Depres- 
sions zu stände des Geistes und Gemüthes in 
Folge von Blutarmuth oder dyskrasischer Blut- 
mischung. Es dient auch in sehr erspriesslicher 
Weise zur Nachcur von Karlsbad und Marienbad. 
Nebenbei sei noch erwähnt, dass in Johannisbad 
zum Nutzen Jener, welche mit der eigentlichen Cur 



336 



XVI Johanuisbad. 



noch einen Nebenzweck verbinden wollen, die ge- 
bräuchlichsten in- und ausländischen Mineralwasser 
stets auf dem Lager (bei der Badeverwaltung) vor- 
handen sind, dass ein Schweizer (aus Appenzell) 
während der Saison täglich frische vortreffliche 
Ziegen-Molke bereitet und dass eine köstliche wür- 
zige Kuhmilch frisch gemolken in mehreren Wirt- 
schaften verabreicht wird. 

Als Badeärzte fungiren Dr. Joh. Kopf, Dr. Bern- 
hard Pauer und Dr. Franz Schreier. 

Der Curort kann heute in seinen Logir- 
häusern und Hotels an J200 Personen gastlich 
unterbringen. 

In erster Reihe sind nachstehende grosse Logir- 
häuser zunächst den Bädern zu nennen : Die 
Cur hau s e r I. II und III, der „P r e u s s i s c h e 
Hof", der „Kaiser von est erreich" , der 
„Reichsapfel", „Kronprinz Rudolf", „Stadt 
Prag", Villa Bohemia, Villa Marien warte, 
zum „goldenen Engel", ferner das Hotel „deutsches 
Haus". Zunächst dem Promenadewald liegen Villa 
Gorcey, „der Falke", das Logirhaus „Wiener 
Hof", „der deutsche Kaiser", Villa Stark, 
Villa nova und andere mehr. Zu diesen Logir- 
häusern ist heuer das neuerbaute „Johanuisbad" 
{elegant und comfortabel eingerichtet und von einem 
Wiener Wirthe bewirtschaftet) hinzugekommen. Die 
,.Austria", der „goldene Stern", „Stadt 
Breslau", die „goldene Krone" (sämmtlich Gast- 
und Logirhäuser), der „goldene Anker •', Elisenvilla, 
„Franz Josef-Höhe" (hoch gelegen mit prachtvoller 
Berg- und Thalschau), die Bergschänke (Waldhaus) 
vervollständigen das Ensemble der zur Aufnahme 
Fremder vorgerichteten Räumlichkeiten. 



XVI. Joharmisbad. 



337 



Im Curhause I befindet sieh ein Eestaurant 
(ä la carte und table d'höte). Die table d'höte kostet 
im Hotel Johannisbad wie im Curhause 1 fl. 20 kr. 
(um 12 Uhr) und 1 fl. 50 kr. (um 2 Uhr). Die 
Logispreise variiren von 60 kr. bis 2 fl. täglich, 
Salons kosten 3 fl. täglich. In der Hochsaison (vom 
28. Juni bis 25. August) erhöhen sich die Preise 
noch um ein Drittel. 




JOHONISBAB. 



Den Curhäusern gegenüber liegt die Colonnade, 
ein nach rückwärts verglaster netter Holzbau von 
436 Meter Länge und 6*3 Meter Breite, an deren 
oberem Ende die Musikcapelle spielt. Für die 
Saison 1878 wurde zum ersten Male die Schaum- 
burg-Lippe'sche Bergcapelle (aus Schwadowitz) als 
Curmusik engagirt. Sie producirt sich täglich zwei- 
mal, bei schönem Wetter überdies zweimal in der 
Woche Nachmittags im Promenadewald (gegenüber 
dem Schweizer hof (Gast- und Logirhaus). 

22 



338 



XVI. JoLaunisbad. 



Iu der Nähe des Badeplatzes ist das Cur- 
saalhaus, das einen schön ausgestatteten Saal, 
ein Lesezimmer und einen verglasten Balcon (gleich- 
falls als Lesecabinet dienend) enthält. Bis heute 
wird in dem Curhaussaale noch der evangelische 
Gottesdienst abgehalten, im Jahre 1879 dürfte für 
diesen Zweck wohl schon die evangelische Kirche 
innerlich vollendet sein. Der katholische Gottesdienst 
wird in einer eigenen Capelle im Curhause Nr. III 
abgehalten. 

Die Preise, der Bäder stellen sich wie folgt: 

Vormittags. 
Ein Bassinbad I. Classe mit Wäsche 
,, „ I. „ ohne „ 

IL r mit „ 
„ „ II. „ ohne „ 

„ Wannenbad I. Classe mit Wäsche 
„ ,. 1. „ ohne „ 

„ v II. „ mit „ 

„ „ IL „ ohne „ 

Nachmittags. 

Ein Bassinbad I. Classe mit Wäsche 

n n II* n n n 

,, Wannenbad I. Classe mit Wäsche. 

77 77 -IL* ii n r, 

r „ III. „ Vor- und Nachmittags 30 „ 

,. kaltes Douchebad 20 r 

Die Cur- und Musiktaxe wird nach 3 Classen 
bemessen und ist von Curgästen mit 8, 6 und 4 11. 
einzuheben, und zwar derart, dass an Curorts- und 
Musiktaxe zu Händen des Curtaxfondes einzuheben 
kömmt: 



. . . 60 kr. 


. . . 50 ,. 


. . . 50 .. 


. . . 40 r 


. • • 70 „ 


. . . 60 „ 


. . . 60 „ 


. . . 50 „ 


. . . 40 kr. 


. . . 30 ,. 


. . . 50 ,, 
. . . 40 ,. 



XVI. Johannisbad. 339 

1. d) Ton einer Partei der I. C lasse 
bestehend aus einer zahlungspflichtigen Person 8 fl. 
„ ,. zwei ,. Personen 14 „ 

n » drei r » 18 „ 

, 7 » vier „ ,. 20 „ 

b) Ton einer Partei der IL C 1 a s s e 
bestehend aus einer zahlungspflichtigen Person 6 fl. 

„ ,. zwei „ Personen 10 „ 

„ „ drei „ „ 12 „ 

» v vier „ „ 14 „ 

c) Von einer Partei der III. C 1 a s s e 
bestehend aus einer zahlungspflichtigen Person 4 fl. 

„ „ zwei „ Personen 6 „ 

„ „ drei „ „ 8 r 

n » ™I „ „ 10 „ 

Umfasst eine Partei mehr als 4 (vier) Personen, 
so wird für jene, die der I. und IL Classe angehören, 
ä Person mehr 2 fl., für die der III. Classe ä Person 
mehr 1 fl. bezahlt. 

Was die Fahrtaxen anlangt, so sind sie wie folgt 
festgesetzt: 
1. Vom Bahnhofe zu Freiheit nach Johannisbad 
oder von da zum Bahnhofe mit Gepäck bis zu 50 Kilogramm : 

a) Mit einem zweispännigen viersitzigen 

Wagen 1 fl. 60 kr. ö. W. 

b) Hin und zurück 2 fl. — kr. „ 

c) Mit einem einspännigen zweisitzigen 

Wagen 1 fl. 20 kr. „ 

d) Hin und zurück 1 fl. 50 kr. „ 

Für Uebergewicht sind von 25 auf 25 Kilogramm 30 kr. 
ö. W. mehr zu entrichten. 
Für eine zweispännige Frachtfuhre von 

oder zum Bahnhofe 1 fl. 20 kr. ö. W. 

„ eine einspännige Frachtführe ... 1 fl. — kr. n 

22* 



340 



XVI. Jobannisbacl. 



•2. Für Partiefalirten auf einen halben Tag (Nach- 
mittag von 1 bis 8 Uhr) im Umkreise von 11 Kilometer 
(l'/ 2 Meile) ist zu zahlen: 

a) Mit einem zweispännigen viersitzigen 

"Wagen 5 fl. — kr. ö. TV. 

b) Mit einem einspännigen zweisitzigen 

Wagen 3 fl. — kr. „ 

3. Für Partie fahrten auf einen halben Tag (Nach- 
mittag): nach Riesenhain (Petzer): 

a) Mit einem zweispännigen viersitzigen 

Wagen 7 fl. — kr. ö. W. 

h) Mit einem einspännigen zweisitzigen 

Wagen 4 fl. — kr. „ 

4. Für Partiefalirten nach Riesenhain (Petzer), ferner 
nach Kleinaupa oder Hohenelbe auf einen ganzen Tag (von 
6 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends): 

a) Mit einem zweispännigen viersitzigen 

Wagen 9 fl. — kr. ö. W. 

b) Mit einem einspännigen zweisitzigen 

Wagen 6 fl. — kr. ., 

5. Für Partiefahrten auf einen ganzen Tag (von 
6 Uhr Morgens bis 9 Uhr Abends) : 

Nach Riesenhain und zurück nach Kleinaupa (Koppenpartie) 

oder nach Adersbach : 
«) Mit einem zweispännigen viersitzigen 

Wagen bis zur Hübnerbaude . . . . Hfl. — kr. ö. W. 

Bis zur Mohornmühle 8 fl. — kr. ., 

b) Mit einem einspännigen zweisitzigen 

Wagen bis zur Hühnerbaude .... 6 fl. 50 kr. „ 

Bis zur Mohornmühle 5 fl. — kr. ., 

6. Für Partien nach Adersbach, Weckelsdorf oder 
nach Spindelmühl (St. Peter) auf zwei Tage: 

fl) Mit einem zweispännigen viersitzigen 

Wagen 16 fl. — kr. ö. W. 

b) Mit einem einspännigen zweisitzigen 

Wagen 10 fl. — kr. ., 

7. Die Abmachung von Fährlöhnen für in den Absätzen 
3, 4, 5 und 6 nicht angeführte oder in kürzerer Zeit auszu- 
führende Partien ist dem freien Uebereinkommen der Parteien 
anheimgestellt. 



XVI. Johauuisbad. 



341 



8. Mauthgebühren (Wegzölle) hat die Partie unter- 
nehmende Partei zu entrichten. 

An Trinkgeld kömmt ausser der Fahrtaxe zu bezahlen: 

Bei Partiefahrten 

auf einen halben Tag — fi. 50 kr. ö. W, 

auf einen ganzen Tag ... 80 kr. bis 1 fl. — kr. 
auf zwei Tage 1 fl. 60 kr. „ 

9. Wenn eine Partei einen zur Partiefahrt gedungenen 
Wagen einen halben Tag zuvor abbestellt, so hat dieselbe 
keine Entschädigung zu leisten, desgleichen auch darn nicht, 
wenn die Bestellung des Wagens unter der Bedingung, dass 
zur Abfahrtszeit nicht Begenwetter eintritt, gemacht wurde. 
Bei einer Abbestellung in kürzerer Zeit oder aus einem 
anderen Grunde hat die Partei eine Entschädigung von 2 fl. 
für einen zweispännigen und 1 fl. 20 kr. für einen einspännigen 
Wagen an den Vermiether zu entrichten. 

10. Die Lohnfuhrwerks -Unternehmer sind verpflichtet, 
Erwachsene, stets nüchterne, höfliche und anständig gekleidete 
Kutscher zu halten. Denselben ist das Rauchen während 
des Fahrens mit Gästen nicht erlaubt. 

Es müssen von jenen entsprechend kräftige, verlässliche 
und gut eingefahrene und mit einem sauberen und dauerhaften 
Geschirre versehene Pferde beigestellt werden. 

Die Wagen (Kaleschen und Britschkas) müssen solid 
erhalten, bequem und anständig eingerichtet sein und reinlich 
gehalten werden. Sie müssen mit der behördlich bestimmten 
Nummer und mit dem Namen ihres Standortes äusserlich sicht- 
bar versehen sein. Zur Nachtzeit sind die Wagenlaternen zu 
erleuchten. 

11. Ein Ueberladen der Fuhrwerke ist unstatthaft; es 
darf daher der Kutscher eines Zweispänners nicht mehr als 
5 und der eines Einspänners nicht mehr als 3 erwachsene 
Personen aufnehmen. Zwei Kinder unter 15 Jahren werden 
jedoch nur für eine erwachsene Person gezählt. 

I. Ein concessionirter Partieführ er im Marschen- 
dorfer Bezirke hat an Entlohnung zu verlangen: 

a) Für einen halben Tag Geleite und das 

Tragen des Gepäckes 1 fl. — kr. ö. W. 

b) Für einen ganzen Tag 2 fl. — kr. „ . 



342 



XVI. Joharmisbad. 



II. Ein Roll wagenschieber in Johannisbad hat an 

Entlohnung zu verlangen: 

a) Für eine Fahrt aus einem Wohnhause 

zum Curhause II (Badhaus) und zurück — fl. 30 kr. ö. W. 

b) Für eine Fahrt nach einer anderen 

Richtung im Curorte auf eine Stunde — fl. 40 kr. „ 

c) Für eine Fahrt auf vier Stunden in den 
Promenadenwald, Kronprinz Rudolfs- 
Thal oder zur Kaiserquelle Vor- oder 
Nachmittags 1 fl. 10 kr. „ 

III. Die Sesselträger (zwei Mann) haben an Ent- 

lohnung zu verlangen: 

o) Für den Transport aus einem Wohn- 

zum Curhause II und zurück . . . . — fl. 50 kr. ö. W. 

b) Für eine Stunde nach einer anderen 

Richtung im Curorte — fl. 70 kr. ., 

c) Für den Transport in's Kronprinz 
Rudolfs-Thal oder in den Klausegraben 

und zurück innerhalb zwei Stunden . 1 fl. 50 kr. „ 

d) Für den Transport nach Nieder- 
Marschendorf, auf den Ladig oder die 
Hofmannsbaude (Hohenelber Aussicht) 

innerhalb drei Stunden 3 fl. — kr. „ 

e) Nach Dunkelthal zur Glasfabrik und 

zurück, Nachmittags 4 fl. — kr. „ 

/) Auf den Schwarzenberg oder den Spitz- 
berg, Nachmittags 4 fl. 50 kr. „ 

g) Für den ganzen Tag auf den Schwarzen- 
berg oder auf das Rehhorn und zurück 5 fl. 50 kr. „ 
Trinkgelder dürfen nicht gefordert werden. 

Das Postamt befindet sich rückwärts im 
„Preussischen Hof u und verkehrt die Brief- und 
Fahrpost täglich drei m a 1 im Anschlüsse an 
die Züge der Freiheiter Flügelbahn, welche wieder 
einen viermaligen Zugsverkehr (vom 1. Juni bis 
Ende August, früher und später nur einen drei- 
maligen) mit Trauten au eingeführt hat. 



XVI. Johannisbad. 



343 



Die Telegrafenstation ist in der „Austria" 
untergebracht. 

Die nächste Umgebung Johannisbads im Um- 
kreise von einer Stunde bietet eine Menge Punkte 
zu reizenden Ausflügen in belebte Ortschaften, auf 
Höhen mit weiter schöner Fernsicht oder auf stille 
Wiesenplätze an Wäldern, wovon wir die besuch- 
testen nennen und in Kürze kennzeichnen wollen. 

1. Das Kronprinz Rudolfs-Thal mit einer 
Restauration, die in einem lauschigen Winkel des 
netten Thaies liegt. 

2. Die Prinzessinnen- (Thurn-Taxis) Ruh. 
Man gelangt zu diesem Punkte durch den Prome- 
nadewald und hat von ihm (am Pilze) einen hüb- 
schen Ausblick auf Nieder-Marschendorf mit seinen 
Papierfabriken und thaleinwärts auf Freiheit und Dorf 
Jungbuch mit seinen Spinnereien. 

3. Der Ladig (Berg) ein Höhenzug südlich 
von Johannisbad mit einer Restauration, von der 
aus man eine prachtvolle Fernsicht auf Trautenau, 
Dorf Wildschitz, Pilnikau und andere Orte und wei- 
tere Höhenzüge (Heuscheuergebirge, Hohe Mense) hat. 

4. Das originelle Städtchen Freiheit. 

5. Der K 1 a u s e g r a b e n mit einer Restau- 
ration. Eine enge, steil hinansteigende wildroman- 
tische Schlucht, durch die ein kalter Bergbach herab- 
stürzt. Von den Wäldern des Schwarzen und Forst- 
berges beschattet, spendet der Klausegraben an 
schwülen Tagen eine behagliche Frische. 

6.- Die Justmühle in Nieder-Marschendorf, 
mit einer Restauration am Ausgange eines Parallel- 
Thales des Curthales, Seifenthal genannt. 

7. Die Hofmannsbaude auf der Westseite 
des Curortes mit einer Schankwirthschaft. Man be- 



344 



XVI. Johannisbad. 



findet sich auf diesem idyllischen Punkte schon an 
780 Meter (circa 2468 Fuss) über dem Meere. 
Einige hundert Schritte durch den Wald auf dem 
Fahrwege vor der Baude (gradaus), westlich weiter- 
gehend, gelangt man am Saume des Waldes zu 
einer herrlichen Aussicht in's Elbthal und sieht 
Niederhohenelbe, Langenau, Hermannseifen (indu- 
strielle Ortschaften). 

8. Die S c h u t z c a p e 1 1 e am Kuhberge ober- 
halb Freiheit. Man geniesst hier einen prächtigen 
Anblick der Schneekoppe, des Marschendorfer Thaies 
und der Kleinaupaer Berge. 

Von weiteren Partien seien noch erwähnt: 
1. Dunkel thal, ein belebtes Dorf mit einer 
Glasfabrik, Flachsspinnerei und einer Papier- 
fabrik. Man kann es zu Fuss über den Forstberg 
oder per Wagen durch Freiheit und Marschendorf 
fahrend, erreichen. Dunkelthal ist eine ausnehmend 
schöne Partie des Aupathales und bietet für etwai- 
gen wiederholten Besuch mehrere besteigenswerthe 
Punkte, so: 

a) die Aichelburg auf der Bertholdshöhe, 
eine kleine, künstliche Burg als Erinnerung an den 
1861 verstorbenen Besitzer der Herrschaft Marschen- 
dorf, Grafen B e r t h o 1 d A i c h e 1 b u r g ; 

b) der Spitzberg, eine 878 Meter hohe Koppe 
am linken Aupa-Ufer über der Glasfabrik. Auf dem 
Plateau des Berggipfels geniesst man prächtige Fern- 
sichten, hat in grosser Nähe die Schneekoppe und 
überblickt fünf Kirchen; 

c) die K r e u z s c h ä n k e, ein anmuthiger Punkt 
an der Vereinigung der grossen und kleinen Aupa. 
Man wird liier auch recht cfut bewirthet. 



XVI. Johanuisbad. 



345 



2.DerSchwarzenberg, 1299 Meter (41 10 Fuss) 
hoch, eine Bergpartie mit Fernsichten auf's Hoch- 
gebirge und das böhmische Land hinein von unver- 
gleichlicher Schönheit. 

3. Der Rieseng rund, der hochromantische 
Anfang des Aupathales; die linke Thalwand bildet 
die Schneekoppe und der Kiesberg, die rechte der 
Brunnberg mit dem Aupathale. Es ist diese Partie 
tiber alle Beschreibung schön. Den Ruhe- und Re- 
staurationspunkt bei derselben findet man vor dem 
Riesengrunde im Dörfchen Petz er (Riesenhain) im' 
G-asthause bei Hof er. Man hält auch noch (gewöhn- 
lich am Rückwege) in G-rossaupa bei Preller 
(unterhalb der Kirche). 

4. Das Rehhorn, ein herrlicher, botanisch 
interessanter Bergzug; am Quetschkenstein, 
dem Zielpunkte der Partie, der 3164 Fuss hoch 
liegt, geniesst man die Aussicht. Das Rehhorn bil- 
det die linke Thalwand von Marschendorf. Es man- 
gelt dort eine kleine Restauration, man pflegt sich 
dafür im Bräuhofsaale zu Marschendorf (am 
Platze) zu stärken oder sich da am Rückwege zu 
entschädigen. 

5. Die Mohornmühle im Kleinaupaer Thale 
mit einer Restauration. Ein stiller, romantischer, 
hochgelegener Thalpunkt. Wenn man an der linken 
Thalwand (dem Langenberg) einige hundert Schritte 
hinaufgeht, gelangt man zu einer Stelle, wovon man 
die Schneekoppe in einer, dem Auge sonst ganz 
ungewohnten Gestalt erblickt. 

6. Die Hübnerbaude in Kleinaupa (der 
Besitzer heisst jetzt Schier). Sie liegt 994*75 Meter 
hoch vor der „Schwarzen Koppe". Man befindet sich 
da in einer prachtvollen Hochgebirgslandschaft, und 



346 



XVI. Johannisbad. 



war man in der grossen, sauberen Herbergsbaude 
(Gasthaus) immer recht gut aufgehoben; hoffentlich 
wird man es auch bei der neuen Wirthschaft sein. 
Wer gerne höher steigt und dadurch die eben ent- 
zückende Aussicht des Hirschberger Thaies gewinnen 
will, der bemühe sich noch zu den Tafel st einen 
hinauf — eine Partie, die sehr lohnend ist und 
keine gar zu grosse Anstrengung beansprucht. 

7. Die Schnee koppe 1601-86 Meter (5066') 
über dem Meeresspiegel (Fiumaner Pegel). Der 
höchste Berg Norddeutschlands mit einem schlesischen 
und einem böhmischen Gasthause (Eigenthümer 
Friedrich Pohl), einem deutschen Postamt und 
einer österreichischen Telegrafenstation. Die 
Capelle steht noch auf preussischem Boden. Die 
Schnee- oder Biesenkoppe bietet eine Kundschau von 
seltener Weite und prachtvoller Schönheit. Am 
lohnendsten bei heiterem Himmel ist da der Abend 
und der Morgen. Man verlebt sehr angenehme und 
genussreiche Stunden auf dieser Höhe. Verpflegung 
und Nachtlager auf diesem himmelansteigenden Berg- 
könige der Sudeten verdienen alles Lob. 

8. Die Adersbacher und Weckelsdorfer 
Felsen, weltbekannte Naturschönheiten; es sind 
gigantische, groteske Sandsteinformationen nächst 
den Ortschaften Adersbach und Weckelsdorf in den 
südöstlichen Ausläufern des Kiesengebirges, die 
sich zum „Braunauer Stern", gleichfalls ein 
herrlicher Punkt, hinziehen und in dem hoch inter- 
essanten Berge Heu sc heuer ihren Endpunkt 
rinden. 

9. S p i n d e 1 m ü h 1 (St. Pete r) im hohen 
Elbthal, ein grösseres Dorf. Die linke Thalwand 
trägt die Kirche, Schule, Post und Telegraphenstation, 



XYI. JohaDiiisbad. 



347 



ferner die prachtvoll situirte Villa Marienwarte und 
mehrere Gasthäuser; man nennt diese Partie seit 
altersher St. Peter und deren Verzweigung nach 
Osten (gegen den Berg Geiergucke zu) , Alt- 
St. Peter. Dieser wunderschöne Flecken an der sanft 
rauschend hinabeilenden Elbe unter dem geologisch 
merkwürdigen Bergrücken — seiner Form wegen 
Ziegenrücken genannt — wird seit einigen Jahren 
nicht nur äusserst stark von Touristen aufgesucht, 
auch Sommerparteien aus deutschen Grossstädten 
halten sich in neuester Zeit, nachdem die Unterkunft 
daselbst in einigen neuen Gasthäusern eine bessere 
geworden ist , zahlreicher hier auf. Dr. Pauer 
kennzeichnete Spindelmühl (St. Peter) schon vor 
vielen Jahren als einen exquisiten L u f t c u r o r t und 
wirkte durch journalistische Mittheilungen viel für 
sein weiteres Bekanntwerden. In der Saison 1874 
kam auch der berühmte Pieisende und Naturforscher 
Professor Brehm von seiner schlesischen Sommer- 
frische öfters herüber und erklärte St. Peter als 
seinen Lieblingspunkt im Piiesengettirge.Von Spindel- 
mühl gelangt m an in wenigen Stunden auf einem 
vom Grafen Harr ach (Besitzer des Gebirges am 
rechten Elbe-Ufer der Herrschaft Starkenbach) er- 
bauten schönen Wege zu den Elb fällen, bei denen 
der Graf in diesem Sommer (1878) auch ein grosses 
neues Gasthaus aufbauen lässt. 

Noch wären so manche herrliche Berg- und 
Thalpartien an dem romantischen Gebiete des Berg- 
geistes „Kübezahl", wie z. B. der Forstberg mit 
seinen Blausteinen, das Löwenthal mit der 
Wassebaude unter der Schwarzen Koppe, die 
Industriestädte Trautenau, Hohenelbe als lohnende 
Ausflugspunkte zu erwähnen. 



348 XV1 Jobaunisbad. 

Wir wollen nur noch einige Worte der 
Geschichte Johannisbads widmen, welches von 
Schlesien aus bereits über 350 Jahre besucht wird. 
Die erste Badeschrift über die Thermalquelle er- 
schien schon 1680. Die Urgeschichte Johannisbads 
hüllt sich in die Sage, eine Erzählung, welche in 
einer Trautenauer Chronica niedergeschrieben steht. 
Nach derselben hätte ein Diener oder Knappe des 
Ritters Albrecht von Trautenberg, Namens Johannes, 
bei einer Streifung durchs Gebirge die warme 
Quelle am 6. Mai 1006 aufgefunden, nach welchem 
sie sein Herr benamset haben soll. In der böhmi- 
schen Lehn- und Landtafel sind die Silber 
von Silberstein als die ersten Besitzer der Herr- 
schaft Wildschitz (mit Johannisbrunn damals) ein- 
gezeichnet. Nach den Silber's hatte die Herrschaft 
zwei hochadelige Besitzer und im Jahre 1675 ge- 
langte sie für 180.000 Gulden und 500 Ducaten 
Schlüsselgeld in den Besitz der Fürsten zu 
Schwarzenberg. Verkäuferin war die verwitwete 
Gräfin Cäcilia Braune r. 

Der erste Schwarzenberg, Fürst Johann Adolf, 
welcher als Graf aus dem Churbrandenburgischen in 
kaiserliche Dienste am Wiener Hofe trat und in 
esterreich viel Grossgrundbesitz durch Kauf in 
sein Eigenthum brachte, ordnete schon den Bau von 
Dorfhäusern im Badethal an — vor dem bestand hier 
nur ein Kretscham (Wirthshaus), daran die Mühle, 
ein Försterhaus und zwei Gärtnerhäuschen — und 
wurde somit der Gründer von Johannisbad. Im Jahre 
1678 waren 1 1 solcher Wohnhäuser vollendet und er- 
schienen in diesem Jahre auch die ersten Curgäste. 

Ferdinand Wilhelm brachte Ende 1684 
20 neue Häuser fertig, erbaute das Badhaus und 



XVI. Johannisbad. 



349 



zwei Bier- und Weinkeller „sambt Einem Eis- 
keller". 

Prinz Adam Franz liess das Badhaus vergrös- 
sern und unterstützte die Herausgabe einer Badeschrift 
von Dr. Lodgman de Auen. 

Prinz JosefAdam vertauschte mit kaiserlicher 
Genehmigung seinen riesengebirgischen Besitz gegen 
zwei, seinem südböhmischen Herzogthum Krumau 
näher gelegene Klostergüter, welche dem von Kaiser 
Josef IL geschaffenen österreichischen Keligionsfonde 
gehörten. Dieser blieb nicht lange Eigenthümer der 
Herrschaft Wildschitz; sie ging durch Kauf 1790 
in die Hände eines Arnauer Leinwandhändlers, Theer, 
über, der geadelt wurde und das Prädicat Silberstein 
erhielt. 

Ein Silberstein vermachte, als er 1861 in Wien 
starb, seinen herrschaftlichen Besitz, respective den 
K einerlös nach Verkauf desselben und Auszahlung 
der Legate den weltlichen Facuitäten der Hoch- 
schulen in Wien und Prag zu Stipendien für unbe- 
mittelte unterstützungswürdige Studenten. 

Anfangs der Fünfziger Jahre entstanden in 
Johannisbad die ersten grösseren Privat-Gast- und 
Logirhäuser; leider wurden auch diese Neubauten 
grossentheils planlos und unschön angelegt. 

Im Jahre 1851 erschien die erste Curliste von 
Johannisbad. Sie weist eine Frequenz von 277 Cur- 
parteien mit 490 Personen aus. 

1865 erschien ein eingehendes Werkchen über 
Johannisbad aus der Feder des Dr. Bernhard Pauer, 
Gerichts- und Fabriksarztes zu Trautenau. 

Im Jahre 1869 gab Dr. Kopf, Badearzt in 
Johannisbad, eine Broschüre über das Bad heraus. 



350 



XVI Johannisbad. 



1867 wurde Johannisbad eine politisch selbst- 
ständige Ortsgemeinde; bislang war es ein commu- 
naler Annex des Städtchens Freiheit gewesen. 

Mittelst Kaufcontractes vom 27. Mai 1868 
übernahm 1868 der Fabriksbesitzer Wiehard in 
Liebau die Herrschaft Wildschitz um den Preis von 
407.000 fl. ö. W. Er hatte mit seinem Compagnon 
Steifan in Arnau abgemacht, dass diesem Johannis- 
bad zufallen sollte. Letzteres ging daher factisch 
noch 1868 in die Hände Steffan's über. 

Im Jahre 1868 überschritt die Curfrequenz 
zum ersten Male das erste Tausend Personen. 

Am 17. December 1871 wurde die Freiheiter 
Flügelbahn in Betrieb gesetzt. 

Die Saison von 1872 genoss daher bereits die 
Yortheile eines Bahnverkehrs, was selbstverständlich 
auf den Badebesuch einen fördernden Einfluss aus- 
übte. In derselben öffneten sich auch anständigere, 
schön eingerichtete Räume für's Curpublikum zu 
Unterhaltungszwecken, die durch einen Aufbau auf 
das alte Cursaalhaus hergestellt wurden. 

Im Jahre 1875 überstieg zum ersten Mal die 
Badefrequenz das zweite Tausend. 

Wie Johannesbad im schönsten Aufmarsche zu 
einem Weltbade begriffen ist. so hat unstreitig auch 
noch manches andere böhmische Bad eine grosse 
Zukunft vor sich. Wer weiss, was aus manchem Bade- 
Liliputaner geworden, wenn er erst tausend Jahre 
hinter sich hat wie Teplitz, oder fünfhundert Jahre 
wie Karlsbad! Von den Zukunftsbädern sehe ich da 
ganz ab, treten doch jahraus jahrein neue Candi- 
daten vor und murmeln ein auch io sonn ^itlore^ 

auch ich trage den Bademarschallstab in der 
Patrontasche — auch ich fühle das Zeug in mir, 



XVI. Johaunisbad. 35\ 

ein Weltbad zu werden. So hat beispielsweise erst 
kürzlich Brüx seine Candidatur in dieser Kichtung 
laut genug angemeldet. Aber selbst wenn wir uns 
nur an die Gegenwart halten, so ist es eine ganz 
respectable Thatsache, dass die fünfundzwanzig 
Bäder Böhmens zusammengenommen jahraus jahr- 
ein schon über 60.000 Curgäste beherbergen, wozu 
man wohl noch zweimal so viel Touristen hin- 
zurechnen kann, die ihnen einen flüchtigen Besuch 
abstatten. Man kann kühn behaupten, dass sich die 
Frequenz der böhmischen Bäder seit einem Menschen- 
alter verdreifacht hat. Lassen wir den Frieden sich 
befestigen, die materielle Lage sich bessern, so wird 
der Besuch der böhmischen Bäder ungeahnte Dimen- 
sionen annehmen, vorausgesetzt, dass die Bäder den 
Grasten rationell entgegenkommen, dass die Tendenz 
der Verwohlfeilung des Aufenthaltes, die nach langem 
Kampfe zum Durchbruche gekommen, sich dominirend 
behauptet. 



Inhalt, 



Seite 

Vorwort V 

I. Prag . . . • 1 

II. Die Bäder und Luftcurorte um Prag .... 71 
(Sternberg. Houschka. Kuchelbad.Lana.Pürg- 
litz. Karlstein.) 

III. Von Prag nach Teplitz ' 81 

(Rostock. Weltrus. Melnik. Raudnitz. Leit- 
meritz. Lobositz. Aussig. Laun. Saaz. 
Brüx. Dux.) 

IV. Teplitz-Schönau 104 

V. Bodenbach-Dittersbach 122 

VI. Eichwald, Bilin, Oss.egg, Greltschberg, Mscheno 130 

VII. Von Teplitz bis Karlsbad und Franzensbad . 143 

VIII. Karlsbad 154 

IX. Giesshübel-Puchstein ' 193 

X. Franzensbad 204 

XI. Marienbad 220 

XII. Königswart 249 

XIII. Bad Sangerberg, Bad Neudorf 267 

XIV. Die Luftcurorte im Böhmerwald 276 

(Von Prag nach dem Böhmerwald. Bad 
Lochotin bei Pilsen. Margarethen - Bad. 
Kuschwada.) 
XV. ßeichenberg. Warnsdorf. Philippsdorf. Warten- 
berg. Liebwerda. Wurzelsdorf 296 

XVI. Johannisbad 327 



Accession no. 



Di£ u fei 
Bäder. 



Call 



23331 

[ Gundling] 
mischen 

RA887 

B6 

878G 









jus. 



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